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Bistum Trier
Montag, 15. August 2022

Die Geheimnisse der Marienkräuter

Frauengruppe aus Namborn hält Tradition des Kräuterwischs an Maria Himmelfahrt lebendig

Namborn – Wenn ein Windhauch über die Terrasse von Doris Therre in Namborn weht, steigt ein würziger Kräuterduft auf. „Herrlich – das ist Erdbeerminze. Mein Lieblingskraut“, schwärmt ihre Freundin Marlene Klein. Auch die anderen vier Frauen halten kurz inne. Um sie herum – auf Tischen und in Eimern – duften über zwanzig verschiedene Kräuter. Gemeinsam binden die Frauen daraus Sträuße, die an Maria Himmelfahrt im Gottesdienst geweiht werden. Mit der Kräuterweihe am 15. August erinnert die katholische Kirche an die Grabesöffnung Mariens. Statt des Leichnams fanden die Apostel dort Rosen und Lilien, vor dem Grab wuchsen die Lieblingskräuter Marias.

Kräuterstrauß, Kräuterwisch oder Kräuterbündel – der vor allem im süddeutschen Raum bekannte Brauch hat viele Namen – und noch mehr Varianten haben sich um die „richtige“ Zusammensetzung des Wischs herausgebildet. Wie viele Kräuter in einen Kräuterbuschen müssen, schwankt von Region zu Region – die Zahl soll jedoch „magisch“ sein.  „Sieben Kräuter müssen es sein, 77 können es sein“, sagt Doris Therre. Die sieben sei eine symbolträchtige Zahl – für die Schöpfungstage. Andernorts sind 72 Kräuter üblich – entsprechend den 72 Lebensjahren der Gottesmutter. Aber auch neun (drei mal drei) und zwölf (für die Apostel) sind möglich.

Nicht fehlen sollten Getreidearten und Zwiebeln. „Die Ähren stehen für das tägliche Brot und die Zwiebel spielt seit alters her als wirksames Hausmittel eine große Rolle“, weiß Therre. Eine Rose symbolisiert Maria, die Lilie den heiligen Josef. Rosmarin soll zum guten Schlaf verhelfen, Salbei zu Wohlstand und Weisheit. Wermut verspricht Kraft, Mut und Schutz, Minze Gesundheit, Arnika schützt gegen Feuer und Hagel. Die Kamille steht für Glück und Liebe – so sagt es die Volkskunde. So stehen die Kräutersträuße symbolisch für alles Schöne und Heilende in der Schöpfung.

Gemeinsam mit ihrem Mann Franz-Josef hat Doris Therre am Vortag Kräuter gesammelt – darunter wilde Möhre, Schafgarbe, kanadische Goldroute, verschiedene Melissen- und Minzensorten, Weinraute, Borretsch, Eisenkraut, Salbei, Bohnenkraut, Oregano, Frauenmantel, Johanniskraut, Disteln, Königskerze, Rosmarin, Amarant und Weizen und Hafer. „Es war schwierig in diesem Jahr, bei der Trockenheit gab es nicht so viel“, bedauert sie. „An der Auffahrt zur B41 wir fündig geworden“, sagt sie und lacht. „Wir sind alle auf dem Land mit großen Gärten aufgewachsen und kennen uns daher ganz gut aus“, sagen Birgit Litz und Silvia Kockler. Weiß die Runde doch mal nicht, welches Kraut im Eimer ist, kommt Franz-Josef Therre mit dem Pflanzenlexikon auf die Terrasse: „Das ist Rainfarn“, klärt er auf.

Das gemeinsame Sammeln und Binden der Kräutersträuße ist vielerorts eingeschlafen, nicht jedoch die Tradition der Kräuterweihe, die in vielen saarländischen Pfarreien an Maria Himmelfahrt gelebt wird. Die Gläubigen sind aufgerufen, selbstgebundene Sträuße mit zum Maria-Himmelfahrts-Gottesdienst zu bringen. Auch in Namborn war die Tradition etwas in Vergessenheit geraten, bis sie 2004 vom damaligen Pfarrer Christian Scheinost, gerade neu in der Pfarreiengemeinschaft, wieder ins Leben gerufen wurde. „Er war ein großer Marienverehrer und die Pflege der Tradition war ihm wichtig“, erinnert sich Doris Therre.

Altes Brauchtum und neue Ideen schließen sich bei der Namborner Frauengruppe nicht aus. „Wir nennen uns Maria 2.0“, sagen sie selbstbewusst. Mit der Namenswahl drücken sie ihre Nähe zu der innerkirchlichen Reformbewegung aus, bei der vor allem Frauen gleichberechtigten Zugang für Frauen in alle Weiheämter der katholischen Kirche fordern. „Ohne uns Frauen liefe in der Kirche nicht mehr viel“, sagen sie selbstbewusst. Mit Energie und Tatkraft gestalten sie die Feiertage im kirchlichen Jahreskreis, bringen sich als Küsterin, Lektorinnen und Kommunionhelferinnen in die Gottesdienste ein. Doch es werde zunehmend schwieriger, Leute zu finden, die sich mit ihnen engagieren: „Wir freuen uns über jede, die zu uns stößt.“

Sophie Wilhelm von den Messdienern ist die Jüngste in der Runde, Marlene Klein mit 79 Jahren die Älteste. Sie erinnert sich noch gut daran, wie früher die geweihten Kräutersträuße im Kuhstall aufgehängt wurden: „Sie sollten die Tiere vor Viehseuchen schützen und für gute Milch sorgen“, sagt Klein. Die eigenen vier Wände soll der Wisch vor Unwetter und Blitzschlag schützen. Ganz überzeugt klingt sie nicht: „Bei mir hat trotzdem einmal der Blitz eingeschlagen.“

Die Kräutersträuße – am Ende sind es 65 Stück – verschenken die Frauen an die Gottesdienstteilnehmer. Da an Maria Himmelfahrt zugleich das Patronatsfest ihrer Kirche gefeiert wird, organisieren sie im Anschluss an die Messe einen Umtrunk. Neben Sekt und Organgensaft darf auch Brot und passend zum Anlass Kräuterbutter nicht fehlen.

Aber wohin mit dem Strauß, wenn er vertrocknet ist? Auch hier gehen die Bräuche auseinander. „Ein Priester sagte uns, dass der Strauß mit in den Sarg genommen wird“, erinnert sich Doris Therre. „Bei mir bleibt er so lange im Flur hängen, bis er zu sehr krümelt“, sagt Gabriele Schneider-Lüder. Auf dem Dachboden der Therres lagern hingegen noch zahlreiche Exemplare der vergangenen Jahre. „Letztens habe ich mal etwas ausgemistet. Beim ersten Grillen hat es ganz hervorragend geduftet!“

(uk)

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