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Advent: Eine Zeit der Erschütterung durch Schönheit

Bischof Stephan Ackermann - Wort zum zweiten Advents-Sonntag - 6. Dezember 2009 (SWR 2)

Morgen beginnt in Kopenhagen der Weltklimagipfel. Mehr als 190 Staaten werden sich an ihm beteiligen. Die Großen der Weltpolitik haben sich angesagt. Viel ist in den letzten Wochen berichtet und spekuliert worden: Wird es verbindliche Vereinbarungen zum Klimaschutz geben? Oder wird es am Ende bei Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden bleiben?

Wenn wir nichts tun, dann besteht nach neuesten Aussagen von Klimaforschern die Gefahr, dass die globale Temperatur der Erde sich bis zum Ende des Jahrhunderts bis um sieben Grad erhöht und der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Gletscher und Polkappen bis zu zwei Metern ansteigt. Manch einer hält diese Zahlen für Panikmache, mit der man uns erschüttern will, um uns auf diese Weise zum Umdenken zu zwingen.

Zurück zur Tagesordnung?

Eine andere Erschütterung hat die Welt seit dem Herbst des vergangenen Jahres durch die Krise der Finanzmärkte erfasst. Vermögen in astronomischer Höhe wurden seitdem vernichtet, eine unabsehbare Zahl von Menschen entlassen. An vielen Orten dieser Erde greift die Armut erneut um sich. Und die letzten Konsequenzen sind noch längst nicht absehbar. Dennoch scheinen viele Bankmanager - darf man aktuellen Meldungen zu Gehältern und Bonuszahlungen glauben – bereits zur Tagesordnung zurückgekehrt zu sein. War die Erschütterung also nicht mehr als eine kurzzeitige technische Panne im System der Finanzwirtschaft? Man kann sich dieses Eindrucks nicht erwehren.

Advent: echte Erschütterung

Die beiden Beispiele machen nachdenklich: Wie muss eigentlich eine Erschütterung aussehen, die sich nachhaltig auf das Denken und Handeln der Menschen auswirkt und tatsächlich Veränderung bewirkt? Die Frage passt übrigens durchaus in die Adventszeit. Denn zum christlichen Advent gehören nicht nur Kerzenschein und Tannengrün, sondern auch die prophetische Gestalt Johannes des Täufers, des unbequemen Mahners, der seine Zeitgenossen mit unmissverständlichen Worten zu Buße und Umkehr aufrief. Mit Blick auf Johannes hat der Jesuitenpater Alfred Delp in seinen berühmten Adventspredigten, die er 1941 gehalten hat, gesagt: »Es fehlt vielleicht uns modernen Menschen nichts so sehr als die echte Erschütterung.« Unter ganz anderen Umständen gesagt, ist dieser Satz heute wieder von erstaunlicher Aktualität.

Das Leben ändern

Doch noch einmal die Frage: Wie kommt es zu einer solchen »echten Erschütterung«, die weder oberflächlich bleibt, noch pure Angstmache ist? Angst allein, das lehrt die Erfahrung, reicht nicht, damit ein Mensch sich wirklich ändert: Ist nämlich der angsteinflößende Zustand vorbei, kehren wir in die alten Muster zurück. Nein, soll eine Erschütterung wirklich Kräfte zur Veränderung freisetzen, muss sie in der Tiefe eine Art positiver Erschütterung sein. Unnachahmlich hat dies Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht über den Torso eines antiken Götterstandbilds ausgedrückt: Von der vollendeten Gestalt des Kunstwerks überwältigt, kehrt sich für den Dichter die Perspektive um: Es ist nicht mehr der Betrachter, der das Kunstwerk anschaut, sondern es ist gleichsam das Kunstwerk, das den Betrachter anschaut. Das Gedicht gipfelt in den Worten: »da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.«

Erschütterung durch Schönheit und Staunen

Innere Erschütterung nicht durch eine Katastrophe, sondern durch Schönheit. Eine ähnliche Erschütterung kann mich erfassen in einer wunderbaren Musik, vor allem aber durch die Erfahrung der Liebe, die überwältigt. Ohne diese positive Erschütterung, dieses »selige Erschrecken« wird ein Mensch sich schwerlich ändern.

Der Advent ist eine Zeit, die uns in diesem positiven Sinn erschüttern will. Sie will nicht Angst einflößen, sondern unsere Ehrfurcht und unser Staunen wecken vor der Größe Gottes, vor seiner Liebe, mit der er sich uns nahen will und vor der kostbaren Gabe des Lebens, die er uns anvertraut hat. Wenn wir dieses ehrfürchtige Staunen wieder lernen, dann wird sich das Klima auf dieser Erde positiv wandeln.

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