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Maria aus Magdala als Ur-Zeugin der Aufwerweckung Jesu Christi

"Was hast du auf dem Weg gesehen?"

Predigt im Osterhochamt im Trierer Dom - 1. April 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

Rechtzeitig zu Ostern kam der Film „Maria Magdalena“ in die Kinos, ein Leben-Jesu-Film mit einem besonderen Blick auf die Rolle der Maria Magdalena. Es ist kein skandalisierender, sondern ein spiritueller Film. Aber es geht in diesem Film auch um eine Rehabilitierung der Maria Magdalena, die nach Aussage des Films nicht von Dämonen besessen gewesen sei, wie es in den Evangelien heißt (Mk 16,9; Lk 8,2). Magdalena sei auch keine Sünderin gewesen. Das habe die Fantasie – vor allem der Männer in der Kirche – später aus ihr gemacht. Der Film zeigt Maria Magdalena als eine ungewöhnlich starke und einfühlsame Frau in der Nachfolge Jesu. Deshalb besteht zwischen ihr und Jesus eine besondere Nähe. Maria versteht Jesus besser als manch andere Jünger, was sie nicht nur für ihre Zeitgenossen verdächtig gemacht habe.

Ich möchte mit meiner Predigt den verschiedenen Filmkritiken nicht noch eine hinzufügen, sondern ich möchte von der Osterbotschaft her mit Ihnen auf diese ganz ungewöhnliche Frau unter den Jüngern und Jüngerinnen schauen. In der Tat ist Maria Magdalena nach dem Zeugnis der Evangelien die erste, der sich Jesus nach seiner Auferstehung zeigt – noch vor Petrus und allen anderen, die den innersten Kreis um Jesus bildeten. Das hat die Kirche nie vergessen oder gar verdrängt, obwohl damals nach jüdischer Überlieferung nur Männer als qualifizierte Zeugen (etwa vor Gericht) galten. Und die Jünger werden nach Ostern ja häufiger Rede und Antwort stehen müssen (vgl. Apg 4,1-20; 5,27-33; 6,12-7,60; 22-24). Die Kirche hat dies in ihren amtlichen Bekenntnissen respektiert, aber sie hat das Wissen um Maria Magdalena bewahrt. Mehr noch: Schon sehr früh bekam Maria Magdalena den Ehrentitel Apostola apostolorum, Apostelin der Apostel. Papst Franziskus hat deshalb vor zwei Jahren den Gedenktag der Maria Magdalena, der jedes Jahr am 22. Juli begangen wird, in den Rang eines Apostelfestes erhoben. Maria Magdalena wird nun liturgisch in derselben Weise verehrt wie die übrigen Apostel. Zugegeben, auf diese Idee hätten Päpste oder Bischöfe schon früher kommen können … (mehr bei katholisch.de)

Denn Maria Magdalena ist gewissermaßen die Urzeugin der Auferstehung. Von ihr aus nimmt die Osterbotschaft ihren Anfang. Deshalb spricht die sogenannte Ostersequenz sie an [Wir haben sie eben nach dem Evangelium gesungen]: Dic nobis Maria, quid vidisti in via? Dieser immerhin mehr als 900 Jahre alte Gesang fragt nicht den Petrus, den Sprecher des Apostelkreises. Nein, die Gläubigen, die so singen, wollen die Nachricht gewissermaßen aus allererster Hand, und deshalb wenden sie sich an Maria Magdalena – „Maria, sag, was hast du gesehen?“ Aber wie kam es dazu? Wie wurde ausgerechnet Maria Magdalena zur Apostelin der übrigen Apostel? Das Evangelium gibt uns keine direkte Antwort auf diese neugierige Frage, aber vielleicht können wir aus dem Text doch gewisse Rückschlüsse ziehen …

Maria versteht den Kern der Botschaft: Jesus selbst

Ich glaube, dass Maria von Magdala deshalb für diese Aufgabe prädestiniert war, weil sie tiefer als die Apostel verstanden hat, dass der Kern der Botschaft Jesu er selbst ist, seine Person. Die Nachfolge Jesu besteht eben nicht vor allem darin, eine Idee zu verstehen, und sei es die Idee des Reiches Gottes. Die Nachfolge Jesu besteht nicht darin, Jesu Programm zu begreifen und auszuführen. Das haben wohl die beiden Emmaus-Jünger gedacht. Denn im Unterschied zu Maria Magdalena besteht ihre Trauer vor allem darin, dass das Programm Jesu nicht aufgegangen ist: „Wir aber hatten gedacht, dass er der sei, der Israel erlösen werde …“ (vgl. Lk 24,21)

Für Maria ist die Beziehung zu Jesus das Entscheidende. Sie mag darin fast übertreiben, wenn sie den Engeln auf die Frage „Frau, warum weinst du?“ vorwurfsvoll sagt: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ (Joh 20,13) In ihrer Antwort tut sie so, als ob Jesus ihr ganz allein gehören würde… Aber gerade ihre Leidenschaft für Jesus bringt sie auf die richtige Spur. Es wird heutzutage vor allem von Frauen als abwertend empfunden, dass in der kirchlichen Tradition Maria von Magdala identifiziert wird mit der Sünderin (vgl. Lk 7,37-48) und derjenigen, die besessen war, aber vielleicht dürfen wir als Kern dieser Überlieferung doch festhalten, dass Maria eine leidenschaftlich Liebende war, dass diese Liebe sie zu Jesus geführt hat und dass sie in ihm ihre wahre Bestimmung gefunden hat.

Maria bleibt am Grab – mit dem langen Atem des Glaubens und der Liebe

Ich glaube, dass Maria Magdalena auch deshalb zur Apostelin der Apostel, zur Urzeugin der Auferstehung geworden ist, weil sie im Unterschied zu Petrus und Johannes beim Grab bleibt. Die beiden Apostel kommen, sie inspizieren das Grab, sie staunen, sie ahnen etwas, aber sie kehren rasch wieder nach Hause zurück (Joh 20,10). Maria aber bleibt. Sie verschweigt ihre Fragen und ihre Enttäuschung nicht. Sie gibt sich nicht zufrieden, aber sie gibt auch nicht auf. Sie klagt, aber sie bleibt. In dieser Haltung steht sie nicht nur für sich selbst, sondern wird zu einem Vorbild des glaubenden Menschen überhaupt: Der Glaubende ist nicht vor Enttäuschungen geschützt, beileibe nicht. Zum Glauben braucht es langen Atem. Das ist nicht einfach in einer Zeit wie heute, in der man schnell Ergebnisse sehen will, in der man Führungspersonen die berühmte Schonfrist von 100 Tagen gibt, um zu sehen, ob sie wirklich Hoffnungsträger sind oder nicht …

Der Glaube braucht einen langen Atem. Denn die Wahrheit des Glaubens zeigt sich nicht von jetzt auf gleich. Vorgestern habe ich mit unseren jungen Priesterkandidaten den Kreuzweg gebetet. Da hieß es an einer Station: Wir müssen erst das Kreuz tragen, bevor es uns trägt (Paul Claudel). Maria hat innerlich das Kreuz mitgetragen. Sie ist mit Jesus bis nach Golgotha gegangen (vgl. Joh 19,25). So geht sie auch zum Grab, nicht bloß kurz und pro forma, um sich zu verabschieden, sondern sie bleibt, weil sie liebt. Dadurch wird sie zur ersten, der der Auferstandene begegnet.

Maria ist offen für die Zukunft, die auf uns zukommt

Und schließlich: Trotz aller Trauer und Enttäuschung ist Maria bereit, sich einer neuen Erfahrung zu öffnen, eine neue Perspektive einzunehmen. Als Maria sich in das Grab hineinbeugt, ist sie noch ganz in ihrer Trauer gefangen, eingeschlossen in einen Käfig aus Tränen, fixiert auf ihr Bild von Jesus. Deshalb vermag sie den Auferstandenen nicht zu erkennen, sondern hält ihn für den Gärtner. Aber glücklicherweise ist sie doch nicht so in sich verschlossen, dass sie nicht ansprechbar wäre. Sie hört, wie Jesus sie anspricht. Mit seiner Stimme dringt er zu ihr durch. An ihr erkennt sie Jesus. Da wendet sie sich zu Jesus um, so sagt der Evangelist Johannes.

Hier geht es nicht bloß um eine äußere Bewegung. Hier geht es um viel mehr. In diesem Sich-Umwenden findet eine Art von Umwandlung statt: Bisher hat Maria zurückgeschaut, wollte sie mithilfe des Leichnams ihre kostbare Geschichte mit Jesus aufbewahren, konservieren, ja regelrecht einbalsamieren. Nun muss sie zu ihrer Überraschung erfahren, dass ihr Jesus nicht von rückwärts, aus der Erinnerung und d. h. aus der Vergangenheit entgegenkommt, sondern von vorne, aus der Zukunft! Das ist das verstörend Neue von Ostern: Der gekreuzigte Jesus geht seinen Jüngern voraus, weil er lebt (vgl. Joh 20,17/ Mk 16,7), und er kommt ihnen „von vorne“ entgegen aus Gottes Gegenwart. Indem Maria das erfährt und kapiert, wird sie den Aposteln zur Apostelin, wird sie ihnen zur Verkünderin, die sagt: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18), das bedeutet: Ich bin dem Jesus begegnet, der nicht mehr nur „mein Herr“ ist, sondern der wirklich der Herr des Lebens, der Herr aller ist.

Liebe Schwestern und Brüder, kehren wir noch einmal zu den Worten des uralten Osterliedes zurück, das sagt: Dic nobis Maria …? Maria, was hast du gesehen? Marias Antwort lautet nicht: „Ich sah nur noch eine leere Grabhöhle“, sondern: „Ich sah das Grab des lebendigen Christus.“ Danken wir mit der ganzen Kirche für das Zeugnis der Maria Magdalena. Es ist die Initialzündung für die Geschichte von Ostern, die bis heute nicht zu Ende ist und in der auch wir stehen. Amen, Halleluja.

Weiteres:

Ostern 2018

in der Predigt