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Bistum Trier
Freitag, 11. Juni 2021

Die Angst vor dem eigenen Briefkasten

Mehr Menschen geraten durch Pandemie in Schulden – Caritas steht ihnen zur Seite

Trier – „Ich würde schätzen, neun von zehn unserer Klienten hat Angst vor dem eigenen Briefkasten“, sagt Anika Wegner. Die 39-Jährige ist nicht etwa Postbotin oder Psychologin, sondern Juristin und Schuldnerberaterin beim Caritasverband Trier. Wenn bei ihren Klienten die Briefe der Gläubiger ins Haus flattern, kann das schon einmal schnell zu Überforderung oder sogar Angst führen. Sieben Millionen Menschen in Deutschland sind ver- oder überschuldet. Durch die Corona-Krise ist diese Zahl noch einmal deutlich gestiegen, wie Wegner auch für den Raum Trier zu berichten weiß. Dabei reiche der Kreis der Betroffenen mittlerweile weit über Menschen im Hartz IV-Bezug oder Niedriglohnempfänger hinaus. Gerade ist die bundesweite Aktionswoche „Der Mensch hinter den Schulden“ der Caritas und anderer beratender Verbände zu Ende gegangen, bei der auf die neuen Armutsrisiken aufmerksam gemacht werden soll.

Die Corona-Pandemie hat die Zahlen steigen lassen

Zu normalen Zeiten seien die häufigsten Gründe für eine Verschuldung Trennung oder Scheidung, Krankheit oder Sucht, sagt Wegner. „Seit der Pandemie hat sich unsere Arbeit etwas verändert. Es kommen jetzt viele Leute zu uns, die zuvor noch nie in ihrem Leben mit Schulden zu tun hatten und die sich auch nie vorstellen konnten, jemals in diese Lage zu geraten.“ Studenten , Rentner oder Mitarbeitende der Gastronomie etwa, die sich vorher durch Minijobs finanzierten, die während der Pandemie völlig wegbrachen. Viele seien auch von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen. Selbstständige beraten Wegner und ihre Kolleginnen und Kollegen zwar nicht, aber diese würden weitervermittelt an entsprechende andere Angebote.

In den meisten Fällen können Klienten ihre monatlichen Kreditraten, etwa für ein Haus oder ein Auto, nicht mehr bedienen. Banken stundeten zwar eine gewisse Zeit die Tilgung (nicht die Zinsen), aber eben nicht unbegrenzt. „Die Pandemie dauert einfach schon so lange – das ist irgendwann dann richtig schlimm. Wenn ein Haus finanziert wird oder das Auto dringend benötigt wird, um zur Arbeit zu kommen, wird es schnell existenzbedrohend. Dieser Stress, der da entstanden ist, führt zu erheblichen psychischen Belastungen“, schildert Wegner. „Hinzu kam, dass wir lange Zeit keine Termine machen konnten und es inzwischen Wartelisten gibt, weil wir so viele neue Anfragen haben. Das hat den Druck bei uns und den Klienten erhöht.“ Zwar gebe es Onlineberatungen und auch zeitweise Telefonberatungen, aber es sei einmal mehr deutlich geworden, dass das persönliche Gespräch durch nichts zu ersetzen sei. Künftig will die Caritas bundesweit aber ihre Beratungsangebote verstärkt auch als Video-Angebote online ausbauen, was jenen entgegen komme, die Kinder zu betreuen haben oder weniger mobil sind.

Jede Verschuldungsgeschichte ist individuell

Wie Menschen nun abgesehen von Pandemie-Zeiten in die Schuldenfalle geraten sei sehr individuell; den „klassischen Fall“ gebe es so nicht, erklärt Wegner, die seit 2012 zunächst ehrenamtlich, später hauptamtlich Menschen berät. „Zu uns kommen Menschen jedes Alters – ganz junge Leute, die in die Handy-Falle getappt sind oder deren Eltern in ihrem Namen Schulden gemacht haben und die dann mit Volljährigkeit plötzlich die Briefe erhalten. Das zieht sich durch bis zu Rentnern.“ Das gängige Klischee, dass einfach zu viel auf „Pump“ konsumiert werde, gebe es zwar vereinzelt auch, sei aber nicht der Normalfall.  

Was passiert nun also, wenn Menschen zu Wegner in die Beratungsstelle kommen? „Soziale Schuldnerberatung bedeutet, dass wir nicht einfach nur Insolvenzanträge stellen, sondern wir einen ganzheitlichen Beratungsansatz haben. Wir schauen uns den Klienten mit seinen Problemen in seinem Umfeld genau an. Wir versuchen Konzepte zu entwickeln, die sich nicht nur auf die Schulden fokussieren. Denn die betreffen ja viele Lebensbereiche oder bedingen einander“. Der erste Schritt sei meistens die Existenzsicherung. „Wir schauen, ob es Lohnpfändungen oder Kontopfändungen gibt und wandeln Konten in Pfändungsschutzkonten um. Denn unser Ziel ist, dass die finanzielle Lage erstmal stabil ist. Wir fangen mit einer Entschuldung erst an, wenn wir gesichert haben, dass keine neuen Schulden hinzukommen. Dann schreiben wir Gläubiger an und machen eine Aufstellung; wir stellen Insolvenzanträge und begleiten die Leute durch das Verfahren.“ So könne eine Beratung von einem Termin bis hin zu einer mehrjährigen Begleitung reichen.

Der richtige Umgang mit Geld will gelernt sein

Viele ihrer Klienten berichteten, schon im eigenen Elternhaus nicht den richtigen Umgang mit Geld gelernt zu haben. „Man kann sich das schlecht vorstellen, aber sie haben diese Struktur nie erfahren: Ich spare erstmal etwas und muss das Geld auch haben, was ich ausgebe. Es fällt dann als Erwachsener schwer, so etwas zu lernen. Deshalb bin ich auch eine große Verfechterin von Taschengeld – da erfahren schon Kinder den Wert des Geldes kennen und im Kleinen zu ‚wirtschaften‘.“

Im Bistum Trier arbeiten mehr als 30 Schuldnerberaterinnen und -berater in 18 Beratungsstellen, deren Träger die Ortscaritasverbände sind. Wegner, ihre Kollegin und der ehrenamtlich tätige Schuldnerberater und Diözesanreferent Joachim Schäferbarthold haben in diesem Jahr weit mehr Fälle neu angenommen als zum gleichen Zeitpunkt 2020 – und immer noch stehen Leute auf der Warteliste. Schäferbarthold plädiert für frühzeitige Hilfen für Menschen, die in Schulden geraten. „Wenn jetzt viele Familien von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen sind, darf dies nicht in die Schuldenfalle führen.“ Deshalb fordere die Caritas zusammen mit anderen Wohlfahrtsverbänden ein Recht auf Schuldnerberatung auf gesetzlicher Grundlage. Dies müsse einhergehen mit einem bedarfsgerechten Ausbau der Beratungsstellen und deren auskömmlicher Finanzierung.

Mehr Informationen gibt es hier:  https://www.caritas-trier.de/aufgabenfelder/arbeit-armut-soziale-notlagen/schulden/schulden

(sb)

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