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Fastenhirtenbrief zur Österlichen Bußzeit 2020

Diakonisch Kirche sein

Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier,

wie Sie wissen, hat am 21. November des letzten Jahres die Kleruskongregation in Rom die geplante Errichtung der ersten 15 Pfarreien der Zukunft ausgesetzt, um eine sorgfältige Überprüfung des Errichtungsgesetzes vornehmen zu können. Das war eine ebenso überraschende wie einschneidende Maßnahme.[1]

Mit der römischen Intervention ist aber weder die Synode insgesamt infrage gestellt, noch sind wir dazu verurteilt, die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil: Da wir nun zunächst die neuen Pfarreien nicht errichten, haben wir die Gelegenheit, uns verstärkt einem anderen wesentlichen Anliegen der Synode zuzuwenden: Das ist die „diakonische Kirchenentwicklung“. Diesem Anliegen will auch die geplante Pfarreienreform dienen.

Diakonische Kirchenentwicklung

Was bedeutet das eigentlich: diakonische Kirchenentwicklung? Zunächst geht es schlicht darum, bewusster und mehr als bisher den diakonischen Auftrag, den wir als Kirche haben, zu leben. Die Synode sagt: „Eine Kirche, die Jesus Christus folgt, weiß sich an die Ränder und Grenzen gesandt, ist empfindsam und solidarisch, wo Menschen in Gefahr sind, ihre Würde zu verlieren oder ihrer Würde beraubt zu werden.“ Und: Eine diakonische Kirche „begibt sich dabei in das ihr selbst Fremde. Sie sucht Begegnung mit Anderem und mit Anderen und lässt sich davon irritieren, betreffen, inspirieren: sie lässt sich evangelisieren.“ (Nr. 1)

Diakonische Kirchenentwicklung heißt also auch: Wir werden selbst mehr und wahrhaftiger Kirche Jesu Christi, wenn wir uns als eine Gemeinschaft verstehen, die den Menschen dient, anstatt ängstlich um uns selbst zu kreisen und nach Wegen zu suchen, wie wir uns selbst erhalten können. „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen“, sagt Jesus (Mt 16,25). Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Kirche: Wer von sich weg auf den Anderen zugeht, der wird sich finden. Das ist das Geheimnis unseres Glaubens.

Nun ist es nicht so, als ob wir beim diakonischen Engagement der Kirche ganz von vorne anfangen müssten. Was gibt es in der Kirche und in unserem Bistum nicht alles an diakonischem und sozialem Einsatz, ehrenamtlich wie hauptamtlich! Wie viel Segen geht von den caritativen Einrichtungen in unserem Bistum aus! Wie viele Menschen engagieren sich ganz selbstverständlich für andere, ohne dass es ihnen besonders gedankt würde oder sie damit ein großes Vermögen verdienen könnten, etwa in der Pflege oder Betreuung von Menschen, die diese Unterstützung brauchen. Immer wieder beeindrucken mich bei meinen Besuchen im Bistum die Hingabe und die Kreativität, mit der in unseren Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen Hilfe geleistet wird.

Und dennoch oder gerade deshalb besteht die Gefahr, dass wir das helfende Engagement bestimmten Akteuren überlassen, weil sie in unseren Augen dafür zuständig oder darauf spezialisiert sind. Dabei ist unbestritten, dass es in vielen Bereichen eine entsprechende Qualifikation braucht, um anderen Menschen wirksam zu helfen. Andererseits wissen wir, wie unverzichtbar für uns Menschen über alle fachliche Qualifikation hinaus die persönlich-spontane Zuwendung des Anderen ist. Was für ein schönes Gefühl, wenn jemand anderes sich ehrlich für mich interessiert.

Diakonische Haltung konkret

Hier setzt die Synode an: Denn sie versteht das Diakonische nicht bloß als einen bestimmten Teilbereich der Kirche, sondern als eine Grundhaltung, die alle Getauften in ihrem Handeln prägen soll. Wie können wir diese diakonische Grundhaltung pflegen und mehr ausprägen?

Die Synode sagt: „Die Ortskirche von Trier entwickelt sich zu einer diakonischen Kirche, die Menschen in Armut, Bedrängnis und Not wahrnimmt. Sie lässt sich von ihnen berühren, handelt mit ihnen solidarisch und lässt sich von ihnen evangelisieren.“ (Synodenabschlussdokument Anlage 1.1) Die Synode schlägt also ganz konkret drei Schritte vor: Sich-berühren-Lassen, Solidarität zeigen, Sich-evangelisieren-Lassen.

Sich-berühren-Lassen: Das klingt irgendwie selbstverständlich, ist es aber im Alltag nicht. Denn angesichts der vielen Probleme und Nöte in unserer Welt stehen wir in der Gefahr abzustumpfen, nicht mehr genau hinzusehen und hinzuhören. Wir müssen achtgeben, dass wir nicht kaltherzig oder gar zynisch werden. Auch wenn wir die Grenze unserer Leistungs- und unserer Leidensfähigkeit spüren, ist die Bereitschaft, sich vom Geschick eines Anderen berühren zu lassen, der Ausgangspunkt christlicher Nächstenliebe. Christinnen und Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem Leiden der Anderen nicht ausweichen. Denn in der Ohnmacht des Leidens begegnen wir Gott.

Solidarität zeigen: Wirksame Nächstenliebe lebt davon, dass sie nicht bloß eine innere Bewegung und ein Gefühl bleibt, sondern zu konkretem Handeln wird. Der Samariter im Evangelium hat sich von der Not des Ausgeraubten berühren lassen, aber er ist nicht einfach mit einem dumpfen Gefühl des Mitleids weitergeritten, sondern er ist von seinem Reittier abgestiegen und hat sich um den Verletzten gekümmert (Lk 10, 30-35). Wenn wir dem Nächsten in seiner Not helfen, sagen wir mit Gott „Ja zu allem, was dem Leben dient und […] Nein zu allem, was das Leben zerstört.“ (Synodenschlussdokument Nr. 1)

Der dritte Schritt, den die Synode vorschlägt, mag für uns in diesem Zusammenhang am überraschendsten klingen: Sich-evangelisieren-Lassen. Die Synode ist davon überzeugt, dass wir in der dienenden und helfenden Zuwendung zum anderen Menschen nicht nur die Gebenden sind, sondern auch empfangen. Nicht diejenigen, die gescheit über die Liebe philosophieren, verstehen das Evangelium am besten, sondern diejenigen, die es tun (vgl. 1 Joh 4,8). Papst Franziskus wird noch deutlicher, wenn er schreibt: „Die Armen retten uns, weil sie uns ermöglichen, dem Antlitz Jesu Christi zu begegnen.“ (Botschaft zum Welttag der Armen 2019, Nr. 9).

Die Begegnung mit dem Anderen lässt uns Jesus Christus tiefer verstehen, der aus Liebe zu uns Menschen arm geworden ist, der um unsere Liebe wirbt und der sich uns zu erkennen gibt im Gesicht der Anderen, besonders der Armen, Schwachen und Hilfsbedürftigen. „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus (Mt 25,40).

Der „Dreiklang“ der Fastenzeit

Liebe Schwestern und Brüder! Die vierzigtägige Vorbereitungszeit auf Ostern ist geprägt durch den Dreiklang von Fasten, Gebet und Werken der Liebe. In der landläufigen Wahrnehmung der Fastenzeit treten nicht selten die Elemente des Gebets und der Werke der Nächstenliebe in den Hintergrund. Dabei gehören sie unverzichtbar mit dazu. Denn so wichtig und hilfreich Vorsätze zum Fasten sind, so sehr stehen sie für sich allein genommen in der Gefahr, dass die Person, die fastet, dabei doch um sich selbst kreist, weil sie die Konzentration vor allem auf sich selbst richtet. Das ist Fasten als Selbstoptimierung. Damit wird aber der eigentliche Sinn des Fastens ins Gegenteil verkehrt. Denn der freiwillige Verzicht soll dazu helfen, freier zu werden von sich selbst und sensibler für die Anderen, d.h. für Gott und die Menschen.

In diesem Sinn möchte ich Sie anregen, in der diesjährigen Fastenzeit neben dem traditionellen Verzicht auf Nahrung und Genussmittel Ihre Aufmerksamkeit besonders auf die „Werke der Liebe“ zu richten. Wenn wir uns im Sinne unserer Diözesansynode um Erneuerung bemühen wollen, dann könnten wir als einzelne und als Gemeinden in der diesjährigen Fastenzeit unsere diakonische Sensibilität und unser diakonisches Engagement stärken.

Das kann etwa konkret dadurch geschehen,

  • dass ich mich, vom Beispiel Jesu inspiriert, einem Menschen mit Interesse zuwende, der mich ansonsten nicht interessieren würde;
  • dass ich mich in die Überzeugung einübe, dass ein Mensch, der von mir Hilfe erwartet, nicht nur ein Hilfsbedürftiger ist, sondern eine Person mit eigenen Fähigkeiten und Ideen, die auch etwas beizutragen hat;
  • dass ich mich am Ende eines Tages frage, welchem Menschen außerhalb meines Familien- und Freundeskreises ich heute zu leben geholfen habe;
  • dass eine Gruppe der Gemeinde eine Einrichtung der Caritas oder der Zivilgemeinde besucht, in der Menschen sind, die besondere Schwierigkeiten zu bewältigen haben oder im „toten Winkel“ unserer Gesellschaft leben.

Liebe Mitchristen, das sind nur ein paar beispielhafte Anregungen, die dazu dienen können, uns im Bistum Trier stärker zu einer diakonischen Kirche zu entwickeln. Weitere konkrete Informationen und Materialien finden Sie auf der Bistumshomepage und am Schriftenstand. Ich empfehle sie Ihnen als Fastenbegleiter (klicken Sie auf den Link).

Ich würde mich freuen, wenn Sie die Fastenzeit nicht bloß als eine Zeit der Buße und der Selbstüberwindung erleben, sondern vor allem als eine Zeit, die uns hilft, den Auftrag und das Glück der christlichen Botschaft bewusster zu entdecken. Dazu segne Sie alle der dreifaltige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ihr Bischof
+ Stephan

 


[1] Bitte beachten: Möglicherweise gibt es zu dieser Aussage kurzfristig eine Aktualisierung, die bei der Drucklegung des Amtsblatts noch nicht berücksichtigt werden konnte. Eine entsprechende Formulierung wird dann auf dem üblichen Verteiler über die Dekanate bzw. im Intranet des Bistums zur Verfügung gestellt.

Aktuelle Entwicklungen finden Sie unter www.bistum-trier.de/herausgerufen

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