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Leben aus österlicher Verheißung

Predigt am Ostersonntag 2010 im Trierer Dom

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
Schwestern und Brüder im Glauben!

Wenn wir Ostern feiern, was feiern wir dann eigentlich? Nicht jeder Zeitgenosse weiß eine Antwort darauf. Das zeigen uns die Umfragen, die alle Jahre durchgeführt werden. Für den Gläubigen ist klar: Wir feiern die Auferstehung Jesu Christi. Anders gesagt: Wir feiern, dass der Mensch Jesus von Nazaret nach seinem grausamen Tod am Kreuz nicht im Tod geblieben, sondern von Gott auferweckt, das heißt mit neuem, unzerstörbarem Leben beschenkt worden ist. Denn Jesus von Nazaret war nicht irgendein Mensch, sondern derjenige, der in einer so einzigartig innigen Beziehung zu Gott stand, dass wir ihn als den Sohn Gottes bekennen. So hat auch er selbst sich verstanden.

Dass er nicht im Tod geblieben ist, ist das aber für uns ein Grund zu feiern? Ist das nicht eher ein Grund zur Depression? Denn wenn der Sohn Gottes von den Toten aufersteht, scheint das erstens nicht so verwunderlich zu sein und zweitens so einzigartig, dass es uns, die wir reine Menschenkinder sind, wenig hilft.

Ostern: Verheißung auch an uns

Solche Überlegungen hätten Recht, wenn es nicht gerade Jesus selbst gewesen wäre, der gesagt hat: »Wer auf meine Stimme hört und mir nachfolgt, wird das ewige Leben gewinnen« (vgl. Mt 10,38f; Joh 10,27f) oder: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben« (Joh 11,25f), oder in den Abschiedsreden an die Jünger: »Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten. Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin« (Joh 14,2f). Also: Jesus hat allen, die auf ihn hören und sich ihm anschließen, versprochen, dass auch ihnen das geschenkt wird, was er selbst am Ostermorgen erfahren durfte.

Doch was bedeutet das? Bloße Zukunftsmusik? Bisher sind das doch alles reine Versprechungen ... Kein Toter – von Jesus selbst abgesehen - ist bisher zurückgekommen und hat von der Welt jenseits der Todesgrenze berichtet. Und selbst diejenigen, die sog. Nahtoderfahrungen gemacht haben und davon berichten, waren eben nicht definitiv tot. Bisher ist das Ostern Jesu für uns nicht Gegenwart, sondern zuerst und vor allem Verheißung.

Doch werten wir die Verheißung, die Ostern bedeutet, nicht vorschnell ab. Denn eine Verheißung ist nicht einfach nichts! Eine Verheißung, das heißt eine kommende Realität, hat in der Regel schon konkrete Auswirkungen auf die Gegenwart.

Verheißungen bestimmen schon die Gegenwart

Was ich meine, möchte ich an einigen Vergleichen aus unserem Lebensalltag illustrieren: Hat nicht ein herannahender Urlaub Auswirkungen auf das Hier und Heute? Der Gedanke an den Urlaub lässt Vorfreude aufkommen, verändert positiv mein Lebensgefühl, obwohl es vielleicht in der aktuellen Situation dafür überhaupt keinen Anlass gibt. Im Blick auf den bevorstehenden Urlaub lässt sich manches verkraften, werden vielleicht Kräfte freigesetzt, die man sonst nicht gehabt hätte. Wenn man z. B. weiß, dass Anstrengungen im Beruf ein absehbares Ende haben oder wenigstens eine Unterbrechung erfahren, kann man sie leichter verkraften.

Nun mag dieses Beispiel ein wenig zu simpel erscheinen, weil die herannahende Realität des Urlaubs, sachlich überhaupt nichts zu tun hat mit dem konkreten Alltag, der bewältigt werden muss. Ich wähle also ein anderes Beispiel: In einer Familie kündigt sich die Geburt eines Kindes an: Selbst wenn das Baby noch nicht auf der Welt ist, werden entsprechende Vorkehrungen getroffen. Ein Kinderbett wird besorgt, vielleicht sogar die ganze Wohnung umorganisiert, um ein Kinderzimmer einzurichten.

Nehmen wir noch ein drittes Beispiel, auf das der Erfurter Bischof Joachim Wanke schon öfters hingewiesen hat: Nach der Wende und im Zuge der Osterweiterung der Europäischen Union gab es Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn, die für einige Zeit sog. Beitrittskandidaten waren. Sie gehörten in dieser Phase noch nicht zur EU, doch die Zugehörigkeit war schon in Aussicht gestellt. In dieser Phase haben diese Länder ihre nationale Politik bereits von europäischen Vorgaben leiten lassen. Das heißt: die erwartete Zukunft war zwar noch nicht voll realisiert, aber sie wirkte sich schon konkret auf die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation aus.

Ostern: Diese Verheißung wirkt schon heute

Ob das nicht ein hilfreiches Bild dafür ist, um zu verstehen, dass Ostern weder bloß ein Datum in der persönlich-individuellen Geschichte Jesu Christi ist, noch bloß ein Ereignis einer fernen Zukunft, sondern eine Wirklichkeit, die schon heute ihre Wirkung auf uns entfalten kann, wenn wir bereit sind, sie anzunehmen. Österliches Leben, nein christliches Leben insgesamt ist im Grunde ein Leben im Vorgriff: Im Glauben an den Auferstandenen nehmen wir etwas vorweg, was uns durch Jesus selbst versprochen, aber noch nicht voll verwirklicht ist.

Das Großartige daran ist, dass ein solches Lebensverständnis nicht von der konkreten Erde weg in eine utopische Traumwelt führt. Im Gegenteil: das österlich-christliche Lebensverständnis führt dazu, dass Menschen sich zum Handeln aufgerufen sehen. Das zeigt die Geschichte der Kirche, von den Aposteln angefangen. Von Ostern an und vor allem nach Pfingsten sind sie in die Welt hinausgegangen, um die Botschaft Jesu Christi zu verkünden.

Die Realität soll mit Gottes kommender Welt immer kompatibler werden

Denken wir noch einmal kurz an das Beispiel der Eltern, die sich auf ihr Kind einstellen, und an die Staaten, die sich als Beitrittskandidaten Schritt um Schritt auf die Zugehörigkeit zur Europäischen Union vorbereiteten. Ähnliches gilt für das christliche Handeln und Leben: Es ist nicht beliebig, sondern will schon hier und heute mit dazu beitragen, dass die kommende Welt Gottes und die Welt, in der wir aktuell leben, besser zueinander passen, »kompatibler« zueinander werden, anstatt verständnislos aufeinander zu prallen. Deshalb treten Christen für das ein, was das Herzensanliegen Jesu war: Die Achtung vor dem Geheimnis des Lebens, der Respekt vor der Würde des anderen, besonders des Armen und Schwachen, und die geschwisterliche Liebe. Wenn Christen auf diese Weise zu einer Annäherung zwischen der Welt Gottes und der Welt der Menschen beitragen, verhelfen sie Ostern zum Durchbruch. Sie tun dies nicht nur für sich, sondern tragen zur Vermenschlichung unserer Erde insgesamt bei.

»Ihr seid mit Christus auferweckt«, schreibt der Apostel im Brief an die Christen in Kolossä (3,1). Wenn wir es nicht schon so oft gehört hätten, würden wir diesen Ruf als Falschmeldung abtun. Denn wir haben den Tod noch vor uns. Wenn es aber stimmt, dass christliches Leben immer schon Leben im Vorgriff auf das ist, was der Auferstandene uns versprochen hat, dann ist das neue Leben tatsächlich Realität schon heute, und nicht nur für ihn, sondern auch für uns. Amen, Halleluja.

Weiteres:

Leben aus österlicher Verheißung

in der Predigt