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"Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich:..."

„…denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“

Predigt in der Karfreitags-Liturgie am 19. April 2019 im Trierer Dom

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst, so beten wir beim Kreuzweg. So hat eben die Kantorin vor der Passion gesungen, und so wird es nachher auch noch einmal der Chor singen, wenn wir zur Grablegung in die Liebfrauenkirche gehen.

Die Welt sieht nicht erlöst aus, auch die Kirche nicht

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. Die meisten von uns haben diesen Ruf schon oft gesungen und gebetet, doch sind wir uns eigentlich der Tragweite dessen bewusst, was wir da beten? Oder noch zugespitzter gefragt: Was besagt eigentlich diese Aussage, und wie kann man ihr glauben? Denn die Welt sieht überhaupt nicht erlöst aus, auch 2000 Jahre später nicht: Denken wir nur die unzähligen Konflikte im Großen und Kleinen, im Gesellschaftlichen wie im Privaten. Haben wir in den internationalen Zusammenhängen nicht den Eindruck, dass Lösungen eher in die Ferne rücken und Verwicklungen und Komplexität zunehmen? Jedenfalls sieht es nicht so aus, als ob konsequent mit vereinten Kräften Schritt um Schritt die großen Problemen unserer Welt abgearbeitet würden: Die Fragen der internationalen Gerechtigkeit, der Bewahrung der Schöpfung und des Klimaschutzes und die damit zusammenhängenden Fragen von Migration und Flucht …

Verschweigen wir auch nicht die Situation unserer Kirche: Von vielen außerhalb und innerhalb wird sie aktuell wahrlich nicht als ein Raum eines erlösten Miteinanders wahrgenommen, als ein Ort, an dem man befreit aufatmen kann.

Und, liebe Schwestern und Brüder, sicher können Sie aus Ihrer ganz persönlichen Lebenswelt noch genug Beispiele dazulegen, die ebenfalls zeigen, wie viel in unserer Welt ungelöst ist: unbeantwortete Fragen, schuldbeladene Konflikte, persönliche Sackgassen, in denen Menschen stecken und nicht wissen, ob und wie sie dort herauskommen sollen …

Was macht den Unterschied aus zwischen Jesus und anderen Friedensstiftern?

Und doch singen und beten wir unbeirrt: Wir beten dich an, Jesus Christus: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. Ist das Ignoranz? Ist das Trotz? Wie soll es angehen, dass dieser eine, Jesus Christus, die ganze Welt erlöst haben soll? Mag ja sein, dass er mit seiner Botschaft von Gerechtigkeit, Frieden und Liebe und mit seiner Weise zu handeln durchaus einen Weg aufgezeigt hat, der zur Lösung vieler Konflikte beitragen würde. Wenn sich mehr Menschen nach seinem Beispiel richten würden, dann sähe die Welt sicher friedlicher und erlöster aus. Aber erstens tun das die allermeisten Menschen leider nicht (und auch wir selbst gehören oft genug dazu); und zweitens ließen sich auch noch andere Friedensstifter der Welt- und Religionsgeschichte nennen, die ähnlich wie Jesus ihr Leben für ihr Ideal geopfert haben und von denen man nicht sagen würde, sie hätten die ganze Welt erlöst.

Was macht also den Unterschied zwischen Jesus und anderen Friedensstiftern? Ein Unterschied besteht in der Tat nur dann, wenn Jesus nicht nur der Prediger aus Nazaret war, ein Mensch unter Menschen, sondern wenn in ihm tatsächlich Gott gegenwärtig war; wenn gilt, was Paulus im Kolosserbrief bekennt: Er, Jesus ist das Ebenbild, die Ikone, des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15). Nur, wenn Jesus nicht bloß ein einzelner liebevoller Mensch mit einem extrem weiten Herzen war,

  • sondern wenn wir in ihm an Gott selbst rühren, wenn sich uns in Jesus der Zugang öffnet zu dem, der keine Grenzen kennt,

  • und wenn sozusagen im selben Atemzug Gott die Welt und die Menschen mit all ihrer Verstrickung, ihrer Schuld, ihrem Leid … an sich heranlässt.

Dann und nur dann öffnet sich die Tür aus den Sackgassen dieser Welt. Dann öffnet sich die Chance auf Erlösung.

Erlösung meint mehr als die Lösung einer bestimmten Frage

Nichts weniger aber feiern wir am Karfreitag. Zugegeben, die Erlösung ist noch nicht zu ihrer vollen Auswirkung bis in alle Winkel der Schöpfung gekommen. Das erleben wir jeden Tag. Aber die Grundlage ist gelegt. Der Kerker der Sinn- und Hoffnungslosigkeit ist bereits an einem entscheidenden Punkt aufgebrochen. Oder sagen wir: Der Kerker unserer Selbstverschlossenheit hat einen Riss bekommen! Hinter diesem Riss steht die Erlösung sozusagen als göttliches Reservoir zur Verfügung, ja, wartet darauf, dass wir daraus schöpfen. Dies geschieht, wenn wir Christus folgen und aus seinem Geist leben.

Im Deutschen haben wir ja den sprechenden Unterschied zwischen Lösung und Erlösung. Erlösung meint mehr und Umfassenderes als die Lösung einer bestimmten Frage oder eines bestimmten Problems. Sie ist andererseits aber auch nicht die Lösung aller Probleme. Sie liegt auf einer anderen Ebene, und sie nimmt uns Menschen nicht aus dem Spiel und aus der Verantwortung, Lösungen zu finden für die Fragen, die sich stellen.

Wer aber als Christ aus der Kraft der Erlösung lebt, dem eröffnet sie neue Perspektiven und ein ganz besonderes Lebensgefühl. Denn sie vermag Gelassenheit zu schenken und Hoffnung für die Situationen (etwa im zwischenmenschlichen Bereich), von denen wir wissen, dass es rein menschlich und innerweltlich für sie keine Lösungen gibt. Für diese Fragen und Situationen dürfen gläubige Menschen darauf hoffen, dass es einmal eine Erlösung gibt, die jenseits unserer Möglichkeiten liegt. Das ist dann Ostern!

Durch das Kreuz öffnet sich der unendliche Horizont des Himmels

Liebe Schwestern und Brüder, ich werde nachher das Passionskreuz enthüllen, auf das wir dann zur Verehrung zugehen. Auf ein Kreuz zuzugehen, ist für uns hier im Dom nichts Ungewöhnliches. Denn immer gehen wir, wenn wir in unserem Dom nach vorne gehen auf das Kreuz zu, das im Scheitel des Domes hoch oben in der Heilig-Rock-Kapelle hängt. Es ist gestaltet als Triumphkreuz. Deshalb war es seit dem Passionssonntag verhüllt. Ich lade Sie ein, dass Sie wenn Sie zur Kreuzverehrung nach vorne kommen, den Blick ruhig hin- und hergleiten lassen zwischen dem Passionskreuz vor dem Altar und dem goldenen Kreuz in der Heilig-Rock-Kapelle: Während das eine uns den Schmerz der Erlösung zeigt, zeigt uns das andere dessen Ergebnis, dessen Frucht: Die geschlossene Wand unserer Welt ist durchbrochen und hinter dem Kreuz, durch das Kreuz öffnet sich der unendliche Horizont des Himmels. Tatsächlich, durch sein heiliges Kreuz hat uns der Herr erlöst!

Weiteres:

Karfreitag 2019

in der Predigt