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Predigt von Bischof Dr. Stephan Ackermann zum Heilig-Rock-Fest 2020

Gottes Heilmittel: Liebe und Solidarität

„Im Blick auf den Heiligen Rock können wir in diesem Jahr nicht nur dankbar dafür sein, dass der Gottessohn „Menschenkleid“ getragen hat, wie wir in unseren Heilig Rock-Liedern singen, sondern besonders dafür, dass er dieses Kleid abgelegt hat, um uns Menschen in allem gleich zu sein, gerade auch in unserer Verletzlichkeit und Schwäche.“ Das hat Bischof Dr. Stephan Ackermann am Fest des Heiligen Rocks (24. April) in seiner Predigt beim nicht-öffentlich, aber live gestreamten Gottesdienst im Trierer Dom betont. Wer daran glaube, könne zuversichtlicher mit den Schwächen der menschlichen Existenz umgehen; könne Unsicherheiten tragen und aushalten.

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Wir dokumentieren die Predigt im Wortlaut:

Zu den biblischen Lesungen, die für die Feier des Heilig-Rock-Festes vorgeschlagen werden, gehört auch der Abschnitt aus dem Buch Genesis, aus der Paradieserzählung, oder – wie wir umgangssprachlich sagen: Die Geschichte vom Sündenfall.

Das mag uns im ersten Moment verwundern. Was hat das mit dem Heiligen Rock zu tun?

Aber auf den zweiten Blick wird doch klar, worin die Verbindung zum Heilig-Rock-Fest besteht: Das verbindende Motiv ist die Nacktheit des Menschen. Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, erkennen sie, dass sie nackt sind (Gen 3,7). Und das Evangelium, das wir immer zum Heilig-Rock-Fest hören, berichtet, dass die römischen Soldaten Jesus vor der Kreuzigung die Kleider ausziehen, um seine letzten Habseligkeiten noch zu verlosen. Adam – Eva – Christus: Der Mensch in seiner Blöße und in seiner Verletzlichkeit. Davon sprechen die Texte.

Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit werden deutlich

Lenkt nicht die aktuelle Situation der Corona-Pandemie am heutigen Festtag unseren Blick gerade auf diesen Aspekt? Denn das Coronavirus lässt uns Menschen des 21. Jahrhunderts in nie gekannter Weise unsere Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit deutlich werden:

  • Wir fühlen uns als Einzelne gegenüber dem Virus schwach und verletzlich, solange es noch kein Medikament und keinen Impfstoff gibt.
  • Wir fühlen uns als Gesellschaften, als Nationen, ja als Weltgemeinschaft, nicht genügend vorbereitet auf eine solche Situation. Zugleich werden die Blößen mangelnder Verständigung und Kooperation deutlich.
  • Und auch als Glaubensgemeinschaft, als Kirche müssen wir zugeben, dass wir gegen das Virus und seine Auswirkungen kein Allheilmittel haben.

Einfache Antworten von Besserwissern, Populisten und Fundamentalisten klingen besonders widerwärtig

Ja, wir müssen sogar achtgeben, dass wir nicht auf unsere Weise zu einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus beitragen – deshalb der schmerzliche Verzicht auf die öffentlichen Gottesdienste. Einfache Antworten von Besserwissern, Populisten oder religiösen Fundamentalisten klingen besonders widerwärtig in einer Zeit, in der einerseits die Politik versucht, verantwortliche Lösungen zu finden und andererseits gerade schwache, alte und arme Menschen gefährdet sind.

Geben wir es zu: Wir stehen, bildlich gesprochen, ziemlich blank und nackt da. Wir tasten uns allesamt in der Bewältigung der Krise nur Schritt für Schritt vor. Da ist kein Masterplan weder persönlich, noch medizinisch, noch politisch und gesellschaftlich, noch religiös-kirchlich … Wer anderes behauptet, ist ein Scharlatan und gibt das berühmte „Feigenblatt“ als Schutzanzug aus …

Biblische Botschaft ist ehrlich, weil sie Schwäche nicht überspielt

Die biblische Botschaft, gerade auch die Botschaft vom Heilig-Rock-Fest, hat uns in dieser Situation viel zu sagen, weil sie ehrlich und tröstlich zugleich ist:

Die biblische Botschaft ist ehrlich, weil sie das Gefährdetsein und die Schwäche des Menschen nicht überspielt. Aber sie ist schon in der Erzählung der Genesis auch tröstlich und ermutigend zugleich. Denn die Paradieserzählung spricht ja nicht nur vom Menschen als dem Wesen, das verführbar und schwach ist. Sondern sie spricht zunächst vom Menschen in seiner Würde; spricht vom Menschen, der im Unterschied zu allen anderen Geschöpfen nach dem Abbild Gottes geschaffen ist. Das bleibt. Das nimmt Gott nicht zurück, aber Größe und Würde des Menschen sind verwundet und bleiben gefährdet. Auch das gehört zur Wahrheit über den Menschen.

Augen für die Größe und Gefährdung des menschlichen Lebens

Wer der biblischen Botschaft vertraut, erhält die Fähigkeit, beides zu sehen und gelten zu lassen. Die biblische Botschaft bewahrt davor, in Einseitigkeiten zu verfallen. Zu diesen Einseitigkeiten gehört sowohl der Größenwahn, der glaubt, dass der Mensch alles könne und dürfe. Zu diesen Einseitigkeiten gehört aber auch die Haltung, die den Menschen wegen seiner Fehler und Schwächen verachtet. Für beide Haltungen gibt es in der Menschheitsgeschichte genug Beispiele. Wer der biblischen Botschaft glaubt, hat Augen für beides: für die Größe und die Gefährdung des menschlichen Lebens.

Denken wir an die aktuelle Situation: Wir dürfen staunen darüber, wozu der Mensch fähig ist im Guten (erst recht da, wo wir gemeinsam unsere besten Kräfte mobilisieren), und wir müssen zugleich mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen, wozu der Mensch fähig ist im Bösen, wenn ungehindert der Egoismus regiert.

Gott sorgt sich um das Wohl des Menschen

Die biblische Botschaft ist im Blick auf den Menschen nüchtern und zuversichtlich zugleich. Vor allem aber ist sie tröstlich im Blick darauf, wie Gott zum Menschen steht und wie er an uns handelt.

Schauen wir noch einmal kurz auf die Genesiserzählung: Ja, es ist so: Gott stellt den Menschen zur Rede: Wo bist du? Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Der Mensch soll der Wahrheit nicht ausweichen, soll sich auch der Realität seines Fehlverhaltens stellen. Daran geht Gott nicht vorbei.

Aber Gott belässt es auch nicht dabei. Er hat kein Interesse daran, den Menschen zu entblößen, um ihn bloßzustellen und nackt stehen zu lassen. Im Gegenteil: Gott sorgt sich um das Wohl des Menschen. Das haben die biblischen Schriftsteller der Genesis in das wunderbare Bild gepackt, dass Gott selbst dem Menschen gegen seine Nacktheit „Röcke aus Fellen“ macht und Adam und Eva damit bekleidet, ihnen sozusagen einen schützenden Mantel umhängt … (Gen 3,21)

Gottes Weg ist Hinschauen und Sich-Aussetzen

Aber viel wichtiger und viel schöner noch ist das, was uns das Evangelium vom heutigen Festtag berichtet: Gott lässt es nicht dabei, den Menschen aus erhabener Ferne zu bekleiden. Stattdessen wird er aus Liebe zum Menschen selbst Mensch bis hin zur völligen Entblößung. Am Ende hängt er selbst nackt und hilflos am Kreuz.

Gottes Weg heißt nicht Zudecken und Wegschauen. Sein Weg heißt Hinschauen und Sich-Aussetzen. Seine Heilmittel: Solidarität und Liebe zu uns Menschen bis zum Äußersten. Gott heilt die Wunden der alten Schöpfung, in dem er sich selbst in Jesus verwundbar macht und verwunden lässt.

Empfindsam für das Leben in seinen Höhen und Tiefen

Wenn Paulus dann den Galatern schreibt – wir haben es eben in der zweiten Lesung gehört: Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt (Gal 3,27), dann ist dieses Gewand keine Art von Schutzausrüstung, an der alles abperlt und die die Christen im Unterschied zu allen anderen unverwundbar machen würde. Vielmehr soll dieses Gewand, d. h. seine Botschaft, für uns zu einer Art zweiter Haut werden, die uns nach dem Vorbild Jesu empfindsam macht für das Leben in seinen Höhen und Tiefen und vor allem für die Menschen, unter denen wir leben.

Zuversichtlich mit den Schwächen der menschlichen Existenz umgehen

Liebe Schwestern und Brüder, den Heiligen Rock, den wir in unserem Dom aufbewahren und verehren, verstehen wir als eine Ikone für Jesus Christus selbst. Im Blick auf den Heiligen Rock können wir in diesem Jahr nicht nur dankbar dafür sein, dass er, der Gottessohn, „Menschenkleid“ getragen hat, wie wir in unseren Heilig Rock-Liedern singen, sondern besonders dafür, dass er dieses Kleid abgelegt hat, um uns Menschen in allem gleich zu sein (vgl. Hebr 4,15), gerade auch in unserer Verletzlichkeit und Schwäche.

Weil wir daran glauben, können wir zuversichtlicher mit den Schwächen unserer menschlichen Existenz umgehen; können wir Unsicherheiten, in die wir hineingestellt sind, tragen und aushalten.

Es wäre schön, wenn man diese Eigenschaften gerade uns Trierer Christen anmerken würde!

Amen. Halleluja.

Weiteres:

Heilig-Rock-Fest 2020

in der Predigt