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Radio Horeb

Angelus-Gebet am 3. Dezember 2020

Bischof Stephan Ackermann hat am 3. Dezember 2020 das Angelus-Gebet auf "Radio Horeb" gesprochen. Dabei hat er auch für die Opfer der Amokfahrt in Trier zwei Tage zuvor gebetet. Ansprache und Segen sind in der Mediathek des Senders zum Nachhören zu finden.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

Wenn ich heute als Bischof von Trier beim Angelusgebet das Wort an Sie richte, dann tue ich das als Bischof einer Stadt, die noch immer unter dem Schock dessen steht, was vor zwei Tagen am frühen Nachmittag passiert ist: Ein Amokfahrer ist mit einem Geländewagen mitten durch die Hauptachse der Fußgängerzone gefahren und hat dabei seinen Wagen gezielt auf Passanten und Auslagen vor den Geschäften gesteuert. Sie werden es in den Nachrichten erfahren haben: Fünf Menschen sind tot. Das jüngste Opfer ist ein neun Wochen altes Kind mit seinem Vater. Die Mutter und der Bruder haben mit schweren Verletzungen überlebt. Andere Menschen wurden zum Teil ebenfalls schwer verletzt. Darüber hinaus wurden sehr viele, die sich in der Mittagszeit im historischen Zentrum unserer Stadt aufhielten, Zeugen dieser Wahnsinnstat, konnten sich entweder selbst gerade noch vor dem herannahenden Fahrzeug flüchten oder mussten hilflos mit ansehen, wie Menschen vom Wagen erfasst wurden.

Mit Klagepsalemen das in Worte fassen, wofür Worte fehlen

Der Trierer Dom ist offen zum betenden Gedenken und am Abend des Tages haben wir in einem Gebetsgottesdienst für die Opfer und ihre Angehörigen gebetet und versucht, die Eindrücke und Gefühle dieses schrecklichen Tages betend, singend und schweigend vor den Herrn hinzulegen. Dabei konnten wir dankbar die bergende Kraft des 1.700 Jahre alten Domes erleben, der schon so vielen Stürmen der Geschichte getrotzt hat. Wir konnten uns bekannten Liedern und Melodien anvertrauen und mit Versen aus den Klageliedern der Bibel das in Worte fassen, wofür uns die Worte in dieser Stunde fehlten.

In aller Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit gab es auch eine Dankbarkeit bei denen, die als professionelle Hilfe gerufen worden waren: die Einsatzkräfte der Feuerwehr und der Rettungsdienste, der Polizei und auch der Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger. Sie konnten eine gute Zusammenarbeit erleben und die gegenseitige Wertschätzung für den wichtigen Dienst der jeweils anderen.

Die Zerbrechlichkeit des Lebens

Noch immer im Griff der Corona-Pandemie – mussten wir Trierer erleben, dass die Verletzlichkeit, die wir als einzelne, als Gesellschaft und als Völker momentan ohnehin erleben, durch diese grausame Erfahrung, die die Stadt aus heiterem Himmel getroffen hat, noch gesteigert wurde.

Auch in unserer hochentwickelten Welt des Westens und im 21. Jahrhundert, trotz alles medizinischen und technischen Fortschritts – bleibt unser Leben gefährdet und zerbrechlich.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation unserer Stadt Trier höre ich die Worte der Lesung aus der heutigen Tagesmesse, die dem Propheten Jesaja entnommen sind, mit neuen Ohren: An jenem Tag, so heißt es da, singt man in Juda dieses Lied: Wir haben eine befestigte Stadt, zu unserem Schutz baute der Herr Mauern und Wälle. Offensichtlich ist es ein uralter Wunsch von Stadtbewohnern, dass ihre Stadt sicher und geschützt ist.

Gläubiges Vertrauen und Freiheit

Aber wenn der Prophet davon spricht, dass Gott, der Herr, selbst es ist, der Stadtmauern und Wälle gebaut hat, dann denkt er sicher nicht nur an Mauern und Befestigungen aus Erde oder Stein. Er denkt nicht nur an den äußeren Schutz, sondern an den Schutz, den Gott gibt mit seinem Segen und seiner Gegenwart. Dieser Schutz hat noch einmal eine ganz eigene Qualität, weil er ein Schutz ist, der von innen kommt, der das Gemeinwesen festigt und es auch mit seiner Umwelt und den Nachbarn verbindet. Wir wissen, dass rein technische Schutz- und Verteidigungsmaßnahmen, mögen sie noch so ausgeklügelt sein, an ihre Grenzen kommen, wenn das friedliche Zusammenleben der Menschen gestört ist oder nicht gepflegt wird.

Wenn aber die Menschen Gottes Gegenwart und Wort unter sich Raum geben, dann festigt sich Gemeinschaft und wächst die Widerstandskraft gegen Bedrohungen von innen und außen.

So ist das, was bei Jesaja aufs erste Hören als Gegensatz klingt, kein Widerspruch, sondern gläubiges Vertrauen und Freiheit. Denn nachdem der Prophet gerade noch die Befestigung der Stadt gelobt hat, ruft er schon im nächsten Vers: Öffnet die Tore, damit ein gerechtes Volk durch sie einzieht, ein Volk, das dem Herrn die Treue bewahrt. Sein Sinn ist fest; du schenkst ihm Ruhe und Frieden; denn es verlässt sich auf dich. (Jes 26,1f)

So ist nach biblischem Verständnis die Freude über den Schutz durch die Mauer kein Gegensatz zur Offenheit: Der Glaube setzt für „Ruhe und Frieden“ nicht auf Abschottung, sondern auf das Leben nach Gottes Weisung! Deshalb können die Bewohner auch ohne Scheuklappen anderen die Einladung aussprechen, in diese Stadt Einzug zu halten. Voraussetzung ist natürlich, ihr „Grundgesetz“ anzunehmen. Einen besonderen Vorzug, auch das sagt der Prophet in der Lesung ausdrücklich, genießen dabei die Armen und Schwachen (Jes 26,6).

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Liebe Hörerinnen und Hörer! Die Herausforderungen der Corona-Pandemie wie auch das Unglück, das die Stadt Trier durch die Gewalttat dieser Woche getroffen hat, fordern uns dazu heraus, immer wieder danach zu fragen, in welcher Gesellschaft wir leben möchten und welche Grundlagen es dazu braucht.

Bitte legen Sie doch in den kommenden Tagen ein Gebetsgedenken für die Stadt Trier, insbesondere für die Verletzten und die Angehörigen der Toten, aber auch für die vielen traumatisierten und schockierten Menschen ein.

Ihnen und allen, die zu Ihnen gehören, wünsche ich unter Gottes Schutz einen gesegneten Weg durch den Advent!

Bischof Dr. Stephan Ackermann

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Angelus 3. Dezember 2020

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