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Interview als Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax vor dem 101. Katholikentag in Münster

Die Fragen sind zu ernst, um sie den Atommächten allein zu überlassen

Kompass:  Unter  dem  Leitgedanken „Suche Frieden“ richten der Zusammenschluss der katholischen Laienverbände und der Diözesanräte im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Bischof von Münster den 101. Deutschen Katholikentag in der westfälischen Domstadt aus. Ist es Ihrem Eindruck und Ihrer Sicht der Dinge nach das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt?

Bischof Ackermann: Das Thema Frieden ist derzeit definitiv das richtige Thema. Schauen wir auf die Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten, im Verhältnis zu Russland oder auf der Koreanischen Halbinsel dann wird deutlich, dass wir vor sehr ernsten Herausforderungen stehen. Nehmen wir die vielfältigen Konflikte und Gewaltprobleme z. B. in Lateinamerika und Afrika sowie den Veränderungsdruck durch den Klimawandel hinzu, dann kann gar kein Zweifel bestehen, dass wir gut beraten sind, uns mit diesen Problemen zu befassen. Allerdings sollten wir uns vor der Versuchung hüten, uns durch eine allzu harmonische und „nette“ Befassung mit den Themen vor allem selbst zu beruhigen. Wer etwas für den Frieden tun will, muss sich Unrecht und Gewalt stellen. Friedensarbeit führt daher notwendig in den Konflikt. Sie ist immer Beziehungsarbeit. Dabei kommt ernsthaften Dialogen eine zentrale Bedeutung zu. Der Katholikentag ist dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit. Der besondere Genius loci von Münster kann dabei nur hilfreich sein.

Kompass: Nun beten Christinnen und Christen und mit Sicherheit auch weitere Menschen guten Willens zu Beginn eines jeden neuen Jahres für den Frieden in der Welt, für den Frieden zwischen den Völkern und Staaten und unter den Menschen. Reicht es Ihrer Meinung nach aus, für den irdischen Frieden zu beten, oder ist nicht gerade von Christen mehr zu erwarten? Was können dafür die Weltkirche, die Ortskirchen und jeder einzelne Christ, jede Christin dafür tun?

Bischof Dr. Ackermann: Das Gebet ist unverzichtbar. Es hilft uns sowohl, uns nicht entmutigen zu lassen als auch unsere Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Die Ausrichtung auf den Herrn hilft uns auch, der menschlichen Versuchung zu widerstehen, den bisweilen unangenehmen Auseinandersetzungen auszuweichen. Es beginnt also mit einer klaren Haltung, die zugleich demütig und entschieden ist. Ohne diese im letzten geistliche Haltung verfällt man allzu schnell in Aktionismus, dem nach gewisser Zeit die Luft ausgeht und der dann in Enttäuschung und Frustration endet.

Doch es ist ganz offensichtlich, dass die richtige  geistliche  Haltung  aus sich heraus zum sichtbaren Zeugnis und  zu  praktischem  Handeln  drängt.

Gewaltüberwindung und Friedensarbeit bedeuten, der Gewalt und ihren Folgen ins Gesicht zu schauen und praktische Antworten zu formulieren. Es reicht nicht, das Elend der Welt zu beklagen. Dazu gehört, dass wir uns insbesondere zu den Opfern in konkrete solidarische Beziehung setzen. Das ist nicht immer einfach, aber es gibt keine Gewaltüberwindung und perspektivisch gesellschaftliche Versöhnung ohne die Opfer. Dabei schauen Christen und Christinnen nicht weg – auch wenn es bisweilen schwerfällt. Es gibt keinen Frieden und keine Versöhnung am Kreuz, an den Opfern vorbei.

Das Zeugnis der Kirche, getragen vom Heiligen Geist und den Gläubigen, ist dabei vielfältig. Ich denke z. B. an die großartige Unterstützung und Zuwendung, die viele den Geflüchteten in unserem Land haben zuteilwerden lassen. Aber ich denke auch an die beharrliche Arbeit der Rüstungsexport-Berichte, die die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung seit vielen Jahren herausgibt. Es kommt darauf an, dass wir der Gewöhnung an Gewalt und Unrecht entgegentreten und praktische Räume schaffen, in denen die Gewalt, ihre Ursachen und ihre Folgen zur Sprache kommen, damit sie nicht das letzte Wort haben. Dabei können wir gerade auch weltkirchlich viel voneinander lernen, weshalb die Deutsche  Kommission Justitia et Pax gemeinsam mit ihren Partnern den Austausch dieser Erfahrungen z. B. mit Workshops fördert. Wir sollten in diesem Zusammenhang auch nicht die Bedeutung der ökumenischen und interreligiösen Zusammenarbeit unterschätzen. Das gemeinsame Zeugnis für Frieden ist uns – wo immer möglich – abverlangt. Die beeindruckenden Beispiele der christlich-muslimischen Kooperation in Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik sind weit über diese Kontexte hinaus bedeutsam.

Kompass: Die Kirche bekräftigt seit Langem, dass weder die Androhung noch der Einsatz von Atomwaffen annehmbar sind. Zuletzt tat dies Papst Franziskus zu Beginn einer internationalen Konferenz für eine atomwaffenfreie Welt und atomare Abrüstung Anfang November 2017 im Vatikan. Das Treffen im Vatikan war das erste zu diesem Thema seit der Unterzeichnung des Abkommens für ein Atomwaffenverbot, das 122 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen Anfang Juli unterzeichnet haben. Deutschland und andere Regierungen  unterzeichneten nicht. Belassen es auch die Mitglieder der Deutschen Kommission Justitia et Pax dabei oder ist mit weiteren Initiativen zu rechnen?

Bischof Dr. Ackermann: Die Deutsche Kommission Justitia et Pax befasst sich schon seit Langem mit den Herausforderungen der nuklearen Bewaffnung. Dabei haben wir feststellen müssen, dass die Bedrohungen durch Atomwaffen nicht zuletzt durch die gewachsenen Proliferationsrisiken in den letzten zwanzig Jahren wieder erheblich gestiegen sind. Dementsprechend begrüßen wir auch die Initiative von Papst Franziskus. Sie stärkt die politische Aufmerksamkeit für ein Thema, dass allzu schnell von der Tagesordnung rutscht. Auch hier gilt: Wir dürfen uns nicht an die nukleare Abschreckung gewöhnen. Es ist hohe Zeit, dass die von den Atommächten gegebenen Versprechen zur nuklearen Abrüstung endlich erfüllt werden. Die aktuellen Tendenzen zur Modernisierung der Atomwaffen erhöhen die Unsicherheit und sind ausgesprochen bedrohlich.

Als Kommission erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie sich zukünftig stärker für die nukleare Abrüstung einsetzt. Die Haltung der Bundesregierung in dieser Frage, z. B. sich nicht an den Verhandlungen zum AtomwaffenVerbotsabkommen zu beteiligen, war bisher sehr unbefriedigend und definitiv ein falsches Signal. Ich denke, wir sind gut beraten, auch alte politische Gepflogenheiten wie die nukleare Teilhabe auf den Prüfstand zu stellen. Ein „Weiter so“ in der Hoffnung, dass es schon  gut  gehen  wird,  wäre  höchst fahrlässig und zudem angesichts der Kosten der nuklearen Rüstung nicht zu vertreten.

All diese Fragen werden wir am 11. und 12. Oktober 2018 im Rahmen eines friedenspolitischen Kongresses zur nuklearen Abrüstung in Berlin diskutieren. Damit wollen wir ein starkes politisches Signal setzen, dass wir von der Politik mehr konstruktive Initiative erwarten. Dabei werden wir auch die Perspektiven unserer Partner aus Europa, den USA, Afrika sowie Asien einbringen. Es ist eine globale Herausforderung. Das muss sich in der Art und Weise widerspiegeln, wie wir diese Fragen diskutieren. Manchmal will mir scheinen, dass die Nuklearfragen sozusagen im Modus 2.0 der alten Blockkonfrontation behandelt werden. Das hieße aber, die gewandelten internationalen Verhältnisse zu unterschätzen. Wer die nukleare Bedrohung überwinden will, muss sich intensiv mit den globalen sicherheitspolitischen Problemstellungen und Bedürfnissen befassen. Die Fragen sind zu ernst, um sie den Atommächten allein zu überlassen.

Die Fragen stellte Josef König.

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