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Zu Königen und Priestern gemacht – Von der Würde des Volkes Gottes

Predigt in der Chrisammesse 2011

Liebe Schwestern und Brüder!

Schon seit längerem habe ich mich auf diese Messe gefreut. Letztes Jahr nämlich, als ich die Chrisammesse zum ersten Mal als Diözesanbischof mit Ihnen und Euch feiern durfte, ist mir bewusst geworden, dass es wohl keine andere Messe im ganzen Jahr gibt, in der so sehr die ganze Gemeinschaft des Bistums präsent ist wie heute: Die Weihbischöfe sind da, das Domkapitel, unser Mädchenchor, die Dechanten; viele Priester und Diakone sind gekommen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge, Messdiener, Katechetinnen und Katecheten, Firmbewerber, (Kommunion-)Kinder, Vertreter der Pfarreiengemeinschaften ... Also wirklich: Das Volk Gottes im Bistum Trier ist in uns heute morgen da in seiner ganzen Vielfalt: in den unterschiedlichen Aufgaben, aus den unterschiedlichen Generationen und Regionen! Darüber dürfen wir uns freuen, davon dürfen wir uns bestärken lassen und – wir dürfen darauf auch stolz sein.

Der Gesalbte - und das ganze Volk

Mit dieser Haltung befinden wir uns in guter Gesellschaft. Denn wer die Schriftlesungen dieser Messe aufmerksam gehört hat, der konnte spüren, welches frohe Selbstbewusstsein sowohl aus den Worten des Propheten Jesaja spricht wie auch aus den Versen der Offenbarung des Johannes, des Evangelisten und Visionärs. Bei Jesaja begann es mit der Selbstvorstellung des Gesalbten, der von Gott gesandt ist, um allen Armen die Frohe Botschaft zu bringen und ein Jubeljahr des Herrn auszurufen. Jesus liest in der Synagoge von Nazaret diese Stelle vor und bezieht sie auf sich. Aber Jesaja spricht nicht nur von dem einen Begnadeten, der von Gott kommt, sondern er wendet sich auch an das Volk, das Gott sich auserwählt hat und sagt: »Ihr alle aber werdet ›Priester des Herrn‹ genannt, man sagt zu euch ›Diener unseres Gottes‹. [...] Ihre Nachkommen werden bei allen Nationen bekannt sein und ihre Kinder in allen Völkern. Jeder, der sie sieht, wird erkennen: Das sind die Nachkommen, die der Herr gesegnet hat« (Jes 61,6a.9). Welch eine Verheißung! Welch ein Selbstbewusstsein, das aus diesen Worten spricht!

Das Volk als Priesterschaft

Wenn in der Liturgie der Chrisammesse dieser prophetische Text vorgetragen wird, dann geschieht dies nicht aus geschichtlichem Interesse, sondern deshalb, weil sich die Christen von den ersten Generationen an in der Nachfolge dieses gesegneten, priesterlichen Volkes sehen. Wir haben es in der zweiten Lesung gehört. Auch hier spürbarer Stolz und Jubel: »Er, Jesus Christus, hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater« (Offb 1,5f). Dieser Jubel wird unserer gottesdienstlichen Versammlung heute morgen in den Mund gelegt. Wir sollen ihn hören als unsere eigenen Worte, als unser eigenes Bekenntnis.

Jubel - angesichts der kirchlichen Lage?

Sind wir dazu in der Lage? »Heute morgen hier im Dom«, so mag mancher sich denken, »ist das nicht schwer. Doch insgesamt ist uns in der aktuellen Kirchensituation nicht zum Jubeln zumute. Stolz auf die Kirche will sich kaum einstellen. Da sind zu viele kritische Anfragen. Da ist die spürbare Ausdünnung der Gemeinden. Da sind so viele strukturelle und personelle Veränderungen in den Pfarreiengemeinschaften, von denen man noch nicht weiß, ob sie wirklich funktionieren und auf Dauer tragfähig sind.« Jeder von uns könnte die Liste auf persönliche Art ergänzen. »Nein«, werden Sie sagen: »zu Selbstbewusstsein und Jubel besteht kein Anlass. Herr Bischof, nehmen Sie es denn nicht wahr? Die Stimmung steht je nach Situation vor Ort eher auf Angst, auf Ärger oder auf Resignation. Die Lesungen der Chrisammesse hin oder her ... Jesaja und die ersten Christen, die hatten eben noch gut reden.«

Jubel in der Bibel: angesichts kritischer Lage!

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ist das denn wahr? Schauen wir genau hin: Als Jesaja den Menschen seine »frohe Botschaft« ausrichtet, befindet sich Israel immer noch in der Gefangenschaft des Exils, ist seiner angestammten Heimat beraubt, umgeben von einer Unzahl von Religionen und Kulten. All das, worauf man hätte stolz sein können – Jerusalem und der Tempel – lag in Trümmern (vgl. Jes 61,4). Ausgerechnet in dieser Situation verheißt der Prophet den Gläubigen eine ganz neue Würde und Bedeutung. Und wenn wir auf die Situation der Christen schauen, an die sich ursprünglich die Offenbarung des Johannes richtet, so stellt sie sich nicht viel besser dar: Von außen sind die Gemeinden der Verfolgung ausgesetzt, in ihrem Innern leiden sie unter Desorientierung und Erschlaffung des Glaubens ... In dieser Situation sagt das Offenbarungsbuch: »Er, Jesus, hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott« (Offb 1,6).

Auch heute: Ungeahnte Veränderungen sind möglich und geschehen

Woher kommt in einer solchen Situation die Kraft zu einem starken Selbstbewusstsein? Ist das nicht ein frommer Selbstbetrug, eine schöne Utopie von Menschen, die sich selbst froh machen? Doch seien wir vorsichtig: Dass eine Utopie entgegen aller Wahrscheinlichkeit wahr werden kann, durften wir in diesem Jahr schon erleben. Denken wir an Ägypten, wo die Menschen – vor allem die jungen – in einer gewaltlosen Revolution dem Regime von Hosni Mubarak, den sie den »Pharao« nannten, ein Ende setzten. Menschen kamen zu ungeahnter Stärke und gewannen die Würde und Freiheit zurück, die ihnen so lange vorenthalten worden war. Begonnen hatte alles mit einer Facebookseite im Internet, die den Titel trug »Wir alle sind Khaled Said«. Ein Mitarbeiter von Google hatte sie eingestellt. Er hatte sie einem jungen Mann gewidmet, der im Juni 2010 von zwei Polizisten vor einem Internetcafé in Alexandria festgenommen und erschlagen wurde. Die schrecklichen Bilder seines entstellten Gesichts waren in den Medien in Umlauf gebracht worden und hatten die Menschen aufgerüttelt.

»Wir alle sind Khaled Said«: Menschen identifizierten sich mit diesem Mann, erkannten in ihm ihr eigenes Geschick. Was sich daraus entwickelt hat, wissen wir. Der Tod des Khaled Said war nicht umsonst. Die Freiheitsbewegung hat längst über Ägypten hinaus auf die arabischen Länder in Nordafrika und im Mittleren Osten übergegriffen. Das Beispiel zeigt: Wo Menschen ihre Würde und ihr Selbstbewusstein entdecken, wachsen ihnen Kräfte zu, die man ihnen vorher nicht zugetraut hätte. Ungeahnte Veränderungen werden möglich.

Die frühen Christen: keine "Wutbürger"

Schauen wir von hier aus noch einmal auf die biblischen Texte, vor allem auf die Lesung aus der Apokalypse: Wie war das mit den frühen Christen? Woraus speiste sich ihr Selbstbewusstsein, wo sie doch so in Bedrängnis waren? Ihr Selbstbewusstsein speiste sich nicht aus eigenen Kräften, es speiste sich auch nicht aus dem Protest. Sie waren keine »Wutbürger« gegen die Welt. Nein, das Selbstbewusstsein der Christen speist sich bis heute aus dem, was der Seher Johannes den Gemeinden schreibt: »Jesus Christus, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde, er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut« (Offb 1,5). Darin ist alles gesagt: Jesus Christus hat nicht bloß als ein unschuldiger Mensch auf blutige Weise sein Leben verloren, nein, »der Herrscher über die Könige der Erde«, das heißt der Sohn Gottes selbst hat im Tod sein Leben bewusst und frei hingegeben. Aber gerade weil er der Sohn war, ist er nicht im Tod geblieben, sondern wurde zum »Erstgeborenen von den Toten«. In Jesus hat das Leben die Prüfung des Todes bestanden. Durch ihn steht das Leben offen für alle. Der Mensch muss sich das Leben nicht mehr abtrotzen gegen Gott, gegen die Welt und die Anderen.

Wie oft beherrscht uns aber gerade diese Haltung: Wir sehen in den Anderen Gegner, die uns das Leben streitig machen. Wir sehen das, was uns umgibt – Gott inklusive – als eine potenzielle Bedrohung unserer Lebensmöglichkeiten an. Die Wirkungen, die das hat, kennen wir: eine vielfach unbarmherzige Leistungsgesellschaft, krankmachender Wettbewerb, Rücksichtslosigkeiten und viel, viel Einsamkeit.

Gott groß sein lassen – ohne Angst um sich selbst

Der christliche Glaube will uns von dieser Haltung befreien. Er will uns herausführen aus Selbstverkrampfung und Angst. Wir nennen diesen Weg der Befreiung Erlösung. Deshalb sagt die Johannesoffenbarung: »Er, Jesus Christus, hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut.« Mit anderen Worten: Jesus Christus steht ganz auf unserer Seite. Er gibt sich ganz für uns.
Liebe Schwestern und Brüder, es ist kein Wunder, dass sich das Lebensgefühl desjenigen, der sich dem Weg der Erlösung in Jesus Christus öffnet, grundlegend verändert: Er wird freier, gelöster, großzügiger, aber auch selbstbewusster und ich-stärker, er wird – mit der Hl. Schrift gesprochen: königlich. Und – er wird priesterlich im tiefsten Sinne dessen, was das Wort bedeutet: Er gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt, das heißt er lässt Gott groß sein, ohne Angst um sich selbst. Das gilt für alle Glieder des Volkes Gottes, unabhängig von besonderem Amt und Auftrag.

"erlöster aussehen" am Fest der Erlösung

Wenn Friedrich Nietzsche gesagt hat, »erlöster müssten sie aussehen, die Christen«, dann können wir ihm in diesem Sinn nur zustimmen. Hier haben wir als Kirche, gerade in unserem Land Nachholbedarf; nicht so, als ob wir die Erlösung machen müssten durch vergrößerte Anstrengungen, sondern indem wir uns die Gabe der Erlösung immer wieder neu in Erinnerung rufen. Die kommenden Tage, in denen wir besonders intensiv das Geheimnis unserer Erlösung feiern, geben dazu Gelegenheit, aber auch das Jahr des Zugehens auf unsere Heilig-Rock-Wallfahrt, das ausdrücklich unter dem Stichwort der Erlösung steht. Ich würde mir wünschen, dass uns durch den Blick auf das Großartige, das uns mit dem Glauben geschenkt ist, neu unsere Würde als Christen bewusst wird und unsere Verantwortung, vor allem aber unsere Freiheit und unser Reichtum. Dann brauchen wir keine Befürchtungen um die Zukunft der Kirche in unserem Land zu haben. Gottes Kraft wird dann ihr Werk tun.

"Wir alle..."

»Wir alle sind Khaled Said«, so lautete der Titel der ägyptischen Internetseite, die eine Revolution entfachte. Uns Gläubigen ist eine solche Formulierung nicht so fremd, auch wenn wir nicht sagen würden: »Wir alle sind Jesus Christus.« Doch wir dürfen mit Stolz sagen: Wir tragen seinen Namen. Wir sind sein Leib. Er lebt in uns und wir leben in ihm. Amen

Weiteres:

Zu Königen und Priestern gemacht – Von der Würde des Volkes Gottes

in der Predigt