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Wie Bischof Ackermann die Trierer Synode jetzt umsetzen will - KNA-Interview 1. Januar 2017

"Wir wollen Kirche nicht als Selbsterhaltungsverein gestalten"

Von Michael Merten (KNA)

Trier (KNA) Einen grundlegenden Wandel der Kirche im Bistum Trier wollte die 2016 beendete Diözesansynode einleiten. Dass es der Abschied von der Volkskirche ist, weiß Stephan Ackermann. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt der Trierer Bischof am Sonntag, wie die konkrete Umsetzung der Synodenbeschlüsse ablaufen soll, wie er sich die Pfarrei der Zukunft vorstellt - und welche veränderte Rolle auf die Priester und das Kirchenvolk zukommt.

KNA: Herr Bischof, die Synode hat Perspektivwechsel für die Kirche im Bistum Trier beschlossen. Wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Ackermann: Es geht zunächst darum, diese Perspektivwechsel bekanntzumachen und für sie zu werben. Das ist eine langfristige Aufgabe. Vom Einzelnen her zu denken, in größeren Räumen zu denken, die Charismen zu sehen - das ist anspruchsvoll. Derzeit erarbeiten wir einen Vorschlag für die neue Umschreibung der pastoralen Räume, den wir am 24. März mit den diözesanen Räten beraten und anschließend ins Bistum geben werden.

KNA: Es gibt viele Spekulationen über den neuen Zuschnitt der Pfarreien. Aber noch ist nichts festgelegt?

Ackermann: Es ist nicht so, dass da etwas völlig Unerwartetes kommen würde. Grundsätzlich ist die neue Struktur ja im Synodendokument skizziert. Das Dokument nennt Kriterien und eine Richtzahl für das Pfarrleben vor Ort. Hinter diese Beschlüsse gehe ich nicht zurück, das ist die Grundlage. Wir müssen kirchliches Leben neu gestalten. Die Vorstellung von der Pfarrei, wie wir sie über lange Jahre kannten, hat sich schon deutlich verändert und wird sich weiter verändern.

KNA: Wie stellen Sie sich denn die Pfarrei der Zukunft konkret vor?

Ackermann: Ich stehe ganz hinter der Botschaft der Synode, die lautet: Es geht nicht darum, Kirche als Selbsterhaltungsverein zu gestalten. Wir werden es auch mit noch mehr Anstrengung nicht schaffen, alles Bisherige zu erhalten. Entscheidend ist: Kirche ist Raum Gottes unter den Menschen. Das heißt auch, neugierig zu sein auf andere Formen des kirchlichen Lebens. Es gibt jetzt schon Initiativen, wo Christen in unseren Gemeinden sehr genau auf ihr Umfeld schauen und sich fragen, was die Menschen, die dort leben, brauchen. Ein gutes Beispiel ist auch die Flüchtlingshilfe. Viele Gemeinden sagen: Wir haben einen Auftrag, den Flüchtlingen zu helfen. Das gibt zum Teil eine ganz neue Dynamik in der Pfarrei.

KNA: Dennoch gibt es Pfarreien, in denen die klassischen Formen des Kirche-Seins noch gut funktionieren. Dort fragt man sich: Warum müssen wir das jetzt aufgeben?

Ackermann: Ich will auf keinen Fall die Einsatzbereitschaft in den Gemeinden geringschätzen. Es gibt bis heute unheimlich viel Engagement – aber es gibt auch eine Ungleichheit zwischen Gegenden, in denen das kirchliche Leben noch relativ gut läuft, und anderen Regionen, in denen es so nicht mehr läuft. Diejenigen, die sich sehr stark engagieren, sind meistens die Generation 55 Plus. Wir müssen uns daher selbstkritisch fragen: Wie wird das in zehn Jahren aussehen? Wie gestalten wir Kirche so, dass sie auch für jüngere Menschen anziehend ist?

KNA: Wie bringen Sie diese Botschaft an die Basis?

Ackermann: Wenn klar ist, wie die neuen Räume aussehen, wird es eine "Erkundungsphase" geben. In der werden sich die Gemeinden mit Teams vom Bistum anschauen, was es vor Ort an Engagement und an Bedürfnissen gibt – nicht nur unter Katholiken, sondern unter allen Menschen, die in diesem Raum leben. Wir wollen uns noch bewusster fragen, was Kirche gesellschaftlich beitragen kann. Zugleich werden wir schauen, wo es Orte lebendigen kirchlichen Lebens gibt, und uns fragen müssen, was ausläuft. Emotional wird das noch ein weiter, schmerzlicher Weg sein. Denn wir alle haben uns ja zu Hause gefühlt in dieser volkskirchlichen Lebensform, in der auch ich selbst groß geworden bin.

KNA: Sind die Priester dazu bereit, Einfluss abzugeben, wenn sie nach den Vorstellungen der Synode Teil eines Teams aus Priestern, Haupt- und Ehrenamtlichen werden?

Ackermann: Wir können nicht an unserem traditionellen Bild des Pfarrers festhalten, wenn die Pfarreien immer größer werden. Es wird weiterhin einen Priester geben, der die Gesamtverantwortung wahrnimmt, aber das soll keine Allzuständigkeit sein; Verantwortlichkeiten werden im Team verteilt. Ich denke, dieses Konzept ist attraktiv, weil es die Priester nicht generell auf die Leitungsrolle festlegt und eine größere Chance bietet, wirklich priesterlich-seelsorglich zu wirken. Und genau das wird ja sowohl von den Priestern wie von den Gemeinden immer gewünscht.

KNA: Welche Rolle kommt auf die Gläubigen zu? Werden die sich stärker einbringen können – etwa bei Beerdigungen oder Wortgottesdiensten?

Ackermann: Wir werden stärker auf die Charismen vor Ort schauen müssen. Das heißt: welche Menschen haben welche Gaben und Begabungen. Ich bin überzeugt, dass es etwa für die Feiern von Begräbnissen Gläubige in den Gemeinden gibt, die fähig und bereit sind, diesen Dienst aus ihrer Glaubenserfahrung und Einfühlsamkeit heraus zu übernehmen. Das gibt es in anderen Teilen der Weltkirche schon längst, etwa in unserer Partnerkirche Bolivien. Da beerdigen nicht die Priester.

KNA: Sind Wortgottesdienstfeiern mit Kommunionempfang künftig erwünscht?

Ackermann: Die Synode spricht von einer größeren Vielfalt der gottesdienstlichen Formen auch am Sonntag. Für mich ist klar: Die Eucharistie ist für katholische Christen die zentrale Feier des Sonntags. Aber wir erleben, dass sehr viele Katholiken den Bezug zu dieser Hochform des Gottesdienstes verloren haben. Daher begrüße ich es, gottesdienstliche Formen auch am Sonntag zu entwickeln, die niederschwelliger sind und Menschen hoffentlich den Zugang zum Gottesdienst neu eröffnen.

Insgesamt müssen wir uns ja in den Pfarreien immer wieder selbstkritisch fragen: Was ist bei uns lebendig? Wo haben wir blinde Flecken? Beschäftigen wir uns zu stark mit uns selbst? Gar nicht so selten macht das pfarrliche Leben doch den Eindruck eines großen kirchlichen Wohnzimmers, in dem bestimmte Leute drinsitzen. Aber man fragt sich, inwieweit geht davon das Signal aus, dass auch andere erwünscht sind? Wir haben in den letzten beiden Jahren so viel von Willkommenskultur gesprochen und positive Beispiele erlebt. Könnte das nicht auch eine positive Wirkung auf das normale Gemeindeleben entfalten?

KNA: Sie haben vom "kirchlichen Wohnzimmer" gesprochen. Müssen die Gläubigen raus aus ihrer Komfortzone?

Ackermann: Ich muss an ein Bild des Papstes denken. Beim Weltjugendtag hat er zu den Jugendlichen gesagt: Kommt vom Sofa herunter! Damit meinte er: Kommt aus der Beobachterrolle heraus. Bleibt nicht bequem liegen, wo es so schön warm ist, sondern steht auf, gestaltet mit! Habt den Mut, auf Menschen zu treffen, die vielleicht nicht direkt verstehen, was ihr tut und glaubt, und die euch Fragen stellen. Wir müssen das Signal setzen, dass wir nicht ein geschlossener Club sind.

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