Unsere WebSeite verwendet Cookies (kleine Textdateien, die sie auf Ihrem Rechner ablegt); dadurch bleibt bistum-trier.de für Sie möglichst leicht zugänglich und komfortabel. Näheres finden Sie in unserer Datenschutzerklärung . Sie können in den Einstellungen Ihres Browsers bestimmen, ob er Cookies akzeptiert oder nicht. Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.

Erlösung ist nicht die Summe aller Lösungen

Predigt von Bischof Stephan Ackermann im Weihnachtshochamt 2011 im Trierer Dom

Schriftlesungen: Jes 52,7-10/ Hebr 1,1-6/ Joh 1,1-18

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

»Aufgeleuchtet ist aufs Neue der Tag der Erlösung«, so hieß es eben zwischen den Hallelujarufen, die der Kantor gesungen hat. Das christliche Schlüsselwort »Erlösung« haben wir in den Gottesdiensten hier im Dom im zurückliegenden Jahr häufiger bedacht. Denn obwohl Erlösung ein ganz zentraler Begriff unseres Glaubens ist, tun wir uns nicht leicht mit ihm, klingt er altertümlich und sperrig. Trotzdem oder gerade deshalb hatte ich im Zugehen auf unsere große Heilig-Rock-Wallfahrt im kommenden Jahr die Christinnen und Christen in unserem Bistum dazu eingeladen, diesen Grundbegriff des Glaubens zu bedenken, zu besprechen, neu zu entdecken. Denn er ist ja auch in unserem Trierer Pilgergebet enthalten: Wir rufen Jesus Christus an als Heiland und Erlöser. Ist man einmal für dieses Wort hellhörig geworden, dann merkt man, wie oft es in unseren offiziellen Gebeten und Texten vorkommt.

Es gibt wohl kein Fest im Kirchenjahr, das so sehr als Fest der Erlösung bezeichnet und besungen wird wie das Weihnachtsfest. Wie oft wird Jesus in den Gebeten Erlöser genannt, wird von der Geburt des Erlösers und Retters gesprochen. Worin liegt aber das Erlösende des Weihnachtsfestes? Wird uns nicht gerade an den Weihnachtstagen mehr als an allen anderen Tagen des Jahres schmerzlich bewusst, wie wenig erlöst unsere Welt in Wirklichkeit ist? »Die Ereignisse in der Welt respektieren Weihnachten nicht« (J. Wanke). Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten hören nicht auf. Das gilt für die großen, die globalen Zusammenhänge. Das gilt für die überschaubaren Zusammenhänge unseres eigenen Lebens. Es mag zwar eine Weihnachtspause geben, aber sie kann letztlich nicht hinwegtäuschen über die Probleme, deren Lösungen dringend anstehen. Im Neuen Jahr werden sie sich unerbittlich wieder zu Wort melden: das drängende Problem des Klimawandels, die Bewältigung der Schuldenkrise in Europa, die Krisenphänomene und Umbrüche in unserer Kirche ... Und jeder von uns wird leicht weitere Problemlagen aus seinem unmittelbaren Lebensumfeld anfügen können.

Wie können wir da an Weihnachten vollmundig von der Welterlösung reden und singen, wenn wir nicht einmal die Lösungen zustande bringen, zu denen wir durchaus die Schlüssel in den Händen hätten? Wahrscheinlich liegt die Antwort gerade darin, dass wir andersherum denken müssen: Wir tun uns – leider auch als Christen - mit den konkreten Lösungen oft so schwer, weil wir zu wenig von Erlösung reden, weil wir zu wenig von der Erlösung her denken, weil wir zu wenig von ihr her leben. Was meine ich damit?

Fragen wir uns zunächst, worin denn eigentlich das Erlösende von Weihnachten besteht: Wenn Gott in Jesus Christus Mensch wird und dabei Gott bleibt, wie wir bekennen, wenn er also wahrer Gott und wahrer Mensch ist (»der Sohn, der am Herzen des Vaters ruht«: Joh 1,18), dann ist die Welt nicht mehr ein in sich geschlossenes System, dann dreht sich die Erde nicht mehr bloß um sich selbst. Dann gibt es ein ganz neues Zueinander und Offensein füreinander zwischen Himmel und Erde. Der Schweizer Theologe H. U. von Balthasar hat es einmal so auf den Punkt gebracht: »Weihnachten ist nicht ein innergeschichtliches Ereignis, sondern der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit.« »Als die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel«, so heißt es im alttestamentlichen Buch der Weisheit (18,14f). Der Satz erinnert an die Nacht des Pascha, des Auszugs aus Ägypten. Christliche Tradition hat diesen Vers aber immer auch verstanden als Hinweis auf das Kommen Jesu in der Nacht von Bethlehem. Wenn es aber wahr ist, dass Weihnachten »der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit ist, dann ist auch Ostern kein bloß innergeschichtliches Ereignis, »sondern der Ausbruch des Auferstandenen aus der Geschichte in die Ewigkeit.« Die Öffnung, die dadurch zwischen Himmel und Erde entstanden ist, mag man nicht glauben, man mag sie ignorieren, mag sie nicht sehen wollen, aber sie wird sich nicht mehr schließen. Wer sie aber glaubt, dem wird ein neues Lebensgefühl geschenkt. Der sieht die Welt mit anderen Augen. Weihnachten zu feiern als Fest der Erlösung heißt, die weihnachtliche Öffnung der Welt zu feiern, ihre Befreiung aus der Selbstverschlossenheit, in die sie sich so oft hineinmanövriert.

Könnte es also nicht so sein, dass die konkreten Lösungen, die wir für die konkreten Probleme unserer Welt brauchen, sich leichter finden lassen, wenn wir glauben dürfen, schon erlöst zu sein, das heißt, wenn wir aus dem gläubigen Bewusstsein heraus leben, für unsere Probleme und ihre Lösungen nicht bloß zurückgeworfen zu sein auf uns selbst. Gott selbst hat uns an Weihnachten eine Tür geöffnet, die wir durchschreiten sollen in die Weite seiner Weisheit und Liebe hinein. Um mich nicht falsch zu verstehen, liebe Schwestern und Brüder: Das Geschenk der Erlösung macht nicht die Lösungen überflüssig, zu denen wir herausgefordert sind. Doch wie oft denken wir: »Erst müssen die konkreten Dinge gelöst werden, danach können wir uns mit den grundsätzlichen Fragen dieser Welt beschäftigen.« Unsere Sprache ist verräterisch: »Wir können die Welt nicht erlösen«, sagen wir, und das stimmt ja. Wir können die Welt nicht erlösen. Sollten wir damit aber meinen, dass die Welt letztlich nicht mehr zu retten ist, dann hätten wir sie schon aufgegeben. Das aber wäre ein Ausdruck mangelnden Glaubens und mangelnder Hoffnung.

Also: Nicht von den Lösungen her kommt die Erlösung. Erlösung ist nicht die Summe aller Lösungen. Nein, umgekehrt: Von der Erlösung her kommen leichter Lösungen in Sicht. Vieles in Kirche und Gesellschaft kommt uns deshalb so schwer und krampfig vor, weil uns der große Atem der Erlösten ausgegangen ist und wir zu sehr den rein pragmatisch-technischen Lösungen hinterherhecheln. Wo nicht der große Atem der Erlösung spürbar ist, da geht uns auch die Puste für Visionen aus.

Das klingt groß, aber es lässt sich durchaus in die kleine Münze der alltäglichen Erfahrung umwechseln. Ich will es an einem einfachen Beispiel illustrieren, das sich für mich mit der zurückliegenden Adventszeit verbindet: Unter den vielen Ideen zur Gestaltung des Vorbereitungsjahres auf die Heilig-Rock-Wallfahrt gibt es auch die Anregung, »Exerzitien im Alltag« zu machen. Für solche Exerzitien muss man nicht seine alltägliche Umgebung verlassen und in ein Kloster gehen. Man reserviert sich aber über einen bestimmten Zeitraum (z. B. für vier Wochen) feste Meditationszeiten am Tag und trifft sich regelmäßig in einer Gruppe von Gleichgesinnten, um sich über das Erlebte auszutauschen. Zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bischofshaus bin ich im Advent einen solchen Exerzitienweg gegangen. Einmal pro Woche haben wir uns zum Austausch getroffen. Wir haben uns gegenseitig berichtet, ob und wie uns die vorgeschlagenen Texte angesprochen haben, haben uns Rechenschaft darüber gegeben, wie sich das Wort Gottes mit unserem Alltag verbunden hat. Die Erfahrung war für mich bewegend. Denn sie warf ein neues, bisher ungewohntes Licht auf unsere alltägliche Arbeit im Haus und auf unser Miteinander als Dienstgemeinschaft. Von der Heiligen Schrift her wurde eine überraschende Weite spürbar: Sie half zu einer größeren Gelassenheit auch im Blick auf die anfallenden Aufgaben.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist nur ein kleines Beispiel. Vielleicht können Sie mit eigenen, ähnlichen Erfahrungen daran anknüpfen. Ich wünsche es Ihnen jedenfalls. In diesen weihnachtlichen Tagen werden wir immer wieder auf Krippendarstellungen stoßen in unseren Häusern, in den Kirchen, auf Bildern. Werfen wir nicht nur einen flüchtigen Blick auf sie, sondern nehmen wir wenigstens für einen kurzen Moment das Kind bewusst in den Blick. In ihm steht uns der Himmel offen. Wir brauchen nicht den fernen Horizont nach Auswegen abzusuchen. Hier ist die offene Tür, durch die das Leben Gottes zu uns hereinflutet. Gehen wir nicht achtlos an ihr vorbei. Amen

Weiteres:

Erlösung ist nicht die Summe aller Lösungen

in der Predigt