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Hirtenbriefe

  • Hirtenbrief zum Abschied 2008 Switch

    Zum Abschied aus seinem Amt als Bischof von Trier hat der ernannte Erzbischof Reinhard Marx einen Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit an sein früheres Bistum Trier geschrieben.

     

    Liebe Schwestern und Brüder,
    mein diesjähriges Wort an Sie zur österlichen Bußzeit ist – für mich und sicher auch für Sie unerwartet – ein Abschiedswort. Nach fast sechs Jahren meines Wirkens als Bischof dieser schönen und traditionsreichen Diözese hat mich der Heilige Vater nach München gerufen, in das Erzbistum München und Freising, dem er selbst fast fünf Jahre vorgestanden hat. Für mich ist es sicher eine ehrenvolle Berufung, denn der Papst schickt mich in sein Heimatbistum, aber der Abschied fällt mir schwer. Als ich nach Trier kam, habe ich mir fest vorgenommen, mich hier ganz zu beheimaten, Wurzeln zu schlagen und zu bleiben. Denn ein Bischof kann nur für und inmitten des Volkes Gottes seine Aufgaben erfüllen, wenn er mit ganzem Herzen seinen Dienst im Bistum annimmt, wenn er sich wirklich einwurzelt und daheim ist. Das habe ich in den vergangenen Jahren versucht, und so fällt mir jetzt der erneute Aufbruch schwer.

    Ich möchte in diesem letzten Hirtenwort als Bischof von Trier keine Bilanz der letzten Jahre ziehen, sondern Ihnen allen noch einmal ein Wort der Ermutigung und des Dankes sagen.

    An erster Stelle steht der Dank. Die Kirche von Trier ist trotz aller Herausforderungen und Umbrüche lebendig und zukunftsfähig. Ich danke allen in unseren Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Einrichtungen und Verbänden, die mit Freude zu ihrem Glauben stehen und diesen Glauben in „der Liebe wirksam“ (vgl. Gal 5,6) machen: den Priestern und Diakonen, den pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den vielen Ehrenamtlichen in unseren Gemeinden, all denen, die im Gottesdienst helfen und das karitative Leben der Kirche prägen.
    Bei meinen Besuchen in den Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen habe ich dieses vielfältige haupt- und ehrenamtliche Engagement schätzen gelernt. Ich danke allen Brüdern und Schwestern im Bistum Trier, die das Leben der Kirche mittragen und gestalten, besonders denen, die sich Sonntag für Sonntag um den Tisch des Herrn versammeln, seinen Tod und seine Auferstehung verkünden, bis er wiederkommt. Die Kirche lebt aus der heiligen Eucharistie, sie lebt, weil Christus lebendig ist und uns die Gemeinschaft mit ihm und untereinander schenkt. Deshalb auch meine herzliche Bitte: Haltet fest am Glauben und versammelt Euch, wo immer es möglich ist, zur Feier der heiligen Messe! Die Herzmitte der Kirche ist da, wo Christus sich selbst verschenkt und zu uns spricht.

    Das gilt auch unter veränderten Bedingungen und in größeren Einheiten von Pfarreiengemeinschaften. Die Feier der sonntäglichen Eucharistie darf und muss uns auch etwas wert sein. Ich danke allen, die sich auf den Weg machen, die Pfarreiengemeinschaften mit Leben zu erfüllen, die Brücken bauen und neue Möglichkeiten des Miteinanders versuchen. Die notwendigen Strukturveränderungen sind ja nur äußere Rahmenbedingungen, die Hilfen und Leitplanken sein sollen:

    Das Leben muss von innen kommen, aus dem glaubenden und liebenden Herzen aller Brüder und Schwestern im Bistum Trier. Helfen Sie alle durch Ihr Gebet und Mittun, dass die Kirche von Trier einen guten Weg in die Zukunft geht. Kirche wird lebendig, wenn Menschen Antwort geben auf das Wort des Herrn im Gebet und Gottesdienst und im alltäglichen Zeugnis der Liebe.

    Liebe Schwestern und Brüder!
    Am Tag meiner Verabschiedung, dem 26. Januar 2008, feiert die Kirche das Fest der Apostelschüler Timotheus und Titus. In seinem zweiten Brief an Timotheus schreibt der heilige Paulus: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen“ (2 Tim 1,7-8).
    Diesen Zuspruch, diese Ermunterung des heiligen Paulus möchte ich Ihnen allen mitgeben auf den Weg als Volk Gottes, ja, ich lasse mir das auch selbst gesagt sein am Tag meines Abschieds und meines Aufbruchs in ein neues Bistum. Wie sehr bitte ich für Sie und für mich um diesen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit und darum, die Geister der Verzagtheit zu überwinden. Denn wir brauchen uns nicht zu schämen, uns zum Herrn zu bekennen!

    Dieser Brief wird verlesen am ersten Sonntag der österlichen Bußzeit. Dann habe ich meinen Dienst als Erzbischof von München und Freising schon angetreten, und im Bistum Trier wartet man auf einen neuen Bischof. Das Evangelium des ersten Fastensonntags erzählt uns von der Versuchung Jesu durch den Teufel. Es geht um die entscheidende Frage, wie Jesus seinen Weg von Gott her gehen will und verstehen soll. Die Versuchung des Teufels ist: Jesus soll die Welt retten und befreien durch ein Machtwort, durch den direkten Einsatz seiner göttlichen Autorität, durch die Anbetung der Macht selbst. Jesus entscheidet sich ganz anders, er geht einen anderen Weg, den Weg des Gehorsams und der liebenden Hingabe. Die Welt kann nicht heil werden durch Geld, Macht und rein menschliche politische Strategien. Sie wird nur erlöst und heil durch Gott selbst, der sich in Liebe verschenkt und so die wirklich neue unzerstörbare Schöpfung ermöglicht.
    Dieser neuen Welt Gottes, die inmitten unserer Welt in der Person Jesu Christi selbst gegenwärtig ist, hat ein Bischof zu dienen, dafür soll er Zeuge sein und mit ihm zusammen das ganze Volk Gottes.
    Die österliche Bußzeit lädt uns alle ein, diese Berufung neu anzunehmen und in unseren täglichen Aufgaben zu leben. Wir helfen uns dabei durch unser Gebet füreinander. Darum bitte ich Sie sehr herzlich, wie auch ich für Sie alle immer wieder beten will. Und: Beten Sie in den kommenden Monaten auch immer wieder in den Pfarreien, Gruppen und Gemeinschaften um einen guten neuen Bischof dieses alten und schönen Bistums Trier.

    Liebe Schwestern und Brüder!
    So darf ich Sie alle zum letzten Mal als Ihr Bischof segnen. Ich tue das wie in meinem ersten Hirtenbrief vor sechs Jahren, indem ich das Bistum Trier noch einmal in besonderer Weise unseren Patronen, der Jungfrau und Gottesmutter Maria und dem heiligen Apostel Matthias, anvertraue. Der dreieine Gott möge Sie alle beschützen und segnen!

    Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

    Trier, am 13. Januar 2008,
    dem Fest der Taufe des Herrn

    Ihr
    Reinhard Marx
    Bischof von Trier

     

  • Fastenhirtenbrief von Bischof Reinhard Marx 2007 Switch

    Wer glaubt, ist auch im Sterben nicht allein

     

    Liebe Schwestern und Brüder!

     

    I. Die österliche Bußzeit beginnt mit einer eindrücklichen Erinnerung an unsere Sterblichkeit. Beim Auflegen der Asche am Aschermittwoch hören wir die Worte: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist, zum Staub kehrst du zurück.“ Unser eigener Tod gehört zur Realität unseres Lebens. Wir wollen das Sterben als Christen nicht verdrängen – weder in unserem persönlichen Leben noch in der Öffentlichkeit unserer Gesellschaft.

     

    Leben: Stärker als der Tod

    Denn als Christen glauben wir: Das Leben mit Jesus Christus ist stärker als der Tod. Christus hat in seinem Sterben und in seiner Auferstehung den Tod besiegt. Gerade die Verkündigung dieser österlichen Botschaft hat in der Anfangsphase des

    christlichen Glaubens im römischen Reich eine große missionarische Kraft entfaltet. Der Umgang der Christen mit dem Sterben und dem Tod hat viele Menschen beeindruckt und angezogen.

     

    Durch die Taufe haben wir Anteil am neuen Leben, das Christus eröffnet hat, so schreibt es der Apostel Paulus (Röm 6,3f): „Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft. Wir sind mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein“.

     

    Das Bekenntnis zur Auferstehung und zum ewigen Leben hat unmittelbare Auswirkung auf den Umgang mit Sterben, Tod und Begrabenwerden. Im Blick auf Christi Leiden, Sterben und Auferstehen finden wir Hoffnung und Kraft, den Weg des Leidens und Sterbens anzunehmen und selbst zu gehen. Es ist ein schwerer Weg, aber ein Weg, der zu unserem Leben gehört und den der Herr gegangen ist. Er ist uns vorausgegangen, um einen Platz für uns vorzubereiten, damit wir dort sein können, wo er ist (vgl. Joh 14,1-3). Unser verstorbener Papst Johannes Paul II. hat uns hier ein überzeugendes Beispiel geschenkt. Sein Sterben und sein Tod haben aber auch deutlich gemacht: Wer glaubt, ist nicht allein, im Leben nicht und im Sterben nicht. Diese Worte von Papst Benedikt XVI. sind Ermutigung, aber auch Auftrag an die Kirche.

  • Fastenhirtenbrief von Bischof Dr. Reinhard Marx zur österlichen Bußzeit 2006 Switch

    Im Hirtenbrief zur Fastenzeit 2006 beleuchtet Bischof Reinhard Marx den Zusammenhang von Caritas und Einsatz für Gerechtigkeit mit Eucharistie und Gebet in der Gemeinde...

    Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht

     

    Liebe Schwestern und Brüder,

    seiner ersten Enzyklika hat Papst Benedikt XVI. ein Wort aus dem Ersten Johannesbrief vorangestellt: „Deus Caritas est“ – Gott ist die Liebe. Der Papst entfaltet in seinem Lehrschreiben, was diese Wahrheit für unseren Glauben und unser Leben als Kirche bedeutet. In der Enzyklika werden neue Zugänge zu einem befreienden Gottesbild erschlossen und gleichzeitig wird erkennbar, wie die Begegnung und die Gemeinschaft mit diesem Gott der Liebe ganz konsequent unsere Hinwendung zum Nächsten und besonders zu den Schwachen, zu den Kranken und Armen zugleich fordert und ermöglicht. So wird ein umfassendes Verständnis der Gottes- und Nächstenliebe eröffnet, das in die Mitte des christlichen Glaubens hineinführt und auch dem sozialen und karitativen Engagement der Kirche einen starken Impuls gibt.

    Wie sehr sind wir doch in diesen Jahren des Umbruchs in der Kirche in Versuchung, um uns selbst zu kreisen, unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse vorrangig zu behandeln und uns an dem zu orientieren, was für uns selbst gut erscheint. Aber wenn wir uns auf die Liebe einlassen, die uns Gott in Jesus Christus schenkt, werden wir fähig zum Aufbruch. Denn es ist eine Liebe, die uns öffnet, eine Liebe, die nicht bei sich selber bleibt, sondern die sich verschenken will, die Anteil nimmt und über sich selbst hinausweist auf den anderen hin.

    Das Leben in der Liebe Gottes setzt eine Dynamik frei und macht die Kirche fähig, das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen und so ihre Sendung neu zu leben. Zu diesem Zeugnis der Kirche gehört nicht nur die Weitergabe des Glaubens und die Feier der Sakramente, sondern auch der Einsatz für die Armen, Schwachen und Kranken überall auf der Welt. Das war, wie der Papst in seiner Enzyklika unterstreicht, von Anfang an ein Kennzeichen der christlichen Gemeinden und etwas völlig Neues, so dass die antike Welt überrascht auf dieses Zeugnis geschaut hat.

    Dieser Einsatz bezieht sich aber nicht nur auf die unmittelbare Nächstenliebe, er ist auch ausgerichtet auf den Einsatz für eine Gesellschaft, die den Auftrag hat, Gerechtigkeit für alle Menschen zu ermöglichen. Seit dem 19. Jahrhundert hat die Kirche deshalb eine eigene Soziallehre entfaltet, die alle Menschen guten Willens befähigen will, das Ziel der Gerechtigkeit mit den Mitteln der praktischen Vernunft zu verfolgen. Wir wissen: Es geht nicht nur darum, dem karitativ beizustehen, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber gefallen ist, sondern auch darum, die Wege von Jerusalem nach Jericho sicherer zu machen, damit weniger Menschen unter die Räuber fallen. Beides gehört zusammen und ist aufeinander bezogen. Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe sind unser Auftrag. Der politische Einsatz für Gerechtigkeit und die ganz konkrete Liebe zu den Schwachen und Kranken sind keine zweitrangigen Aufgaben; vielmehr wäre das kirchliche Tun ohne sie nicht vollständig.

    Liebe Schwestern und Brüder, der Katholikentag in Saarbrücken vom 24. bis zum 28. Mai dieses Jahres, zu dem ich Sie alle sehr herzlich einlade, möchte gerade diese Dimension unseres kirchlichen Lebens und Wirkens unterstreichen. „Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ ist das Leitwort. Es will uns ermutigen, neben allen innerkirchlichen Herausforderungen und Diskussionen auf unseren Auftrag für eine gerechtere Welt zu schauen. Seit dem ersten Katholikentag im Jahre 1848 waren diese von Laien initiierten und organisierten Treffen geprägt vom Engagement für eine Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit und der sozialen Liebe.

    So wird auch in Saarbrücken das ganze vielfältige Leben der katholischen Kirche in Bistümern, Pfarreien, Organisationen, Bewegungen und Verbänden sichtbar werden. Ich hoffe sehr, dass die Tage in Saarbrücken so auch ein großes Fest des Glaubens und der Gemeinschaft werden. Aber darüber hinaus geht es eben um eine Zeitansage, um eine Auseinandersetzung mit den großen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Viele Gäste aus Europa und der Welt werden nach Saarbrücken kommen und die Gastfreundlichkeit des Saarlandes erleben. Ich möchte alle sehr herzlich einladen, an diesen Tagen teilzunehmen, damit das Bistum Trier sich durch uns als ein guter und freundlicher Gastgeber zeigen kann.

    Natürlich hoffe ich auch, dass der Katholikentag für uns im Bistum längerfristige positive Auswirkungen hat, besonders in unserem karitativen und politischen Engagement. Es wäre gut, wenn die Dekanate, Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften, die sich zurzeit neu auf den Weg machen, auch darauf achten, dass einer Pfarrei ohne karitative Aktivitäten Wesentliches fehlt. Dieser Einsatz für die Armen und Schwachen in unserer Gesellschaft muss auch immer wieder eingebunden sein in die Feier der Eucharistie und in unser Gebet. Das gilt auch für das politische Engagement. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn unsere katholisch-soziale Bewegung neuen Zuspruch finden könnte. Es wäre wichtig, wenn die Katholische Soziallehre, die tragfähige Orientierung gibt für den Einsatz von Christinnen und Christen in der Politik, wieder auf stärkeres Interesse stoßen würde. Dankenswerterweise hat der Katholikenrat im Bistum Trier diese Anregung schon aufgegriffen. Daran müssen wir weiterarbeiten. Wir brauchen Männer und Frauen, die aus dem Geist des Evangeliums und geprägt von der Soziallehre der Kirche in unserer Gesellschaft, in Parteien, Gewerkschaften, Unternehmen und Kommunen für eine gerechtere Welt eintreten.

    Liebe Schwestern und Brüder, der Katholikentag in Saarbrücken ist ein wichtiges Ereignis für die Kirche in unserem Land und in unserem Bistum. Es geht um „Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“. Wir wollen in diesen Tagen Zeugnis ablegen für unseren Glauben, für unsere Hoffnung und für unsere Liebe und in aller Öffentlichkeit deutlich machen, dass der Einsatz für Gerechtigkeit in unserem Land, in Europa und weltweit zum Auftrag der Kirche gehört. Dieser Einsatz wurzelt in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Weil wir in Christus die unendliche Liebe gefunden haben, können wir nicht mehr nur um uns selber kreisen. Die Liebe öffnet uns und macht uns wach für alle Nöte.

    Diese Liebe Gottes, die Jesus Christus heißt, begegnet uns besonders in der Feier der heiligen Eucharistie und im Gebet. So kann auch der Katholikentag nur dann Früchte tragen, wenn alles Bemühen verwurzelt ist in unserem geistlichen Leben, eben im Gebet. Das Gebet soll uns auch in den nächsten Wochen der Vorbereitung auf den Katholikentag begleiten; so möchte ich mit Ihnen beten:

    Ewiger und gerechter Gott,
    Du führst uns durch die Zeit, Du bist und bleibst bei uns in allem was wir tun. Wir rechnen mit Deiner Hilfe und bitten Dich um Kraft bei allem Schweren und Schönen, das uns jetzt herausfordert. Wir suchen nach Antworten auf die Fragen der Zeit, wir stellen uns neu auf, um Deinen Auftrag zu erfüllen. Lass uns in Deinem Geist erkennen, was wichtig ist, lass uns bei allem Denken und Planen, hellwach und empfindsam bleiben. Gib uns von Deinem Mut, Herr, und lass uns die Chancen sehen, die uns geschenkt werden, nicht später sondern heute. Wir sind auf dem Weg, ein Ziel ist Saarbrücken, dort wird Rast sein und Suche, Orientierung und Stärkung. Wir werden Gastgeber sein, für den Katholikentag 2006, wir bereiten uns vor, auf viele Begegnungen. Gib uns die Freude, das zu tun, was uns möglich ist, damit die Botschaft deutlich und klar wird: In Dir, Gott, ist Hoffnung, in Jesus Christus Halt, im Heiligen Geist die nötige Kraft um zu leben und zu handeln. In Gerechtigkeit vor Deinem Angesicht !

    So segne Sie alle der liebende und gütige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

    Trier, den 2. Februar 2006, am Fest der Darstellung des Herrn
    Reinhard Marx
    Bischof von Trier

     

Predigten

  • Silvester-Predigt 2007 von Bischof Dr. Reinhard Marx Switch

    Die Kirche von Trier und ihre "Schätze"

    Erneuerung der „ersten Liebe“

    (Lesung: Lesung: Offb 2,1-7)

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Das Ende des Jahres ist immer auch ein Augenblick, in dem wir uns an das erinnern, was uns in den letzten zwölf Monaten bewegt hat. So sind es auch für mich Stimmungen des Abschieds und des Neuaufbruchs - denn dies ist meine letzte Silvesterpredigt im Hohen Dom zu Trier. Aber es geht ja nicht nur um mich persönlich, wenn wir heute den letzten Tag des Jahres bedenken und damit das Jahr, das zurückliegt, noch einmal Revue passieren lassen für uns persönlich oder gesellschaftlich und politisch, sondern es geht um die Frage: Was bleibt, was hat Bestand? Wir haben gebetet, dass die Zeit zwischen unseren Händen zerrinnt und so fragen wir uns gerade in Augenblicken des Abschieds, des Neuaufbruchs, des Jahreswechsels: Was bleibt von meinem Leben, von den Augenblicken, die ich gelebt habe, von den Begegnungen, von den Erfahrungen, von dem, was ich erarbeitet und geleistet habe?

    Ich habe für heute Abend einen kleinen Text aus der Geheimen Offenbarung des Johannes ausgesucht. Denn die Geheime Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Heiligen Schrift, will uns genau auf diese Frage hinlenken und die Gemeinden aufrütteln, immer wieder zu bedenken, was bleibt. Was bleibt angesichts der letzten Stunde, angesichts der Wahrheit, dass alles, was wir sehen, vergehen wird, und dass nur das, was von Gott her kommt, wirklich Bestand hat? Bestand hat das, was Gott in unseren Herzen wirkt, was er mit uns in der Liebe, die er uns schenkt, möglich macht. Also ist dieses letzte Buch der Heiligen Schrift für diese Stunde eine Art Ermutigungs- und Trostbuch, das uns helfen will, diese Frage immer neu in den Blick zu nehmen. Was hat Bestand, was ist das kostbare und unzerstörbare Geschenk, das mir niemand nehmen kann? Johannes schreibt, nach der Tradition ist es der Evangelist, in einem Teil der Geheimen Offenbarung sieben Hirtenworte an die verschiedenen Ortskirchen, an „Bistümer“ könnten wir sagen. Er schreibt ihnen Ermahnungen, Ermunterungen, auch Kritik und Lob. Er versucht, sie neu auf den Weg zu bringen in diesen Hirtenworten, die er ihnen schickt.

        II.  Das Feuer der ersten Liebe

    Wir haben eben das Wort an die Gemeinde in Ephesus gehört, das erste dieser sieben Sendschreiben an die „Bistümer“ Kleinasiens. Ephesus war eine reiche Stadt, eine Weltstadt, eine Metropole, und die Christen waren schon sehr früh dort ansässig. Johannes schreibt wahrscheinlich einer Gemeinde, die schon in der zweiten oder dritten Generation christlich ist, keine große, aber doch eine von mehreren hundert, vielleicht sogar einigen tausend Christen, wir können es nicht genau sagen. Aber es ist eine Gemeinde, die gelobt wird wegen ihrer Beharrlichkeit, wegen ihrer Treue, aber die im Grunde das erste Feuer verloren hat, eine Gemeinde, in der die Atmosphäre der Langeweile spürbar wird, der Müdigkeit. Er lobt sie: Ja, ihr seid treu geblieben, aber was ich euch vorwerfe ist, dass ihr die erste Liebe nicht mehr habt. Nun könnte man sagen, es ist doch wichtig, treu zu sein, auszuharren, wirklich beständig zu sein. Und dennoch sagt Johannes, fast etwas übertrieben: Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist. Für ihn ist das wichtigste die Liebe. Ist das Feuer der Liebe noch da, ist es noch lebendig, oder ist diese Gemeinde in Routine erstarrt, in Langeweile, zwar immer wieder treu, aber nicht mehr begeistert, nicht mehr ansteckend, nicht mehr missionarisch? Wir denken an das Wort des heiligen Paulus, das er den Korinthern schreibt im großen Lied von der Liebe: Hättest du so viel Glauben, um Berge zu versetzen, hättest aber die Liebe nicht, es nützte dir nichts (vgl. 1 Kor 13,1-13). Du könntest noch so viel erreichen, noch so viel leisten, hättest du die Liebe nicht, es nützte dir nichts. Ein starkes, ein bedrängendes Wort des heiligen Paulus, das hier hineingehört in das Bedenken der ersten Liebe.

        III. Sich neu verlieben...

    So möchte ich heute Abend mit Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, sozusagen zum Abschied und zum Übergang in das neue Jahr, betrachten: Erinnerungen an und Zuspruch und Ermutigung zu dieser ersten Liebe. Ich habe am Anfang meines Dienstes im Bistum Trier gelegentlich von der „mentalen Wende“ gesprochen, von der geistigen Wende, die notwendig ist. Etwas davon drückt Johannes aus, wenn er von der Wiederentdeckung der ersten Liebe spricht, von der ersten Begeisterung, von der Frische des Evangeliums, von der Neuheit Christi, dass wir herauskommen aus der Routine und entdecken, wie wunderbar es ist, wie erfrischend und neu, Christ zu sein, wie Staunen erregend unser Glaube ist, wie schön es ist, ihn immer neu zu entdecken, die erste Liebe.

    Die Erinnerung an, der Zuspruch und die Ermutigung zu dieser ersten Liebe sind immer wieder nötig. Die Kirchengeschichte zeigt es: Nicht erst heute haben wir in manchen Gebieten Ermüdungserscheinungen des christlichen Glaubens, das geht durch die ganze Geschichte der Christenheit hindurch. Die Geschichte des Volkes Gottes ist nicht einfach eine Aufstiegsgeschichte des immer besser, immer heiliger, immer mehr, sondern turbulent und wechselhaft und immer wieder auch von Umkehr geprägt, von Neuaufbruch und vom Wiederentdecken der ersten Liebe. So möchte ich mit Ihnen einen Blick auf das werfen, was uns in unserer trierischen Kirche helfen kann, diese erste Liebe wieder zu entdecken und sie neu für uns persönlich, für jeden und jede von uns, aber auch in unseren Pfarreien und Ordensgemeinschaften, in unseren Gruppen, Einrichtungen und Verbänden wieder zu entdecken, uns sozusagen neu in den Glauben zu verlieben.

    Wir kennen das ja auch aus den menschlichen Beziehungen. Manchmal kann man bei Ratgebern oder auch Familienberatungsstellen den Tipp hören, Eheleute sollten versuchen, sich wieder neu ineinander zu verlieben. Da ist etwas dran. Auf einmal merkt man wieder, wie schön es ist, dass der andere da ist. Wir sind schon zwanzig Jahre zusammen, aber wir sollten es uns einmal wieder sagen: Schön dass du da bist, gut, dass es dich gibt. Sich neu verlieben, danach sehnen wir uns, aber das gilt in irgendeiner Weise auch – so meine ich – für das Leben der Kirche, für das Leben des Glaubens, dass wir diese Erneuerungspotentiale, die in unserer Kirche in Trier stecken, wiederentdecken, um uns so neu zu verlieben in den Glauben, in die Kirche, in das Volk Gottes, in das, was uns geschenkt ist. Dass wir neu erfrischend erfahren, was es bedeutet, ein katholischer Christ zu sein, und das Feuer der Liebe wieder spüren.

        IV. Die Anfangszeit der trierischen Kirche

    Schauen wir auf die Anfänge zurück. Für mich war das in diesen sechs Jahren immer wieder etwas Faszinierendes. Ich habe oft hier im Dom davon gesprochen, wie sehr es mich bewegt, dass hier auf diesem Gelände die ersten Christen auf deutschem Boden gelebt haben im dritten Jahrhundert. Papst Pius XII. hat es etwa so formuliert: Trier ist die Pforte des Evangeliums für Deutschland. Hier haben sich die Christen zuerst in einer Hauskirche versammelt. Wir haben die Spuren davon ausgegraben. Unter der Dominformation können Sie diese Hauskirche anschauen. Dieser Ursprung des Glaubens: die Frische des Glaubens, ein Netzwerk von Hauskirchen, von Gemeinschaften des Gebetes, eine Kirche, die in der Familie lebendig war, eine Gemeinschaft des Betens, eine Gemeinschaft der Eucharistie, und in der Mitte war der Bischof, der für diese Stadt von außerordentlicher Bedeutung war, auch durch die Turbulenzen der Völkerwanderungszeit hindurch. Die Gemeinschaft der Christen hatte das Bewusstsein eines neuen Lebens, eine kleine Gruppe von fünfzig, achtzig Leuten wusste: Wir haben die Zukunft! Wir haben Christus gefunden und er gibt uns die Kraft, diese Gesellschaft zu prägen, nicht umgekehrt. Wir laufen nicht den anderen hinterher. Wir haben die Kraft, anderen etwas Kostbares, Wichtiges zu sagen, was ihrem Leben aufhilft. Diese Anfangszeit der trierischen Kirche, wir könnten sagen, die Anfangszeit der Kirche auf deutschem Boden, die hier stattgefunden hat, kann uns immer wieder auch Hinweise geben für die Wiederentdeckung der ersten Liebe. Schauen wir auf die Schätze der trierischen Kirche, die uns helfen können, diese Liebe wiederzuentdecken, diese Liebe zu leben, sie zu erneuern, zu vertiefen. Schauen wir sozusagen auf die geistlichen Ressourcen der trierischen Kirche.
    Einer der wichtigsten "Schätze": Die Tunika Christi (Besichtigung 2007)
    Einer der wichtigsten "Schätze" der trierischen Kirche: Die Tunika Christi (Besichtigung 2007)


      V. Die geistlichen "Ressourcen der trierischen Kirche"

    Als Erstes möchte ich den Glauben selbst nennen. Der Glaube ist unser größter Schatz, und wie oft kommt es vor, dass Menschen es für selbstverständlich halten, dass sie Christen sind, so dass sie gar nicht mehr begreifen, dass es das größte Geschenk unseres Lebens ist, dass wir uns Christen nennen dürfen, dass wir getauft sind und in der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes leben dürfen. Der Glaube ist das kostbarste Geschenk, die kostbarste Ressource unserer trierischen Kirche, ein Glaube der reflektiert ist, der bedacht ist, und der im Tiefsten froh macht. Es ist eine Einladung an uns alle, wie ich immer wieder versucht habe, in den Gottesdiensten und Begegnungen zu sagen: Entdeckt das Wunderbare des Glaubens neu. Entdeckt, wie schön es ist, gläubig zu sein, Christus zu finden. Begreift, wie schön es ist, dass die Sonne des Lebens über unserem Leben aufgegangen ist, das Licht, das niemand vertreiben kann, und dass wir in diesem Licht leben dürfen, dass dieses Licht uns geschenkt ist, dass dieses Licht uns erleuchtet.

        VI. Lebendige Pfarreien

    Ein zweites Geschenk, eine zweite Ressource, ein zweiter Schatz der trierischen Kirche ist das Leben in unseren Pfarreien. Auch da läuft manches so wie in Ephesus routiniert und treu, verlässlich, aber manchmal fragt man auch: Wo ist das Feuer der ersten Liebe, wo ist das Feuer der Begeisterung, die Freude des Christseins? Aber schauen wir auf das Positive: Wie viele Menschen sich sonntäglich zur Eucharistie versammeln, wie sehr sie offen sind für das Hören auf das Wort Gottes. Hunderttausende tun es. Wir vergessen oft die positive Seite des kirchlichen Lebens, weil wir uns in eine Jammerposition hineinziehen lassen und nicht mehr sehen, wie viele Menschen Christen sein wollen und wie viele Menschen sich Sonntag für Sonntag versammeln, um die Eucharistie zu feiern, um das Wort Gottes zu hören, um miteinander Christ zu sein. Es gibt keine vergleichbare gesellschaftliche Gruppe, die in dieser Weise treu und verlässlich zusammenkommt. Und zugleich ist da der Aufruf, lebendig zu bleiben. Wie sehr habe ich bewundert, wie gerade unsere kleinen Pfarreien in der Eifel, auf dem Hunsrück, an der Mosel, im Saarland, am Rhein ihren Glauben leben und verbinden mit dem Leben vor Ort und wie sehr erfahrbar ist, dass der Glaube das Leben wirklich verbessert, dass er die Qualität des Lebens in einer Kommune, in einem kleinen Dorf erheblich nach vorne bringt, dass diese Kapelle das Herzstück dieser kleinen Pfarreien und Ortschaften ist. Wenn sie verschwinden würde, würde das Herzstück weggerissen. Das sind Ressourcen, das sind Schätze gerade unserer trierischen Kirche.

    Und wenn wir nun in eine Zeit hineingehen, in der die Kooperation, das Miteinander der Gemeinden stärker sein soll und muss und auch darf, dann sollte man das als eine Erweiterung dieser Schätze sehen, die wir austauschen. In einer Pfarrgemeinderatssitzung habe ich es einmal so formuliert: Du sollst deine Nachbarpfarrei lieben wie deine eigene. Da haben die Gremien verstanden, was ich gemeint habe. Miteinander austauschen: Was habt ihr Gutes? Schön, dass ihr unsere Nachbarn seid, dass ihr dies in Gang bringt, könnt ihr das für uns auch tun, können wir einander helfen auf dem Weg des Glaubens? Nicht wir und die anderen getrennt voneinander, sondern aufeinander zugehen und sich bereichern. Dann kann aus diesem Schatz ein Netzwerk von Gemeinschaften entstehen, wo nicht einer gegen den anderen steht und sich abgrenzt, sondern wo wir unsere Gaben austauschen. Diese Offenheit füreinander, die ich in vielen Pfarreien schon entdecke, macht mir Mut, dass die Schätze der trierischen Kirche noch längst nicht gehoben sind, dass die erste Liebe noch möglich ist und wiederentdeckt werden kann.

        VII. Die Patronin des Bistums:  die Immaculata

    Als dritten Schatz der trierischen Kirche möchte ich unsere Patronin nennen, die Gottesmutter Maria, die Immaculata, die Unbefleckte Empfängnis. Wenn wir unter den Schutz Mariens treten, ist sie die beste Lehrmeisterin, um die Liebe zu entdecken. Sie ist diejenige, die uns lehrt zu lieben, die erste Liebe, die Frische der ersten Liebe neu zu empfinden. Besonders erinnere ich an unsere Wallfahrtsorte, die ich so gerne besucht habe – alle konnte ich gar nicht besuchen, weil es so viele kostbare, wunderschöne Wallfahrtsorte in unserem Bistum Trier gibt. Ich denke an Klausen, an Spabrücken, an Barweiler, an Wiebelskirchen und an viele andere. Ich spüre, wenn ich dort bin, in der Mitte des Volkes Gottes, wie sehr eine Atmosphäre der ersten Liebe spürbar wird. Dort, wo die Gottesmutter verehrt wird, wo sie in die Mitte gestellt wird, hilft sie uns, die erste Liebe wiederzuentdecken, Christus wiederzuentdecken. Es ist eine Atmosphäre der Freude, der Fröhlichkeit, des Beschwingten und der Freude darüber, zusammen zu sein.

    Für mich persönlich war ein schönes Zeichen immer wieder die Mariensäule hier in Trier auf dem Markusberg. Wenn ich abends zurückkam von meinen Reisen in das Bistum und die Mariensäule geleuchtet hat, dann war das für mich eine Erinnerung an diese erste Liebe, an diese wunderbare Menschwerdung Gottes, die uns geschenkt wurde durch die Gottesmutter Maria. Es gibt eine wunderschöne Tradition, dass die Mariensäule als Gebetserinnerung und Gebetsversprechen beleuchtet werden kann. Ich freue mich sehr, dass ich in diesem Jahr drei Beleuchtungen geschenkt bekommen habe – drei Beleuchtungen während der Nacht als Gebetserinnerung und Zuspruch für mich. Das tun viele Christen in Trier füreinander, eine wunderschöne Tradition.(Informationen bei der Dominformation)

    Wichtig ist für uns im Bistum deshalb der 8. Dezember, das Fest der Immaculata. Da würde ich mir schon wünschen, dass es wieder stärker ein wichtiger Tag für das Bistum und in den Pfarreien wird. Im Jahre 2003 habe ich noch einmal das ganze Bistum der Gottesmutter Maria geweiht, der Unbefleckten Empfängnis, die unsere Patronin ist. Ihr haben wir das Bistum noch einmal übergeben in der großen Hoffnung, dass sie uns beschützt, dass sie der Meeresstern ist, der dem Schiff der Kirche von Trier den rechten Weg weisen kann. Ich habe damals dazu eingeladen, den Engel des Herrn wieder neu zu entdecken, ihn täglich zu beten, am Mittag oder am Abend. Vielleicht können Sie das erneut als Anregung aufnehmen. Das sind kleine Hilfen, um diese erste Liebe frisch zu halten, um sie nicht in Routine erstarren zu lassen, um sie wieder neu zu entdecken. Immer wieder spüre ich, wie sehr die marianische Spiritualität, das Bemühen, sich mit Maria auf den Weg zu machen, unserem Glauben aufhilft, unseren Glauben prägt, unseren Glauben lebendig und froh macht.

        VIII. Menschen, die ihr Leben einsetzen

    Als vierten Schatz möchte ich die Menschen nennen, die sich ganz hingeben. Ich denke besonders an die Priester, an die Ordensschwestern, an die Patres und die Brüder, also die Menschen des geweihten Lebens. Wir wissen alle, dass das ganze Volk Gottes zur Heiligkeit gerufen ist, aber wir brauchen auch die, die ihr ganzes Leben hingeben, die ihr ganzes Leben zeugnishaft in die Mitte des Volkes Gottes hineinstellen und dem Volk Gottes so ganz dienen wollen. Ich will die Priester und die Ordensleute nicht idealisieren. Ein Bischof weiß sehr gut um die Schwächen, um das, was nicht vollkommen ist. Aber ich weiß eben auch, wie notwendig es ist, dass in einer Gemeinde ein Priester ist, der sein Leben und sein Herz verschenkt an das Volk Gottes und an den Herrn. Wie dankbar bin ich all den Priestern und den Ordensleuten, den Gemeinschaften, die sagen: Unser ganzes Leben schenken wir dem Herrn und so allen Menschen. Und das hilft dem ganzen Volk Gottes. Das ist kein Gegeneinander, keine Abgrenzung, sondern da, wo das gelebt wird, spürt man, wie das Volk Gottes froh wird, spürt, wie es die erste Liebe wieder entdeckt, wenn es Menschen begegnet, die in den evangelischen Räten, in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit ein besonderes Zeugnis geben. Das ist sicher eine Lebensform, die Anstoß erregt aber gleichzeitig anziehend ist. Natürlich gehört dazu auch das Gebet um Priester- und Ordensberufe. Gerade in unserem Bistum mit der reichen Tradition der Klöster und Orden ist das sehr wichtig. Ob jung oder alt, Priester, Seminarist, Novizin, Novize, alle Schwestern und Brüder, die in besonderer Weise dieses Zeugnis geben, sind ein großer Schatz. Ich freue mich immer, wenn die Seminaristen zu mir kommen mit ihrer frischen Begeisterung, und hoffe und bete darum, dass sie die erste Liebe behalten, dass sie in der ersten Liebe lebendig bleiben. Aber das ist auch unsere gemeinsame Verantwortung als Kirche von Trier.

        IX. Die Tunika Christi und weitere "Schätze"

    Diese „Schätze“ des Bistums, die immer noch lebendig sind, können uns helfen, in der ersten Liebe zu leben, sie wiederzuentdecken und die ursprüngliche Freude und Begeisterung des Glaubens neu zu leben.

    Zum Schluss möchte ich auf die besonderen, vielleicht ganz außergewöhnlichen Schätze unseres Bistums hinweisen. Auch sie helfen uns, die erste Liebe wiederzuentdecken, aus der Routine herauszukommen und neu aufmerksam zu werden für unsere Berufung. Da ist zunächst dieser Dom und das, was im Dom das Kostbarste ist, die Tunika Christi, das letzte Hemd Jesu, der Heilige Rock. Ich bedauere sehr, dass ich im Jahre 2012 nicht mehr Bischof von Trier sein kann, um die große Heilig-Rock-Wallfahrt zu erleben. Ich werde sicher als Wallfahrer kommen. Auch die jährlichen Heilig-Rock-Tage erinnern uns daran, was es bedeutet, dieses Zeichen der Gegenwart Jesu in unserer Mitte zu haben. Immer wieder kann man dann erfahren, wie sehr diese Herrenreliquie, diese Erinnerung an Jesus, Menschen lebendig macht, wie sehr Jung und Alt, Suchende und Fragende auf dem Weg ermutigt werden, wie dieses Zeichen versammelt, wie es wirksam ist, um die erste Liebe wiederzuentdecken, nicht einfach in seinem Trott zu bleiben, sondern neu zu erkennen, wie schön es ist, bei Christus zu sein.

    Ich denke aber auch an das Apostelgrab in unserer Mitte. Manche wissen und achten gar nicht, was für ein Schatz das ist. Und ich bedauere, dass ich am 24. Februar 2008, am Fest des hl. Matthias, den neuen Altar in St. Matthias nicht weihen kann; das wird ein anderer tun. Aber dass wir in unserer Mitte, in unserer Stadt, in unserem Bistum das Grab eines Apostels haben, der mit Jesus zusammen war, der ihn berührt hat, der seine Stimme gehört hat, dass wir mit ihm auch sozusagen immer wieder in die Nähe Jesu hineinkommen, in die große apostolische Tradition des ersten und zweiten Jahrhunderts, ist ein großer Schatz. Und die Wallfahrt zum Apostelgrab könnte noch lebendiger werden, könnte uns noch mehr helfen, diese erste Liebe nicht zu verlieren oder sie wiederzuentdecken.

    Oder denken wir, das war für mich immer wieder faszinierend, an die große Zahl der Heiligen unseres Bistums. Ich habe den Auftrag gegeben, ein großes Buch der Trierer Heiligen zu veröffentlichen, weil viele die Namen gar nicht mehr kennen, die lange Liste derer, die sich in besonderer Weise dem Evangelium gestellt haben, dem Evangelium Raum gegeben haben in ihrem Leben. Die Litanei im Anhang unseres Gotteslobes spricht davon. Jedes Mal wenn die Pfarrer zu mir ins Haus kommen um vereidigt zu werden für ihren Dienst und um das Glaubensbekenntnis abzulegen, beten wir gemeinsam die Litanei der Heiligen unseres Bistums und das gibt uns allen immer wieder einen geistlichen Schub. Das ist eine Hilfe zur ersten Liebe. Ich spüre es und dafür bin ich dankbar. Denken wir besonders an die Heiligen und Seligen der neueren Zeit, an Peter Friedhofen, Sr. Blandine Merten, freuen wir uns auf die Seligsprechung von Mutter Rosa am 4. Mai 2008 hier im Dom. Auch da kann ich nur als Gast dabei sein. Oder denken wir an Sr. Emilie von der Gemeinschaft der Schönstätter Marienschwestern, denken wir an Hieronymus Jägen, den Bankdirektor aus Trier, auch an Pater Eberschweiler, der in unserer Jesuitenkirche verehrt wird. Sie warten noch auf ihre Seligsprechung. Oder auch P. Joseph Kentenich, bei dem der Prozess der Seligsprechung in unserem Bistum noch nicht ganz abgeschlossen ist. Die Heiligen sind Leitbilder für unser Leben, und wenn wir sie wiederentdecken als den großen Schatz unserer trierischen Kirche, wenn wir sie sehen, als diejenigen, die uns helfen, die erste Liebe zu leben, dann können sie auch wirklich Orientierungspunkte und Leitbilder für unseren Weg in die Zukunft sein.

        X. Lebe deine erste Liebe!

    Liebe Schwestern und Brüder, die erste Liebe wiederzuentdecken, ist vielleicht nicht ganz einfach, aber es ist nicht unmöglich. Man kann sich neu locken lassen. Man kann sich neu auf den Weg machen. Man kann sich helfen lassen. Und die Hilfen sind uns ja angeboten. Ein paar von den Hilfen habe ich genannt, einige „Schätze“, die uns helfen, aus dieser großen ersten Liebe zu leben und sie wiederzuentdecken. Das ist in dieser Stunde des Abschieds mein Wunsch für die trierische Kirche:

    Bistum Trier, du bist so reich an Glaubenskraft, an großen Traditionen, an Heiligen, an vielen lebendigen Pfarreien, an überzeugenden Brüdern und Schwestern, die glauben: Lebe deine erste Liebe! Amen.

  • Kernsätze der Predigt am Ostersonntag 2007 in der Hohen Domkirche zu Trier Switch

    Volles Leben erst, wenn Himmel und Erde verbunden sind

    „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Der Satz aus dem Kolosserbrief des hl. Paulus in der Lesung des heutigen Ostersonntags scheint eigentlich heutigen Menschen kaum verstehbar, ja, er hört sich an wie eine weltfremde Provokation. Die moderne Zeit hat ja seit vielen Jahrzehnten genau den gegenteiligen Ruf vernommen und mit Begeisterung akzeptiert. „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten … Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“, so Heinrich Heine in seinem großen Gedichtzyklus „Deutschland, ein Wintermärchen“. Diese Botschaft ist mittlerweile wohl für die meisten Menschen, vielleicht auch für viele Christen, die beherrschende Lebensperspektive. Leben bezieht sich auf diese irdische Existenz, Leben heißt, mit beiden Beinen auf dieser Erde stehen, „den Himmel überlasen wir den Engeln und den Spatzen“.

    Die österliche Botschaft sagt nicht einfach das Gegenteil, aber sie erweitert den Horizont. Dieses irdische Leben bekommt erst Tiefe, Qualität und Würde, wenn es den Himmel gibt, wenn Gott existiert und mein Leben ganz in ihm geborgen ist. Das Leben ohne den Blick auf das Himmlische führt eben nicht, wie manche – auch Heine – gemeint haben, zur Fülle, zum unzerstörbaren Glück, zur nachhaltigen Freude, sondern ist ein anstrengender Kampf gegen den Tod, den Lebensvernichter. Das volle Leben wird erst möglich, wenn Himmel und Erde verbunden sind. Aber die Priorität hat dann der Himmel, das unzerstörbare Leben, Gott, der Schöpfer und Erlöser, ohne den das Leben kein Woher und Wohin hat. Von Ostern her, dem Fest der Auferstehung Jesu, des Sohnes Gottes, ist unser Leben in einen Glanz getaucht, der wunderbar ist, der uns staunen lässt. Ja, wir können sagen: Ohne den Blick in den österlichen Himmel gibt es auch keine wirkliche irdische Kultur, die ohne das, was wir Transzendenz nennen, ja gar nicht denkbar ist.

    Auch Europa verliert ohne diesen Blick in den Himmel nicht nur den Glauben, sondern seine kulturellen Grundlagen. Menschliche Kultur entsteht ja dann, wenn der Blick über das Irdische, Sichtbare und Materielle hinausgeht, wenn Transzendenz gewagt wird. Nur dann können sich Kunst, Musik, Literatur, Denken, Geist und Leben entwickeln. Der Glaube an den auferstandenen Jesus Christus ist eine wesentliche Grundlage unserer Kultur. Wenn er fehlt, fällt etwas aus, was nicht ersetzt werden kann. Das spüren mittlerweile immer mehr Menschen. Deshalb ist der österliche Blick in den Himmel für uns alle überlebensnotwendig. Deshalb ist Europa, wenn es Gott und den Glauben aus seiner Verfassung ausklammern will, zutiefst mutlos.

     

  • Kernsätze der Predigt am Karfreitag 2007 in der Hohen Domkirche zu Trier Switch

    Gott gibt alles - um der Menschen willen

    Propter nos homines – für uns Menschen, so heißt es im Glaubensbekenntnis, ist er, Jesus Christus, der Sohn Gottes, Mensch geworden, um uns Menschen den Weg in das Leben in Fülle zu ermöglichen. Im Blick auf die Leidensgeschichte wird klar, was das bedeutet: Gott gibt alles um des Menschen willen! Im Kreuz Jesu erkennen wir einen Gott, der sich ganz und gar hingibt. Er zeigt in seinem Handeln, dass die größte Freiheit sich in der Liebe realisiert und vollendet. Gott, der wirklich absolut frei ist, offenbart im Kreuz, was wahre Freiheit ist: alles geben können in der Liebe. Deswegen kann der Herr in der Stunde seines Todes rufen: Es ist vollbracht!

    Aber – warum dieser ungeheure Aufwand, warum der Liebestod Gottes in Jesus Christus am Kreuz, das größte, faszinierendste und zugleich schrecklichste Geschehen aller Zeiten? Noch einmal: um des Menschen willen! Ja, so kostbar ist das Leben jedes Menschen, dass Gott dafür alles gibt. Von daher nur ist der Einsatz der Kirche für das Leben zu verstehen. Deshalb können und werden wir nicht schweigen, wenn das Leben des Menschen entwürdigt, missbraucht und getötet wird. Niemals wird die Kirche aufhören, gegen Abtreibung, aktives Töten von Sterbenden, auch gegen die Todesstrafe zu kämpfen und den Krieg zu ächten. Gott hat alles gegeben um des Menschen willen. Dazu gehört allerdings der Horizont eines umfassenden Lebensentwurfs, der Himmel und Erde einschließt. Gerade weil der Mensch durch seine leibliche und irdische Existenz hindurch zum ewigen Leben gerufen wird, ist dieses von Gott geschenkte Leben so kostbar. Im Kreuz kämpft Gott für den Menschen, die Kirche wird und muss diesem Kampf treu bleiben.

  • Predigt anlässlich der Begräbnisfeier von Bischof Hermann Josef Spital am Mittwoch, 17. Januar 2007 Switch

  • Bischof Marx am Heiligen Abend: Für einen Neuaufbau christlicher Lebenskultur Switch

    Zu Jesus Christus gibt es keine Alternative

    Trier ist in besonderer Weise mit Kaiser Konstantin dem Großen verbunden. Im Jahre 326 n. Chr. gab der Kaiser den Auftrag, den Dom in Trier und die Geburtskirche in Bethlehem zu errichten. In keiner Stadt in Deutschland wird so deutlich, was die konstantinische Wende bedeutet, der große Umschwung, der faszinierende Neuanfang, der geschieht durch die Hinwendung eines römischen Kaisers zum Christentum, unerwartet und mit weit reichenden Konsequenzen bis in unsere Zeit. Diese Wende hat die europäische Geschichte zutiefst geprägt und viele fragen sich: Stehen wir nun in der nachkonstantinischen Zeit? Geht die 1700-jährige Epoche einer christlichen Kultur zu Ende?

    Wie immer man die Frage beantwortet, die Folgen wären mindestens so gravierend für unser Zusammenleben und unsere Zivilisation wie die Entscheidung des Kaisers vor fast 1700 Jahren. Die Kirche muss sich jedenfalls darauf einstellen und die Herausforderung annehmen. Sie wird den Glauben an das Kind von Bethlehem, an den gekreuzigten Jesus von Nazareth mit ganz neuer Überzeugungskraft bezeugen müssen. Sie muss deutlich machen, dass der Glaube an Jesus Christus ohne Alternative ist, stark und befreiend, der größte Schatz unseres Lebens.

    Aber auch die Gesellschaft steht dann vor neuen Herausforderungen und sucht – wie wir es ja schon feststellen – nach dem, was unser Gemeinwesen zusammenhält, nach einer Leitkultur, nach für alle verbindlichen Gemeinsamkeiten. Wie das geschehen soll, ist völlig offen.

    Die Botschaft der Heiligen Nacht hat sich bewährt, sie zeigt uns: Mit Jesus und seiner Botschaft steigt unsere Lebensqualität und unser Lebensniveau. Er ist nicht ersetzbar. Mit ihm zusammen zu sein, tut unserem Leben gut, persönlich, in der Familie, in unseren Dörfern und Städten, in unserem Land! Wo seine Botschaft und sein Anspruch ausfallen, tritt in der Regel nichts Gleichwertiges an die Stelle. Auch deshalb wehren sich die Christen dagegen, dass der Glaube und seine Symbole aus dem öffentlichen Bereich verdrängt werden, dass der Glaube zur reinen Privatangelegenheit wird, der keine öffentliche Relevanz mehr haben soll. Auch einer Gesellschaft tut es gut, die Botschaft der Bergpredigt zu hören und sich dem Anspruch Jesu von Nazareth zu stellen.

    Es mag sein, dass die Kirche in unserem Land zu einer kleineren Gemeinschaft wird, aber das muss nicht bedeuten, dass sie weniger wirksam ist. Es kommt auf die eigene „mentale Verfassung“ an. So ist die Heilige Nacht ein Aufruf vor allem an die Christen selbst, in einer immer stärker multireligiösen und säkularen Welt die Alternative einer christlichen Zivilisation und Kultur zu zeigen. Dazu gehört der Mut zum Nonkonformismus, zu einem Lebensstil und einer Lebenskultur, die sich nicht einfach nach Meinungsumfragen richtet, sondern nach dem Evangelium und der Erfahrung und der Erkenntnis, die aus dem Glauben kommen. Wir brauchen keine Verwässerung des christlichen Glaubens durch Anpassung, sondern wir brauchen einen Neuaufbau christlicher Lebenskultur, die ausstrahlt.

    Vor zweitausend Jahren, in der Nacht von Bethlehem, ist in Jesus Christus das Licht über unserem Leben aufgegangen, das niemand auslöschen kann. Nicht die damalige öffentliche Meinung in Jerusalem hat Recht behalten, sondern die kleine Gruppe im Stall von Bethlehem und die einfachen Leute, die Hirten, die ihre Angst und Vorbehalte überwanden und vor dem Kind in der Krippe das Knie beugten. Also: Fürchtet euch nicht, habt Mut! Auch im Jahre 2006 gilt: Zu Jesus Christus gibt es keine Alternative!

  • Silvester-Predigt 2006 von Bischof Reinhard Marx im Trierer Dom Switch

  • Predigt am Heiligen Abend 2006 Switch

    Zu Jesus Christus gibt es keine Alternative

    Trier ist in besonderer Weise mit Kaiser Konstantin dem Großen verbunden. Im Jahre 326 n. Chr. gab der Kaiser den Auftrag, den Dom in Trier und die Geburtskirche in Bethlehem zu errichten. In keiner Stadt in Deutschland wird so deutlich, was die konstantinische Wende bedeutet, der große Umschwung, der faszinierende Neuanfang, der geschieht durch die Hinwendung eines römischen Kaisers zum Christentum, unerwartet und mit weit reichenden Konsequenzen bis in unsere Zeit. Diese Wende hat die europäische Geschichte zutiefst geprägt und viele fragen sich: Stehen wir nun in der nachkonstantinischen Zeit? Geht die 1700-jährige Epoche einer christlichen Kultur zu Ende?

    Wie immer man die Frage beantwortet, die Folgen wären mindestens so gravierend für unser Zusammenleben und unsere Zivilisation wie die Entscheidung des Kaisers vor fast 1700 Jahren. Die Kirche muss sich jedenfalls darauf einstellen und die Herausforderung annehmen. Sie wird den Glauben an das Kind von Bethlehem, an den gekreuzigten Jesus von Nazareth mit ganz neuer Überzeugungskraft bezeugen müssen. Sie muss deutlich machen, dass der Glaube an Jesus Christus ohne Alternative ist, stark und befreiend, der größte Schatz unseres Lebens.

    Aber auch die Gesellschaft steht dann vor neuen Herausforderungen und sucht – wie wir es ja schon feststellen – nach dem, was unser Gemeinwesen zusammenhält, nach einer Leitkultur, nach für alle verbindlichen Gemeinsamkeiten. Wie das geschehen soll, ist völlig offen.

    Die Botschaft der Heiligen Nacht hat sich bewährt, sie zeigt uns: Mit Jesus und seiner Botschaft steigt unsere Lebensqualität und unser Lebensniveau. Er ist nicht ersetzbar. Mit ihm zusammen zu sein, tut unserem Leben gut, persönlich, in der Familie, in unseren Dörfern und Städten, in unserem Land! Wo seine Botschaft und sein Anspruch ausfallen, tritt in der Regel nichts Gleichwertiges an die Stelle. Auch deshalb wehren sich die Christen dagegen, dass der Glaube und seine Symbole aus dem öffentlichen Bereich verdrängt werden, dass der Glaube zur reinen Privatangelegenheit wird, der keine öffentliche Relevanz mehr haben soll. Auch einer Gesellschaft tut es gut, die Botschaft der Bergpredigt zu hören und sich dem Anspruch Jesu von Nazareth zu stellen.

    Es mag sein, dass die Kirche in unserem Land zu einer kleineren Gemeinschaft wird, aber das muss nicht bedeuten, dass sie weniger wirksam ist. Es kommt auf die eigene „mentale Verfassung“ an. So ist die Heilige Nacht ein Aufruf vor allem an die Christen selbst, in einer immer stärker multireligiösen und säkularen Welt die Alternative einer christlichen Zivilisation und Kultur zu zeigen. Dazu gehört der Mut zum Nonkonformismus, zu einem Lebensstil und einer Lebenskultur, die sich nicht einfach nach Meinungsumfragen richtet, sondern nach dem Evangelium und der Erfahrung und der Erkenntnis, die aus dem Glauben kommen. Wir brauchen keine Verwässerung des christlichen Glaubens durch Anpassung, sondern wir brauchen einen Neuaufbau christlicher Lebenskultur, die ausstrahlt.

    Vor zweitausend Jahren, in der Nacht von Bethlehem, ist in Jesus Christus das Licht über unserem Leben aufgegangen, das niemand auslöschen kann. Nicht die damalige öffentliche Meinung in Jerusalem hat Recht behalten, sondern die kleine Gruppe im Stall von Bethlehem und die einfachen Leute, die Hirten, die ihre Angst und Vorbehalte überwanden und vor dem Kind in der Krippe das Knie beugten. Also: Fürchtet euch nicht, habt Mut! Auch im Jahre 2006 gilt: Zu Jesus Christus gibt es keine Alternative!

     Dies ist eine Zusammenfassung... - Es gilt das gesprochene Wort

  • Predigt von Bischof Marx zur Kirchweiher des Laacher Münsters 2006 Switch

    Maria Laach: Ein Ort der Entschleunigung

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Seit 850 Jahren ist die großartige Kirche von Maria Laach ein Wahrzeichen, ein Anziehungspunkt, ein Stein gewordenes Zeugnis für den Glauben an den dreieinen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Diese Anziehungskraft ist ungebrochen bis in unsere Tage hinein, und das hat nicht nur mit ihrer künstlerischen Bedeutung zu tun, die unbestritten ist. Es handelt sich nicht nur um die Faszination eines einzigartigen Baudenkmals. Viele Menschen spüren vielmehr unmittelbar, dass dieser Kirchenraum geprägt ist vom Gebet. Diese Kirche ist Zeichen einer größeren Wirklichkeit, die uns umfängt und die wir mit dem Wort Gott ansprechen. So ist sie im wirklichen Sinn ein „Wahr-Zeichen“, ein Zeichen für die größere Wahrheit, die über das Sichtbare und vom Menschen Gemachte hinausgeht. Sie ist vor allem geprägt durch die Sprache, die den Menschen öffnet für die überwältigende Wirklichkeit und Wahrheit Gottes, die Sprache des Gebetes. Und der Kern dieses Gebetes sind die 150 Psalmen des Alten Testamentes, das Gebetbuch Jesu von Nazareth. Der Sinn dieses Gebäudes ist: Raum zu geben für die Feier von Tod und Auferstehung Jesu und für das Stundengebet, das die Söhne des heiligen Benedikt hier im Namen der Kirche für die Kirche und für die ganze Welt feiern. Wäre diese Kirche nicht mehr ein Ort der Liturgie und des Gebetes, wäre ihr das Herz entrissen. Sie wäre nur noch ein Denkmal der Vergangenheit und nicht lebendige Zeugin, gegenwärtiges Wahrzeichen für die Wirklichkeit Gottes mitten unter uns.

    Vor 850 Jahren, am 24. August 1156, hat mein Vorgänger im Amt des Bischofs von Trier, Erzbischof Hillin, diese Kirche geweiht. Wie vor 850 Jahren feiern wir die heilige Messe, das Opfer Christi, das große Geheimnis von Tod und Auferstehung des Herrn. Natürlich haben sich gewisse äußere Formen verändert, aber nicht der Kern des Glaubens und der wesentliche Inhalt der Liturgie. Gestern wie heute gilt: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit! Und so ist diese Kirche auch ein Schutzraum, eine bergende Burg in den Stürmen der Zeit, aber eben mitten in der Zeit. Diese Kirche schottet uns nicht ab von der Wirklichkeit, sondern öffnet unseren Blick, führt in die Weite und gibt einen langen Atem christlicher Gelassenheit. Insofern ist gerade die Kirche von Maria Laach ein Ort der „Entschleunigung“, der Entdeckung einer notwendigen Langsamkeit, damit wir in der Turbulenz unserer schnelllebigen Welt nicht das wahre Ziel aus dem Auge verlieren.
    II.

    Wie können wir die Botschaft dieses Hauses noch besser erschließen? Warum werden überhaupt Kirchen gebaut? Welchen Sinn kann das haben? Die Worte aus der Heiligen Schrift, die wir eben gehört haben, geben uns Hinweise und erschließen uns, was der Sinn einer christlichen Kirche ist. Klar ist: Wir Menschen können Gott kein Haus bauen. Wir können ihn nicht einmauern und festhalten. Er, den Himmel und Erde nicht fassen können, lässt sich nicht durch unsere Baukunst, durch unseren Reichtum, durch unsere Leistungen beeindrucken. Das musste schon das alte Volk Gottes mühsam lernen. Wir spüren es in den Worten des Königs Salomo aus dem ersten Buch der Könige (Tageslesung: 1 Kön 8.22-23.27-30), dem großen Weihegebet für den herrlichen Tempel, den der König erbaut hatte. Salomo weiß sehr genau, dass auch der herrlichste Tempel Gott nicht fassen kann, aber er bekennt eben auch, dass dieser Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, ein Gott für die Menschen ist, der mitgeht, der sich auf den Menschen einlässt, der den Menschen nahe sein will, der mitten in seinem Volk gegenwärtig sein will. Der Tempel soll ein Raum sein, wo Gott in seinem Namen gegenwärtig ist, wo er zu uns spricht und wir ihn ansprechen können, also ein Ort der Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Auch Israel weiß: Gott braucht keinen Tempel. Aber wir brauchen den Ort, der uns für seine Gegenwart und sein Wort öffnet.

    Diesen Gedanken führt der heilige Petrus in seinem Brief fort (Tageslesung: 1 Petr 2,4-9). Der äußere Raum der Kirche ist Bild und Zeichen für das lebendige Volk Gottes, ist der Ort, wo die große Verwandlung stattfinden soll. Das große Wunder, dass Gott in seinem eigenen Sohn Jesus Christus zu uns spricht, kann ja nicht ohne Konsequenzen bleiben. Die Kirche als Ort der Kommunikation zwischen Gott und den Menschen entfaltet eine Dynamik der Veränderung. Petrus ruft seine Gemeinde auf: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen.“ Das heißt: Werdet durch eure Hingabe und Liebe, durch den Einsatz eures Lebens, indem ihr euch mit Christus verbindet, zu lebendigen Steinen für das Haus, um das es im Letzten geht: das Reich Gottes. Die Kirche versteht sich ja als Sakrament, als wirksames Zeichen des Reiches Gottes, und deshalb ist auch dieser Kirchenraum, diese wunderschöne Kirche nicht ein Ort des Rückzugs, sondern der Verwandlung, der Erneuerung, der Veränderung, des Aufbruchs. Ja, es geht auch darum, still zu werden, Einkehr zu halten. Aber nicht, damit wir nur zu uns selber finden, sondern zu IHM – Jesus Christus, dem lebendigen Wort Gottes. So entdecken wir den Weg in die wahren Möglichkeiten unseres Lebens. Manchmal erlebt man auch in kirchlichen Kreisen einen frommen Egoismus. Es ist wahr: Gott spricht jeden Einzelnen von uns an, er möchte uns in seiner Liebe verwandeln, aber dann auch zu lebendigen Steinen zum Bau des großen Hauses des Reiches Gottes einsetzen. Deswegen ist die gemeinsame Liturgie in der heiligen Messe und im Stundengebet Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens. So soll diese Kirche ein Ort der Versammlung des Gottesvolkes sein, ein Raum der ständigen und immerwährenden Kommunikation des dreieinen Gottes mit den Menschen und so ein Raum der Verwandlung!

    All dies wird auch in der wunderbaren Erzählung vom Zollpächter Zachäus deutlich (Tagesevangelium: Lk 19,1-10). Jesus von Nazareth ist der Mensch gewordene Gott, der mitten unter uns leben und wirken will in der Kraft seines Geistes. Er begleitet unsere Lebensgeschichte, sein Wort ist der lebendige Anruf an die ganze Menschheit, zu hören und zu begreifen, zu verstehen, was für den Menschen gut ist. Die Kirche weiß, dass sie aus Sündern wie Zachäus besteht. Aber sie weiß auch, dass Jesus immer wieder und besonders in der Feier der heiligen Eucharistie uns voller Liebe anschaut und sagt: Ich will heute in deinem Haus zu Gast sein. Der Kirchenraum als Ort der Begegnung, der Offenheit für den liebenswertesten aller Gäste, den wir unter uns empfangen können: Jesus Christus! Damit beginnt für Zachäus seine Verwandlung, die Veränderung seines Lebens. Er kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Und das gilt auch für uns, die wir in dieser Kirche und in vielen Kirchen der Welt Jesus unter uns zu Gast haben. Wir bekennen: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden. Dieser Gast macht uns klar: Ohne ihn würden wir Wesentliches im Leben verpassen, vor allem die Chance, verwandelt, erhoben, erneuert, heil zu werden!
    III.

    Liebe Schwestern und Brüder! Hat also eine Kirche einen äußerlich erkennbaren Nutzen? Oder anders: Bringt es etwas, ins Kloster zu gehen, sieben Mal am Tag zu beten und täglich die heilige Messe zu feiern? Eine bestimmte Art der so genannten Aufklärung, die auch zur Säkularisierung von Maria Laach geführt hat, zur Vertreibung der Mönche und zur Zerstörung unermesslicher Kunstschätze, hat die Meinung vertreten: Gebet, klösterliches Leben, all das passt nicht mehr in die moderne Zeit. Maßstab für alles ist die konkrete Nutzanwendung: Was bringt mir das? Was habe ich davon? Bringt es ökonomischen Gewinn? Hoffentlich begreifen wir mittlerweile, dass, wer so fragt, nur die halbe Wahrheit sieht. Wenn der messbare Nutzen das Maß aller Dinge wird, führt das unweigerlich auch zur Herrschaft des Menschen über den Menschen. Auch Menschen werden dann gemessen nach ihrem Nutzen, nach ihrer Leistung, nach ihrem ökonomischen Wert. Die Folgen eines solchen Denkens sind unabsehbar. Nein, es gibt die Notwendigkeit des Nutzlosen! Und so sind auch nach fast 100 Jahren Benediktiner nach Maria Laach zurückgekehrt und haben diese Kirche wieder zu einem Ort des Gebetes gemacht.

    Diese Kirche und diese Gemeinschaft sind notwendige Zeichen für eine menschenwürdige Kultur des Maßes. Das rechte Maß finden wir nicht, wenn wir nur auf den Menschen und seine Bedürfnisse schauen, sondern auf den Schöpfer und Erlöser aller Menschen, der uns in Christus die wahren Möglichkeiten des Menschseins gezeigt hat. Menschen, die nur sich selbst und ihre eigenen Interessen sehen, finden überhaupt kein Maß, werden maßlos und damit hässlich. Mit großem Erschrecken las ich vor einigen Jahren auf dem Höhepunkt des Börsenbooms in einer angesehenen deutschen Wirtschaftszeitschrift einen Leitartikel, der die Überschrift trug: Lob der Gier. Das kann und darf nicht unsere Kultur bestimmen und beherrschen. Deshalb meine ich: 850 Jahre nach der Weihe dieser Kirche ist sie als Zeugin wahren Menschseins zusammen mit der Gemeinschaft, die in ihr betet, notwendiger denn je. Wir glauben: Christus ist die wahre Aufklärung über den Menschen. Und so ist dieses Kloster ein Hort der wahren Aufklärung. Denn, so haben wir es gehört, Gott hat uns „aus der Finsternis in sein wahres, in sein wunderbares Licht gerufen.“ Amen.

  • Predigt von Bischof Reinhard Marx am Ostersonntag 2006 (Auszug) Switch

    Ohne den österlichen Glauben wird Wesentliches übersehen

    Ostern ist für Christen die große Zeitenwende. An Ostern erstrahlt alles in einem neuen Licht, ja die Auferstehung Jesu ist das Neue schlechthin. Diese Botschaft wird seit 2000 Jahren bezeugt und lebendig verkündigt. Aber es gibt auch immer wieder Phasen der Ermüdung, der Resignation, des Zweifels im Zeugnis für die Osterbotschaft. Das erleben wir auch in Europa und in Deutschland seit einigen Jahrzehnten.

    War das Jahr 2005, das so genannte „katholische“ Jahr, ein erster Schritt hin auf eine Renaissance des christlichen Glaubens? Vielleicht ist es noch etwas zu früh, um auf diese Frage mit einem einfachen und klaren Ja zu antworten. Aber sicher ist, dass bei allem „Eventcharakter“ und medialem Spektakel viele Menschen außerordentlich bewegt waren im Blick auf das Sterben von Papst Johannes Paul II., die Wahl Benedikt XVI. und den Weltjugendtag in Köln. Die Bewegung des Herzens kann ein erster Schritt sein zum Neuaufbruch. Das Jahr 2005 hat sicher nicht alles verändert, aber es hat innerhalb und außerhalb der Kirche die Überzeugung gestärkt, dass auch in Europa der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus nicht verschwunden ist und nicht verschwinden wird. Diese positiven Anstöße und Erfahrungen müssen nun zum österlichen Zeugnis werden, das wir als Kirche unserem Land, ja allen Menschen schulden. Es geht nicht in erster Linie um das Überleben der Kirche, sondern es geht um die Zukunft der Menschheit. Können wir uns wirklich vorstellen, dass unser Land, Europa, ohne die Osterbotschaft eine gute Zukunft hat?

    Ohne den österlichen Glauben wird Wesentliches übersehen, kommt vieles im menschlichen Miteinander unter die Räder, wird die Aufmerksamkeit für die Kostbarkeit des menschlichen Lebens geringer. Deshalb gehört es zum österlichen Zeugnis dazu, einzutreten für das Leben in allen Dimensionen. Wir Christen halten daran fest: Eine Gesellschaft, die die Tötung ungeborenen Lebens weiterhin verharmlost und wo ganz offen über die Tötung alter und kranker Menschen geredet wird, verliert den Boden unter den Füßen. In der Auferweckung Jesu von Nazareth zeigt sich Gott als Freund des Lebens. Deshalb bringt die Kirche von Ostern her nachhaltige Lebensfreundlichkeit in die Gesellschaft hinein.

    Das gilt auch für das Leben in Ehe und Familie. Die Liebe zwischen Mann und Frau, die sich aneinander verschenkt und offen ist für Kinder, bleibt der wichtigste Baustein für die Zukunft eines Landes. Ja, die lebensfreundliche Botschaft von Ostern stärkt uns im Einsatz für den Menschen mit Leib und Seele. Der Mensch und seine Familie, der Mensch und seine Arbeit müssen im Mittelpunkt stehen, auch im Bereich der Wirtschaft!

    Eine Renaissance des christlichen Glaubens muss natürlich von den Christen selbst ausgehen. Deshalb haben wir in der Osternacht neu Ja gesagt zu unserem Glauben. Wichtig ist aber auch: Ohne die Osterbotschaft und ohne ein lebendiges Zeugnis für diese Botschaft fehlt unserem Land vielleicht der wichtigste Orientierungspunkt für die Zukunft. Christen haben also von Ostern her einen Auftrag, den sie nicht einfach auf andere abschieben können.

     

  • Predigt von Bischof Reinhard Marx am Karfreitag 2006 (Auszug) Switch

    Das Kreuz: ein Aufruf zur Gewaltlosigkeit

    Das Kreuz enthüllt in brutaler Deutlichkeit, wie es um uns steht. Es verschleiert und verharmlost nichts von der unendlichen Schuld- und Gewaltgeschichte der Menschen. Ja, das Bild des Gekreuzigten ist ein Bild erlittener Gewalt, aber gerade darin auch ein Aufruf zur Gewaltlosigkeit! Mehr noch: Da am Kreuz in einer ungeheuerlichen und furchtbaren Tat Gott selbst hingerichtet und zur Strecke gebracht wird, ist die Geschichte von der Gewalt und der Sünde des Menschen an ein Ende gekommen. Wir könnten sagen: Die Mächte des Bösen haben sich am Kreuz Jesu ausgetobt. Indem der Sohn Gottes sich in Liebe am Kreuz verschenkt und im Gehorsam alles annimmt, ist die große Verwandlung der ganzen Schöpfung möglich geworden. „Es ist vollbracht“, so ruft Jesus in der heutigen Passionsgeschichte nach Johannes.

    Seit 2000 Jahren steht so das Kreuz für einen Gott der Liebe, der Versöhnung, der Überwindung von Sünde, Tod und Gewalt. Das Kreuz ist oft missbraucht worden, bis heute, auch von Christen. Aber die Botschaft vom Kreuz ist stärker und durch keine andere Wahrheit zu ersetzen. Wie wichtig ist deshalb gerade im Heiligen Land die Botschaft vom Kreuz, vom Frieden, von der alles überwindenden Macht der göttlichen Liebe. Es ist eine Tragödie, dass gerade im Heiligen Land die Menschen, die sich unter dem Kreuz versammeln, die den Namen Jesu Christi tragen, immer stärker in Bedrängnis kommen. Wird es in den kommenden Generationen in der Heimat Jesu keine christlichen Gemeinden mehr geben? Wir alle sind verpflichtet, in Solidarität zu unseren Brüdern und Schwestern im Heiligen Land zu stehen und mitzuhelfen, dass sie eine Zukunftsperspektive in ihrem Land haben. In allen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sind die Christen in einer schwierigen Situation, schwieriger als sie in vielen Jahrhunderten vorher war. Auch ein radikalisierter Islam erhöht den Druck. Das gilt für Ägypten, Palästina, den Iran und besonders auch den Irak, wo viele Tausende Christen auf der Flucht sind, um das Land zu verlassen. Sicher können wir nicht alle politischen Probleme lösen, aber es besteht kein Zweifel, dass besonders Europa und Amerika eine entscheidende Verantwortung haben. Wir dürfen nicht zulassen, dass durch die politischen und kriegerischen Ereignisse der letzten Jahre die Christen im Heiligend Land und in den Ländern des Nahen Ostens die Hauptleidtragenden sind. Die Botschaft vom Kreuz darf in der Heimat Jesu nicht verstummen.

     

  • Silvester-Predigt 2005 von Bischof Reinhard Marx Switch

  • Predigt von Bischof Marx in der Heiligen Nacht 2005 im Hohen Dom zu Trier Switch

    Zusammenfassung der Predigt - "Es gilt das gesprochene Wort"
     

    Die Anbetung dieses Kindes verändert und befreit

    Lebendig stehen uns die Bilder vom Weltjugendtag vor Augen. Die große jugendliche Menschenmenge aus der ganzen Welt, versammelt um den Nachfolger des heiligen Petrus auf dem Marienfeld bei Köln. Der Heilige Vater entfaltete in seiner Predigt das Weihnachtsgeheimnis im Blick auf die Weisen aus dem Morgenland. Der Weg dieser Männer kann auch uns helfen, dem Weihnachtsgeheimnis näher zu kommen.

    Wichtig ist, unseren wahren Sehnsüchten zum Durchbruch zu verhelfen, nicht nur die vordergründigen Bedürfnisse im Blick zu behalten, sondern den Raum zu eröffnen für das, was uns wirklich bewegt: die Sehnsucht nach dem Guten, nach der Liebe, nach dem wahren Leben. Wer mit dieser Sehnsucht auf das Kind im Stall schaut, entdeckt den Gott, der unsere Sehnsüchte ganz anders erfüllt, als wir erwartet haben, der einfach für uns da sein will, unser Bruder, Mensch unter Menschen. Er kommt in gewisser Weise nicht von oben, sondern von unten. Die Anbetung dieses Kindes verändert und befreit. Vor keiner politischen oder ideologischen Macht der Welt, nicht vor Geld und Ruhm, noch vor Gewalt und Hochmut werden wir unsere Knie beugen, sondern nur vor dem Gott, der Kind geworden ist, vor dem Gott, der am Kreuz für uns gestorben ist!

    Durch einen solchen Akt der Anbetung werden wir verwandelt, nicht nur in unseren Gefühlen angerührt. Wir werden klarer, hellsichtiger für die Realitäten des Lebens, für die Wahrheit. Und wir erkennen: Wir sind nicht allein. Wir sind als Gemeinschaft unterwegs. Jesus Christus lässt sich finden im Haus der Kirche, er führt uns zusammen als Brüder und Schwestern.

    Als Kirche entdecken wir in dieser Heiligen Nacht neu unseren weihnachtlichen Auftrag. Das Kind von Bethlehem zeigt uns, dass Gott gut ist, dass er jedem Menschen ganz nahe kommen will und dass es deshalb gut ist, ein Mensch unter Menschen zu sein. Darum ist es unser weihnachtlicher Auftrag, für die Solidarität aller Menschen einzutreten. Die Lesungen der Heiligen Nacht sprechen von Recht und Gerechtigkeit und davon, dass wir gerecht in dieser Welt leben sollen. Das bezieht sich auf unser menschliches und gesellschaftliches Miteinander. Es hat seine Wurzeln, sein Fundament in der Gotteskindschaft aller Menschen, die in unüberbietbarer Weise aufleuchtet im Kind von Bethlehem, das Gottes Sohn und der Bruder aller Menschen ist.

    Daraus ergeben sich auch die konkreten Aufgaben für heute. Die Kirche, die Familie Gottes, hat einzutreten für die Menschheitsfamilie in ihren Nöten. Dazu gehört der Einsatz für das Leben. Menschen dürfen andere Menschen nicht zu Sachen degradieren, zu Forschungsobjekten machen. Es bleibt weiter ein Skandal, dass in einem reichen Land hunderttausende von ungeborenen Menschen getötet werden. Es bleibt ein Skandal, dass in Europa, aber auch in Deutschland, Alte und Kranke zum Problem für den Sozialstaat und so zu unangenehmen Kostenfaktoren degradiert werden. Wir wissen aus unseren Erfahrungen mit der Pflege kranker und alter Menschen, dass dort, wo menschliche Nähe und Liebe spürbar ist, der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe nicht aufkommt. Und gesagt werden muss auch: Die Würde des Menschen endet nicht mit seinem Sterben. Sein Leib ist nicht einfach eine Sache, die entsorgt werden muss auf möglichst kostengünstige Weise.

    Ein nur ökonomisches Denken, das alles nach Kosten und Nutzen berechnet, ist in Gefahr, unser Leben zu beherrschen und damit zu erniedrigen. Das gilt für unser persönliches Leben, aber auch für unser Wirtschaftssystem selbst, die Marktwirtschaft, die selbstverständlich in den geordneten Rahmenbedingungen gut für den Menschen ist. Wenn aber in diesem System die Kapitalinteressen alle anderen Dimensionen der Verantwortung verdrängen, wenn Mitarbeiter nur noch Kostenfaktoren sind, dann setzt sich ein primitiver Kapitalismus durch, der inakzeptabel ist. Dann bekäme der Trierer Karl Marx möglicherweise Recht - und das wollen wir nicht! Die Wirtschaft ist für den Menschen da und ist der Solidarität aller Menschen verpflichtet, sonst hat sie ihre ethische Grundlage verloren.

    Die Heilige Nacht lädt uns ein, uns ehrlich auf die Suche zu machen nach dem wahren Leben, offen zu werden für den Gott, der uns gefunden hat im Kind von Bethlehem. Diese Nacht macht Mut, sich verwandeln zu lassen, neue Wege zu gehen um der Gerechtigkeit und um des Heiles aller Menschen willen.

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