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Ein Heiliger, der provozierende Anstöße für das Christsein heute gibt

Der Heilige mit den vielen Attributen

Predigt bei der Wendalinuswallfahrt 2017

Der heilige Wendelin hat eine ganze Reihe von Attributen. Offensichtlich kann man Wendelin nicht mit einer Beschreibung auf den Begriff bringen. So ist er eben nicht nur nach der Tradition der junge Mann aus vornehmem, adligem Hause, der von Irland gekommen ist. Er ist nicht nur der Hirte von Schafen und Vieh, sondern er ist auch der Einsiedler. Er ist der Einsiedler, der aber mit den Menschen in Kontakt bleibt, die ihn aufsuchen. Und: Wendelin wird verehrt als Mönch, der, so heißt es ja auch in einer Tradition, Abt von Tholey geworden ist. Offensichtlich kommen in der Gestalt des hl. Wendelin, so wie die Tradition sie kennt und sie über die Jahrhunderte verehrt wird, verschiedene Dimensionen und Stränge des christlichen Lebens zusammen. Ich möchte über drei der Beschreibungen des heiligen Wendelin nachdenken, damit wir uns von ihnen inspirieren lassen. Nämlich von Wendelin als dem Einsiedler, dem Missionar und dem Mönch.

Und natürlich stellt sich bei einer Gelegenheit wie heute immer die Frage, was kann uns das Zeugnis dieses Heiligen, sagen? Denn ein Mensch des 6./7. Jahrhunderts, ein Mensch einer völlig anderen Kultur, einer völlig anderen Zeit – kann der uns wirklich Anstöße geben für unser Christsein im 3. Jahrtausend? Ist da nicht ein Graben, der es uns eigentlich unmöglich macht, uns etwas von ihm abzuschauen, uns von ihm inspirieren zu lassen? Vielleicht sind die Inspirationen, die das Zeugnis des Heiligen gibt, mehr Provokationen für unsere Zeit.

Wendelin als Einsiedler

Wie ist das also mit dem heiligen Wendelin als dem Einsiedler? Einsiedler sein, meint im umgangssprachlichen Verständnis, einen Menschen, der ein Aussteiger ist, der auf Distanz geht zum bürgerlichem Leben, der die Abgeschiedenheit sucht, der alternativ lebt. Auf jeden Fall bricht er mit den normalen Konventionen. Wir würden einen Einsiedler heute als „Aussteiger“ bezeichnen. Aber ein christlicher Einsiedler ist natürlich mehr, da kommt etwas hinzu. Nämlich, dass er sich nicht nur distanziert und scheinbar abwendet von der Welt, sondern dass er sich vor allen Dingen in einer besonders intensiven Weise Gott zuwendet.
Und wie geschieht das? Es geschieht in der Weise, dass jemand seinen Lebensraum sehr stark reduziert, nicht in dem Vielerlei des Lebens unterwegs ist, sondern ein Leben lebt, das reduziert, besser gesagt, sehr konzentriert ist und dadurch an Intensität gewinnt. Das ist das Modell des christlichen Einsiedlers. Das ist eine Provokation für uns Heutige, für uns, die wir nicht eingeschränkt und reduziert werden wollen, sondern dauerhaft vernetzt sind durch die sozialen Medien, durch die Medien überhaupt. Es ist eine Provokation für uns, die wir praktisch immer online und erreichbar sind; eine Provokation für Menschen, die ihre Lebensqualität oft bloß danach bemessen, an möglichst Vielem teilzunehmen, möglichst viel zu haben, möglichst viel mitzubekommen, möglichst viel auch zu konsumieren. Ja, Leben und Lebensqualität bemessen sich in unserer Zeit sehr stark an diesen Dingen. „Nur ja nichts verpassen“ heißt das Motto.

Der Einsiedler ist das Gegenmodell. Es sagt: Du wirst im Leben nicht dadurch glücklich, dass du möglichst viel mitnimmst, dass dir nichts verloren geht. Denn nicht die Menge an Erlebnissen und Erfahrungen bestimmt die Qualität deines Lebens, sondern die Intensität. Intensiv leben kann ich vor allen Dingen dann, wenn ich mich konzentriere, wenn ich mich nicht verliere im Vielerlei. Diese Erfahrung kennen wir durchaus: Unser Leben gewinnt an Intensität, wenn wir uns einer Sache wirklich hingeben können, wenn wir nicht dauernd auf unser Smartphone schauen müssen, wenn wir nicht dauernd durch die Klingeltöne gestört werden. Wenn wir nicht dauernd fragen: Was ist jetzt schon wieder passiert?

Hingebungsvoll bei einer Sache zu sein, sich in sie hinein zu verlieren, dafür offen zu sein, aufmerksam zu sein in einer Beziehung, das lässt unser Leben an Intensität Gewinn. Wir können das ja vor allem an Kindern sehen, die die Zeit vergessen, die sich wirklich ganz einer Sache überlassen, die hingebungsvoll spielen. Wenn es gut geht, braucht es dazu nur wenig. Lebensqualität durch Intensität. Das geht nur, wenn ich das Vielerlei reduziere und es wage, mich einer Sache hinzugeben. Sich dem einen Notwendigen hinzugeben, wie es im Tagesgebet des heiligen Wendelin heißt: Dem, was jetzt dran ist.

Ich habe in diesen Tagen von einem Verleger anlässlich der Frankfurter Buchmesse gelesen, der gesagt hat, es sei doch eigentlich erstaunlich und ungewöhnlich, dass Menschen heute noch Bücher lesen – mitunter sogar dicke Bücher. Und das in einer Zeit, in der wir glauben, keine Zeit zu haben, um solche Bücher zu lesen. Der Verlag dieses Mannes wirkt übrigens mit dem augenzwinkernd-provozierenden Spruch: „ In der Zeit, wo Sie dieses Buch lesen, finden Sie keine neuen Freunde in Facebook!“

Den Mut zu haben, nicht „neue Freunde zu finden“, sondern sich wirklich die Zeit zu nehmen, um sich einer Sache hinzugeben, ist das Modell, das uns auch ein Mensch wie Wendelin vor Augen stellt. Den Mut haben, Dinge wegzulassen, auch auf die Gefahr hin, Dinge zu verpassen. Es tun aus der Überzeugung, dass das mein Leben nicht ärmer macht, sondern reicher. Denn natürlich gilt auch für jemanden, der sich bewusst zurückzieht, das, was Jesus im Johannesevangelium gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Von Jesus her ist uns nicht weniger als die Fülle des Lebens zugedacht, und darum geht es auch etwa im Leben des heiligen Wendelin.

Es ist ein Gegenmodell zum Alltäglichen. Und doch ist es ein Modell, das nicht so fern und abwegig ist, wie es im ersten Moment erscheint. Lebensqualität durch Intensität und durch den Mut, den Schritt aus dem Alltäglichen heraus zu machen. Ein Buch in die Hand zu nehmen – warum nicht auch ein spirituelles Buch?! – und zu sagen: Ich nehme mir die Zeit, darin zu lesen. Bewusst den Alltag zu unterbrechen und zu entschleunigen. Wendelin als der Einsiedler – die erste Provokation.

Wendelin als Missionar

Und die zweite Provokation: Wendelin ist es gegangen, wie es im Grunde allen Einsiedlern in der Geschichte des Glaubens geht: Sie ziehen sich zurück, aber sie kommen nicht in die Einsamkeit, denn Menschen suchen sie auf, suchen den Kontakt zu ihnen, suchen sie auch als Ratgeber. Das prominenteste Beispiel dafür ist sicher Bruder Klaus. Er, der sich zurückzieht in seine Klause in der Ranftschlucht und dann von den Menschen als Ratgeber aufgesucht wird. Er bleibt nicht allein. Die Menschen suchen ihn und sein Wort, seine Hilfe. Denken wir auch an die Mönche der Frühzeit der Kirche in Ägypten, wie Antonius. Er gehört zu den Menschen, die sich bewusst zurückgezogen haben und trotzdem aufgesucht worden sind. Begehrte, gefragte Ratgeber wurden sie für die Menschen ihrer Zeit.

Man kann fragen, wie das kommt, wieso Menschen, die so außerhalb des normalen Lebensraumes leben, zum Ratgeber werden können? „Die haben doch keine Ahnung vom wahren Leben!“, würden viele heute sagen. „Die sollten mal das Leben leben, das wir leben. Dann können sie mitreden. Wenn sie das nicht erlebt haben, wie sollen sie dann mir, der ich in der Arbeit stehe, in der Familie, in den Freundschaften und Auseinandersetzungen von Nachbarschaft und Kollegen … etwas raten? Die kennen meine Situation doch nicht!“

Das Erstaunliche ist, dass gerade diejenigen aufgesucht worden sind, die den Schritt aus dem bürgerlichen Leben heraus getan haben. Warum? Warum sind sie lebensweise geworden? Sie sind zu Weisen geworden, weil die Menschen das Vertrauen hatten, dass jemand, der den Mut hat, diesen Schritt zu tun, nicht ausweichen kann: seinen Fragen nicht und nicht seinen Zweifeln, nicht seinen Gefühlen, nicht seinen Trieben und Begierden und all dem, was uns Menschen umtreibt. Den Mut zu haben, nicht davonzulaufen, nicht wegzuschauen, sondern sich dem auszusetzen, was in uns Menschen vorgeht, das macht vertrauenswürdig. Deshalb haben Menschen immer wieder Einsiedler wie Wendelin, wie den Mönchsvater Antonius, wie Bruder Klaus aufgesucht.

Wie oft laufen wir weg! Wie oft lenken wir uns ab! Der Blick auf Wendelin will uns bereit machen, uns all dem zu stellen, was in uns Menschen vorgeht. Wenn wir das tun, dann werden wir aus dem Evangelium heraus zu Zeugen und Zeuginnen, zu Missionarinnen und Missionaren. Wendelin war, wenn wir der Tradition glauben, eben nicht ein Missionar, der in die Welt ausgezogen ist, um die Menschen zu bekehren. Sondern die Menschen sind hingezogen zu ihm, um mit ihm in Kontakt zu sein.
Ich muss an das Wort eines früheren Erzbischofs von Paris denken, der einmal gesagt hat: „Die ursprünglichste Weise, Missionar zu sein, besteht nicht darin, dass wir Propaganda betreiben für den Glauben. Die ursprünglichste Weise, ein Zeuge für Christus zu sein, besteht nicht einmal darin, die Menschen zu erschüttern, sondern besteht darin, für sie ein lebendiges Geheimnis zu sein.“ Es geht darum, für Menschen interessant zu sein, geheimnisvoll, damit Menschen fragen: „Wie kann man so leben? Was treibt den oder die an, dass sie diese Weise des Lebens wählen?“

Der ursprünglichste missionarische Impuls des Christlichen liegt nicht darin, die anderen zu belehren und zu bekehren, sondern ein Leben zu führen, das einen Unterschied macht. Dann werden Menschen fragen: „Was ist da? Das interessiert mich!“ Wenn wir heute von der missionarischen Dynamik der Kirche sprechen, dann geht es um das ursprünglich Christliche: So zu leben, dass Menschen spüren, es macht einen Unterschied, Christ zu sein. Anders gesagt: Was hilft es, wenn man nicht spürt, dass uns durch den Glauben ein größerer Sinn, eine ganz andere Hoffnung eröffnet worden ist, als die, die wir uns als Menschen alleine geben können? Zu spüren, hier lebt einer aus einer Hoffnung, aus einem Horizont, der das rein Menschliche übersteigt, das macht den Unterschied. Es ist abschreckend, wenn man den Eindruck hat: Christen sind genauso stur wie alle anderen auch. Sie sind unversöhnlich wie alle anderen auch, vielleicht manchmal sogar noch rechthaberischer. Christus will, dass wir bereit sind zum ersten Schritt, auch da, wo man es eigentlich nicht erwartet. Wenn es keinen Unterschied gibt in der Weise, wie wir insgesamt unser Leben gestalten, dann ist das christliche Zeugnis tot. Deshalb haben wir uns zu fragen: Spürt man einen Unterschied? Spürt man eine andere Gelassenheit? Spürt man einen anderen Mut?

Menschen unserer Zeit wollen nicht belehrt und bekehrt werden. Erst recht nicht von oben herab. Sie wollen den Unterschied sehen, gerade auch junge Leute. Sie wollen die Alternative sehen und spüren, den vielleicht kleinen, aber feinen Unterschied, den christliches Leben ausmacht.

Ich sage ganz ehrlich, dass es mich ein bisschen erschreckt, wenn ich gerade auch in der Kirche von den vielen Ängsten höre, die geäußert werden angesichts der Veränderungen in unserem Bistum. Nicht, dass ich das nicht verstehen könnte. Jede Veränderung irritiert, ängstigt vielleicht. Aber, dass so sehr von den Ängsten die Rede ist, von der Angst vor Veränderung, von der Angst, nicht genau zu wissen, wie es sein wird, das macht mich nachdenklich. Wo ist denn unser Mut? Gilt nicht das, was Paulus sagt: „Wenn Gott für uns ist, wenn wir mit ihm in Verbundenheit sind, wer kann dann gegen uns sein?“ (vgl. Röm 8,31) Oder das, was wir in der Lesung dieses Festtages hören: „Da sind nicht viele Mächtige. Da sind nicht viele Einflussreiche. Da sind unter den Christen nicht unbedingt die, die an den Hebeln der Macht sitzen, sondern eher einfache Leute, bescheidene Leute, die ein normales Leben führen. Aber gerade die hat Gott erwählt.“ (vgl. 1 Kor 1,26ff) Und Gott sagt: Es ist nichts so klein, dass ich nicht Großes daraus machen könnte. Eure Kräfte sind nicht so gering, dass sie nicht mit mir zusammen Erstaunliches bewegen könnten.

Es geht also darum, aus einem Mut heraus zu leben, den wir uns nicht selber geben und einreden können, sondern der aus der Verbindung mit Gott selber kommt. Die frühen Christen, das waren nicht die großen Gestalten ihrer Zeit. Das waren eher „arme Schlucker“, einfache Leute. Aber sie hatten ein umwerfendes Selbstbewusstsein, das sie sich nicht einfach eingeredet haben, sondern das ihnen zugewachsen ist aus der Überzeugung: Gott ist an unserer Seite und in unserem Rücken.

Wendelin als Mönch

Und schließlich: Wendelin als Mönch. Das ist fast so etwas, wie das Gegenmodell zum Einsiedler. Mönch, das heißt in Gemeinschaft zu leben. Die Gemeinschaft zu suchen als Christ. Das ist deshalb wichtig, weil einer allein zu wenig ist. Wir brauchen den Glauben der anderen. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir brauchen die Stütze. Wir brauchen einander. Der Glaube der einen lebt vom Glauben der anderen. Wir dürfen ihn nicht voreinander verstecken.

Vielleicht braucht es gerade in unserer Zeit wieder neu die Erfahrung von Wallfahrten, also von Orten und Zeiten besonderer Intensität und Gemeinschaft im Glauben, weil wir im alltäglichen kirchlichen Leben das oft nicht mehr erfahren. Es braucht starke Zeiten des Glaubens, in denen wir die Unterbrechung des normalen Alltags spüren. Diese Zeiten lassen uns neu die Kraft des Glaubens sehen. Sie helfen uns, darüber nachdenken: Was ist die Alternative? Wo sollte mein Leben einen Unterschied machen? Es tut gut, dabei nicht allein zu sein, sondern zu sehen: Ich stehe mit dem Glauben und mit meinen Bemühungen nicht allein. An meiner Seite sind viele andere. Vielleicht sind die Wallfahrten unserer Zeit, viel mehr noch als in früheren Jahrhunderten, wirkliche Ereignisse des Glaubens.

Wer an das Grab des heiligen Wendelin kommt, der sucht heute keine spektakulären Wunder, wie es in früheren Zeiten oft der Fall war, sondern erhofft sich aufrichtig, dass sein Glaube neue Kraft und neuen Elan findet in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder.

Die Gemeinschaft des Glaubens erfahren

Wenn Christen zusammen kommen, um die Gemeinschaft des Glaubens zu erfahren und neu auf das Evangelium zu hören, sind sie auf dem richtigen Weg. Machen wir die Wallfahrten unserer Zeit nicht kleiner, nicht unwichtiger als sie im Vergleich zu früheren Jahrhunderten scheinbar sind! Wir wollen mit offenem Herzen darum bitten, dass all diejenigen, die hierher nach St. Wendel kommen, eine Stärkung des Glaubens erleben. Dass sie etwas von dem mitnehmen, was durch die Jahrhunderte hindurch Menschen am heiligen Wendelin fasziniert und bis heute provozierende und inspirierende Kraft hat.

Weiteres:

Wendelin: Ein Heiliger mit vielen Attributen

in der Predigt