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"Die Ostererfahrung steht allen offen"

Die Erfahrung des auferstandenen Jesus Christus ist kein Privileg der ersten Osterzeugen. Das hat Bischof Dr. Stephan Ackermann im nicht-öffentlichen, aber live übertragenen Osterhochamt (12. April) im Trierer Dom gesagt. Es gehöre zum Wesen der Ostererfahrung, dass sie all denen offensteht, die sich ihr öffnen: „Und damit steht sie auch uns offen.“

hier als Videodokumentation / und mit Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache.

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Predigt von Bischof Dr. Stephan Ackermann im Osterhochamt 2020

Erinnern Sie sich noch? Im Juni des vergangenen Jahres hat Papst Franziskus einen persönlichen Brief an die Katholiken in Deutschland geschrieben. Ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang. Mit diesem Brief zeigt der Papst sein Interesse an dem Reformweg, den die Kirche in unserem Land eingeschlagen hat, und er gibt Hinweise, damit dieser Weg ein geistlicher Weg wird, d. h. ein Weg aus dem Geist des Evangeliums Jesu heraus. Offensichtlich hatte der Papst Befürchtungen, dass der sogenannte Synodale Weg nur ein Weg kirchenpolitischer Debatten bleiben könnte.

Aus diesem wirklich brüderlichen Schreiben haben sich mir in besonderer Weise die letzten beiden Sätze eingeprägt. Es sind markante und österliche Sätze. Der Papst sagt: „Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu … Nichts soll stärker sein als das Leben Jesu, das uns vorantreibt!“ (Nr. 13[1]). Der Papst sieht das Leben Jesu also ganz eng mit seiner Auferstehung zusammen. Das Leben Jesu ist für Papst Franziskus nicht nur das Leben Jesu vor 2.000 Jahren von der Menschwerdung bis zu seiner Kreuzigung, sondern vor allem sein Leben nach Ostern, das Leben, das er mit jeder Generation neu lebt.

Jesus lebt und macht sich im Leben bemerkbar

Ist das nicht auch der eigentliche Sinn von Ostern? Zwar sagen wir: „Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu Christi; an Ostern ist Christus von den Toten auferweckt worden.“ Und das ist ja auch richtig. Aber die ursprüngliche Ostererfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu besteht darin, dass der Jesus, den sie am Kreuz hatten hängen sehen und der ins Grab gelegt worden war, lebt, d. h. sich ihnen als Lebendiger zeigt. Sie haben ja nicht die Auferweckung selbst gesehen. Kein Mensch war dabei, als Jesus aus dem Grab auferstanden ist. Dafür können die Jünger keine Zeugen sein. Wofür sie aber Zeugen sind, das ist die Erfahrung, dass Jesus in neuer Weise lebt und sich in ihrem Leben bemerkbar macht.

Ostern zeigt: Jesus ist nicht bloß ihr ehemaliger Lehrer und Meister, sondern er rührt sich, macht sich bemerkbar, zunächst durchaus irritierend, ja regelrecht erschreckend. Denn damit hatten die Jünger wahrhaftig nicht gerechnet. Mehr als einmal muss Jesus ihnen sagen: „Fürchtet euch nicht!“ (Mt 28,10/ Mk 16,8/ Lk 24,36). Denn sie meinen, einen Geist zu sehen (Lk 24,37), so machtvoll und so überraschend zugleich ist seine Lebendigkeit. Insofern hat der Papst recht, wenn er sagt: „Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu!“ Wir könnten auch sagen: Seien wir bereit, uns von der unbändigen Lebendigkeit des Auferstandenen überraschen zu lassen.

Die Lebendigkeitserfahrung der Osterzeugen

Aber woran, liebe Schwestern und Brüder, haben die Jüngerinnen und Jünger die Lebendigkeit Jesu bemerkt, die sie zunächst so durcheinanderbringt?

Aus den Texten lese ich drei hauptsächliche Formen von „Lebendigkeitserfahrung“ der Osterzeugen:

  1. Die Personen, die Jesus begegnen, fühlen sich von ihm persönlich gekannt und angesprochen: Wir haben es von Maria Magdalena eben wieder gehört (Joh 20,16); und auch das Herzbrennen der Emmausjünger ist eigentlich nichts anderes (Lk 24,32).
  2. Dem lebendigen Jesus zu begegnen, ist verbunden mit einer Sinnerfahrung: Wo vorher nur Fragen waren, Zweifel, existenzielle Einzelteile und Bruchstücke, die nicht zusammenzubringen sind, ergibt sich plötzlich doch ein größerer Zusammenhang, der einen Sinn ergibt.
  3. Den Menschen, denen Jesus begegnet, wird neuer Lebensmut geschenkt. Wo vorher Schwermut, Trauer und Ratlosigkeit dominierten, wächst den Menschen eine neue Energie zu, die nicht das Ergebnis von mehr Selbstdisziplin (und In-die-Hände-Spucken) ist, sondern von außen kommt, mit anderen Worten: Geschenk ist:

Maria kehrt zu den Aposteln zurück und sagt ihnen: Ich habe den Herrn gesehen, auch wenn sie für verrückt gehalten wird (Lk 24,11). Selbst die Emmausjünger, die vorher so entmutigt und müde waren und zu dem Unbekannten sagen: „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“ (Lk 24,29), sie treten noch im Dunkeln den Heimweg nach Jerusalem an.

Die Apostelgeschichte wird später immer und immer wieder davon berichten, mit welchem Mut und Freimut die Osterzeugen auftreten werden, nicht weil sie sich dies vorgenommen hätten, sondern weil da eine andere Energie am Werk war, der sie Raum gegeben haben (vgl z.B. Apg 4,13-20; 5,40-42).

Die Ostererfahrung steht allen offen, die sich ihr öffnen

Damit ist auch klar, liebe Schwestern und Brüder, dass die Erfahrung des Auferstandenen kein Privileg der Menschen von damals ist. Ihr Privileg bestand darin, dass sie als erste diese Erfahrung gemacht haben. Mit diesem Privileg verbunden ist zugleich der Auftrag, Worte zu finden für das, was „kein Auge vorher gesehen und kein Ohr je zuvor gehört“ hat (vgl. 1 Kor 2,9). Das sollen sie bezeugen und damit anderen die Tür zum lebendigen Jesus aufstoßen.

Aber es gehört zum Wesen der Ostererfahrung, dass sie all denen offensteht, die sich ihr öffnen. Und damit steht sie auch uns offen. Greifbar wird sie auch für uns in den Erfahrungen, die schon die ersten Zeugen erlebt haben: In der Erfahrung, von Jesus persönlich gekannt und angesprochen zu sein; in der Erfahrung, einen tieferen Sinn in dem erkennen zu können, was einen umgibt (wenn auch vielleicht erst in Umrissen); und in der Erfahrung, eine Ermutigung zu erleben, die ich mir nicht einfach selbst zugesprochen habe, sondern die Geschenk ist.

Die Kraft des Osterfestes neu entdecken

Liebe Schwestern und Brüder, die Kraft des Auferstandenen und damit die Kraft des Osterfestes wird durch die Corona-Krise nicht gemindert. Insofern kann man eigentlich nicht sagen, dass uns die Krise das Osterfest „vermiest“, wenigstens nicht in seiner Substanz, auch wenn uns natürlich so manches von dem versagt bleibt, was wir traditionell mit Ostern verbinden, und was wir hoffentlich im nächsten Jahr wieder praktizieren können.

Ob uns die Krise in diesen Tagen nicht nur zu einer vorübergehenden Nachdenklichkeit führt, sondern auf ihre Weise sogar hilft, die Kraft, die im Osterfest steckt, neu zu entdecken? Ich wünsche es Ihnen. Ich wünsche es uns. Wie schreibt Papst Franziskus: „Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu … Nicht soll stärker sein als das (österliche) Leben Jesu, das uns vorantreibt!“

Amen. Halleluja!

 


[1] Es ist ein Zitat aus dem päpstlichen Schreiben Evangelii Gaudium vom November 2013 (Nr. 3).

Weiteres:

Ostern 2020

in der Predigt