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Der Auftrag Jesu Christi heißt Liebe

Predigt von Bischof Stephan Ackermann am Karfreitag 2012 im Trierer Dom


Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Die Karfreitagsliturgie ist kein Historienspiel, auch wenn sich in ihr mehr als sonst erzählende Teile finden und wenn durch die Aufteilung in verschiedene Rollen die Passionsgeschichte dramatischer gestaltet ist als der normale Vortrag des Evangeliums. Wäre das, was wir hören und sehen nur ein Dokument der Geschichte, dann wäre es allenfalls für historisch oder literarisch Interessierte oder für Wissenschaftler von Bedeutung, so wie es eben ein Geschichtsdokument oder etwa eine antike Tragödie sind. Nun ist aber für uns Christen das, was am Karfreitag im Gottesdienst begangen wird, von einer ganz anderen Bedeutung.

Entscheidende Worte: "für uns"

Dass das so ist, hängt an zwei kleinen Worten, die immer wieder in diesen Tagen wie ein Refrain vorkommen. Sie lauten: »für uns« (»pro nobis«). Ja, wir schauen im Passionsbericht auf das persönliche Geschick des Jesus von Nazaret, aber wir tun es, weil wir der Überzeugung sind, dass das, was er erlebt und erlitten hat, nicht bloß die individuelle Sache eines armen Gescheiterten von vor zweitausend Jahren ist, der so wie Tausende andere von den Römern gekreuzigt wurde, sondern weil sein Leben mit unserem zu tun hat, weil unser Leben mit dem seinen verbunden ist. In seinem Drama spielt unser eigenes Drama.

Am deutlichsten wird das für uns hörbar in der 1. Lesung aus dem Propheten Jesaja (Jes 52,13-53,12). Sie zitiert das sogenannte Vierte Lied des Gottesknechtes, dieser geheimnisvollen Gestalt, in der das Volk Israel stellvertretend sein eigenes Geschick sieht. Beim Hören wird unmittelbar deutlich, dass es sich bei all dem, was dieser Figur zugeschrieben wird, nicht bloß um einen einzelnen Menschen handeln kann. Und auch wenn der Text so klingt, er kann nicht einfach eine Lebensbeschreibung sein. Dafür heften sich an diese Gestalt viel zu viele, geradezu übermenschliche Erwartungen. Das Lied klingt eher wie »ein Ausschauhalten nach dem, der kommen muss« (Benedikt XVI.).

Jesus Christus: der "Gottesknecht"

Die Christen haben in in dieser Gestalt von Anfang an Jesus erkannt: Sie fanden im leidenden Gottesknecht die Deutung und Erklärung für das, was Jesus erlitten hat: Er ist der eine, der stellvertretend für alle gelitten hat. Geheimnisvoll nimmt der Prophet Jesaja all das vorweg, was Jesus in seinem Leben und in seinem Sterben erfährt: War er nicht der junge Sproß, der die Menschen in Staunen versetzt hat und auf den alle ihre Hoffnung gesetzt hatten? War er nicht der, der dann verurteilt und geschlagen wurde, unter der Folter alle Schönheit und Ansehnlichkeit verlor, der von den Menschen verachtet und gemieden wurde und von dem man dachte, dass er von Gott gestraft sei? Doch er hat gelitten für uns. Er hat unsere Krankheiten und Schmerzen getragen. Wegen unserer Sünden wurde er zermalmt. Er litt nicht um seiner selbst willen, sondern für uns, so die Erkenntnis der Christen.

Auch wenn wir das schon so oft gehört haben, liebe Schwestern und Brüder, auch wenn all das zum Kernbestand unseres Glaubensbekenntnisses gehört, so dürfen wir doch noch einmal fragen: Wie ist das eigentlich zu verstehen: Für uns? Wie kann das überhaupt gehen, dass einer freiwillig und bewusst für einen anderen leidet. Gibt es wirklich so etwas wie echte Stellvertretung, einen Rollentausch unter Personen?

Stellvertretung - oder Solidarität

Nun kennen wir durchaus die Möglichkeit der Stellvertretung in Funktionen: Jemand vertritt einen anderen z. B. in seiner Aufgabe. Und natürlich ist es auch möglich, einem anderen eine äußere Last abzunehmen. Es ist möglich, einem anderen einen Gang, eine Besorgung oder Ähnliches zu ersparen. Ich kann für einen anderen großzügigerweise auch eine finanzielle Schuld übernehmen. Dort aber, wo es nicht bloß um eine funktionale Vertretung geht, wo es nicht um das Ab- oder Übernehmen einer bestimmten Aufgabe oder Last, sondern um das innere Einstehen für den Anderen als Mensch, als Person, da kommen wir an Grenzen. Darum sprechen wir heutzutage häufiger von Solidarität statt von Stellvertretung: Ich kann mit einem anderen leiden, aber nicht für ihn; kann mit jemandem eine Angst teilen, aber ihm nicht seine Angst abnehmen. Ich kann jemandem bei einer Entscheidung zur Seite stehen, aber sie nicht für ihn treffen.

Menschlich stoßen wir da eindeutig an Grenzen. Schon Duns Scotus, der große Franziskanertheologe des Mittelalters hat festgestellt: »Dem Personsein eignet eine letzte Einsamkeit«. Sie lässt sich nicht überspringen. Und nicht umsonst sprechen wir von uns Menschen als Individuen. »In-dividuum« bezeichnet eine letzte Unteilbarkeit, die auch eine Unmitteilbarkeit des Menschen ist, wenn es um sein innerstes Geheimnis geht. Es gibt also eine natürliche Grenze, die wir menschlich nicht einfach überspringen können.

Bis an die Grenzen der Möglichkeiten?...

Dennoch wir wissen ebenso gut, dass wir menschlich längst noch nicht alle Möglichkeiten der Solidarität ausgeschöpft haben. Denn wir sind Sünder. Wir kreisen um uns selbst aus Ichbezogenheit oder aus Angst. Wie oft ziehen wir die Grenzen, die von Natur aus da sind, willentlich hoch. Wir könnten in bestimmten Anliegen für andere einstehen, doch wir tun es nicht. Wo wir solidarisch sein könnten und müssten, verweigern wir uns, beruhigen uns damit, dass wir die Situation nicht genau genug kennen, dass die Welt viel zu komplex geworden ist, als dass wir etwas machen könnten ... Wir wähnen die Armen viel zu weit weg, als dass wir uns wirksam für sie engagieren könnten. Oft genug ziehen wir uns vorschnell zurück, um unser Gewissen zu beruhigen.

Ein Karfreitags-Gedicht

Doch kehren wir noch einmal zu Jesus zurück: Wie können wir behaupten, dass er der eine ist, der für alle starb, dass er unsere Leiden, ja unsere Sünden auf sich genommen hat? Um dies zu verstehen, hilft mir ein bekanntes, sehr knappes Gedicht, der Dichterin Hilde Domin, die 2006 in Heidelberg verstorben ist. Es ist ein Karfreitagsgedicht, denn es trägt den Titel Ecce Homo.

»Weniger als die Hoffnung auf ihn
das ist der Mensch/ einarmig immer.
Nur der Gekreuzigte
beide Arme weit offen
der Hier-Bin-Ich.«

Das Gedicht beschreibt vom Blick auf das Kreuz her den Unterschied zwischen Jesus und uns. Jesus ist nicht zunächst ein Individuum in sich, das - bildlich gesprochen - mit verschränkten Armen lebt und sich dann – sozusagen in einem zweiten Schritt – auf den Anderen hin öffnet. So würden in der Regel wir uns verstehen. Bei Jesus ist das anders: Er ist immer schon der, dessen Existenz ganz geöffnet ist, der ganz vom Anderen her und auf den Anderen hin ist: nämlich von Gott, seinem Vater her und auf ihn hin. Insofern ist das »Hier bin ich« des Gekreuzigten zuerst ein Wort des Sohnes an den Vater. Jesus kann sich nicht anders verstehen als der, der sein Leben von Gott her empfängt und es lebt für ihn. Jesus kann sich nicht anders verstehen als der Sohn, der sich dem Vater und seinem Auftrag zur Verfügung stellt, um das, was sein innerstes Wesen ausmacht, in sein Wirken auf der Erde zu übersetzen. Sein Auftrag heißt Liebe. Es ist die Liebe, von der Jesus selbst im Abendmahlssaal sagt: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde (Joh 15,13). Für Jesus gibt es keine Feinde. Er ist der Freund aller.

Ausgebreitete Arme: Die ureigene Haltung des Gekreuzigten

Der Gekreuzigte, beide Arme weit offen: der Hier bin Ich – für Euch! Wie oft sind wir Menschen »einarmig«, halboffen oder halbverschlossen, uns schützend, auf uns selbst zurückgekrümmt. Der Gekreuzigte mit seinen ausgebreiteten Armen lädt uns ein, uns zu lösen aus unserer Selbstbefangenheit. Die ausgebreiteten Arme sind nicht nur die Haltung des Hingerichteten, der zufällig so festgenagelt ist. Die ausgebreiteten Arme bleiben auch die Geste des Auferstandenen. Wenn wir uns nachher bei der Kreuzverehrung dem Gekreuzigten mit seinen ausgebreiteten Armen nähern, dann dürfen wir ihn in der Gewissheit anschauen, dass ihm die Arme nicht gegen seinen Willen auseinander gerissen wurden. Nein, es entspricht seiner ureigensten Haltung. Lassen wir uns von dieser Haltung umfangen und lernen wir von ihr. Dann werden wir spüren, dass in der Verbundenheit mit Jesus Christus eine Offenheit und ein Füreinander auch unter uns Menschen möglich wird, zu dem wir alleine nicht fähig wären. Amen.

Weiteres:

Der Auftrag Jesu Christi heißt Liebe

in der Predigt