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Der Kern der Erlösung:

Sich immer wieder von der atemberaubenden Liebe Jesu treffen lassen

Predigt in der Gründonnerstags-Liturgie am 18. April 2019 im Trierer Dom

Liebe Schwestern und Brüder!

Aus den Wochen der Fastenzeit hat sich mir eine Begebenheit ganz besonders eingeprägt: Ich denke an die Begegnung mit einem 80-jährigen Mann, den die krisenhafte Situation, in der sich die katholische Kirche nicht nur bei uns aktuell befindet, sehr belastet. In einem kurzen Gespräch hat er mir anvertraut, dass sich für ihn sogar die Frage stelle, ob er weiterhin Mitglied dieser Kirche bleiben könne angesichts der Abgründe, die weltweit im Handeln von Amtsträgern sichtbar würden und angesichts der scheinbaren Reformunfähigkeit der Kirchenleitung. Fast flehentlich bat dieser alte Herr, dem seine Liebe zur Kirche deutlich anzumerken war, darum: „Herr Bischof, sorgen Sie mit dafür, dass es zu Reformschritten kommt, andernfalls habe ich Angst, dass ich mich von der Kirche distanzieren muss.“

Eine bewegende Begegnung

Mich hat dieses Gespräch aus mehreren Gründen sehr bewegt. Zunächst ging mir durch den Kopf: Was muss passieren, damit ein Mensch, der in der Kirche großgeworden ist und über lange Jahrzehnte eng in und mit der Kirche gelebt hat, Angst bekommt, er könne an einen Punkt geraten, an dem er sich aus Gewissensgründen von dieser Gemeinschaft trennen muss?! Das Gespräch hat mich natürlich auch deshalb bewegt, weil ich den Erwartungsdruck gespürt habe, den eine solche Aussage auf mich als Bischof ausübt.

Und schließlich musste ich nachdenken über mein eigenes Verhältnis zu Jesus und zur Kirche. Kann es tatsächlich soweit kommen, dass ich, um meinen Glauben an Jesus Christus zu retten, mich von der Kirche distanzieren muss? Denn so hatte ich meinen Gesprächspartner verstanden: Es ging ihm nicht darum, den Glauben an Gott und an das Evangelium aufzugeben. Im Gegenteil: Um diesen Glauben nicht zu verlieren, sah er sich unter Umständen genötigt, die unglaubwürdige Kirche zu verlassen.

Zweifel in den eigenen Reihen bis hin zu Verrat und Verleugnung

Der folgende Vergleich mag ein wenig gewagt sein: Doch ist dies nicht eigentlich die Situation, in der Jesus am Abend vor seinem Leiden steht? Natürlich, im Laufe seines Auftretens hat die Feindschaft seiner Gegner zugenommen. Der Konflikt um seine Botschaft und seinen Auftrag hat sich mehr und mehr zugespitzt. Aber da sind ja nicht nur die Gegner von außen, sondern es gibt den Zweifel in den eigenen Reihen, und er wird zunehmen bis hin zu Verrat und Verleugnung. Es zeichnet sich schon ab, wie sehr die Gemeinschaft um Jesus in weiten Teilen versagen wird. Man könnte sagen, dass schon bei Jesus der Satz gilt: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr …

Wäre es nicht verständlich, wenn Jesus, um die Reinheit seiner Botschaft und die Glaubwürdigkeit seines Einsatzes zu retten, sich von den Jüngern lossagen würde? Wäre es nicht richtig, sich um der Ehre Gottes willen von dieser Truppe zu distanzieren? Der Herr weiß doch schon, dass von ihnen, bis auf wenige Ausnahmen (darunter insbesondere die Frauen) keine Unterstützung, kein Mitgehen zu erwarten sein wird. Im Gegenteil: Mit ihrem Handeln machen die Jünger deutlich, dass sie auch nach drei Jahren, die sie in Jesu Schule gegangen sind, ja sogar für ihn und in seinem Namen das Reich Gottes verkündet haben, eigentlich nichts davon verstanden haben. Denn sie denken nicht in seinem Sinn. Sie denken vor allem an sich.

Jesus distanziert sich nicht, das ist unsere Rettung!

Was macht Jesus? Er tut gerade nicht das, was menschlich gesehen das Naheliegendste gewesen wäre, sondern er tut das komplette Gegenteil: Er distanziert sich nicht, sondern er verbindet sich mit ihnen enger als je zuvor: Er macht sich in der Fußwaschung vor ihnen klein, macht sich zu ihrem Diener, obwohl er weiß, dass er aus ihrem Kreis verraten werden wird. Er liefert sich ihnen aus mit seiner ganzen Existenz, mit Fleisch und Blut, bezeichnet in den Gaben von Brot und Wein. Bevor er seinen Henkern ausgeliefert wird, liefert er sich aus freien Stücken aus in die Hände seine Jünger.

Und er wird dies nie mehr zurücknehmen. Er bindet sich an diesem Abend endgültig an sie, was auch kommen mag, wie sehr die Apostel und alle, die ihnen nachfolgen werden, ihn auch in Zukunft durch ihr Handeln bloßstellen und verraten werden. Jesus sieht dies alles schon kommen: Nach meiner Überzeugung sieht er in dieser Situation nicht bloß das, was in den nächsten Stunden geschehen wird. Vielmehr sieht er in seiner Einsamkeit im Garten von Getsemani schon den Verrat, die Dunkelheiten, die Bosheiten, die Scheußlichkeiten der ganzen Kirchen-, ja der ganzen Menschheitsgeschichte. Das treibt ihm den Blutschweiß auf die Stirn, nicht die Angst um sein eigenes Geschick. In diesem Gebet und in dieser Verlassenheit lässt er die Sünde der Menschheit ein in sich und damit in die Beziehung zu Gott, seinem Vater. Dass sich Jesus eben davon nicht distanziert, um sich rein zu halten, das ist unsere Rettung. Das ist der Kern der Erlösung!

Das Evangelium gibt es nicht ohne die Gemeinschaft derer, die den Namen Jesu Christi tragen

Liebe Schwestern und Brüder, verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Mir geht es nicht um eine vorschnelle Absolution. Mir geht es auch nicht darum, Versagen, Schuld und Verbrechen kleinzureden. Überhaupt nicht. Wir haben unsere Verantwortung wahrzunehmen. Damit wir es aber überhaupt können, ohne an der Welt, an der Kirche, an uns selbst zu verzweifeln, öffnet uns Gott seinen Weg der Rettung.

Das hat aber eine Konsequenz: Wenn Gott selbst sich so an seine Kirche und damit an fehlbare Menschen gebunden hat, dann sind auch wir an die Kirche gebunden. Dann gibt es das Evangelium nicht ohne die Kirche, nicht ohne die konkrete Gemeinschaft derer, die den Namen Jesu Christi tragen, mögen sie auch noch so oft Versager und Sünder sein. Der Kirche ist das Evangelium anvertraut, weil Jesus selbst sich in der Nacht vor seinem Leiden den Aposteln anvertraut hat.

Die Trennung von der Kirche Jesu Christi ist keine Alternative

Deshalb ist die Trennung von der Kirche Jesu Christi keine Alternative. Wollen wir Jesus begegnen, kommen wir von der Kirche nicht los, so wenig, wie er selbst sich von ihr lossagt. Die wahre Alternative besteht darin, uns immer neu von seiner atemberaubenden Liebe betreffen zu lassen und uns zu ihm hin zu bekehren, um uns in unserem Denken und Handeln tiefer von ihm prägen und verwandeln zu lassen. Vollziehen wir in diesem Sinne jetzt die Geste der Fußwaschung, und feiern wir das Sakrament der Eucharistie.

Weiteres:

Gründonnerstag 2019

in der Predigt