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Bistum Trier
Donnerstag, 5. Oktober 2017

Erinnerungsarbeit bleibt Aufgabe

30 Jahre „Zeitzeugenprojekt“ der KEB im Kreis Saarlouis e. V.

Dillingen - Mit einer Feierstunde hat die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) im Kreis Saarlouis am 28. September das 30-jährige Bestehen ihres „Zeitzeugenprojekts“ begangen. Seit 1987 lädt die KEB in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk (Freiburg) mindestens einmal im Jahr Gäste aus Osteuropa ein, denen während des Krieges im deutschen Namen schweres Leid zugefügt wurde. In den drei Jahrzehnten waren über 300 Gäste aus Russland, Litauen, Ukraine, Estland oder Weißrussland zu Gast. Unlängst wurde der KEB für das Zeitzeugenprojekt der Saarländische Weiterbildungspreis verliehen.

KEB-Vorsitzender Horst Ziegler begrüßte im Dillinger Oswald-von-Nell-Breuning-Haus unter den über 70 Gästen Georg Hasenmüller, der das Projekt 1987 als damaliger pädagogischer Leiter bei der KEB ins Leben gerufen hatte, Christine Küpper und Günther Weis vom Maximilian-Kolbe-Werk sowie sechs Zeitzeugen aus Litauen. „Seit 1978 lädt das Maximilian-Kolbe-Werk KZ-Überlebende zu Erholungs- und Begegnungsaufenthalten nach Deutschland ein. Über 14.000 ehemalige KZ-Häftlinge nahmen bis heute daran teil“, erklärte Ziegler. Er griff das Motto des Projektes auf: „Fragt uns, wir sind die Letzten!“ Die Zeitzeugen, die heute kämen, hätten KZ und Getto als Kinder überlebt und gehörten heute zur älteren Generation. Das Projekt sei jedoch kein „Auslaufmodell“ und könne auch weitergehen, wenn kein Zeitzeuge mehr kommen könne, betonte Ziegler. Für die Zukunft müsse man sich neue Formate überlegen, vielleicht auch Begegnungen in den jeweiligen Ländern Osteuropas organisieren und sogar heutige Zeitzeugen einbeziehen – wie die übers Mittelmeer gekommenen Flüchtlinge. „Zeitzeugen, die Schreckliches erlebt haben, wird es immer geben“, sagte Ziegler.

Ganz still wurde es, als zwei der Zeitzeugen aus Litauen auf Deutsch ihre Geschichte erzählten. Rozeta Ramoniene berichtete, wie sie erst ihren Vater im Krieg verlor, dann ihre Mutter gefangen genommen wurde, Zwangsarbeit leisten musste und schließlich mit 500 anderen erschossen wurde. Das Mädchen musste mit rund 30.000 Juden im Getto bei Vilnius leben, bekam mit, wie Tausende Menschen zusammengetrieben und erschossen wurden. Durch ein Loch im Zaun zu einer Familie 40 Kilometer weiter gebracht. Als Überlebende ihrer Familie fand sie später ihre Großmutter in Usbekistan. „In Vilnius lebe ich noch heute mit der Last der Überlebenden“, schloss Ramoniene. Izaokas Glikas erzählte, er sei sieben Jahre alt gewesen als deutsche Soldaten in sein Heimatstädtchen, wo 3.000 Litauer und Ostpreußen und 1.000 Juden lebten, einmarschierten. Er erlebte, wie auf dem jüdischen Friedhof 350 Männer auf einmal in einer langen Grube erschossen wurden. „Meine Familie hatte Glück gehabt“, sagte Glikas. Sie konnte aus dem Getto fliehen, wurde aber auseinander gerissen; er selbst wurde von einem Priester aufgenommen, kam danach bei einer „guten Frau“ unter, traf später seine leibliche Mutter wieder, wurde Arzt. Jahr für Jahr gedenkt Glikas der 10.000 Männer und Frauen, die im Getto, wo auch er war, ermordet wurden.

Christine Streichert-Clivot, Staatsekretärin im saarländischen Bildungsministerium, lobte das Engagement der KEB für das Zeitzeugenprojekt und dankte für solche „Initiativen aus der Bürgergesellschaft“. „Sie verpflichten sich zu informieren und zuzuhören“, sagte sie. Sie sprach von einem „gemeinsamen Friedensprojekt“, wie es die Europäische Union und auch Deutschland seien, und stellte in diesen Zusammenhang den Zuzug geflüchteter Menschen nach Deutschland. Über 7.000 Kinder und Jugendliche seien gerade „relativ geräuschlos“ in unsere Schulen gekommen, dies sei der guten Integrationsarbeit dort zu danken.

 

Im Rahmen der Feierstunde gab die KEB im Kreis Saarlouis e.V. die folgende freiwillige Selbstverpflichtung ab:
„Die KEB im Kreis Saarlouis e. V. verpflichtet sich, wie schon seit ihrer Gründung im Jahre 1971 auch weiterhin daran zu erinnern, dass durch Hass, Gewalt und Krieg sehr viele Menschen sehr vielen Menschen großes Unrecht und großes Leid bis zum Tod zugefügt haben. Dies geschieht nicht nur im ehrenden Gedenken der Opfer und mit Respekt vor den Zeitzeugen, sondern auch im Hinblick auf unsere Zeitgenossen, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, Brüder und Schwestern, und vor allem auch die nachfolgenden Generationen. Denn wir sind überzeugt, dass Mitmenschlichkeit, Solidarität und Nächstenliebe Grundlagen für ein gutes Zusammenleben sind. Das Erinnern ist also nicht Selbstzweck. Es dient dazu, erlittenes Unrecht vor dem Vergessen zu bewahren und an nicht erfüllte Hoffnungen anzuknüpfen, damit wir unsere gemeinsame Welt und unser gemeinsames Leben, unsere Gesellschaft heute und in Zukunft im Rahmen unserer Möglichkeiten besser und schöner machen. Und deshalb bleiben die Erinnerung und das Bemühen um Versöhnung unsere Aufgaben über die Begegnung mit den Zeitzeugen hinaus. Die Chancen auf eine bessere Welt liegen nämlich im Gespräch der Menschen miteinander, ob in Dillingen, Deutschland, Osteuropa, Israel, Palästina oder Syrien.“

 

(red)

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