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Podcast des Bistums "Kreuz & Quer" am 2. Mai 2020

Was heißt hier "systemrelevant"?

Ich bin Stephan Ackermann, der Bischof von Trier.

In diesen Wochen der Corona-Krise höre ich häufiger die Frage: Sind die Kirchen noch „systemrelevant“ für unsere Gesellschaft? Anders gesagt: Können die Kirchen in ihrer Bedeutung mithalten mit Lebensmittelläden, Arztpraxen und Krankenhäusern, der öffentlichen Verwaltung und all denen, die dafür sorgen, dass unser Leben nicht zusammenbricht, weil es ohne sie keinen Strom oder kein Wasser mehr gäbe oder wir im Müll ersticken würden ...? Oder noch einmal anders gefragt: Sind der Glaube, die Religion, die Kirchen lebensnotwendig? Die Frage ist nicht neu, aber sie wird seit der Corona-Krise wieder intensiver diskutiert. Und sie hat an Brisanz gewonnen mit der Frage, ab wann und unter welchen Bedingungen öffentliche Gottesdienste wieder möglich sind.

Während die einen sich bestätigt sehen darin, dass die Bedeutung des Glaubens und der Kirchen schwindet und mit Corona nur offensichtlich wird, was schon längst Sache ist, pochen die anderen auf die Wichtigkeit von Glaube und Kirche und verweisen darauf, wie sehr die Kirchen trotz aller Einschränkungen in dieser Zeit diakonisch, sozial und seelsorglich unterwegs sind. Es sei sogar eine höhere Nachfrage nach seelsorglichen Angeboten wahrzunehmen.

Welchen "Nutzen" hat die Kirche?

Ich verfolge diese Diskussion mit gemischten Gefühlen, und ich muss daran denken, dass schon vor mehr als 20 Jahren der Begriff von der „verlorenen Nützlichkeit der Religion“ die Runde gemacht hat (vgl. Thomas Ruster: Die verlorene Nützlichkeit der Religion, Paderborn 1994). Der Begriff sollte damals helfen, den epochalen Umbruch, in dem sich die großen christlichen Kirchen befinden, zu verstehen. Es stimmt ja: Den handfesten Nutzen, den die Zugehörigkeit zur kirchlichen Religion Menschen in früheren Zeiten gebracht hat, den gibt es heute nicht mehr. Jedenfalls ist in unserem Land längst keiner mehr auf die Kirche angewiesen, um eine gute Bildung und Erziehung zu erhalten, um soziale Unterstützung zu erfahren oder um sich aufgehoben zu fühlen in einer sinngeben-den Gemeinschaft. Und auch für das gesellschaftliche Ansehen einer Person bedeutet es weithin keinen Vorteil  mehr, einer Kirche anzugehören. Mitunter ist eher das Gegenteil der Fall.

Vor Jahren haben wir in diesen Entwicklungen durchaus einen positiven Fortschritt gesehen: Denn in dem Maß, in dem der direkte Nutzen von Religion und Kirche schwindet, wächst die persönliche Freiheit, sich dafür oder dagegen entscheiden zu können. Zugleich rückt die Sache des Glaubens an sich mehr in den Blick. Und: Nicht nur das einzelne Individuum gewinnt an Freiheit, sondern auch die Glaubensgemeinschaft selbst. Hat sie nämlich einmal ihre bis dahin vorhandene „Nützlichkeit“ eingebüßt, so braucht sie nicht mehr dauernd zu beweisen, wie nützlich, ja unverzichtbar sie für den Alltag des einzelnen und für die Gesellschaft ist. Stattdessen wird klar: Der Glaube und die Zugehörigkeit zur Kirche sind eine Tat der Freiheit. Da gibt es keine Automatik und keinen Zwang. Man kann sich auch dagegen entscheiden. Man kann als Mensch leben und gesellschaftlich akzeptiert sein, ohne sich zu einer bestimmten Konfession und Religion bekennen zu müssen.

Menschliches Leben ist mehr als bloßes Überleben

Als Kirche wissen wir uns über die gewonnene Freiheit nicht immer so recht zu freuen; versuchen, unsere Bedeutung und Wichtigkeit dadurch zu beweisen, dass wir betonen, wie nützlich wir für den einzelnen und das Gemeinwohl sind. Und es ist ja auch so: Mit dem Glauben an Jesus Christus und seine Botschaft haben wir Wertvolles, ja Einzigartiges in diese Welt einzubringen. Aber dieser Wert liegt oft nicht auf der Ebene eines praktischen Nutzens.

Um leben zu können, braucht der Mensch das tägliche Brot, sonst verhungert er. Deshalb sind alle, die zur Versorgung mit Nahrungsmitteln beitragen, in der Tat unmittelbar „systemrelevant“. Aber der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein (vgl. Mt 4,4). Menschliches Leben will mehr sein als bloßes Überleben. Wir brauchen nicht nur das, was unserem Leben unmittelbar nutzt, sondern wir brauchen auch das, was unserem Leben Sinn gibt.

Gelassenheit und gläubiges Selbstbewusstsein

Da kommen der Glaube und seine Relevanz ins Spiel. Dieses Spiel aber ist ein Spiel der Freiheit. So hat es der Schöpfer und Erlöser gewollt. Da gibt es kein alternativloses „Friss oder Stirb“! Deshalb kann die Frage, ob der christliche Glaube und die Kirchen „systemrelevant“ sind, von Menschen unterschiedlich beantwortet werden. Lassen wir uns als gläubige Menschen davon nicht ins Bockshorn jagen. Reagieren wir darauf doch gelassen und selbstbewusst zugleich! Schielen wir nicht ängstlich darauf, ob man unsere Wichtigkeit und Bedeutung für diese Welt erkennt. Als Bischof bemühe ich mich, aus dieser Haltung zu leben. Wo mir das gelingt, wächst in mir beides: Gelassenheit und gläubiges Selbstbewusstsein. Und ich darf durchaus die Erfahrung machen, dass Menschen sich für die Antwort aus dem Glauben interessieren.

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