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Bistum Trier
Montag, 21. Dezember 2020

Ehrenamtliche machen sich stark für Familien von Strafgefangenen

Bistum Trier würdigt das Projekt „Rückenwind“ in Wittlich

Trier – Einlasskontrolle wie auf dem Flughafen, Uhren, Geldbörse oder Schmuck wandern ins Schließfach; das Wiedersehen unter Beaufsichtigung, meist ohne Körperkontakt: Zwei Stunden, dann ist die Besuchszeit für den Inhaftierten und seine Familie für diesen Monat schon wieder vorbei. Der Straftäter geht zurück in seine Zelle, die Verwandten treten aus der Besucherpforte der Justizvollzuganstalt (JVA) Wittlich zurück ins Freie, oder besser: in die Freiheit außerhalb der Gefängnismauern. Eine Freiheit, die aber keine wirkliche ist, denn die Situation belastet die Familien. Meist fällt mit der Inhaftierung des Mannes der Hauptverdiener weg, die Kinder werden gehänselt, die Frauen fühlen sich allein gelassen mit ihren Sorgen. „Genau hier setzen wir mit unserem Projekt ‚Rückenwind‘ an, denn die Frauen und Mütter tragen die Hauptlast der ganzen Situation“, sagt Hans-Peter Pesch. Der 68-Jährige ehemalige Berufssoldat und Fernsehtechniker ist seit zehn Jahren ehrenamtlich als Geschäftsführer von „Rückenwind“ engagiert, das sich um die Angehörigen von Inhaftierten in der JVA und der Jugendstrafanstalt (JSA) Wittlich kümmert. Jetzt ist die Initiative vom Arbeitsbereich Ehrenamtsentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat Trier ausgezeichnet worden.

Rund 800 Männer – und damit ein Viertel der rheinland-pfälzischen Inhaftierten – verbüßen ihre Haftstrafe in der JVA Wittlich. Maximal acht Jahre im geschlossenen oder offenen Vollzug sitzen die Täter ein. Die angrenzende JSA hält weitere 150 Plätze für Jugendliche und junge Männer von 14 bis 24 vor. „Unsere Flyer haben wir in acht Sprachen übersetzt, die Straftäter haben teils Migrationshintergrund und kommen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus“, erzählt Pesch. „Was wir aus den Erzählungen oft heraushören: In vielen Fällen sind Gewalterfahrungen in der eigenen Kindheit der Straftäter das Eingangstor zur Kriminalität. Hinzu kommen auch oft Sucht- und Drogenproblematiken.“ Für die Inhaftierten sehe der Staat genaue Regeln vor, von den Haftbedingungen bis hin zu Resozialisierungsmaßnahmen, erläutert Pesch. Der Täter stehe im Fokus – nicht aber seine Familie. „Dabei tragen die Partnerinnen die Hauptlast der Verurteilung. Sie verlieren ihren Ernährer, leiden unter Schuld- und Schamgefühlen, werden bei Behörden oft nicht gerade zuvorkommend behandelt.“ Die Besuche in der JVA seien „hoch emotional“ für alle Beteiligten. In diesen Momenten wollen die zehn Ehrenamtlichen und eine hauptamtliche Mitarbeiterin von „Rückenwind“ für die Familien da sein; einen Ort bieten, wo sie ein offenes Ohr und Hilfe finden. Jeden Tag von 9 bis 13 Uhr, zu normalen Zeiten ohne Pandemie auch bis 16 Uhr.

Anlaufstelle in Sichtkontakt zur JVA

„Dazu ist es besonders wichtig, dass unsere Räume zwar außerhalb des Areals der JVA liegen, aber in direktem Sichtkontakt zum Parkplatz und zur Pforte auf der anderen Straßenseite. Diese Nähe ist entscheidend, da wir so beispielsweise sehen können, wenn jemand etwas einsam und verloren auf dem Parkplatz steht“, sagt Pesch. Die umgebaute Wohnung vis-à-vis der JVA bietet einen Besucherraum, vier Tische, eine Kaffeemaschine, Spielzeug für die Kinder. Im Obergeschoss gibt es einen Familienraum, in den sich Straftäter mit „Ausgang“ für eine Weile mit ihren Familien zurückziehen können. Neben einer „offenen Tür“ hat „Rückenwind“ auch alle vier Wochen an den Besuchersamstagen der JVA einen Stand vor der Strafanstalt. „Wir begrüßen die meist berufstätigen Besucherinnen, wir reichen Kaffee und Gummibärchen für die Kinder“, so Pesch. Bei Rückenwind gebe es auch „Stammkundinnen“, die immer wieder das Angebot nutzen, vorbeikommen und sich mit den Mitarbeitenden austauschten. „Manchmal möchte eine Ehefrau bei einem Besuch allein mit ihrem Mann sprechen, dann passen wir auf die Kinder auf. In einem anderen Fall erfuhren wir von einer älteren Dame, deren Mann inhaftiert ist und die auf einem Dorf in der Eifel nun völlig ohne Auto immobil und vereinsamt war. In diesem Fall haben wir über den Ortsbürgermeister und lokale SKM-Vereine und Caritasstellen Hilfe organisiert“, berichtet Pesch. Der Verein vermittelt auch an Stellen wie die Schuldner- oder die Lebensberatung weiter. Für die Kindern bietet er Ferienfreizeiten und Tagesausflüge etwa in Freizeitparks an. „Bei den Freizeiten merken wir oft, unter welcher großen Spannung die Kinder stehen, da sie sich Sorgen um ihre Mütter machen und da eine große Verantwortung spüren. Nach ein, zwei Tagen können sie locker lassen und dann auch einfach mal Kind sein.“ Ein Büchlein mit dem Titel „Besuch bei Papa“ hat das Rückenwind-Team bereits erarbeitet; ein weiteres wird heißen „Da wohnt Papa“.

Die Familien mehr in den Blick nehmen

Getragen wird der Verein vom SKM Diözesanverein Trier und dem Bistum Trier, die die Räume und das Gehalt der hauptamtlichen Mitarbeiterin, Diplompädagogin Sarah Horn, finanzieren. Rückenwind sei nicht Teil der JVA; es gebe keinen Auftrag oder finanzielle Unterstützung vom Staat. „Aber wir sind justiznah und sind akzeptiert, weil das Verhältnis zur Leitung der JVA stimmt“, sagt Pesch. Auch mit dem Gefängnis-Seelsorgeteam gebe es eine enge Zusammenarbeit. Die Corona-Pandemie hat die Arbeit des Rückenwind-Teams erschwert, das sich normalerweise einmal im Monat zur Reflexion untereinander trifft. Horn arbeitet derzeit im Home Office und bietet telefonische Beratung. Pesch wünscht sich, das Konzept „Rückenwind“ auch an andere Standorte zu „exportieren“. „Die Familie ist sehr wichtig für die Resozialisierung. Sie müsste der Staat mehr in den Blick nehmen.“ Dass das Projekt nun vom Bistum ausgezeichnet wurde, freut ihn sehr. „Wir fühlen uns gut aufgehoben in den Strukturen des SKM und im Bistum.“ Warum sich der 68-Jährige von Anfang an bei Rückenwind ehrenamtlich engagiert? „Ich habe nach einer sinnvollen Beschäftigung gesucht, als ich in Ruhestand ging. So lebe ich auch meinen Glauben, denn mir geht es gut und da möchte ich etwas von dem zurückgeben, was der liebe Gott mir geschenkt hat.“ Er denke gern an Papst Franziskus, der sehr oft von Barmherzigkeit spreche – und Gefangene besuchen sei ein solches Werk der Barmherzigkeit.

Rund 80.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich im Bistum Trier. Um ihren Einsatz zu würdigen, zeichnet das Bistum jährlich stellvertretend Einzelpersonen und Initiativen aus. Projektideen wie „Rückenwind“ zeigen beispielhaft Aspekte gelingenden Engagements. Informationen rund um die Ehrenamtskultur und die Arbeit für und mit Ehrenamtlichen gibt es beim Arbeitsbereich Ehrenamtsentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat Trier, Tel.: 0651-7105-566, E-Mail: ehrenamt(at)bistum-trier.de und unter www.ehrenamt.bistum-trier.de.

(sb)

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