Unsere WebSeite verwendet Cookies (kleine Textdateien, die sie auf Ihrem Rechner ablegt); dadurch bleibt bistum-trier.de für Sie möglichst leicht zugänglich und komfortabel. Näheres finden Sie in unserer Datenschutzerklärung . Sie können in den Einstellungen Ihres Browsers bestimmen, ob er Cookies akzeptiert oder nicht. Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.

Zuerst und immer wieder: der Wunsch, dass die Gemeinden Frieden erfahren

Predigt von Bischof Stephan Ackermann zur Bischofsweihe von Pfr. Dr. Helmut Dieser - im Trierer Dom am 5. Juni 2011

 Schriftlesungen:  Apg 1,12-14/ 1 Petr 4,13-16/ Joh 17,1-11a  - 7. Sonntag der Osterzeit

Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt!
Liebe Schwesten und Brüder im Glauben!
Liebe Familie Kahn, besonders: lieber Herr Dieser, Vater unseres neuen Weihbischofs!
Lieber Mitbruder Helmut!

Wir alle spüren: Eine Bischofsweihe ist kein Gottesdienst wie jeder andere. Ja, sie ist nicht einmal ein Festgottesdienst wie andere, die wir hier im Dom feiern. Eine Bischofsweihe hat eine besondere »Wucht«. Das liegt nicht nur daran, dass sie seltener vorkommt und reichhaltiger an Symbolhandlungen ist als andere Gottesdienste. Worin liegt aber die besondere Wucht dieses Gottesdienstes?

Einer, den wir kennen, als Nachfolger der Apostel

Die Antwort liegt für mich in einem Satz, den der ehemalige Abt Anno von Maria Laach geprägt hat anlässlich der Bischofsweihe von Bischof Felix Genn. Das war vor fast genau zwölf Jahren. Auf die selbst gestellte Frage »Was ist es, das uns als Mitfeiernde angesichts einer Bischofsweihe so bewegt?« antwortete der Abt in einer Ansprache: Jemand, den wir kennen als Mensch, als Priester, jemand, den wir vielleicht sogar haben aufwachsen sehen, steht mit einem Mal als Nachfolger der Apostel vor uns. Das ist es, was uns bewegt. Das ist die Wucht dieses Ereignisses im doppelten Sinne des Wortes: Es ist packend und bedeutungsschwer zugleich. Denn wir spüren die Verbindung zwischen einem ganz konkreten Menschen und dem Amt, das die Zeiten übergreift und den Menschen ganz in Beschlag nimmt.

Nun haben wir das Glück, dass die Bischofsweihe von Helmut Dieser in den Abschnitt des Kirchenjahres fällt, der uns fünfzig Tage lang in ganz besonderer Weise an den apostolischen Ursprung der Kirche heranführt. So auch die erste Lesung dieses Sonntags. »Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?«, so fragen die Engel die Apostel nach der Himmelfahrt Jesu am Ölberg. Es ist die Frage, die unmittelbar den Versen vorangeht, die wir als Lesung gehört haben. In der Lesung wurde uns die Reaktion der Apostel berichtet: Sie hören auf das Wort der Engel. Sie schauen nicht mehr wie gebannt zum Himmel, sondern kehren zurück nach Jerusalem in das Obergemach, wo sie nun bleiben, um dort auf den verheißenen Heiligen Geist zu warten. Fast wie in einem Protokoll zählt Lukas akribisch die Namen der elf verbliebenen Apostel und der Mutter Jesu auf (Apg 1,13f). Er tut das nicht bloß im Sinne einer Dokumentation. Nein, die Aufzählung bedeutet mehr. Sie zeigt, dass nun der Blick nicht mehr ins Blaue hinein geht, nicht mehr in eine imaginäre Ferne, sondern auf konkrete Personen.

Einblick in den Geburts-Raum der Kirche

Indem die Apostelgeschichte die einzelnen Namen nennt, sagt sie uns also Wesentliches über die Kirche, gibt sie uns Einblick in den Geburtsraum der Kirche. In ihm findet sich keine abstrakte Lehre, auch keine abstrakte Kirchenverfassung. Nein, am Ursprung der Kirche finden sich konkrete Namen und Gesichter, finden sich Personen mit ihren individuellen Biographien, ihrer je persönlichen Berufung, ihrem unverwechselbaren Profil. Und das ist nicht einfach eine historische Gegebenheit von damals. Nein, der Ursprung setzt den Maßstab für die Kirche bis heute: Kirche ist da, wo das Evangelium von Menschen konkret gelebt wird. Nach dem Vorbild Jesu Christi sind die Botschaft und die Personen nicht voneinander zu trennen.

Das gilt natürlich für alle Christen. In besonderer Weise gilt es aber für diejenigen, die in der Kirche ein Amt ausüben, zumal das Amt eines Bischofs. Wenn auch das Amt die Person des Einzelnen übersteigt, so lässt es sich doch nicht von ihr trennen, sonst wird der amtliche Auftrag abstrakt, formal, blutleer. Bischöfe sind wie alle Verkündiger des Evangeliums keine Lautsprecher, die bloß eine abgespeicherte Botschaft wiedergeben. Nein, im bischöflichen Auftrag müssen sich Botschaft und Person möglichst eng miteinander verbinden. Von Papst Paul VI. stammt das berühmte Wort: »Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb weil sie Zeugen sind" (EN 41). Wir dürfen dieses Wort sicher heute nachmittag etwas abwandeln und sagen: »Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Amtsträger, und wenn er auf Amtsträger hört, dann deshalb weil sie Zeugen sind.« Vom Urprung der Kirche her gehören die Botschaft und die Person, die sie verkündet, unbedingt zusammen. Wo sie zusammenkommen, sprechen wir vom Zeugen. Der Bischof ist amtlicher Zeuge der Botschaft Jesu Christi.

"Ewiges Leben" beginnt schon jetzt

Liebe Schwestern und Brüder, schauen wir nun auf die Botschaft selbst, so wie sie uns das heutige Evangelium vorstellt: Es ist in der Stunde des Abendmahlssaals, am Abend vor der Passion: Nachdem Jesus mit den Jüngern Mahl gehalten, ihnen die Füße gewaschen und ihnen sein neues Gebot der Liebe gegeben hat, legt er in einem Gebet noch einmal Rechenschaft gegenüber dem Vater ab. Noch einmal sagt er, worin seine Botschaft und sein Auftrag bestand: »Vater, du hast dem Sohn Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt«. Und dann präzisiert er, was er unter dem ewigen Leben versteht: »Das ist das ewige Leben, dich, den einzigen wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,2). Die beiden Sätzen bilden so etwas wie eine Kurzformel, in der die ganze Botschaft Jesu zusammengefasst ist. Dazu ist Jesus gekommen: um uns Menschen ewiges Leben zu bringen. Dieses ewige Leben beginnt übrigens nicht, wie viele Menschen denken, erst nach dem Tod, sondern schon jetzt. Denn es meint das Leben, das nicht an der Oberfläche bleibt, das Leben, das nicht bloß auf materiell Vergängliches aus ist, das Leben, das Tiefe hat, das Ausschau hält nach dem, was wirklich zählt und bleibt und in diesem Sinne unvergänglich, ewig ist.

Wie aber finden wir den Weg zu diesem Leben? Woher wissen wir, was wirklich zählt und bleibt? Für Jesus ist die Antwort klar: Der Weg zum Leben besteht darin, Gott zu erkennen und den, den er gesandt hat. Klingt das nicht reichlich verkopft? Und: »Gott erkennen« - ist das eine anziehende Botschaft für die Menschen unserer Zeit? Ist da nicht vorprogrammiert, dass die Verkünder mit dieser Botschaft oft auf Desinteresse stoßen?

Erkennen: Eins werden mit dem Erkannten

Papst Benedikt hat in der Auslegung des hohepriesterlichen Gebetes Jesu darauf aufmerksam gemacht, dass man das Wort »erkennen« nur dann richtig versteht, wenn man es im ganzheitlichen Sinn der Bibel versteht: Das Wort »Erkennen« wird im biblischen Sprachgebrauch ja auch benutzt für die liebend-intime Beziehung zwischen Mann und Frau (Gen 4,1.17/ Lk 1,34). Erkennen ist Einswerden mit dem Erkannten. Erkennen schafft Gemeinschaft. Wenn nun der eigentlich Kern des ewigen Lebens darin besteht, Gott zu erkennen, dann ist ewiges Leben also nicht bloß ein Vorgang im Kopf. Nein, dann ist ewiges Leben vielmehr ein »Beziehungsereignis«. »Der Mensch hat es [das ewige Leben] nicht aus sich selbst, für sich allein genommen. Durch die Beziehung zu dem, der selbst das Leben ist, wird auch er ein Lebender« (J. Ratzinger/ Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth II, 102). Menschen zu diesem Beziehungsereignis zu ermutigen, gehört zum besonderen Auftrag eines Bischofs.

In der Rechenschaft, die Jesus vor dem Vater ablegt, findet sich noch ein zweiter Gedanke, der uns hilft, den Dienst des Bischofs in der apostolischen Nachfolge besser zu verstehen. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Verse hindurch die rätselvoll klingende Rede von »dein« und »mein«. Jesus spricht von dem, was dem Vater gehört, dem Sohn übergegeben ist, aber dennoch weiter dem Vater gehört. Für den Hörer klingt dieses Hin und Her geradezu verwirrend. Doch entspricht das nicht genau unserem Verständnis des dreifaltigen Gottes, den Jesus uns offenbart hat? Der Vater, der der Ursprung allen Lebens ist, behält nichts für sich, sondern teilt in seiner unendlichen Liebe alles mit dem Sohn. Dieser seinerseits behält all das, was er vom Vater empfängt, nicht ängstlich für sich, sondern schenkt es ihm im Geist der gegenseitigen Liebe wieder zurück: Das gilt für das göttliche Leben, das der Vater dem Sohn schenkt. Das gilt für die Macht, mit der er ihn während seines irdischen Wirkens ausstattet. Das gilt auch für die Menschen, zu denen er den Sohn sendet. So sagt Jesus zum Vater: »Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben« (Joh 17,6). Jesus betrachtet die Menschen aber nicht als sein Eigentum. Denn wenige Sätze später bittet er für die, die der Vater ihm gegeben hat, und sagt zugleich: »Sie gehören dir« (Joh 17,9).

Die Menschen gehören Gott - nicht der Kirche

Was für den Sohn Gottes gilt, gilt umso mehr für diejenigen, die in seiner Nachfolge Verantwortung tragen für das Volk Gottes. Herr und – wenn man so will – »Eigentümer« von Welt und Menschen ist Gott, der Vater, allein, keiner sonst. Nicht einmal Jesus Christus reklamiert darauf einen Anspruch. Um wieviel mehr gilt das für die Kirche: Menschen gehören zur Kirche, aber sie gehören nicht der Kirche. Die Menschen, auch nicht die Getauften, gehören nicht uns, sie gehören Gott, dem Vater. Wie oft wird heute aber die Frage gestellt: »Wie kriegen wir die Menschen wieder in die Kirche?« Die Frage wird beileibe nicht nur von Bischöfen oder anderen Hauptamtlichen in der Seelsorge gestellt. Viele Engagierte in unseren Gemeinden fragen so, und ich verstehe ihr Anliegen. Doch manchmal klingt es so, als ob uns etwas genommen worden wäre, auf das wir ein Anrecht hätten.

Amtsträger: in Ehrfurcht auch gegenüber den Menschen

Die Haltung, die aus Jesu hohepriesterlichem Gebet spricht, ist voller Ehrfurcht gegenüber Gott und den Menschen. Diese Ehrfurcht muss auch uns – gerade als Amtsträger - erfüllen. Zugleich ist es diese Ehrfurcht, die auch entlastet. Denn sie erinnert uns daran, wem die Erde gehört und wer derjenige ist, der wirklich die Herzen der Menschen kennt (Apg 1,24). Wie wichtig ist es für einen Bischof, immer wieder sagen zu dürfen: »Herr, es ist deine Kirche und alle, die zu ihr gehören, gehören dir und mit dir dem Vater. Und ihr allein wisst wirklich, was den Menschen hilft, Gott zu erkennen und so das ewige Leben zu finden.« Das heißt nicht, dass wir uns einfach beruhigt zurücklehnen könnten, aber es ist uns eine heilsame Relativierung. Sie bewahrt uns Amtsträger vor Verantwortungswahn ebenso wie vor Verzweiflung.

Lieber Weihbischof Helmut, wenn ich das richtig sehe, dann weist der bischöfliche Wahlspruch, den Du Dir gewählt hast, genau in diese Richtung. Denn er spricht vom Frieden. Paulus wünscht den Christen in Philippi den Frieden, der der Gemeinschaft mit Jesus Christus entspringt. Mit diesem Wunsch beginnt der Apostel alle seine Briefe an die Gemeinden. Zuerst und immer wieder: der Wunsch, dass sie den Frieden Gottes erfahren. Es ist ja der Wunsch und das erste Wort, mit dem auch der Auferstandene den Aposteln begegnet. Im Philipperbrief führt Paulus diesen Wunsch näher aus, indem er der Gemeinde den Frieden wünscht, der alles Verstehen, alles Begreifen, aber – so dürfen wir wohl im Sinne des Apostels hinzufügen – auch alles Nichtverstehen, alles Nichtbegreifen übersteigt. Einen solchen Frieden haben auch wir heute nötig. Einen Frieden, der alles übersteigt: alles Verstehen und Nichtverstehen, unser eigenes, aber auch das der anderen, die dem Glauben distanziert gegenüber stehen, die uns als Kirche kritisch anfragen. Dass die Situationen des Unverständnisses nicht ausbleiben werden, hat schon der Erste Petrusbrief angekündigt. Wir haben es in der zweiten Lesung gehört.

Ja, es gibt den Frieden, der das Begreifen übersteigt

Umso wichtiger ist, dass es Menschen gibt, die – wenigstens ahnungshaft – in der Tiefe ihrer Existenz die Erfahrung gemacht haben: Ja, es gibt diesen alles übersteigenden Frieden. Er wird mir dort geschenkt, wo ich auf Gott stoße, wo ich ihn erkenne und anerkenne. Dieser Friede ist keine Grabesruhe, sondern eine Kraft, die ausstrahlt und auch auf andere überspringt. Im Grunde ist dieser Friede nur ein anderer Name für das ewige Leben, das schon im Hier und Heute beginnt.

Lieber Weihbischof Helmut, wir wünschen Dir, dass Du als Bischof mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft Zeuge dieses Friedens und dieses Lebens unter uns sein kannst. Dazu erbitten wir Dir nun die Gabe des Geistes Gottes. Amen

Weiteres:

Zuerst und immer wieder: der Wunsch, dass die Gemeinden Frieden erfahren

in der Predigt