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Auf die Herausforderungen der Zeit antworten

Im November 2019 hat die römische Kleruskongregation das „Gesetz zur Umsetzung der Ergebnisse der Diözesansynode 2013-2016“ nach zwei Beschwerden zur Überprüfung ausgesetzt. Sowohl die Kleruskongregation als auch der Päpstliche Rat für die Interpretation der Gesetzestexte haben Bischof Dr. Stephan Ackermann um Stellungnahmen gebeten. Beide Stellungnahmen hat der Bischof nun nach Rom geschickt. Paulinus-Chefredakteur Bruno Sonnen hat nachgefragt, was in den Schreiben steht und wie es nun weitergeht.

Herr Bischof, Sie haben die erbetenen Stellungnahmen an die Kleruskongregation und an den Päpstlichen Rat für die Interpretation der Gesetzestexte geschickt. Was haben Sie den römischen Behörden geschrieben?

In beiden Schreiben stelle ich den Weg dar, den wir im Bistum Trier mit und seit der Diözesansynode gegangen sind. Die Überlegungen, die hinter dem Umsetzungsgesetz stehen, sind ja nicht einem mutwilligen Wunsch nach Veränderungen entsprungen. Sie sind der Versuch, auf die Herausforderungen der Zeit zu antworten. Es geht nicht bloß um eine Reform von Strukturen. Wir wollen eine Kirche, die stärker missionarisch und diakonisch ausgerichtet ist.

In meiner Stellungnahme an die Kleruskongregation habe ich vor allem die Rolle der Priester in den neuen Pfarreien beschrieben. Im Schreiben an den Päpstlichen Rat für die Interpretation der Gesetzestexte geht es stärker um das Bild der Pfarrei: wie sie die missionarische und diakonische Sendung verwirklichen kann, wie die Orte von Kirche die Pfarrei als Gemeinschaft von Gemeinschaften bestimmen und wie Christinnen und Christen im Leitungsteam oder den Gremien mitwirken und mitbestimmen können.

"Wir wollen eine Kirche, die stärker missionarisch und diakonisch ausgerichtet ist."

Die Kritiker werfen Ihnen vor, das Seelenheil der Gläubigen zu gefährden. Nehmen Sie dazu Stellung?

Ja, denn ich sehe hier meine Verantwortung als Diözesanbischof ganz stark angefragt. Für mich ist das Seelenheil mehr als die Zufriedenheit der Mitglieder kirchlicher Gremien mit dem pfarrlichen Leben. Das „Heil der Seelen“, dem wir verpflichtet sind, meint auch nicht nur die Zahl derjenigen, die zur Kerngemeinde gehören. Zur Pfarrei gehören alle katholisch Getauften, auch die „treuen Kirchenfernen“, die eher punktuell am gemeindlichen Leben teilnehmen, aber in der Regel durch ihren Kirchensteuerbeitrag dazu mithelfen, dass die Kirche ihren Auftrag erfüllen kann. Diese Personen und die noch stärker Distanzierten dürfen aus der Sicht einer missionarischen Kirche nicht vergessen werden. Das Evangelium neu unter den Menschen und gemeinsam mit ihnen zu entdecken, ist unsere vorrangige Aufgabe. Darin will ich unsere Kräfte investieren. Dazu haben mir die Synodalen geraten.

"Die Synode schaut auf die Würde und die Bedürfnisse des Menschen, auf seine Ansprechbarkeit für das Evangelium, und sie schaut auf die gottgeschenkten Gaben und Charismen der Getauften, anstatt primär von der vorhandenen Struktur der Pfarrei her zu denken."

Warum setzen Sie dabei auch auf eine neue Struktur der Pfarreien?

Immer wieder sehe ich bei meinen Besuchen im ganzen Bistum, wie eine kleiner werdende Zahl an Aktiven mit hohem Einsatz versucht, die pfarrlichen Aktivitäten, Strukturen und Traditionen aufrechtzuerhalten. Für innovative Projekte - gerade diakonischer oder missionarischer Art - fehlen häufig die Zeit und die Kraft. Dadurch kommt es tendenziell in den Pfarreien zu einer „Milieuverengung“: Die aktiven Gemeindemitglieder stehen in der Gefahr, zunehmend zu einer geschlossenen Gruppe zu werden, wodurch es Menschen, die nicht zum inneren Kreis der Pfarrei gehören, schwerer wird, zu ihr einen Zugang zu finden. Auch die Aktiven kommen selbst zunehmend an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, ein lebendiges Mit- und Füreinander zu gestalten: Nicht nur die Hauptamtlichen in der Pastoral klagen über Überlastung, sondern auch viele ehrenamtlich Engagierte.

Die Synode schaut auf die Würde und die Bedürfnisse des Menschen, auf seine Ansprechbarkeit für das Evangelium, und sie schaut auf die gottgeschenkten Gaben und Charismen der Getauften, anstatt primär von der vorhandenen Struktur der Pfarrei her zu denken. Von daher enthält die Strukturreform eine zutiefst pastorale Botschaft, indem sie von den Getauften und ihrem Zeugnis her Kirche gestaltet.

Soweit die Analyse des Bisherigen – wie erklären Sie, was besser ist an der geplanten neuen Gestalt der Pfarreien?

Die zukünftigen Pfarreien sollen den Gläubigen vor Ort eine neue Freiheit und Beweglichkeit geben, um mit neuer Freude und Kreativität das Evangelium leben zu können und andere dafür zu gewinnen. Wenn wir stärker auf die Charismen schauen und neue Begegnungsorte für unsere Zeitgenossen möglich machen wollen, brauchen wir Gestaltungsfreiraum. Im Moment lasten wir vielen Dörfern und fast jedem Stadtteil auf, Pfarrei im eigentlichen Sinn sein zu müssen. Das erfordert sehr viele administrative und ehrenamtliche Kräfte, weil jede Pfarrei umfassend für das Glaubensleben verantwortlich ist. In der neuen Pfarrei werden für die Gläubigen einerseits alle kirchlichen Grundvollzüge und Dienste gewährleistet. Andererseits wird die Anzahl der verpflichtenden Gremien geringer, die Engagementformen und Einsatzmöglichkeiten durch die „Orte von Kirche“ werden vielfältiger. Die Pfarrei verstehen wir als Gemeinschaft von Gemeinschaften. Indem die vielfältigen Orte von Kirche dort miteinander verbunden sind und zusammenwirken können, machen sie die Vielfalt der kirchlichen Gemeinschaft ansichtig.

Kann jedes Bistum seine Pfarreien so „bauen“, wie es ihm richtig erscheint?

Die Struktur der Pfarreien ist gestaltbar. Papst Franziskus weist in seinem Schreiben Evangelii Gaudium darauf hin, dass die Pfarrei „keine hinfällige Struktur“ ist, und „gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen“. In der Tat liegt der Zuschnitt der Pfarreien in der Verantwortung des Diözesanbischofs. Der Bischof soll einen solchen Schritt gut überlegen und Beratung einholen. Wir haben in unserem Bistum die höchste Form der Beratungen eines Bischofs durchgeführt: eine Diözesansynode. Und unabhängig von der konkreten Zahl hat die Diözesansynode sehr deutlich formuliert, dass es eine andere Gestalt der territorialen Seelsorge braucht. Mir ist es noch einmal ganz wichtig zu sagen – und das tue ich auch in meinen Stellungnahmen -, dass die Auflösung der bisherigen Pfarrstrukturen nicht zu einer Anonymisierung der kirchlichen Lebenszusammenhänge und damit zu den gefürchteten „XXL-Pfarreien“ führt.

"Mir ist es noch einmal ganz wichtig zu sagen, dass die Auflösung der bisherigen Pfarrstrukturen nicht zu einer Anonymisierung der kirchlichen Lebenszusammenhänge und damit zu den gefürchteten 'XXL-Pfarreien' führt."

Wie hilft die vorgeschlagene neue Struktur einer missionarischen und diakonischen Kirche?

Die Orte von Kirche ermöglichen je eigene, von den Einzelnen und ihren Themen her gestaltete Zugänge zum Christsein. Ich halte es für wichtig, auch kirchenfernen Christen oder interessierten Menschen, die gar nicht zur Kirche gehören, niederschwellige Zugänge zu eröffnen. Missionarische und diakonische Aufbrüche – das haben wir in den letzten Jahren erlebt - gibt es oft neben den pfarrlichen Strukturen; etwa auf der Ebene der Dekanate, in Projekten vor Ort, in der sogenannten kategorialen Seelsorge, etwa der Jugendpastoral oder der Caritas sowie in geistlichen Zentren. Die neuen Pfarreien sollen dafür sorgen, unser gesamtes Handeln zum Wohl vieler Menschen und als Zeugnis des Evangeliums zusammenzuführen.

Die Kleruskongregation hat nach der künftigen Gestalt des priesterlichen Dienstes gefragt. Was haben Sie dazu geschrieben?

Priestersein im Bistum Trier kann sich künftig in größerer Bandbreite und charismenorientierter entfalten, weil nicht jeder Priester „zwangsläufig" Pfarrer werden muss. Ich erhoffe mir von dieser Weitung des Priesterbildes, dass dadurch der priesterliche Dienst im Bistum für junge Männer neu an Attraktivität gewinnt. Dies signalisieren mir auch Priesterkandidaten, die durchaus nicht darauf festgelegt sind, „Pastor" im traditionellen Sinn werden zu wollen.

„Beschneiden“ Sie damit nicht viele Priester, die dann nicht mehr Pfarrer von Pfarreien wären, in der Ausübung ihres priesterlichen Dienstes?

Der priesterliche Dienst erschöpft sich ja nicht in der Rolle des Pfarrers. Es ist ein Dienst zum Wohl der Kirche, der sich unterschiedlich entfalten kann. Ich sehe durch die Vorgaben des Umsetzungsgesetzes keine „Entkopplung von Priesterweihe und Hirtenamt". Wohl aber nehmen wir Abschied von einer bestimmten traditionellen Gestalt des „Pfarrerseins", die es allerdings auch heute schon im Bistum Trier und vielen anderen deutschen Diözesen so nicht mehr gibt. Wenn die Beschwerdeführer darauf abheben, dass in der geplanten Neuordnung der Pfarreien das Priesterverständnis der Universalkirche künstlich beschnitten werde, so kann ich diese Einschätzung nicht teilen: Denn bisher wurde von den Priestern und vielen Gläubigen mir gegenüber Klage geführt, dass die Priester in ihrem konkreten Dienst zu sehr durch die Aufgabe der Leitung im Sinne von Management und Verwaltung bestimmt werden.

Wenn nun durch das Gesetz zur Umsetzung der Synode eine erhebliche Zahl von Priestern von Verwaltungsaufgaben entlastet wird, weil sie nicht kanonische Pfarrer im bisherigen Sinn sind und sein müssen, so ergeben sich damit Freiräume für Aktivitäten der Seelsorge, der Diakonie und der Verkündigung, die unter den gegenwärtigen Bedingungen so nicht gegeben waren.

Der Pfarrer ist in ein Leitungsteam eingebunden. Nimmt ihm das nicht seine besondere Stellung als „Hirte seiner Herde“?

In der Tat sieht die Synode vor, dass in den Pfarreien Leitung kollegialer als bisher wahrgenommen wird. Dieses Anliegen entspricht nach meiner Auffassung der immer wieder geäußerten Mahnung von Papst Franziskus, die Glieder des Volkes Gottes stärker zu beteiligen und die Gefahr des Klerikalismus zu bekämpfen. Dabei bleibt die besondere Verantwortung des Pfarrers, die ihm aufgrund von Weihe und Beauftragung durch den Bischof zukommt, unbenommen. Verbindlicher als bisher sollen aber die grundlegenden Ziele und Entscheidungen vom pastoralen Leitungsteam und dem „Rat der Pfarrei" gemeinsam besprochen werden. Diese gemeinsam getragene Verantwortung soll nicht nur dazu beitragen, der Gefahr eines klerikalistischen Umgangs mit den Mitarbeitern und Pfarrangehörigen zu wehren. Sie stellt für den Pfarrer zugleich eine hilfreiche Entlastung dar in einer Zeit, in der nicht zuletzt aufgrund der Krise durch den sexuellen Missbrauch die Glaubwürdigkeit der Priester außerhalb und innerhalb der Kirche massiv infrage gestellt ist und die Priester unter starker Beobachtung der Öffentlichkeit stehen.

Welche weiteren Informationen haben Sie den Stellungnahmen beigefügt?

Wie in der Silvesterpredigt habe ich einige „Kennziffern“ genannt, etwa was die Zahlen der Gläubigen, der Priester, der übrigen Seelsorgerinnen und Seelsorger oder Ordensleute oder die verfügbaren Ressourcen angeht. Denn so sehr unsere Reformbemühungen dem Wunsch entspringen, die Veränderungen nicht bloß hinzunehmen, sondern zu gestalten, so muss man doch auch sagen, dass der Veränderungsdruck hoch ist und noch weiter steigt. Darüber hinaus habe ich meinen Stellungnahmen Informationen zum Verlauf der Synode, zu unseren Kommunikationsmaßnahmen sowie zur geplanten Einteilung der neuen pastoralen Räume beigefügt.

"Niemand muss die Hände in den Schoß legen: Wir sind jeden Tag dazu herausgerufen, unseren Glauben zu bezeugen und zu leben."

Wie geht es jetzt weiter?

Ich stehe seit der Aussetzung des Umsetzungsgesetzes in schriftlichem und telefonischem Kontakt mit den römischen Stellen. Natürlich habe ich angeboten, dass ich zu persönlichen Gesprächen nach Rom kommen werde. Insgesamt kann ich bislang von einem unkomplizierten und guten Austausch sprechen. Einen Zeitplan gibt es noch nicht; aber deswegen muss niemand die Hände in den Schoß legen: Wir sind jeden Tag dazu herausgerufen, unseren Glauben zu bezeugen und zu leben. Und ich lade dazu ein, gerade auch vor Ort zusammen mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern über die vielfältigen Impulse, die uns das Synodendokument gibt, im Gespräch zu bleiben.

 

Dieses Interview erschien mit weiteren Informationen in einer Sonderbeilage des gedruckten Paulinus vom 26. Januar 2020.

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