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Vesper-Predigt des damals scheidenden Weihbischofs Leo Schwarz im Trierer Dom: 8. Oktober 2006

Ich bleibe an Eurer Seite, und ganz gerne in der dritten und vierten Reihe

In der Vesper anlässlich seines 75. Geburtstags und seines Abschieds als Weihbischof hat Leo Schwarz eine von vielen als "fulminant" empfundene Predigt gehalten. www.bistum-trier.de ist Weihbischof Leo dankbar, dass er das Manuskript zum Nachlesen zur Verfügung stellt. - Es gilt natürlich, wie immer, das gesprochene Wort.

Schrifttext;  1 Petr 1,3-5

Lieber Bischof Reinhard,
Liebe Brüder und Schwestern,

als ich vor einigen Tagen hörte, dass ich selbst das Predigtwort in diesem festlichen Abendlob des Domes sprechen sollte, ist mir vieles durch den Kopf und durch das Herz gegangen. Was ist wichtig in dieser Stunde?

Dann habe ich gespürt, wie trostreich es ist, auf einen vorgegebenen Schrifttext zurückgreifen zu können, der Richtung weist.

Zwei Sätze aus dem 1. Petrusbrief wurden uns vorgetragen. Mit Ihnen möchte ich diesen Text auf dem Hintergrund des ersten Petrusbriefs bedenken. Es geht gleichsam um eine Standortbestimmung für die entscheidende Zeitenwende nach dem Kommen des Herrn. Ein Programm für jede Zeit, ein Schlüssel für mich in einem herausgestellten Augenblick meines Lebens.
Vier Erfahrungen:

1. Zur Ortsangabe:

Die Ortsangabe des ersten Briefes ist präzise, aber kaum verbindlich für uns. Angesprochen werden: „Fremde, die in der Zerstreuung leben, in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien“. Das ist austauschbar - mit der Stadt Trier, dem Bundesland Rheinland Pfalz, dem Saarland, Deutschland und Europa im Verbund mit den Kontinenten Afrika, Asien und Lateinamerika. Immer mehr werden wir in einen Megabereich hineingesogen, globalisiert und dennoch sperrig. Seitdem Misereor mich in die meisten Millionenstädte der Welt schickte, nicht in den Bereich der Fassaden, auch nicht der Kathedralen, sondern in den Bereich der extremen Armut, kann ich diese Dimension nicht mehr abschütteln. „An den Flughäfen werdet ihr sie erkennen“, am atemberaubenden Menschengewühl, an den trostlosen Elendsvierteln, an den stinkenden Müllhalden. Noch haben wir Glück, dass wir daheim sind, dort wo wir leben.

2. Zu unserer Identität

Sind wir das: „Nur Fremde, die in der Zerstreuung leben“? Gott sei uns gnädig: das wäre wenig. Die Menschheit ist zwar längst gezählt. Jede Sekunde kommen 2,6 Menschen dazu. Jede Minute 153 Menschen , jede Stunde 9.203 an jedem Tag 250.862. Zweimal ein neues Trier und die Hälfte mehr an jedem neuen Tag.
In der Zeit des Petrus lebten etwa 190 Mio. Menschen. Als ich geboren wurde waren es knapp über 2 Mrd. Heute sind es 6.6 Milliarden.

Dreißig Prozent von ihnen sind weniger als 15 Jahre alt. Die Hälfte im Minus, so wie wir fälschlicherweise Minus und Plus verstehen und die unantastbare Würde der Armen unterschlagen. Wie viele sind auf der Flucht, wie viele im Abseits, wie viele vom Tod gezeichnet? Diejenigen, die in diesem Jahr einen 75. Geburtstag feiern können, sind auf 229 Mio. zusammengerückt. Sie sehen, ich bin nicht allein.

„Fremde in der Zerstreuung“ ? Im Petrusbrief erfahren wir eine ungeahnte Qualitätssteigerung. Wir sind die Auserwählten von Gott dem Vater, vom Heiligen Geist geheiligt, um Jesus Christus gehorsam zu sein und mit seinem Blut besprengt zu werden. Wir sind: im Petrusbrief wird es auf den Punkt gebracht, Neugeborene.
Das ist kaum zu übersetzen. Das ist eine unbeschreibliche Transformation. Neuschöpfung wie sie schon Nikodemus im Nachtgespräch aufgezeigt wurde. Existentieller Neubeginn. Keine Transplantation, medizinische Verjüngung, kein Doping. Es geht um eine neue Art zu leben, um eine neue Art des Handelns
Schöpfung durch Gott und Erlösung durch Jesus Christus haben uns reicher gemacht als all die gezählten Milliardäre und ungezählten Millionäre. „Christ, werde, was Du bist“.

Wie billig haben wir es uns gemacht, solange wir wie alle andere sogenannten Reichtümern den Vorzug geben. Solange wir kaufen und verkaufen, hinstellen und wegwerfen. Und uns in die Abfallgesellschaft einordnen. Der Dichter Claudel beschreibt uns ganz gut: „Wer einmal in die Erde biss, behält den Geschmack an den Zähnen.“

Ja, wir wissen um die Macht des Bösen, um Schuld und Versagen, auch das persönliche Versagen. Da stehe ich in der Reihe.

Weil wir das Neue nicht leben, bluten wir aus. Deshalb gibt es Verluste. Als ich 1982 meinen Dienst als Weihbischof begann, zählte unser Bistum noch 1.9 Mio Katholiken, heute sind es 400.000 weniger. Über eine halbe Million Gläubige haben damals am Sonntag Gott die Ehre gegeben. Jetzt sind es noch knapp 200.000 Gottesdienstbesucher.

Aber ich sage im gleichen Atemzug: Gott sei Dank, dass es sie noch gibt. 1982 wurden 20.000 Jugendliche gefirmt. Jetzt sind wir froh für die Hälfte.
Dramatische Abmeldekatastrophen gab es nicht, obwohl jeder und jede, die weggehen, Katastrophe genug sind. Bitter ist das lautlose Verschwinden. Und doch geht ein Ruck durch die Reihen. Immer mehr Christen erkennen sich als Neugeborene mit neuen Qualitäten. Neue Nachdenklichkeit, Wandel zeichnet sich ab. In der Kraft des Evangeliums kommt es zu neuen Allianzen und Aufbrüchen. Man nimmt sich neu in den Blick. Das Evangelium ist immer gut für Entdeckungen.

3. Unsere Hoffnung:

Diese neue Verfasstheit hat ein Ziel. Wir, die Neugeborenen, sollen eine lebendige Hoffnung vermitteln, damit wir das Heil erlangen, das am Ende der Zeiten offenbar werden wird. Das heißt: Die Menschheit ist Teil einer Geschichte, die fortgeschrieben wird, an der jeder Getaufte Anteil hat. Wir sind nicht in die Tretmühle geraten in den sich wiederholenden Wirbel des Chaos. Schritt für Schritt werden wir in die Verantwortung genommen. Die Welt muss vorangebracht werden. Obwohl uns durch Christus alles geschenkt wird, der neue Himmel und die neue Erde sind keine Zufallstreffer. Zwischen Erde und Himmel balancieren geht nicht. Christi Tod und Auferstehung verlangt das täglich neue Engagement. Die Tat Christi ist das Grundmuster unseres Einsatzes und die Garantie, dass Einsatz gelingen kann. Sonst verraten wir das Evangelium. Ich bin Zeuge, dass es gelingen kann. Der Aufbruch der Kirchen in Lateinamerika, in Osteuropa kann nicht unterschlagen werden. Wie vielen leidenschaftlichen Christen und Christinnen durfte ich begegnen im Bistum und außerhalb des Bistums. Oft waren es die Kleinen, die nicht im Rampenlicht standen.

Ihre Treue, Zuverlässigkeit und Ausdauer, und ihre Opferbereitschaft rühme ich. Ich sehe die Gesichter. Ich sehe die offenen Hände. So viel Beteiligung an der Welt hat es noch nie gegeben.

Seitdem es Misereor gibt, sind für die großen Hilfswerke: Misereor, Adveniat, Missio, Renovabis, Sternsinger und die Kleideraktion des BDKJ insgesamt 406 Millionen Euro im Bistum gespendet worden. Es waren jährlich wenigstens 15 Mio. Euro. Jetzt sind es allerdings jährlich nur noch 12.5 Mio. Euro. Die reichen Staaten haben mit den Milleniumszielen den Mund sehr voll genommen. Wenigstens sollten wir in unserer Solidarität nicht zurückfallen.

Sogar an die neuen Heiligen sind wir näher herangerückt: Wie kostbar sind mir die Begegnungen mit dem ermordeten Erzbischof Romero, mit den hingerichteten Bischöfen aus Ruanda, mit Bischof John Joseph, der mit seinem Tode ein Zeichen setzen wollte. Unvergesslich die Begegnung mit Mutter Teresa, Frère Roger Schütz und vielen anderen.

4. Und noch eins: Solidarität und Miteinander

„Petrus, Silvanus, Johannes Markus“. Der heilige Petrus benennt seine Mannschaft. Er zeigt damit auf, dass die Aufgaben gemeinsam erfüllt werden müssen in Abstimmung und Zusammenarbeit. Kein Einzelkämpfertum. Jeder an seinem Platz, aber immer alle im Verbund. Es gibt keine Einzeldenkmäler und nicht nur drei sind wichtig für die Siegerehrung.

Was wäre ich gewesen ohne meine Familie, ohne meine Heimatgemeinde Braunweile - in Freud und Leid - ohne die Schulgemeinschaften, die Seminargemeinschaft, das herzliche Miteinander auf der ersten Kaplanstelle in Cochem, später in Pellingen.

Die Lebensgemeinschaft mit den Mitbrüdern in Bolivien. Was miteinander teilen heißt, das haben mir die Kleinbauern in Bolivien beigebracht.  Die Paulinuskollegen und Kolleginnen in Trier. Das verschworene Miteinander im Hause Misereor. Die Solidarität der Justitia et Pax Kommission. Die Akzeptanz durch die Männer und Frauen des Zentralkomitees. Der gemeinsame Aufbau von Renovabis, der neuen Aktion der deutschen Katholiken.

Am intensivsten habe ich dieses Miteinander im Bistum Trier selbst erlebt. Jeden Tag von Neuem. Papst Johannes Paul II, dem ich so oft begegnen durfte, hat es so gewollt.

Ich bin in dieser Stunde Bischof Hermann Josef verbunden, der mich zurückgerufen hat und der mir in diesem Dom bei der Bischofsweihe die Hände auflegte und der wunderbare Bündnisse ermöglichte und förderte.

Die Arbeit damals in den Regionen mit ihren Regionaldekanen und den Dekanaten, in den Pfarreien, hat geleistet, was sie konnte. Jetzt, der neue Aufbruch und das deutlichere Zusammenrücken in den neuen Dekanaten: die engagierten und aufmerksamen Dechanten, die alten und die neuen. Eine neue Struktur gewinnt deutlich Schub. Bewegung auf einander zu braucht das Gefährt. Ich danke den zuverlässigen Steuermännern.

Das Mitdenken in den Räten bleibt wichtig. Die oft verborgenen gemeinsamen Einsätze der Männer und Frauen im pastoralen Alltag , hauptamtlich und ehrenamtlich bleiben ja meist ungeschrieben, obwohl sie unser Reichtum sind. Was wären wir ohne das Mittragen der Lasten und der Solidarität unserer Kranken. Wie reich sind wir immer noch durch unsere Ordensgemeinschaften: Inseln des Gebets, der Sammlung und der Nächstenliebe. Der Rückhalt im Domkapitel war wichtig. Das vorzügliche offene Miteinander in der Ökumene, der konstruktive Dialog mit den kommunalen und staatlichen Behörden. Ausdrücklich nenne ich den Einsatz der Frauen, die mehr als die Hälfte unserer Durchhaltekapazität ausmachen. Ich verdanke ihnen sehr viel.

Ich bin dankbar für den unermüdlichen und so segensreichen Einsatz von Bischof Reinhard und den allen, die an seiner Seite stehen. Das Bistum Trier ist ihm Heimat geworden, fast hundert Prozent.

Ich danke meinen Bruderbischöfen für ihre herzliche Gemeinschaft und für ihr kluges Mitgehen bei der Wegsuche.
Der Petrusbrief sagt es: Die Neugeborenen sind immer neu an der Reihe, damit die Hoffnung nicht verraten wird. Und im gleichen Petrusbrief steht auch mein Schlusswort: „Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll.“

Ich bleibe an Eurer Seite, und ganz gerne in der dritten und vierten Reihe.

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