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Priesterweihe 2014: Weder Angst noch Routine

Furcht - Ehrfurcht - Respekt ...

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Eltern und Verwandten unserer Weihekandidaten, vor allem: liebe Weihekandidaten selbst!

Die Feier der Priesterweihe ist ein Ereignis dankbarer Freude. Denn mit ihr kommt ein jahrelanger Weg der Vorbereitung, des Prüfens, ja auch des Ringens zu seinem Ziel. Dann ist es endlich soweit. Die Priesterweihe ist aber auch eine Feier, die Respekt einflößt, weil in ihr ein Mensch nicht nur feierlich seinen Dienst antritt, sondern gewissermaßen sein ganzes Leben in die Hand nimmt und in dem Versprechen, das er öffentlich gibt, ganz darüber verfügt.

Die Priesterweihe flößt also bei aller dankbaren Freude auch Respekt ein, und sie ist, wenn wir ehrlich sind, in der Regel auch nicht ganz frei von Befürchtungen: „Wird das gut gehen? Werde ich der Berufung ein Leben lang treu bleiben können? Werde ich mit meinem priesterlichen Dienst und als Person angenommen werden von den Menschen, zu denen ich komme? Was wird alles auf mich zukommen? Werde ich dem Anspruch des Amtes genügen können? Wie wird sich die Kirche entwickeln?“ Das sind nicht nur die Fragen von Weihekandidaten. Ähnlich sind auch die Fragen von Familienangehörigen und Freunden. All diese Fragen lassen sich nicht als unstatthaft abweisen, sondern sind ernst zu nehmen.

Berufung löst Furcht aus

Der Blick in die Bibel zeigt, dass wir uns mit solchen Fragen durchaus nicht in schlechter Gesellschaft befinden: Wie oft äußern Menschen Furcht angesichts ihrer Berufung. Jesaja – wir haben es in der Lesung gehört - ruft bei seiner Berufung sogar aus: Weh mir, ich bin verloren. Und wie oft wird von Gottes Seite dagegengehalten: Fürchte dich nicht! Jemand hat ja angeblich einmal gezählt: 365 Mal - so viele Male wie das Jahr Tage hat - fände sich in der Bibel dieser Zuspruch. Im Evangelium haben wir ihn aus dem Mund Jesu gehört. Gleich drei Mal sagt er den Aposteln: Fürchtet euch nicht!

„Fürchtet euch nicht!“

Und welche Hilfe gibt Jesus gegen die Angst? Was setzt er ihr entgegen? Die Antwort ist irritierend: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann! Damit ist kein anderer gemeint als Gott selbst. Denn er hat die Macht über Leib und Seele, hat die Macht zu verurteilen und zu retten.
Was ist das aber für ein Ratschlag? Haben nicht doch die Gegner Jesu recht, die sagen, hier werden die Dämonen mit Beelzebul ausgetrieben? (vgl. Lk 11,15) Wie sollte der Ratschlag Jesu geeignet sein, Ängste und Befürchtungen zu zerstreuen? Wird da nicht eine Angst mit einer noch größeren vertrieben? Die Antwort heißt für uns: Nein. Denn über alle Fragen hinaus bleibt ja der ermutigende Ruf: Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst!

Furcht: die Erschütterung durch Gottes Nähe

Die Furcht, die Menschen in der Nähe Gottes überfällt, ist nämlich nicht dasselbe wie die großen und kleinen Ängste, die wir Menschen kennen und die uns umtreiben. Denken wir an Abraham, den Gott auffordert, zum Sternenhimmel zu blicken (Gen 15,5); an Mose vor dem Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt (Ex 3,1ff); an Simon Petrus, der überwältigt ist von der Menge der Fische, die er auf das Wort Jesu hin fängt (Lk 5,4-11) oder eben auch an Jesaja, der ruft: Weh mir, ich bin verloren! (Jes 6,5) Die Furcht, um die es hier geht, ist die Reaktion von Menschen, die erschüttert sind von dem Erlebnis, dass der allmächtige Gott, sich ihnen zeigt und zuwendet. Vielleicht ist diese Erfahrung am ehesten vergleichbar mit dem atemlosen Staunen, das einen in der Natur überkommen kann etwa beim Anblick des Meeres oder eines Gebirgsmassivs; oder bei einer Musik, die mich bis ins Innerste ergreift. Ähnlich kann es mir ergehen angesichts eines Auftrags oder einer großen Verantwortung, die ich spüre. In all diesen Situationen komme ich in Berührung mit einer Wirklichkeit, die mich um ein Vielfaches, gar unendlich übersteigt und mich dadurch erschüttert.

Respekt statt Angst

Diese Erschütterung bewirkt aber nicht eigentlich Angst, sondern Respekt. Sie bewirkt eine Ehrfurcht, die mir hilft, die wahren Proportionen und Maßstäbe des Lebens zu sehen. Sie verweist die Dinge dieser Welt, die sich oft so groß aufplustern und auch Ängste einjagen, auf ihren eigentlichen Platz. Ja, die Nähe Gottes beunruhigt in ihrer Größe. Sie kann uns regelrecht erschüttern, aber gerade dadurch vertreibt sie die allgemein menschliche Angst und hilft uns zu sehen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Gerade deshalb war es für den Propheten Jesaja so wichtig, am Anfang seines prophetischen Dienstes diese Erschütterung zu erfahren: Aus ihr entsprang ihm die prophetische Kraft, die ihm den Weg zur Wahrheit zeigte. Priesterlicher Dienst ist in diesem Sinne immer auch prophetischer Dienst.

Furcht: Ergriffen sein…

Liebe Schwestern und Brüder! Es gibt keine wirkliche Berufung ohne die Erfahrung des Ergriffenwerdens. Ohne sie wird ein Leben nicht in seine eigentliche Tiefe vorstoßen. Insofern steht vor dem Fürchtet euch nicht zunächst (wenn auch unausgesprochen) ein Fürchtet euch. Es braucht eine Furcht, die nicht Angst und auch nicht bloß frommer Schauer ist, sondern die Erschütterung, die einen Menschen wirklich ergreift.

Gott berührt machtvoll und behutsam – aber öffentlich

Dabei ist aber zugleich zu bedenken, dass Gott keine plakativen und marktschreierischen Methoden wählt, um uns im Innersten zu berühren. Gott kommt machtvoll und behutsam zugleich. Das drückt sich für mich in dem Satz aus, den sich unsere Weihekandidaten als gemeinsamen Weihespruch aus dem Evangelium dieses Tages ausgewählt haben: Was man euch ins Ohr flüstert, dass verkündet von den Dächern. Und kurz vorher heißt es aus dem Mund Jesu: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag. Die Berührung durch den Herrn vollzieht sich sehr persönlich, den Augen der Welt verborgen (im Dunkeln), leise (wie ins Ohr geflüstert), ja geradezu intim. Zugleich gilt: Jesu Botschaft ist keine Geheimbotschaft, vielmehr soll sie offen vor aller Welt bezeugt werden. Dazu wählt Jesus das Bild von den Flachdächern, die bis heute nicht nur im Nahen Osten Orte der Kommunikation sind.

Berufung öffentlich bezeugen

Unsere Weihekandidaten stehen an dem Punkt, dass sie nun mit der Weihe mehr noch als bisher das, wovon sie selbst im Glauben innerlich ergriffen worden sind, amtlich und öffentlich bezeugen sollen. Sie sollen es tun in der Weise, wie Gott selbst es tut: nicht marktschreierisch und plakativ, sondern so, dass die Menschen in ihrem Innersten berührt werden, sei es durch die Verkündigung der biblischen Botschaft, durch eine ansprechende Feier der Sakramente, durch das unaufdringliche, aber kraftvolle Zeugnis des Lebens. Aus der Erfahrung wissen wir, dass uns das nicht immer gleichermaßen gut gelingt. Im Glauben an das Wort Jesu dürfen wir aber davon ausgehen, dass sich die Wahrheit seiner Botschaft trotz unserer Schwächen und Grenzen wirklich einmal allen Menschen voll enthüllt und sichtbar wird. Das (und nicht Indiskretion!) meint die Verheißung: Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. (Mt 10,26)

Ehrfurcht und Gebet: auch gegen die „Routine“

Liebe Mitbrüder! Lassen Sie mich zum Schluss noch auf eine Gefahr hinweisen, die gerade für uns Priester besteht, die wir tagtäglich mit Gott, dem Allerheiligsten umgehen. Selbstverständlich kann ich nicht in jedem Augenblick, nicht einmal bei der Feier der Messe, im Innersten erschüttert sein. Das wird niemanden verwundern. Aber es besteht die Gefahr, dass selbst das Heiligste alltäglich wird, so als ob wir darüber verfügen könnten nach unserem Gutdünken. Ja, es stimmt: Gott gibt sich in seiner Liebe in unsere Hand, aber verlieren wir nicht die Ehrfurcht! Bleiben wir uns bewusst, mit wem wir es hier zu tun haben! Lassen wir uns immer wieder heilsam erschüttern, um uns neu ergreifen zu lassen. Dazu müssen wir uns hüten vor falscher Routine und Verflachung. Deshalb braucht es immer wieder Orte des Rückzugs, des persönlichen Gebetes, der Exerzitien …, damit Jesus in das Ohr unseres Herzens flüstern kann. Für die Weihekandidaten mag das noch selbstverständlich sein. Die priesterlichen Mitbrüder aber unter uns, die schon über längere Zeit im Dienst stehen, wissen um diese Gefahr. Es braucht die immer neue Öffnung der Ohren und die Reinigung unserer Lippen (Jes 6,7), um uns vor bloßer Rhetorik, vor oberflächlich-frommem Geplauder, vor Moralisierungen zu bewahren. Freilich braucht es dazu auch immer neu den Mut, sich von der Botschaft Jesu „brennen“ zu lassen.

Diese Aufforderung gilt besonders uns Priestern. Sie gilt aber, wenn man sie ganz ernst nimmt, für jeden Christen, nicht nur für die, die amtlich zu einem Dienst in der Kirche bestellt sind. Denn je öfter wir die biblische Botschaft gehört haben, je mehr wir sie zu kennen glauben, umso mehr besteht die Gefahr, sich von ihr nicht mehr herausfordern zu lassen, sondern sie auf unsere bescheidenen Maße zurechtzustutzen. Dann aber wird sie um ihre Kraft gebracht. Nehmen wir diese Weiheliturgie als Chance, um uns zusammen mit den Weihekandidaten durch die großen, mitreißenden Momente dieser Feier, aber auch durch die stillen Gesten und im schweigenden Gebet ergreifen zu lassen. Amen.

Weiteres:

Priesterweihe 2014

in der Predigt