Unsere WebSeite verwendet Cookies (kleine Textdateien, die sie auf Ihrem Rechner ablegt); dadurch bleibt bistum-trier.de für Sie möglichst leicht zugänglich und komfortabel. Näheres finden Sie in unserer Datenschutzerklärung . Sie können in den Einstellungen Ihres Browsers bestimmen, ob er Cookies akzeptiert oder nicht. Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.

Messfeier zur Weihe der heiligen Öle

Siegel der Verbindung mit Jesus Christus

Predigt in der Chrisam-Messe am 17. April 2019 im Trierer Dom

Liebe Schwestern und Brüder im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus!

Es gibt wohl keinen Gottesdienst im Kirchenjahr – abgesehen von der Feier der Priesterweihe, in dem so stark das Priestertum in der Kirche sichtbar wird wie in der Chrisammesse. Das spüren wir in den Gebeten, aber das hängt auch an der großen Zahl der im Gottesdienst anwesenden und konzelebrierenden Priester. Vielleicht ist es manch einem sogar zu dick. Manch einer bleibt deswegen dem Gottesdienst feiern. Aber ich denke mir, dass auch der ein oder andere von uns heute Morgen hierhergekommen ist mit der Frage: Wie Chrisammesse feiern im Jahr 2019? Es wäre unbedarft zu sagen: Alles ist doch wie immer. Zu massiv waren und sind in den letzten Monaten die Anfragen an den priesterlichen Dienst in der uns vertrauten Gestalt, und zu schwer wiegen die Vergehen von Amtsträgern – Bischöfe und Kardinäle eingeschlossen – als dass man dies einfach ignorieren könnte. Wie also sich über das Priestertum in der Kirche freuen und es in der Chrisammesse feiern?

Grund zu Freude und Dank: Das Gottesvolk als Ganzes ist ein priesterliches Volk

Zunächst einmal: Wer aufmerksam die Texte der Liturgie hört, der merkt, dass der erste und eigentliche Grund zur Freude und zum Dank in der Chrisammesse darin liegt, dass das Gottesvolk als Ganzes ein priesterliches Volk ist. Ausdrücklich heißt es im Gebet an Gott, den Vater: Denn Christus hat dein ganzes Volk ausgezeichnet mit der Würde seines königlichen Priestertums. Priestertum, Auszeichnung, königliche Würde: All das sind Eigenschaften, die der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen zugesprochen werden. Priesterlich zu sein ist kein exklusiver Besitz einiger weniger. Nein, es ist Auszeichnung, die allen zukommt, die zu Christus gehören. Im Unterschied zu den allermeisten Religionen erhalten im christlichen Glauben und d. h. in der Kirche alle vom ersten Augenblick ihrer Zugehörigkeit an eine priesterliche Berufung, einen priesterlichen Auftrag.

Eine besondere Nähe zu Gott

Doch was soll das heißen? Muss man da nicht fragen, worin denn das Priesterliche bei denen besteht, die nicht Priester im amtlichen Sinn sind? In welchem Sinn sind sie Priester?

Zur Antwort kann uns helfen, wenn wir den Blick weiten über den rein christlichen Horizont hinaus und uns fragen, woran man denn im allgemeinen religiösen Verständnis Priester erkennt? Was verbinden Menschen über die Grenzen von Kulturen und Religionen hinweg mit dem Priester?

Ich glaube, es sind im Wesentlichen zwei Dinge: Zunächst: Mit dem Priester verbindet man eine besondere Nähe zu Gott, ja eine Art von Unmittelbarkeit, die ihn gegenüber anderen Menschen auszeichnet. Diese brauchen einen Vermittler zu Gott hin, den der Priester nicht braucht. Insofern ist es revolutionär, wenn der Seher Johannes sagt: Jesus Christus hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut und uns (alle) zu Königen und zu Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater (Offb 1,5f). Das ist das Besondere des Christentums: Durch das Geschenk des Geistes können wir alle mit Gott unmittelbar in Beziehung treten. Wir brauchen keinen speziellen Agenten, der uns zu Gott hin die Tür öffnet oder zwischen Gott und uns hin und her läuft und vermittelt … Das wäre für uns ein heidnisches Priesterverständnis, kein christliches. „Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen“, betet der Priester im Hochgebet, aber er betet es eben im Namen aller!

In der Nachfolge Jesu leben

Und ein Zweites: Menschen verbinden mit einem Priester intuitiv den Experten für den Gottesdienst, den Kult, das Sprechen von Gebeten und das Darbringen von Gaben für Gott. Soll denn das jetzt für alle gleichermaßen gelten? Kann man denn in diesem Sinn alle Christen als Priester bezeichnen?

Schon der Apostel Paulus hat sich mit dieser Frage beschäftigt und daran erinnert, dass Jesus all das erfüllt hat, was ein Priester überhaupt nur tun kann. Denn er ist derjenige, der so betet, wie es Gott ganz gefällt. Er ist derjenige, der dem Willen Gottes ganz gehorsam ist, und er ist derjenige, der Gott nicht irgendeine Gabe als Ersatz anbietet und sich in sicherer Entfernung hält. Vielmehr gibt er sich selbst als Gabe dar. Mehr Ehre geht nicht. Wo das geschieht, ist der Sinn des Priesterlichen total erfüllt. Jesus hat das getan. Das kann nicht überboten werden.

Paulus zieht daraus für die Christen in Rom den Schluss: „Bringt euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer dar, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst.“ (Röm 12,1) Paulus meint damit aber nicht, dass die Christen sich das Leben nehmen, eine Art von kollektivem Selbstmord begehen sollen. Sich selbst als lebendiges Opfer darzubringen, heißt christlich: In der Nachfolge Jesu zu leben, sein Leben Jesus zu weihen! Leben in der Nachfolge, das ist wahrer und glaubwürdiger Gottesdienst! Damit ist aber klar: Dieses neue Verständnis von Priestersein steht offen für alle. In diesem Sinn sind tatsächlich alle, die Christus nachfolgen, Priesterinnen und Priester.

Wenn das aber stimmt, warum braucht es dann überhaupt noch Menschen mit einer speziellen priesterlichen Funktion? Ich glaube, dass der Sinn der Priester in der Kirche wesentlich darin besteht, alle daran zu erinnern, dass wir nicht aufgrund eigener Leistung und aus eigener Kraft priesterliches Gottesvolk im Sinn Jesu sein können. Wir können es nur, weil er uns immer wieder mit dieser Fähigkeit beschenkt, d. h. uns durch seine bestärkende Nähe dazu bringt, in seiner Nachfolge zu bleiben und in diesem Sinn unser Leben Gott und den Menschen zu weihen. Ohne die Bestärkung durch Jesus selbst in Wort und Sakrament wären wir zu schwach, den anspruchsvollen Weg der Nachfolge zu gehen; hätten wir wahrscheinlich gar keine Lust dazu und auch keinen Mut. Uns diese Bestärkung zu geben, dazu sind die Priester da.

Sich gegenseitig in die Pflicht nehmen: Anspruchsvolle Gläubige!

Liebe Schwestern und Brüder, nicht die amtlich-bestellten Priester kommen zuerst und dann kommt das priesterliche Volk Gottes. Nein, es ist umgekehrt: Die Priester sind mit ihrem Dienst dazu da, dass die Getauften priesterlich-königlich, d. h. entschieden und selbstbewusst, ihr Christsein leben können. In eben diesem Dienst müssen die Priester von den Christen gefordert werden! Da dürfen und müssen die Gläubigen anspruchsvoll sein! Wenn sie es sind, können die Priester nur dankbar sein. Nicht wenige Priester leiden darunter, dass sie den Eindruck haben, dass ihr eigentlicher Dienst zur Stärkung des priesterlichen Gottesvolkes zu wenig oder gar nicht gebraucht wird. Sie fühlen sich gebraucht zur Verschönerung von Familienfesten, in Grenzsituationen, als Gemeindeorganisatoren … Das macht auf Dauer traurig. Wo aber umgekehrt Priester sich priesterlich gebraucht und gefordert fühlen, da wächst ihre Freude.

Liebe Schwestern und Brüder, nehmen wir uns gegenseitig in die Pflicht – priesterliches Volk Gottes und amtlich bestellte Priester in diesem Volk – um gemeinsam besser Nachfolge Jesu Christi leben zu können!

Zum Zeichen unserer Bereitschaft, uns in Pflicht nehmen zu lassen, werden wir Priester und Bischöfe nun unsere Versprechen, die wir bei der Weihe gegeben haben, wieder erneuern. Und ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich Euch, liebe Mitbrüder, danken, die Ihr zu diesem Gottesdienst gekommen seid, damit wir dieses Zeichen öffentlich setzen können. Und mit Euch danke ich allen Priestern, die sich Tag für Tag nach Kräften darum mühen, diese Versprechen treu einzulösen, gerade auch unter vielfältigen Anfechtungen. Unsere Versprechen haben aber nur dann ihren Sinn, wenn sie nicht nur zu Gott hin gesprochen sind, sondern wenn sie auf Menschen treffen, die mit diesen Versprechen etwas anfangen können und sie annehmen. Wo das geschieht, wächst in uns allen die frohe Gewissheit, von der das Buch der Offenbarung erfüllt ist: „Ja, tatsächlich, Herr, du hast uns zu Königen und zu Priestern gemacht für den Dienst vor Gott, deinem Vater. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit." Amen.

Weiteres:

Chrisam-Messe 2019

in der Predigt