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Bistum Trier
Dienstag, 8. Januar 2019

365 Möglichkeiten

Ein Jahr Freiwilligendienst mit SoFia bei der Trierer Lebenshilfe

Trier – Zwischen knallbunten Kunstwerken an den Wänden und unzähligen Grünpflanzen sitzen 44 Frauen und Männer verschiedenen Alters und arbeiten konzentriert an ihren Werkbänken. Über ihren Köpfen ranken sich Schling- und Kletterpflanzen aus farbenfrohen Töpfen an langen Rohren entlang. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt, hin und wieder schallt fröhliches Gelächter durch den tageslichtdurchfluteten Raum. Der Anblick, der sich bietet, ist weit entfernt von dem Bild, das man im Kopf hat, wenn man sich eine Montagehalle für Autozubehör vorstellt.

Die Halle gehört zum Stammwerk der Trierer Lebenshilfe und ist seit knapp einem Jahr der Arbeitsplatz von Viktoriia Shulha. Die 24-jährige Ukrainerin absolviert hier einen Freiwilligendienst, der über den Verein Soziale Friedensdienste (SoFia) e.V. des Bistums Trier organisiert wird. Der Verein ermöglicht jungen Menschen, ein Jahr lang im Ausland einen persönlichen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Shulhas Aufgaben sind ebenso vielfältig wie die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet – ein Großteil ihrer Kolleginnen und Kollegen hat eine Behinderung. Sie selbst packt nicht nur bei der Montagearbeit mit an, sondern hilft auch bei der Pflege der vorwiegend geistig behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder treibt mit ihnen Sport in der firmeneigenen Sporthalle. „Wenn es die Auftragslage zulässt“, schmunzelt sie, „basteln oder spielen wir auch einfach mal zusammen.“

Durch ihre langjährige ehrenamtliche Tätigkeit bei den Maltesern in ihrer Heimatstadt Iwano-Frankiwsk war ihr die Arbeit mit Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, bereits vertraut. In der westukrainischen Stadt, die etwa doppelt so viele Einwohner hat wie Trier, studierte sie Soziologie und Psychologie. Mit den Maltesern hatte sie Trier bereits einige Male besucht, daher war es für sie klar, dass sie ihren Freiwilligendienst in der Moselmetropole leisten wollte. Auch ihre Ziele hatte sie bereits klar definiert: Die fremde Sprache verstehen lernen und selbstständiger werden.

Mit zwei Wochen Verspätung aufgrund ihrer Uni-Abschlussprüfung kam die junge Frau in Trier an – und das mitten in der Karnevalssaison. Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter hatten zu dem Zeitpunkt schon 14 Tage Lernvorsprung im Deutschkurs. Anfangs gab es einige Dinge, die ihr seltsam vorkamen: „Nach einer gemeinsamen Stadtrallye mit den anderen Freiwilligen fragte mich eine Bekannte, ob ich ein ‚Fußpils‘ [Bier zum Mitnehmen, Anm. d. Red.] möchte für den Weg zur Party. Damit konnte ich gar nichts anfangen. Das hat sich aber schnell aufgeklärt“, erklärt sie augenzwinkernd. Noch wertvoller als der Deutschunterricht und Veranstaltungen sei für sie aber die tagtägliche Arbeit mit Menschen: „So lernt man viel schneller und es wird nie langweilig!“.

Nach der Eingewöhnungsphase bei einer Gastfamilie übernahm Shulha das Wohnheimzimmer ihrer Vorgängerin im Trierer Norden. Ostern und Weihnachten feierte sie aber im Hause ihrer Gasteltern, auf deren Rat und Hilfe sie sich stets verlassen könne. Gemeinsam mit ihnen feierte sie Weihnachten im Dezember – für Shulha, die der orthodoxen Gemeinde in der Ukraine angehört, ein paar Tage zu früh. In ihrer Heimat fällt der Heiligabend auf den 6. Januar, da sich russisch-orthodoxe Feiertage nach dem julianischen Kalender ausrichten, wohingegen katholische, evangelische und griechisch-orthodoxe Christen nach dem gregorianischen Kalender leben. Nach dem deutschen Weihnachtsfest, das ihr „wie im Film“ vorkam, feierte sie Weihnachten wie sie es kannte, ganz traditionell mit zwölf verschiedenen Speisen und neuen Freunden, aber ohne Geschenke. Die gibt es bei russisch-orthodox Gläubigen schon am Nikolaustag.

Vieles sei anders hier in Deutschland, sei es der fehlende Schnee im Winter, den Shulha so schmerzlich vermisst, oder deutsche Hang zu Ordnung und Organisation: „Einer meiner Lieblingsplätze auf der Arbeit ist der Lagerraum. Es ist alles so ordentlich und übersichtlich. Auch der deutsche Busverkehr funktioniert wie ein Uhrwerk, wenn nicht gerade gestreikt wird“, sagt sie und fügt hinzu: „aber wenn man nette Kollegen hat, die einem ein Fahrrad leihen, ist das nicht weiter problematisch.“ Auch sei in Deutschland alles auf Termine ausgerichtet, was oftmals hilfreich sei. Drei Monate auf einen Arzttermin zu warten sei dagegen unangenehm: „Was soll man in den drei Monaten machen? Nicht sterben!“, erklärt sie scherzhaft.

In wenigen Wochen endet ihr Einsatz mit SoFia und Viktoriia Shulha wird in ihre Heimatstadt zurückkehren. Im vergangenen Jahr hat sie einiges erlebt: „Ich habe so viel gesehen und konnte viele Ausflüge machen, z.B. nach Metz, Luxemburg, Mailand, Amsterdam und Brüssel. Das Europäische Parlament wollte ich mir unbedingt ansehen!“ Die Arbeit für die Lebenshilfe habe sie stärker und ausgeglichener gemacht – auch fühle sie sich nach einem Jahr Friedensdienst im Ausland erwachsener. Sie habe ihr „inneres Licht“ gefunden. Ob sie in Deutschland bleiben möchte? Nein, sagt sie, aber: „In diesem einen Jahr im Freiwilligendienst kann man so viele großartige Erfahrungen sammeln – mehr als andere Menschen vielleicht in ihrem ganzen Leben.“ Der Freiwilligendienst gebe einem die Möglichkeit, eine fremde Gesellschaft kennenzulernen – mit anderen Leuten und einer anderen Kultur. Gute Aspekte daran könne man mit nach Hause nehmen, in die Arbeit vor Ort integrieren und diese verbessern. Zuhause möchte sie weiter im sozialen Bereich tätig sein, vielleicht als Sozialarbeiterin.

Es stimme sie traurig, sich bald von den Menschen, die ihr in Trier und insbesondere in der Lebenshilfe ans Herz gewachsen sind, verabschieden zu müssen. „Es ist so schön, jetzt endlich die Geschichten verstehen zu können, die mir die Leute hier erzählen!“, versichert sie und fügt mit Blick auf ihr Team hinzu: „Das Jahr Freiwilligendienst bietet nicht nur eine, sondern 365 Möglichkeiten“.

Wer sich für einen Friedensdienst im Ausland mit SoFia e.V. interessiert, findet unter www.sofia-trier.de weitere Informationen.

(ih)

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