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Lebendigkeit spüren

Bischof Stephan Ackermann predigt im Oster-Hochamt 2011 im Trierer Dom

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
Schwestern und Brüder im Glauben!

Es ist ein inzwischen schon vertrautes Ritual: Rechtzeitig zum Osterfest wird in der Presse vermeldet, dass in unserem Land die Zahl der Menschen, die noch an die Auferstehung glauben, immer mehr abnimmt. Nun könnte man dieses Ritual auf sich beruhen lassen, wenn es nicht mit dem Hinweis versehen wäre, dass diese Entwicklung nicht einfach ein allgemeingesellschaftliches Phänomen unseres christlich geprägten Abendlandes ist, sondern dass dieser Befund gerade auch für die Gläubigen selbst gilt. Christen verehren Jesus, ja, aber an die Auferstehung, an das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens, glauben sie nicht!

Zugegeben, die Auferstehung Jesu, die wir an Ostern feiern, ist nicht nur das zentrale, sondern auch eines der anspruchsvollsten, um nicht zu sagen: eines der schwierigsten Geheimnisse unseres Glaubens. Wie viele Theologen, Philosophen, aber auch Naturwissenschaftler haben sich schon mit dem Thema Auferstehung beschäftigt und dabei die Fragen gewälzt: Wie ist das zugegangen in jener Nacht vor dem ersten Tag der Woche, als der tote Jesus aus dieser Zeit in die Ewigkeit Gottes gegangen ist? War das Grab Jesu wirklich leer? Hat eine Verwandlung der Materie stattgefunden? Und wenn ja, wie? Von welcher Beschaffenheit ist wohl der Leib des Auferstandenen? etc. Muss man sich angesichts all dieser Fragen wundern, dass sich Menschen schwer tun, an die Auferstehung zu glauben und stattdessen Formen der Seelenwanderung für einleuchtender halten? Die Antwort kann ehrlicherweise nur lauten: Nein. Dass es uns schwer fällt, an das Wunder der Auferstehung zu glauben, ist eigentlich kein Wunder.

„Was ist das: von den Toten auferstehen“ – keine neue Frage

Damit befinden wir uns aber in keiner schlechten Gesellschaft. Denn die Menschen um Jesus, seine Freunde und Angehörigen, die Jünger und die Frauen, sie mochten nach der Katastrophe des Karfreitags auch nicht glauben, dass er auferstehen würde. Dabei hatte er selbst es ihnen persönlich sogar mehrmals vorhergesagt. So etwa den Aposteln Petrus, Johannes und Jakobus nach seiner Verklärung auf dem Berg Tabor. »Während sie den Berg hinabstiegen« so berichtet Markus, »verbot Jesus ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.« Und dann vermerkt der Evangelist eigens: »Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen« (Mk 9,9f). Zwar war den Jüngern als gläubigen Juden die Vorstellung einer Auferstehung nicht völlig unbekannt. Man erwartete sie aber erst für das Ende der Zeiten, zusammen mit dem Anbruch einer neuen Welt. Wenn es eine neue Welt geben würde, dann würde es auch eine neue Weise des Lebens geben. Das war plausibel. Doch eine Auferstehung zu Gott hin, schon während die alte Welt noch weiterbesteht, das war nicht vorgesehen und deshalb für die Jünger auch nicht verständlich. Dafür fehlten ihnen die Begriffe. Gleichwohl werden sie gespürt haben, dass Jesus mit seinen Ankündigungen, dass er auferstehen werde, keine Wiederbelebung meinte, wie sie beim toten Lazarus stattgefunden hatte, der in das normale Leben dieser Welt zurückgekehrt war. Die Auferstehung, von der Jesus für sich sprach, meint nicht die Rückkehr eines reanimierten Leichnams.

Der Auferstandene: ganz anders und doch er selbst

Im Grunde hat aber keiner derjenigen, denen Jesus sich an Ostern zeigt, an die Auferstehung geglaubt. Sie alle vermuten die Leiche im Grab, wollen dem Toten eine letzte Ehre erweisen, und müssen die irritierende Antwort des Engels hören: »Er ist nicht hier« (Mt 28,6). Damit hat keiner gerechnet. Etwas zugespitzt könnte man deshalb sagen: Auferstehung und Ostern war für die Jünger keine Sache des Glaubens, sondern eine Tatsache ihrer Erfahrung. Papst Benedikt hat dies im zweiten Band seines Jesusbuches noch einmal eindringlich herausgestellt: Die Jünger müssen von der Wirklichkeit der Auferstehung regelrecht überwältigt gewesen sein. Sie waren auf das, was ihnen da begegnete, nicht vorbereitet, aber sie konnten »nach allem anfänglichen Zögern und Verwundern sich der Realität nicht mehr widersetzen« (S. 270). Allerdings können sie das, was ihnen widerfahren ist, nur in Paradoxien beschreiben: Einerseits ist Jesus nach seiner Auferstehung nicht mehr gebunden an Raum und Zeit, und doch ist er berührbar. Jesus lädt ein zum Mahl und ist doch selbst keiner mehr, der auf menschliche Nahrung angewiesen wäre. Der Auferstandene kommt ihnen unbekannt vor (denken wir an Maria Magdalena und die Emmausjünger) und wird von ihnen doch erkannt als ihr Herr und Meister. Der Auferstandene kommt von sich aus auf sie zu, er sucht die Begegnung mit ihnen, aber im entscheidenden Augenblick entzieht er sich. Nach Ostern ist Jesus ganz anders, aber zugleich bleibt er auch ganz er selbst.

Unbeschreibliche Erfahrungen – unbeholfen beschrieben…

Diese Widersprüchlichkeiten, die den Erscheinungsberichten anhaften, erschweren unserer Vernunft den Zugang zu Ostern. Andererseits sind sie, davon ist der Papst überzeugt, gerade durch ihre scheinbare Unlogik ein Zeichen für die Echtheit, weil in den Berichten der – etwas unbeholfene – Versuch deutlich wird, eine bis dahin unbeschreibliche Erfahrung zu beschreiben (S. 292).

Erfahrung: Jesus lebt für uns

Auf den Punkt gebracht heißt die Erfahrung immer wieder: Er, Jesus, lebt – in einer ganz neuen Qualität des Seins! Darum dreht sich alles. Damit ist zugleich alles gesagt. Das ist die gute Nachricht von Ostern. Sie ist Grund zum Jubel: Denn wenn Jesus lebt, dann heißt das nicht nur, er, Jesus hat es gegen alle Widerstände »gepackt«; heißt das nicht nur, der Weg Jesu war der richtige und die Gegner Jesu waren im Unrecht. Nein, »Jesus lebt«, das heißt auch und vor allem: Jesus lebt für uns. Sein Leben und sein Wirken für uns gehen weiter. Sowenig wie Jesus vor seinem Tod nur für sich gelebt hat, wird er es nach seiner Auferstehung tun. Er bleibt der »Gott mit uns«. Deshalb ist sein Sieg über den Tod auch ein Sieg für uns. Sein Ostern ist auch unser Ostern. Das haben die Apostel sofort begriffen. Sie haben begriffen, weil sie es erfahren haben: Jesus nimmt weiter teil an unserem Leben. Er steht uns weiter zur Seite. Er setzt sich weiter für uns ein, bleibt uns weiter nahe. Ja, er kann dies alles sogar noch intensiver als zuvor: Denn als Auferstandener, der nicht mehr an die engen Grenzen seines Körpers gebunden ist, ist er uns noch näher als damals, als wir mit ihm, Schulter an Schulter, unterwegs waren. Und in seiner österlichen Kraft ist er noch machtvoller wirksam als vorher. Das ist die Osterfreude der Jünger. Diese Freude haben sie sich nicht durch einen Auferstehungsglauben verdient, sondern sie wurde ihnen einfach geschenkt. Obwohl die Osterzeugen es nicht glauben konnten, haben sie diese Freude erfahren.

Liebe Mitchristen! Ist das nicht erstaunlich und beruhigend zugleich?! Auferstehung und Ostern sind von ihrem Ursprung her keine Sache des Glaubens, sondern der Erfahrung! Es stellt sich nur die Frage: Wie kommen wir zu dieser Erfahrung? Wie wird denn uns diese Erfahrung zuteil? Was würden uns wohl die Osterzeugen raten, wenn wir ihnen diese Frage stellten?

Ostern erfahren: Bei Jesus und beieinander bleiben

Wahrscheinlich würden sie uns ganz schlicht sagen: »Bleibt bei Jesus und haltet Gemeinschaft untereinander!« Denn das ist es, was sie getan haben: Sie sind zum Grab gegangen, auch wenn sie ihre Hoffnungen, die sie auf Jesus gesetzt hatten, begraben hatten. Doch sie konnten von ihrem Meister nicht lassen. Am ergreifendsten zeigt dies das Beispiel der Maria Magdalena, die zum vermeintlichen Gärtner sagt: »Wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen« (Joh 20,15). Und: Auch wenn der Schrecken der Passion die Jünger versprengt hatte, nun finden sie wieder zusammen. Das zeigt der Lauf von Petrus und Johannes zum Grab, das zeigt der gemeinsame Fischfang am See Gennesaret, aber auch der Gang der beiden Emmausjünger. Indem sie von Jesus nicht lassen und festhalten an ihrer Gemeinschaft, öffnet sich der Raum, in den der Auferstandene eintreten und seine Lebendigkeit zeigen kann.

Kirche bleibt Gemeinschaft mit Jesus

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg bis heute gültig ist. Mögen wir auch erschrecken über den schwindenden Auferstehungsglauben unter den Christen heute, vielleicht bei uns selbst, so brauchen wir bei der Klage darüber nicht stehen zu bleiben. Entscheidend ist, dass wir Jesus und seine Botschaft nicht loslassen. Und: Mag die Gemeinschaft derjenigen, die den Namen Jesu Christi trägt, heute ebenso wenig glanzvoll erscheinen wie damals, ja mitunter regelrecht zum Davonlaufen sein, weil in ihr soviel Menschenfurcht, Feigheit und Versagen herrschen, so ist sie doch die Gemeinschaft, der sich Jesus versprochen hat und in der – trotz allem – mehr als irgendwo anders zu spüren ist: Ja, tatsächlich: Er lebt! Amen. Halleluja.

Weiteres:

Lebendigkeit spüren

in der Predigt