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Über den Gestaltwandel der Kirche

Silvesterpredigt 2019 im Trierer Dom

„Damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt“ (1 Joh 1,3)

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,

liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

1. „Aus der Krise von heute wird […] eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihre Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird.

Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen: In vielen kleineren Gemeinden bzw. in zusammengehörigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfüllt werden. Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein. Aber bei allen diesen Veränderungen, die man vermuten kann, wird die Kirche ihr Wesentliches von neuem und mit aller Entschiedenheit in dem finden, was immer ihre Mitte war: Im Glauben an den dreieinigen Gott, an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, an den Beistand des Geistes, der bis zum Ende reicht. […]

Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. Denn der Vorgang der Kristallisation und der Klärung wird ihr auch manche gute Kräfte kosten. […]

"Wie wird die Kirche im Jahr 2000 aussehen?"

Man kann vorhersagen, dass dies alles Zeit brauchen wird. […] So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen. Aber ich bin auch sicher darüber, was am Ende bleiben wird: […] die Kirche des Glaubens. Sie wird wohl nie mehr in dem Maß die gesellschaftsbeherrschende Kraft sein, wie sie es bis vor kurzem war. Aber sie wird von neuem blühen und den Menschen als Heimat sichtbar werden, die ihnen Leben gibt und Hoffnung über den Tod hinaus.“

Liebe Schwestern und Brüder! Sie werden schon nach den ersten Sätzen gemerkt haben, dass der Anfang meiner diesjährigen Silvesterpredigt nicht von mir selbst stammt, sondern ein Zitat ist. Manche werden auch schon erraten haben, von wem die Formulierungen stammen …: Der Regensburger Theologieprofessor Joseph Ratzinger hat sie vor genau 50 Jahren an Weihnachten 1969 als Vortrag im hessischen Rundfunk gesprochen. Der Vortrag stand unter der Überschrift: „Wie wird die Kirche im Jahr 2000 aussehen?“i

Überraschende Prognosen

Zum Ende des Jahres 2019 können wir in einem doppelten Sinn überrascht sein über das, was Professor Ratzinger vor 50 Jahren prognostiziert hat:

Zum einen können wir überrascht sein über eine ganze Reihe von Dingen, die selbst 20 Jahre nach dem damals anvisierten Datum noch nicht eingetroffen sind:

  • Auch wenn die Zahl derjenigen, die formell zur Kirche gehören, nicht nur durch eine geringere Zahl von Neugetauften kleiner wird, sondern auch aufgrund vieler Kirchenaustritte, so kann man wahrhaftig noch nicht sagen, die Kirche des Jahres 2000 sei eine „kleine Gemeinschaft“.

  • Einerseits ist es unbestritten, dass die Kirche nicht mehr die „gesellschaftsbeherrschende Kraft“ ist, wie sie es in der Vergangenheit war. Es ist aber auch nicht so, als ob sie in der politisch-gesellschaftlichen Diskussion irrelevant wäre.

  • Insofern muss man auch sagen, dass die Kirche noch nicht eine derart „verinnerlichte Kirche“ ist, wie Joseph Ratzinger sie sich vorgestellt hat.

  • Und schließlich stehen auch noch die von ihm vorhergesehenen „neuen Formen des Amtes“ aus, wie etwa der Priester im Zivilberuf ...ii

Prognosen, die (noch nicht) eingetreten sind

Auf der anderen Seite sind da die Vorhersagen, die unzweifelhaft schon eingetroffen sind:

  • Es ist wahr: Viele der Kirchenbauten, die in Zeiten kirchlicher „Hochkonjunktur“ geschaffen wurden, können tatsächlich nicht mehr gefüllt werden.

  • Es stimmt: Die Kirche ist viel stärker zu einer „Freiwilligkeitsgemeinschaft“ geworden, zu der man sich im Laufe seines Lebens entscheiden muss.

  • Ebenso spüren wir, dass die Kirche mehr als früher auf die „Initiative ihrer einzelnen Glieder“ angewiesen ist.

  • Vor allem aber hat Joseph Ratzinger sehr richtig gesehen, dass der Vorgang der „Kristallisation und Klärung“, wie er es nennt, „manche gute Kräfte kostet“ und „der Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen“. Und er hatte recht mit seiner Vorhersage, dass der Prozess lang und mühsam sein würde; länger wohl, als Ratzinger selbst dies damals vermutet hat.

Was damals erst in der Ferne lag und sogar für den wachen Zeitgenossen noch kaum begonnen hatte, ist heute wesentlich deutlicher spürbar. Mehr noch: Wir haben den Eindruck, dass sich der Prozess des Gestaltwandels der Kirche in den letzten Jahren beschleunigt hat. Heute wissen wir besser, was der Konzilstheologe Ratzinger damals geahnt hat.

Ein Blick nach vorne auf unser Bistum hin

2. Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie mich diesen Blick zurück, der zugleich – wie wir gesehen haben – immer noch ein Blick nach vorne ist, auf unser Bistum hin konkretisieren. Ich möchte dies auch deshalb tun, weil gerade in den letzten Wochen durch die Beschwerden, die gegen die Umsetzung der von der Synode angestoßenen Pfarreienreform vorgetragen wurden, der Eindruck erweckt wurde, der Bischof und die Bistumsleitung würden mit der Reform etwas ins Werk setzen, was ohne wirkliche Not bestehende und funktionierende Strukturen zerschlägt. Deshalb etwas Statistik:

Beginnen wir bei der Zahl der Priester: Derzeit sind 229 Priester des Bistums Trier in der pfarrlichen Seelsorge tätig. Weitere 54 Priester befinden sich in anderen seelsorglichen Aufgaben wie etwa im Krankenhaus, in der Schule, der Jugendseelsorge, der Gefängnisseelsorge, im Generalvikariat. Ihnen stehen 249 Priester gegenüber, die im Ruhestand sind. D. h.: Schon jetzt sind fast die Hälfte der Priester, die zum Bistum gehören, Ruheständler. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Situation erheblich verschärfen, weil die Zahl der Trierer Priester im aktiven Dienst um die Hälfte zurückgehen wird. Für alle Seelsorgsfelder werden im Jahr 2030 voraussichtlich nur noch 135 Bistumspriester zur Verfügung stehen. 90 von ihnen werden über 60 Jahre alt sein. Im zu Ende gehenden Jahr hatten wir unter den Priestern 32 Todesfälle zu beklagen. Eine ganz ähnliche Entwicklung gilt für die Zahl der Ordenspriester im Dienst des Bistums. Heute schon sind die Orden kaum noch in der Lage, Pfarrer zu stellen.

Dankbar für den Dienst der pastoralen Berufsgruppen

Deshalb bin ich dankbar für die Mithilfe von gut 40 Priestern aus der Weltkirche, insbesondere aus Indien und Afrika. Ohne sie kämen wir heute schon vielfach massiv an Grenzen. Auch in Zukunft werde ich mich darum bemühen, entsprechende Unterstützung zu erhalten. Allerdings braucht es für die Priester ausländischer Herkunft gerade zu Beginn eine sorgfältige Vorbereitung und Begleitung, damit sie in unseren Gemeinden gut wirken können.

Trotz aller Bemühungen um eine gute priesterliche Versorgung waren in den letzten Jahren immer etwa 20 Pfarreiengemeinschaften vakant.

Von 132 Diakonen unseres Bistums stehen 36 hauptberuflich im Dienst des Bistums. Bei ihnen stellt sich die Situation in den nächsten zehn Jahren ganz ähnlich wie bei den Priestern dar. Ihre Zahl sinkt voraussichtlich sogar auf mehr als die Hälfte ab.

Schauen wir auf die anderen pastoralen Berufsgruppen: Aktuell stehen 228 Pastoralreferentinnen und -referenten im Dienst des Bistums. Bis zum Jahr 2030 wird ihre Zahl aufgrund der in dieser Zeit anstehenden Pensionierungswellen um rund 40 % zurückgehen.

In der Berufsgruppe der Gemeindereferentinnen und -referenten sieht es erfreulicherweise nicht so dramatisch aus. Leider sind aber auch in den beiden letztgenannten Berufsgruppen die Studierendenzahlen nicht gerade üppig.

Gottesdienstbesuch, Kirchenaustritt und ehrenamtliches Engagement

Ich möchte aber den Blick nicht nur auf die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richten. Schauen wir auch auf das Volk Gottes und seine Teilnahme etwa am Sonntagsgottesdienst: In den letzten zehn Jahren ist die Teilnahme um 5 % zurückgegangen (jedes Jahr um fast exakt einen halben Prozentpunkt). Inzwischen sind wir bei 7,2 % angekommen. Damit steht das Bistum Trier im Blick auf die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst ganz am Schluss der deutschen Bistümer.

10.000 Gläubige haben im Jahr 2018 ihren Kirchenaustritt erklärt. Und schon jetzt ist abzusehen, dass die Zahl für das Jahr 2019 noch höher ausfallen wird.

Natürlich, liebe Schwestern und Brüder, sind der Gottesdienstbesuch und der Kirchenaustritt nur zwei Indikatoren für das kirchliche Leben insgesamt, aber es wäre doch eine sträfliche Verharmlosung, wenn man diese Daten kleinreden wollte!

Lassen Sie mich noch eine weitere Entwicklung nennen: Nicht selten wurde mir in den letzten Jahren aus Gemeinden zurückgemeldet, dass es zunehmend schwierig sei, Menschen zu finden, die sich in den pfarrlichen Gremien oder in anderen Aktivitäten der Pfarreien verbindlich engagieren. Eine immer kleinere Zahl an Personen versucht, die bestehenden pfarrlichen Aktivitäten zu stemmen.

Ein nüchterner Blick auf die Umbruchssituation

3. Liebe Schwestern und Brüder! Es geht mir nicht darum, in den letzten Stunden des alten Jahres ein Untergangsszenario zu malen.iii Es geht um einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit und die Erkenntnis, dass die Umbruchssituation, die für wache Geister wie Joseph Ratzingeriv schon vor 50 Jahren erahnbar war, nun mit spürbarer Wucht jeden engagierten Katholiken in seinem alltäglichen Kirchenerleben trifft. All diese Entwicklungen wurden in der Synode zusammengetragen und beraten. Den Synodalen war es wichtig, ausgehend von dieser Realität, dem kirchlichen Leben in unserem Bistum Gestalt zu geben.

Wenn wir deshalb in Folge der synodalen Beratungen weitreichende Änderungen der Strukturen im Bistum vorsehen, dann geht es nicht zuletzt auch darum, dass wir nicht nach wenigen Jahren bereits die nächste Reform angehen müssen. Wie die Strukturreformen der letzten anderthalb Jahrzehnte gezeigt haben (angefangen von der Aufhebung der Regionen), bedeuten solche Reformen für die Gläubigen wie auch die Verantwortlichen in der Pastoral vor Ort und beim Bistum immer eine große Zumutung, weil sie von schmerzlichen Abschiedsprozessen geprägt sind. Darüber hinaus wirken die Restrukturierungen oft rein defensiv und vermitteln den Eindruck, die Kirche befinde sich unaufhörlich im Niedergang und auf dem Rückzug aus der „Fläche“.

Eine Struktur, die einer neuen Qualität kirchlichen Lebens dient

Demgegenüber schlägt unsere Diözesansynode gerade nicht bloß eine defensive Strukturanpassung und Mangelverwaltung vor, sondern favorisiert eine Struktur, die einer neuen Qualität des kirchlichen Lebens dienen und für einen längeren Zeitraum funktionstüchtig sein soll. Es geht darum, die Realität, die Joseph Ratzinger an Weihnachten 1969 auf die Kirche zukommen sah, evangeliumsgemäß zu gestalten und unser christliches Leben neu auszurichten. Wir setzen dabei dort an, wo der Glaube lebendig ist, wo sich Menschen von Jesus, dem „Wort des Lebens“, inspirieren lassen und sich in seinem Geist für andere einsetzen.

Das sind die sogenannten Orte von Kirche. Sie sind ein Schlüsselelement für das künftige Leben in der Pfarrei. Ich nehme wahr, dass dieser Begriff nach wie vor für Irritationen sorgt. Viele Menschen können sich darunter noch wenig vorstellen. Deshalb noch einmal die Frage: Was ist mit den „Orten von Kirche“ gemeint?

Zunächst einmal geht es um das klare Signal, dass die Kirche an konkreten Orten, in bestimmten Gruppen und Gemeinschaften vor Ort lebt. Die Idee der Orte von Kirche ist damit das genaue Gegenteil der Vorstellung von großen, anonymen XXL-Pfarreien, in denen alles zentralisiert wird. Die Orte von Kirche stehen für die Überzeugung, dass das konkrete kirchliche Leben vor Ort geschieht.

Orte von Kirche: Bewährtes hat Platz, Neues entsteht

Damit ist zum einen die Möglichkeit gegeben, all die Aktivitäten, die es bereits gibt, zu integrieren – ob es sich dabei um bestehende Gottesdienstorte und -gemeinschaften handelt, um bestimmte Gruppierungen und Vereine etc. Zum anderen gibt dieses Konzept auch Initiativen und Engagements einen Platz, die bisher in der traditionellen pfarrlichen Struktur nicht direkt vorkamen, weil es sich dabei etwa um Kooperationen mit anderen kirchlichen Strukturen (wie etwa der Caritas oder dem Bereich der Ökumene) oder auch nichtkirchlicher Akteure (wie etwa aus dem kommunalen Bereich) handelt.

Die Orte von Kirche bieten die Chance, dass Bewährtes weiterhin Platz haben soll und andererseits neue, „niederschwelligere“ Formen entstehen neben dem regulären Gottesdienstangebot, der Mitgliedschaft in den pfarrlichen Gremien sowie den klassischen Gruppen wie etwa Kirchenchor, Frauengemeinschaft, Messdiener, Caritaskreis …

Orte von Kirchen wehren einer kirchlichen Binnenorientierung

Zugleich will der Blick auf vielfältige Orte von Kirche dabei helfen, der Gefahr einer zu starken Binnenorientierung unserer Gemeinden zu wehren. Wir müssen ehrlicherweise bekennen, dass nicht wenige kirchliche Gruppen für diejenigen, die nicht dazu gehören, wie geschlossene Clubs wirken. Wo das so ist, müssen Gruppen jetzt schon die Erfahrung machen, dass sie über kurz oder lang aussterben.

Von Jesus her soll die Kirche aber eine einladende Gemeinschaft sein, zu der eine durchaus gestufte Bindung denkbar ist. Schon Jesus selbst kennt den inneren Kern der Zwölf (Mk 3,13-19), die 72 Jünger, die ihm bei der Verkündigung des Evangeliums helfen (Lk 10,1-12) und den viel größeren Kreis von Sympathisanten und Unterstützern (vgl. z.B. Mt 4,25/ 14,14). „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“, sagt Jesus einmal zu den Jüngern, als sie sich darüber beschweren, dass jemand in seinem Namen Dämonen austreibt, obwohl er sich ihnen nicht angeschlossen hatte (Mk 9,38-41). Damit belehrt Jesus die Jünger darüber, dass es ihm vor aller persönlicher Unterstützung und Anhängerschaft darum geht, dass möglichst viele Menschen für ihr Leben Hilfe erfahren und dass Gottes Heil – auf welchen Wegen auch immer – in dieser Welt Raum gewinnt. Auch in diesem Sinn wollen die Orte von Kirche in den Pfarreien der Zukunft Bewährtes erhalten und zugleich Neues möglich machen durch offenere Formen, die dazu einladen, mit Gott, der Botschaft Jesu und der Kirche in Berührung zu kommen.

4. Liebe Schwestern und Brüder! Schauen wir zum Schluss noch auf die Lesung aus dem 1. Johannesbrief. Der 1. Johannesbrief ist ja in besonderer Weise ein Begleiter durch die Weihnachtszeit. Denn er ist wie das Johannesevangelium voller Staunen darüber, dass Gott, der das Licht und das Leben der Menschen ist, auf dieser Erde erschienen ist.

Botschaft nicht nur ausrichten, sondern Gemeinschaft knüpfen

Natürlich denkt der Brief nicht nur an Weihnachten und die Menschwerdung Jesu. Er denkt auch an die Auferstehung, d. h. daran, dass sich das göttliche Leben in dieser Welt gegen alle Widerstände und alle Feindschaft durchgesetzt hat. Das Leben und die Botschaft vom Leben, das „Wort des Lebens“, haben gesiegt, ohne Gewalt einzusetzen. Für den Briefschreiber und die Christen, die hinter ihm stehen, ist dies das kostbarste Geschenk, was sie sich vorstellen können. Dieses Geschenk kennen sie nicht bloß vom Hörensagen. Sie haben es mit ihren eigenen Augen gesehen und mit ihren eigenen Händen angefasst. Ob hier die Rede ist von Christen der ersten Generation, die zu den Erstzeugen der Auferstehung gehören, oder ob hier Christen sprechen, die die Lebendigkeit Jesu in der Kirche (also an einem konkreten Ort von Kirche) erlebt haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. In jedem Fall haben sie Jesus in einer Nähe und Sinnfälligkeit erfahren, die sie bis ins Innerste erfüllen. Und genau diese Erfahrung können sie nicht für sich behalten, sondern wollen sie weitergeben: „Was wir gesehen und gehört haben, dass verkündigen wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.“

D. h.: Sie wollen noch mehr: Sie wollen diese Botschaft, die sie selbst empfangen haben, nicht nur anderen ausrichten. Sie wollen mithilfe dieser Botschaft Gemeinschaft knüpfen. Denn diese Botschaft stiftet Gemeinschaft. Sie drängt danach, mit anderen geteilt zu werden, um Kreise zu ziehen und immer mehr Menschen an der Freude teilnehmen zu lassen, die sie schenkt. Insofern verstehen wir, wenn die Briefschreiber sagen: „Wir schreiben euch dies, damit unsere Freude vollkommen ist.“ Ohne die anderen, bleibt die Freude des Glaubens unvollkommen.

Diakonisch und missionarisch zugleich

In dieser Haltung ist die Kirche diakonisch und missionarisch zugleich: Diakonisch, indem sie sagt: „Ich kann nicht anders, als das Gute, das ich selbst erfahren habe, auch dir weiterzugeben.“ Und missionarisch, indem sie sagt: „Du fehlst mir. Ohne dich bleibt meine Freude unvollkommen.“v

5. Liebe Schwestern und Brüder! Gleich werden wir das Allerheiligste aussetzen. Dann ist derjenige unter uns sichtbar und greifbar gegenwärtig, den der 1. Johannesbrief „das Leben“ nennt. Ihm wollen wir uns anvertrauen. Wir wollen es auf der Schwelle in ein neues Jahr für uns persönlich tun. Wir wollen es tun für die Menschen, die wir lieben, die uns besonders am Herzen liegen und für die wir Verantwortung tragen … Wir wollen es tun für unser Bistum, für die Kirche, ja stellvertretend für die ganze Welt: Damit gegen alle Gleichgültigkeit, Zerspaltung und Vereinzelung unter uns Gemeinschaft wächst und die Freude, die stärker ist als alle Not, Verzweiflung und Trauer. Vom lebendigen Gott gesegnet können wir den Weg in das Jahr 2020 wagen.


Anmerkungen

i Joseph Ratzinger: Glaube und Zukunft, München 1970, 122-125.

ii An den Ständigen Diakonat kann Ratzinger bei den „neuen Formen des Amtes" nicht im Sinne einer Zukunftsvision gedacht haben, da die ersten Ständigen Diakone schon im Frühjahr 1968 in Köln geweiht wurden.

iii Die Prognosen zum Rückgang der finanziellen Ressourcen in den nächsten zehn Jahren müsste man ohnehin noch hinzunehmen.

iv Aber etwa auch K. Rahner. Vgl. dazu: Theologische Deutung der Position des Christen in der modernen Welt, in: ders.: Sendung und Gnade. Beiträge zur Pastoraltheologie, 5. Aufl. 1988, 13-47 (ursprünglich ein Vortrag zu einer Tagung katholischer Publizisten in Köln aus dem Jahr 1954!). In diesem Vortrag findet sich u. a. die bemerkenswerte Aussage: „Befreien wir uns doch von der Tyrannei der Statistik; in den nächsten hundert Jahren wird sie immer gegen uns zeugen, wenn wir sie am falschen Platz zu Wort kommen lassen. Eine echte Bekehrung in der Großstadt ist großartiger, als wenn auf einem abgelegenen Dorf noch alle zu den Sakramenten gehen. Jene ist wesentlich ein religiöses Ereignis der Gnade, dieses zunächst einmal hochprozentig ein soziologisches Phänomen, so sehr es Mittel der Gnade Gottes sein mag" (42).

v „Als Verkündiger bringt die Kirche letztlich das Wort ‚Du fehlst mir‘ – nicht so wie ein Grundeigentümer über das Feld seines Nachbarn spricht, sondern wie ein Liebender“ (M. de Certeau).

Weiteres:

Silvester 2019

in der Predigt