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Ein Inkulturationsbeispiel

Die wichtigste Frage

Im September erhielt das Seelsorgeteam die Nachricht, dass eine "anerkannte" syrische Flüchtlingsfamilie in einen Wohnblock in unserer Pfarrei eingezogen ist und dass sie Anschluss an Nachbarschaft und Familien mit Kindern sucht. Also machte ich mich auf, um der Familie einen Besuch abzustatten. Dies würde mein erster richtiger Kontakt mit syrischen Flüchtlingen sein – entsprechend gespannt war ich. Wie würden sie  reagieren, wenn ich einfach unangemeldet an der Tür stehe? Erfreut oder eher reserviert? Würden wir uns verständigen können? Und was, bitte, nimmt man zu einem sogenannten "Antrittsbesuch" mit, ohne gleich übergriffig zu wirken? Klar, der Begrüßungsbrief war wichtig, obwohl er auf Deutsch geschrieben ist und die Neuen ihn wahrscheinlich zunächst gar nicht lesen können. Aber immerhin sind ja ein paar Telefonnummern darauf, die ich als Kontakt markiert habe.... Buntstifte, Seifenblasen für die Kinder, das kann sicherlich nicht verkehrt sein, dachte ich mir. So ausgestattet klingelte ich an der Wohnungstür, die sich auch prompt öffnete.

Wie erwartet: meine kläglichen Erklärungsversuche auf Deutsch und Englisch bleiben unverstanden; aber die junge Frau bittet mich trotzdem sehr freundlich in die Wohnung. Die beiden zwei und drei Jahre alten Kinder schauen mich zunächst ganz schüchtern an, stürzen sich dann aber freudig auf die Seifenblasen, mit denen sie sich während meines ganzen Besuches (ca. 1 1/2 Stunden) ununterbrochen und mit großer Freude beschäftigen. (Wahrscheinlich musste die arme Mama danach den ganzen Boden wischen, als ich wieder weg war.) Der einzige Stuhl in der Wohnung wird herbeigeholt, ich muss mich daraufsetzen, während alle anderen auf dem Boden Platz nehmen; es gibt richtig starken arabischen Kaffee. Inzwischen versucht die Syrerin verzweifelt, eine Freundin zu erreichen, die ihr wenigstens den Grund meines Besuches übersetzen soll; endlich gelingt das auch . "Danke, Danke, willkommen, willkommen...." strahlt sie mich  an. Dann traut sie sich, ihr Tablet hervorzuholen; auf dem ist ein Übersetzungs-App installiert, mit dessen Hilfe wir wenigstens den einen oder anderen Satz  ins Arabische oder ins Deutsche übersetzen. Manches lässt sich eben nicht mit Händen und Füßen erklären.

Endlich komme ich dazu zu fragen, ob ich oder unsere Gemeinde der Familie irgendwie helfen könnte. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass ihre Antwort mich schon irgendwie überraschen könnte: Wir möchten helfen, wir laden zum Kaffeetrinken oder Ähnlichem ein –  und die Asylsuchenden haben ganz andere Fragen: da könnten wir schnell aneinander vorbei reden. Nicht gefasst bin ich auf das, was der jungen Frau wirklich ein Anliegen ist und Sorgen bereitet:  "In welchem Rhythmus wird die Treppe hier im Haus geputzt – und wann bin ich dran? Bitte fragen Sie die Nachbarn!"

Ich spürte, wie mir vor lauter Rührung – und Scham – das Wasser in die Augen schoss. Was für ein Bild hatte diese junge Frau von uns Deutschen? Welches Bild vermitteln die Leitfäden in allen Sprachen, die den Ankömmlingen die Gewohnheiten, Bräuche und Normen der deutschen Gesellschaft  vermitteln sollen: Mülltrennung ist hier ein großes Thema, und offensichtlich auch das Putzen in einem gemeinschaftlich genutzten Treppenhaus. Wer sich an die Regeln hält, bietet weniger Angriffsflächen; und solange man in diesem Sinne alles richtig macht, kann man (hoffentlich) ruhig und friedlich mit den Nachbarn leben.

Man muss sich das mal überlegen: Eine junge Familie muss aus der Heimat fliehen, um ihre Kinder vor dem Krieg zu schützen, begibt sich in Lebensgefahr auf überfüllten Booten, reist Tausende von Kilometern, kommt endlich irgendwo in der Fremde an, wo sie weder Sprache noch Mentalität kennen, können sich dann endlich irgendwo niederlassen –und die wichtigste Frage ist: wann muss ich das Treppenhaus putzen?

Naja, selbstverständlich klingele ich bei den Nachbarn, die mir dann auch sehr freundlich Auskunft geben: Da sich in diesem Haus die „gute deutsche Nachbarschaft“ nicht an die Regeln des wöchentlichen Putzplans gehalten hat, hat der Vermieter eine Firma beauftragt! Treppenputzen entfällt also! Ich glaube, die junge Frau aus Syrien hat die Welt nicht mehr verstanden; sie war aber glücklich, dass ihr Anliegen geklärt war. Und der Erstkontakt mit den Wohnungs-Nachbarn – sie sind eingewanderte Russlanddeutsche – ist  jetzt auch schon mal eingefädelt.

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