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Bistum Trier
Montag, 23. August 2021

Dasein. Zuhören. Mitaushalten

Begleitung einer Seelsorgerin durch Dernau

Dernau – Seit Esther Braun-Kinnen, ausgebildete Seelsorgerin im Bistum Trier, in Dernau im Ahrtal eingesetzt ist, geht sie immer eine bestimmte Route: Startpunkt ist die Pfarrkirche St. Johannes Apostel. Gegenüber am Pfarrbegegnungszentrum hat das THW einen Stützpunkt eingerichtet. Hier trifft sie auch die örtliche Gemeindereferentin Martina Gilles.

Martina Gilles wohnt in Mayschoß und ihr Haus wurde von den Wassermassen stark beschädigt, ist mit Öl kontaminiert und wird nun bis auf die Grundmauern zurückgebaut. Ein Schicksal, das sie mit vielen teilt. Trotzdem ist sie täglich in den Gemeinden Dernau, Rech und in ihrem Wohnort als Seelsorgerin im Einsatz. „Ich führe mit den Menschen intensive Gespräche“, sagt sie. Es sei ein Vorteil, dass viele sie hier kennen. „Sie haben einen hohen Gesprächsbedarf“, lautet ihr Eindruck. Fünf Wochen sind nach der Flutkatastrophe in Teilen der Eifel und im Ahrtal vergangen. „Ich schaue, was die Menschen brauchen“. Dafür gehe sie einfach durch die Straßen, mache sich auf den Weg. Aufsuchende Seelsorge heißt das in der Fachsprache.

Die zwei Frauen klären kurz ihre Dienste und Aufgaben in den nächsten Tagen. Soll es eine kleine Andacht in der Kirche geben und wenn ja wie und von wem soll diese gestaltet werden?

Netzwerken im Katastrophengebiet

Gleich darauf sprechen sie mit den Kameraden des THW. „Die Gespräche mit den Hilfskräften sind wichtig für die Vernetzung, denn sie haben einen guten Überblick“, erklärt Esther Braun-Kinnen. Die Gruppe kommt aus Schwalmstadt in der Nähe von Marburg und ist zum Dritten Mal für eine Woche hier. Das Netzwerken ist ein wichtiger Teil der Arbeit der Seelsorgerinnen und Seelsorger. In der Regel sind sie in Tandems unterwegs: Örtliches Personal und Mitarbeitende, die sich aus dem gesamten Bistum freiwillig für den Einsatz in dem Katastrophengebiet gemeldet haben.

Nicht nur für die Einwohnerinnen und Einwohner haben sie ein offenes Ohr und Zeit. „Gerade jüngere Helferinnen und Helfer wie auch Einsatzkräfte sind von der Situation überfordert. Manche können die Geschichten, die sie von Augenzeugen berichtet bekommen, schwer ertragen“, weiß Martina Gilles.

Die nächste Anlaufstelle nicht nur für Esther Braun-Kinnen, sondern auch für hungrige Helferinnen und Helfer wie Betroffene ist das „Dagernova“. Die Winzergenossenschaft hat im Ort eine Eventlocation. Eigentlich ein beliebter Treffpunkt für Familienfeiern. Auch jetzt geht es hier lebendig zu. Gerade ist das Frühstück vorbei; kurz aufräumen und dann wird auch schon alles für das Mittagessen gerichtet. Tische und Stühle stehen geschützt unter dem Dach des Wintergartens und in der angrenzenden Veranstaltungshalle. An eine Tür hat jemand den Ahr-Psalm von Stephan Wahl geklebt. Er ist Priester in Jerusalem und im Kreis Ahrweiler aufgewachsen. Darunter hängen Angebote des Marienhaus Klinikums und weitere Hinweise aus. „Ich setze mich ganz einfach zu den Leuten an den Tisch, wenn sie essen. So kommt man leicht ins Gespräch“, erzählt Esther Braun-Kinnen.

Zurück auf der staubigen Straße, wo gerade gespendete Waschmaschinen abgeladen werden und ein Mann Äpfel „Frisch aus der Palz“ verteilt, trifft Braun-Kinnen Silke. Sie ist Krankenschwester und seit fünf Wochen ehrenamtlich im Ahrtal unterwegs. Ihre provisorische Praxis hat sie im „Dagernova“ eingerichtet. Kleinere Schnittwunden versorgt sie an dieser Stelle und gibt tröstende Streicheleinheiten beim Aufkleben der Pflaster. „Das tut den Leuten sehr gut“, bemerkt sie. Mittel gegen Magen-Darm- und Kreislauf-Beschwerden hat sie ebenfalls vorrätig. Impfungen und schwerwiegende Erkrankungen vermittelt sie direkt an die örtliche Hausärztin. Im Katastrophengebiet wird im Übrigen in den meisten Fällen auf den Nachnamen und ein „Sie“ verzichtet.

Hilfsangebote vermitteln

Dann geht es weiter zur Grundschule St. Martin – auch ein Knotenpunkt. Auf mehreren Etagen wurde ein wahres Kaufhaus eingerichtet: Lebensmittel, Bekleidung, Spielsachen, Haustierbedarf und Hygieneartikel stapeln sich in Klassenräumen und Gängen – alles kostenfrei für Bedürftige. In einem Flur befindet sich das provisorische Bürgerbüro. Hier trifft die Esther Braun-Kinnen, die im Bischöflichen Generalvikariat für Krankenhausseelsorge und für die Koordination der Notfallseelsorger zuständig ist, auf eine wartende Frau.

Sie braucht Leute, die ihrem 80-jährigen Mann beim Abstemmen der Fließen und des Putzes im Haus helfen, erfährt Braun-Kinnen. Solche Bedarfe kann man im Bürgerbüro anmelden. „Haben Sie die Nummer vom Helfer-Shuttle? Da können sie sich mit solchen Sachen auch melden“, fragt die beauftragte Pastoralreferentin. Die Nummer hat sie verloren, sagt die Dame und beginnt zu erzählen: „Es ist alles weggeschwommen. Alle alten Bilder, von den Hochzeiten unsrer Kinder, von unsrer Hochzeit. Im nächsten Jahr feiern wird Goldene Hochzeit“. Doch ihre Kinder haben für sie alles organisiert, sie kommen unter. Braun-Kinnen hört zu, fragt nach, erkundigt sich, wie es für das Paar weitergeht und notiert die Nummer des Helfer-Shuttles auf eine Klappkarte des Bistums Trier, auf der weitere hilfreiche Nummern und Adressen zusammengefasst sind wie von der psychosozialen Notfallnachsorge, Telefonseelsorge, Caritas oder Lebensberatungsstellen.

Es geht wie immer weiter zum Friedhof vorbei an der Turnhalle, wo gerade Kinder betreut werden. Das sei ein Vorteil des Rundgangs durch das Dorf: Man treffe „alte Bekannte“ und könne an Gespräche anknüpfen, aber man begegne auch immer wieder neuen Menschen beim Gehen durch die Gässchen. Am Ende der Gespräche bietet Esther Braun-Kinnen den Frauen und Männern an, sie zu besuchen, sich noch einmal zu treffen, ein Folgegespräch zu vereinbaren.

Auf dem Friedhof angekommen trifft sie eine Frau, die gerade dabei ist, neue Blumen auf ein Grab zu pflanzen. „Vorne am Eingang gibt es noch Schaufeln, wenn Sie welche brauchen“, bietet Esther Braun-Kinnen eine Gesprächseröffnung an. Die Frau am Grab berichtet daraufhin von ihren Erlebnissen in der Flutnacht. Braun-Kinnen hört zu; ist da. Einige Grabsteine sind noch nicht wieder aufgerichtet, aber ansonsten sieht der Friedhof fast unberührt aus. Wie hoch stand das Wasser? Die Antwort bringt ein Blick auf ein naheliegendes Haus. Eine braune Linie zieht sich im ersten Stockwerk rund ums Gebäude.

Knotenpunkte und kleine Gässchen

Braun-Kinnen steuert Orte an, wo viele Menschen zusammenkommen, vergisst aber dabei  nicht die Sträßchen, in denen nun überall laute Stemmeisen rattern, Menschen mit Schubkarren durch Schutthaufen und um Container manövrieren. „Wie läuft es?“, fragt sie und bleibt kurz bei den arbeitenden Männern und Frauen stehen. Bei solchen Gesprächen bekommt sie auch immer wieder Tipps, wo Seelsorge benötigt wird.

Auf der Hauptstraße – auf der hauptsächlich Einsatzwagen von Feuerwehr, THW, Polizei oder Lastwagen unterwegs sind – geht es weiter Richtung Bahnhof. Auch dort gibt es einen provisorischen Laden mit Materialspenden. Da steuert Esther Braun-Kinnen Dirk an. An seinem alten Kombi hängt ein kleiner Anhänger und am Seitenfenster klebt seine Handynummer mit dem Zusatz „Helfertaxi“. Er fühlt sich persönlich mit dem Ahrtal verbunden, obwohl er nie hier gewohnt hat. Gerade versorgt er einen Helfer, der sichtlich unter Nackenproblemen leidet. „Ich war schon beim DRK“, versichert er auf die besorgte Nachfrage von Esther Braun-Kinnen. Von Dirk gibt es einen Kaffee und ein Matschbrötchen: Zwischen zwei Brötchenhälften legt er routiniert zwei Schaumküsse und drückt beherzt zusammen. „Das ist ein wahrer Seelentröster“, weiß Esther Braun-Kinnen. Sie notiert sich die Nummer von Dirk, der regelmäßig in unterschiedliche Ortschaften entlang der Ahr haltmacht. Sie möchte an einem der nächsten Tage mal bei ihm mitfahren und schauen, welche Unterstützung dort benötigt wird

 

Nah bei den Menschen sein

Es fängt an zu regnen. Beim Suchen einer trockenen Stelle geht es in einen weißen Pavillon. Auch hier Lebensmittel, die Allzweckwaffe „Gaffer-Tape“, Energy-Drinks. Braun-Kinnen begegnet Sandra. Sie ist den ersten Tag an der Ahr („Vorher habe ich keinen Urlaub bekommen.“) und will den Menschen helfen. Sie ist ausgebildete Ersthelferin und im Berufsleben Bankerin, doch sie möchte sich zukünftig gerne ehrenamtlich als Seelsorgerin einbringen. Esther Braun-Kinnen spricht mit ihr über die unterschiedlichen Ausbildungs- und Einsatzmöglichkeiten. „Manchmal geht es nur darum, mitauszuhalten, nahe bei den Menschen zu sein. Nähe ist wichtig“, sagt Esther Braun-Kinnen, denn es gebe nicht immer hoffnungsvolle oder tröstende Worte. Da sein; zuhören; mittragen; mitaushalten; achtsam für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen sein; Hilfe nicht einfach überstülpen; fragen, was an Hilfe und Unterstützung gewünscht und benötigt wird – das sind die Aufgaben der Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Weitere Informationen zur Hochwasserhilfe von Bistum Trier und Caritas und die Spendenkonten zur Unterstützung Betroffener der Hochwasserkatastrophe sind zu finden unter https://t1p.de/hochwasser-hilfe.

Seelsorge in den Hochwassergebieten

Nach der Begleitung in der Akut-Phase vor allem durch Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger geht es nun immer mehr um eine längerfristige Begleitung, etwa durch die regulär vor Ort eingesetzten Personen, aber auch etwa durch die Lebensberatungsstellen und die sozialen Fachdienste der Caritas.

In den beiden ersten Wochen nach der Katastrophe waren etwa an der Ahr bis zu 70 Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger zusätzlich zu den Frauen und Männern, die regulär dort eingesetzt sind, ansprechbar. Auf einen Aufruf des Bistums haben sich mehr als 100 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem ganzen Bistum bereit erklärt, die Seelsorge an der Ahr in den nächsten Wochen zu unterstützen. Diese werden jetzt den gemeldeten Bedarfen entsprechend von einem Koordinierungsbüro angefordert und eingesetzt.

(jf)

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