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"Darf man sich über den Tod eines Menschen freuen?"

Gastkommentar von Bischof Stephan Ackermann für die Saarbrücker Zeitung am 07.05.2011

Der Jubel vieler Amerikaner und die Aussage der Bundeskanzlerin, sie freue sich über den Tod Osama Bin Ladens hat in der deutschen Öffentlichkeit eine Welle kritischer Reaktion ausgelöst und zu der grundsätzlichen Frage geführt, ob man sich über den Tod eines Menschen freuen darf? Im direkten Zusammenhang mit dem Tod Freude zum Ausdruck zu bringen, wird als unpassend empfunden. Gut so. Es zeigt, dass wir in einer Welt, in der Schlagzeilen und plakative Sprüche zum Tagesgeschäft gehören, doch noch nicht ganz abgestumpft sind.

Aber noch einmal zu der Frage: Darf man sich über den Tod eines Menschen freuen? Ist es nicht denkbar, froh darüber zu sein, wenn ein Mensch etwa nach einem langen körperlichen Leiden durch den Tod erlöst wird? Anlässlich der Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. am vergangenen Wochenende wurde daran erinnert, dass an jenem Abend im Jahr 2005, kurz nachdem der Vatikan die Todesnachricht bekanntgegeben hatte, unter den Menschen auf dem Petersplatz ein immer stärker werdender Applaus aufbrandete. Ein - zugegeben ungewöhnlicher - Ausdruck der Dankbarkeit und Freude darüber, dass ein ganz herausragendes Leben zu seiner Vollendung gefunden hatte.

Speist sich die Freude über den Tod eines Menschen dagegen aus Rache, so ist sie nicht akzeptabel. Das gilt nicht nur im Christentum, sondern in vielen anderen Religionen und Weltanschauungen. Dennoch ist Nüchternheit denen gegenüber angebracht, die sich allzu schnell über Gefühle der Rache und Vergeltung erhaben fühlen. Der aktuelle Deutschlandtrend zeigt, dass fast die Hälfte der Deutschen der Ansicht sind, dass die USA das Recht hatten, Bin Laden zu töten; und immerhin noch 28 Prozent sehen in dem Tod des Terroristen einen Anlass zur Freude.

Auch ein Blick in die Bibel ermutigt zu Ehrlichkeit: Wie oft bitten in den Psalmen – und sie gehören bis heute zum Gebetsschatz der Christen! – Menschen in Not um Vergeltung gegenüber ihren Feinden. Gläubige bekennen offen ihren Hass auf andere, machen aus ihren Rachegefühlen keinen Hehl! Doch das Entscheidende ist, dass sie Gott das letzte Urteil und dessen Ausführung überlassen: »Verschaff mir Recht, o Gott, und führe du meine Sache!« Die Psalmen rufen nicht zur Selbstjustiz auf. Anders dagegen eine US-Moderatorin, die in einer Talkshow dieser Tage freimütig bekannte, ein Gerichtsverfahren gegen Bin Laden sei überflüssig gewesen, da am Ende ohnehin das Todesurteil gestanden hätte. Durch die Erschießung habe man sich hohe Haft- und Gerichtskosten gespart. Welch ein Zynismus!

Und was ist mit Jesus? Hat er in der Bergpredigt nicht gefordert, die Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen? Hat er nicht geboten, dem Aggressor noch die andere Wange hinzuhalten? Ja, das hat er. Er tat das nicht aus Blauäugigkeit, sondern aus dem Wissen, dass Hass und Vergeltung, so verständlich oder gar berechtigt sie mitunter sein mögen, die Spirale der Gewalt nicht beenden, sondern weiter anheizen. Wir wollen es nicht glauben, obwohl wir längst wissen: er hat Recht. Wo Freude der Rache entspringt, wird neuer Hass gesät. Dazu braucht man kein Prophet zu sein. Umso mehr braucht es Menschen, die den Mut haben, dem Rad der Gewalt in die Speichen zu greifen. Das fängt bei der Sprache an.

Gastkommentar in der Saarbrücker Zeitung

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