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Bistum Trier
Donnerstag, 7. Oktober 2021

Damals Haushalt, heute Musikgarten: Eine Zeitreise durch die Familienwelt

60 Jahre Katholische Familienbildungsstätte Saarbrücken – ein Spiegel der Gesellschaft

Saarbrücken – Groß waren Not und Armut nach dem Krieg, der Frauen zu Witwen und Kinder zu Waisen gemacht hat. Viele Väter konnten als Kriegsversehrte nicht mehr für ihre Familien sorgen. Um in dieser Notlage zu helfen, haben engagierte Frauen des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) in Saarbrücken vor 60 Jahren die „Katholische Mütterschule“ gegründet, die am 26. Januar 1961 eingeweiht wurde. Sie ist der Vorläufer der heutigen Katholischen Familienbildungsstätte (FBS) in der Ursulinenstraße. Die Geschichte der Einrichtung spiegelt zugleich wieder, wie sich die Gesellschaft in Deutschland entwickelte.

„Die Gründerfrauen waren oft ledige Frauen aus dem Sozial- oder Schuldienst, die sich in ihrer Freizeit engagiert haben und oft ihr eigenes Geld investiert haben“, erinnert sich Ida Purat. Ihre Tante Maria Pfeiffer war eine dieser Frauen, die die Mütterschule aufgebaut und lange geleitet haben. Diese Frauen seien gesellschaftlich nicht sonderlich geachtet gewesen: „Sie waren zu kämpferisch für die Sache der Frau, zu autonom und wurden als Unverheiratete skeptisch betrachtet“, sagt Purat, die als 15-Jährige Mitte der 60er Bastelkurse für Kinder angeboten hat und viele Jahre als Kursleiterin tätig war.

 

„Die gepflegte Frau“ und „Kalte Platte“: Kurse aus den Anfangsjahren

In der „Milchstube“ im Saarbrücker Hauptbahnhof versorgten die Frauen Passanten preiswert mit einem gesunden Frühstück und einem warmen Mittagessen. Doch von Anfang an habe auch der Bildungsgedanke eine große Rolle gespielt. „Vorbereitung der weiblichen Jugend auf den Beruf der Hausfrau und Mutter und die Weiterbildung der Frauen und Mütter für ihre besonderen Aufgaben im Dienst der Familie“, heißt es in der Satzung vom April 1963, als die Katholische Mütterschule ein offiziell eingetragener Verein wurde. Neben Nähen und Kochen gab es Kurse in der Säuglingspflege und „Gymnastik für die werdende Mutter“. Eine große Rolle spielten auch die Aufgaben der Hausfrau, was sich im damaligen Kursangebot zeigt: „Gäste zu Hause“, „Kalte Platte“ oder „Die gepflegte Frau“. „In den 70er-Jahren veränderte sich das Angebot, es wurde ,Exotisches Kochen‘ angeboten und erstmals auch Kurse zum Thema Diät“, sagt FBS-Leiterin Nina Andres-Reindorf.

1968 wurde die Mütterschule als Einrichtung der Erwachsenenbildung anerkannt. 1976 schlossen der Katholische Deutsche Frauenbund und die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die im Johannishof in Saarbrücken Hilfen anbot, sich zur „Familienbildungsstätte der katholischen Frauengemeinschaft Saarbrücken e.V.“ zusammen und formulierten die Weiterbildung der Jugend und der Erwachsenen als gemeinsames Ziel. Seit 1991 besteht der heutige Name „Katholische Familienbildungsstätte Saarbrücken e.V.“.

In Katholischer FBS sind alle willkommen

„Wir erleben es immer wieder, dass Leute glauben, sie müssten katholisch sein, um bei unseren Kursen teilnehmen zu dürfen oder selbst Kurse zu geben“, sagt Andres-Reindorf. Dies stimme jedoch nicht. „Wir verstehen katholisch als offen für alle, jeder ist willkommen, egal welcher Herkunft oder Religion ein Mensch hat“, sagt sie. Auch zu den regelmäßig stattfindenden Kindergottesdiensten kämen nicht nur katholische Familien. Was die katholische FBS von anderen Anbietern unterschiede, sei die Atmosphäre: „Teilnehmer sind bei uns keine Nummer, das persönliche Miteinander steht im Vordergrund“, sagt die Leiterin.

 

Vielfalt der Gesellschaft spiegelt sich im Kursangebot wider

Bunt gemischt ist in der Katholischen Familienbildungsstätte auch das Kursangebot, das stetig wächst und für alle Generationen etwas bietet. Neben zahlreichen Angeboten für Familien mit Kindern wie Spielkreise, Musikgarten oder Nachmittagen zum Thema Tortenverzieren, bietet die FBS Sprachkurse und Gesundheitskurse an – von Zumba bis orientalischem Bauchtanz. Nähkurse gibt es immer noch – „Die waren nie weg“, sagt Andres-Reindorf und betont: „Wir sind frei bei der Entwicklung der Angebote und können uns nach den aktuellen Bedürfnissen der Familien richten.“ Dabei spielten auch Veränderungen einer vielfältiger und internationaler werdenden Gesellschaft eine Rolle. So sind Sprachkurse wie „Mama lernt Deutsch“ oder die „Frühen Hilfen“, bei denen Familien ab der Schwangerschaft praktische Hilfen, Beratung und Begleitung erfahren, Bestandteil des Angebots. Darüber hinaus gibt es vielfältige Kooperationen mit Akteuren der Gemeinwesenarbeit.

Seit 23 Jahren ist Julia Afghan Kursleiterin an der FBS, sie leitet Spielkreise, Musikgartenkurse und ist in der Stillberatung aktiv. In dieser Zeit hätten sich die Bedürfnisse von Familien verändert, sagt sie. „Familien stehen heute viel mehr unter Druck. Das beginnt durch die Herausforderung eines früheren Wiedereinstiegs in den Beruf bei den Müttern und der Frage, wie sich Familie und Beruf vereinbaren lassen“, so ihre Beobachtung, „viele stellen sich die Frage, wie sie unsere Angebote in ihren ohnehin schon vollen Familienalltag einbauen können.“ Mit der Zeit habe sich das Bewusstsein herausgebildet, dass es sich bei den Kursen um Bildungsangebote handelt, die wertvoll für eine frühe Förderung seien.

Die Wertschätzung zeige sich auch in der Nachfrage, sagt Andres-Reindorf. Besuchten im Jahr 2003 887 Personen insgesamt 2565 Unterrichtsstunden, waren es im Vor-Coronajahr 2019 schon 5113 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei 7144 Unterrichtsstunden. Die für September geplante 60-Jahr-Feier habe man wegen der ungewissen Pandemie-Lage abgesagt. Nachgeholt werden soll das Jubiläum nächsten Mai mit einem Familienfest in den Räumen der Ursulinenstraße.

Weitere Informationen unter: https://www.fbs-saarbruecken.de/

(uk)

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