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Bistum Trier
Mittwoch, 24. Juni 2020

„An unbekannte Orte wagen“

Zwei Jahre dauerte die „Erkundung“ im Bistum – jetzt sind die Berichte da

Trier/Wittlich – Eine Karte voll bunter Stecknadelköpfe, die unterschiedliche Plätze, Gebäude und Orte in der Stadt Wittlich markieren: Treffender könnte ein Bild die „Erkundungsphase“ wohl kaum darstellen, die sich an das Ende der Trierer Bistumssynode anschloss und Eindrücke von der vielfältigen Lebenswelt der Menschen im Bistum Trier eingefangen hat. Von 2018 bis 2020 dauerte dieser Prozess, bei dem „Erkunderteams“ des Bistums bestehend aus interessierten Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort das Gespräch mit den unterschiedlichsten Personen, Gruppen und Institutionen suchten und sich dabei auch mal an bis dato für die Kirche eher „unbekannte“ Orte wagten.

„Als es hieß, die Erkundung der geplanten Pfarreien der Zukunft steht an und ein Team kommt zu uns, dachten wir zuerst: Zu unserer normalen Arbeit jetzt noch ein Paket, das oben drauf kommt“, gibt Pastoralreferent Armin Surkus-Anzenhofer aus Wittlich unumwunden zu. Doch seine Meinung und die seiner Kollegin, Gemeindereferentin Heike Feldges, sollte sich bald ändern: „Es wurde schnell klar, dass die Erkunder ein interessantes Methodenpaket für uns im Rucksack hatten. Und dass es eine wichtige und gute Perspektive ist, den Raum mal genauer und unvoreingenommen unter die Lupe zu nehmen, in dem man selbst seit Jahren lebt und arbeitet.“ Genau um diesen Aspekt sollte es gehen, bestätigt auch Edith Ries, stellvertretende Leiterin des Synodenbüros, die mit weiteren Kollegen die Erkundung koordinierte. „Unserem Bischof war es wichtig, dass wir auf neue und unbefangene Art und Weise in die Räume des Bistums gehen und auch die kleinen und unscheinbaren Dinge in den Blick nehmen.“ Entgegen der Befürchtung vieler sei der Ansatz eben nicht gewesen, dass das Bistum klassische Visitationen zum Zustand und den Angebote der Pfarreien durchführt, erläutert Ries‘ Kollege, Dr. Alexander Knauf, Referent im Diözesancaritasverband (DiCV). „Das Erlebte sollte vielmehr exemplarisch in eine Art Erfahrungsbericht und Ideensammlung einfließen. Dafür wurde die Methode der Sozialraumerkundung gewählt.“

Das Bistum schulte 30 Erkunderinnen und Erkunder in zehn Teams, denen 25 Prozent ihrer Arbeitszeit dafür zur Verfügung standen. Da es sich um ein gemeinsames Projekt des Bistums und des DiCV handelte, setzten sich die Teams jeweils aus einem Caritasmitarbeiter, einem pastoralen Bistumsmitarbeiter und einer weiteren Person zusammen. Eine der Caritas-Erkunderinnen war Karin Terhorst, die in Wittlich bei den ersten Treffen (Rendezvous im Raum) gemeinsam mit ihrem Teamkollegen Johannes Eiswirth die Methode der Sozialraumerkundung vorstellte. „Dass man sich an den sozialen Gegebenheiten vor Ort orientiert – diesen Ansatz vertreten beispielsweise die Hauptamtlichen in der Jugendarbeit in Wittlich schon seit Jahren. Aber wir haben verschiedene Methoden vorgestellt, wie man den Blick darüber hinaus weiten kann“, berichtet Terhorst.

Knauf beschreibt Erkundung wie eine Forschungsreise– nur, dass es sich hierbei um den Lebensraum vor der eigenen Haustüre. „Es ist ja das Verführerische, zu sagen: Ich wohne schon lange in der Pfarrei, da gibt es nichts, was ich nicht schon kenne. Sondern ich tu jetzt mal so, als sei ich neu hier.“

Genau diese Perspektive übernahmen Surkus-Anzenhofer und seine Kollegen, die sich in einer multiprofessionellen Gruppe aus Theologen, Schulsozialarbeiterinnen, einer Mitarbeiterin der Caritas-Suchtprävention und einer Mitarbeiterin vom Haus der Jugend Wittlich zusammenfanden. „Wir wählten die Pin-Nadel-Methode, die wir ein bisschen ausgearbeitet haben.“ Die Fragestellung: Wo halten sich Jugendliche gerne in Wittlich auf, wo eher nicht – und warum? Das konnten die befragten Schüler farbig auf einer Karte markieren und auch Kommentare dazu abgeben. „Ein besonderer Fokus lag dabei auf dem zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), der informell als Treffpunkt gilt“, beschreibt Gemeindereferentin Feldges die Ausgangslage. Über die Schulen wurde der Fragebogen flächendeckend verteilt. „Die Auswertung ergab wirklich interessante Antworten. Etwa, dass im Winter junge Leute in die Stadtbibliothek gehen, weil es dort freies Wlan gibt. Oder dass viele gar keinen konkreten Zweck damit verbinden, zum ZOB zu gehen, außer den, dort wahrscheinlich Freunde antreffen zu können.“ Sie seien so näher an die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen herangekommen – und zwar dank der großen Zahl an Rückmeldungen auf den Fragebogen.

Dabei half eben auch die Methode: „Wir haben netzwerkartig zusammengearbeitet und über die Schulen ganz verschiedene Jugendliche erreichen können“, sagt Surkus-Anzenhofer. Dabei sei der Austausch intensiviert worden, neue Kooperationen wie etwa ein Mädchenarbeitskreis seien entstanden, und das gemeinsame Projekt „Aktion letzter Schultag“ sei auf breitere Füße gestellt worden. Dabei verteilte das Team vorletztes Jahr auf dem ZOB Sonnenbrillen an Jugendliche, auf denen zu lesen war „Lass dich nicht von deinen Noten blenden“ – als Impuls, seinen eigenen Wert nicht nur nach Beurteilungen zu messen, sondern sich der eigenen Stärken und Talente bewusst zu werden. „Wir von der Jugendarbeit sind zusammengewachsen und haben aus der Erkundung mitgenommen, dass es lohnt, nicht gleich immer zweckorientiert an eine Geschichte ranzugehen, sondern einen Schirtt zurückzutreten und erstmal eine Draufsicht zu gewinnen“, fasst Feltges ihre Erfahrungen zusammen.

Neben Fragebögen gab es auch viele Einzelgespräche. Erkunderteams sprachen Menschen  vor Super- oder Baumärkten und in Innenstädten an. Dass Kirche einfach mal „herauskommt“, zuhört und fragt, sei oft positiv aufgenommen worden, berichtet Ries. Sie wolle aber nicht verschweigen, dass die Reaktionen auf die Erkunderteams durchaus heterogen gewesen seien, teils auch, weil die Erkundung in den Zeitraum fiel, in dem die geplante Raumstruktur vorgestellt wurde. „Viele wünschten sich da Erläuterungen von den Teams, was aber gar nicht ihre Rolle war“, stellt Ries klar. Ein „Aha-Effekt der Erkundung“ sei in jedem Fall die Erkenntnis, dass mehr aktives kirchliches Leben vor Ort stattfindet als erwartet – abseits von leerer werdenden Kirchen, erklärt ihr Kollege Knauf. Er ist überzeugt, dass das Erkunden daher nicht zu Ende ist: „Es wird eine grundlegende Haltung und ein grundlegendes pastorales Instrument sein, mit dem in den Pfarreien zukünftig gearbeitet werden soll.“

Mehr Informationen zur Erkundung im Bistum Trier und die Erfahrungsberichte der Erkunderteams gibt es auf www.erkundung.bistum-trier.de.

(sb)

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