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Bistum Trier
Montag, 22. Juli 2019

„Erst Fachkräftemangel beseitigen, dann Kitaplätze aufstocken“

Das Kita-Zukunftsgesetz im Alltag - Ein Besuch in Christi Himmelfahrt

Trier – „Möchtest du eine große oder eine kleine Frikadelle?“ – „Eine große!“ Birgit Simon legt der kleinen Ashley wie gewünscht eine große auf den Teller, dazu gibt es Erbsen und Pommes. Es ist halb eins in der Kita Christi Himmelfahrt im Stadtteil Trier Ehrang, 60 hungrige Kinder warten an ihren Tischen auf das frisch von zwei Hauswirtschaftskräften zubereitete Essen. Birgit Simon ist Leiterin der Kindertagesstätte, die von der katholische Kita gGmbH Trier getragen wird. Insgesamt hält die katholische Kirche 335 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz vor, in denen rund 6.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten.

Eigentlich müsste die 55-Jährige jetzt in ihrem Büro Papierkram erledigen, aber heute packt sie – wie so oft – selbst anderswo mit an. Eben hat sie die Kinder, die nicht zum Essen bleiben, zum Bus gebracht, jetzt hilft sie, das Mittagessen zu verteilen. „Oft bleibt einfach die Büroarbeit liegen, weil wir häufig Personal-Ausfälle haben und es mir dann in dem Moment wichtiger ist, mich einem Kind zuzuwenden, als unsere Arbeit zu dokumentieren“, sagt Birgit Simon. Dokumentiert werden die Entwicklung der Kinder, Elterngespräche, Abläufe des Kita-Alltags, Personalausfall aber auch das Qualitätsmanagement und vieles mehr. Die Verwaltungsaufgaben hätten sich in den letzten Jahren locker verdreifacht, schätzt die Kita-Leiterin. Dazu komme ständig die Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Genau wie ihre Kolleginnen und Kollegen in ganz Rheinland-Pfalz wird sie bald von den Veränderungen des Kita-Zukunftsgesetzes betroffen sein, das das Land beschlossen hat. „Ich begrüße es ja, dass Änderungen kommen, aber sie sind nicht gut genug durchdacht“, sagt Birgit Simon. „Die Politik hätte besser intensiver mit den Leuten an der Basis gesprochen, die wissen, wo die Bedarfe sind.“

So sei etwa der neue Rechtsanspruch auf eine Sieben-Stunden-Betreuung am Stück grundsätzlich eine wichtige Unterstützung vieler Eltern. Er soll ab 2021 gelten und auch ein warmes Mittagessen umfassen. Die Nachfrage nach dieser Form der Ganztagsbetreuung wird nach Einschätzung von Experten steigen. Aber das, sagt Simon, stelle sie vor riesige Herausforderungen. „Wenn hier plötzlich statt 60 Kindern, die jetzt einen Ganztagsplatz haben, alle 102 Kinder zu Mittag essen sollen, weiß ich nicht, wie das gehen soll.“ Birgit Simon veranschaulicht bei einem Rundgang durch die Kita, was sie meint: „Wir möchten, dass eine familiäre, intime Atmosphäre beim Essen entsteht. Wir haben keine eigene Mensa und essen in den Gruppenräumen. Am liebsten möchten wir, dass nicht zu viele Kinder auf eine Erzieherin kommen. Gerade in diesen Situationen, wo es etwas ruhiger ist, passiert viel an Beziehungsarbeit. Kinder, die den ganzen Vormittag vielleicht nicht zum Zuge kamen, haben dann jemanden, der sich ihnen zuwendet.“ Doch wenn der Personalschlüssel durch das Gesetz nur geringfügig aufgestockt wird, sieht Simon ein großes Problem auf die Einrichtungen zukommen. Sie hat in ihrer Kita 12,64 Stellen für 102 Kinder. „Meistens rechne ich aber mit mindestens drei Leuten, die fehlen. Wegen Krankheit oder Urlaub oder weil jemand geht und wir Stellen wegen des Fachkräftemangels nicht nachbesetzt bekommen. Und dann ändert sich dieses Betreuungsverhältnis ganz schnell.“

Sehr personalintensiv

Das kritisiert auch die Geschäftsführerin der Kita gGmbH Trier, Cordula Scheich: „Die Übermittag-Zeit ist aus pädagogischen und organisatorischen Gründen sehr personalintensiv. Die Kinder müssen von Fachkräften beim Essen begleitet werden, sie bauen emotional und körperlich ab und brauchen mehr individuelle Zuwendung, manche werden zum Schlafen hingelegt, manche möchten etwas vorgelesen bekommen.“ Zwar sei im neuen Gesetz der Personalschlüssel für die zwei- bis sechsjährigen Kinder etwas erhöht worden, aber er bleibe immer noch weit hinter den Forderungen der Träger zurück. Außerdem seien viele Kitas für diesen Mehrbedarf auch nicht ausgestattet – vor allem, was die Küchen angehe. Viele seien in den letzten Jahren gerade erst fertig saniert worden, um auf den Ganztagsbedarf einzugehen. Jetzt steige die Nachfrage erneut. Das Land stelle 5.000 Euro pro Kita bereit, um vorhandene Küchen auszubauen. Aber alleine eine Industrie-Spülmaschine koste 3.500 Euro. „Es ist abzusehen, dass die Kitas anfangs nicht allen Wünschen gerecht werden können und manche Kinder ein frisch gekochtes Essen bekommen, während anderen ein Lunchpaket zubereitet wird. Das wäre leider ein uneinheitliches Bild in den Kitas, das manche Kinder benachteiligt. Bei den Eltern werden Begehrlichkeiten geweckt, denen das Gesetz in dieser Form nicht Rechnung trägt“, fasst Scheich zusammen.

In Christi Himmelfahrt seien sie in der glücklichen Lage, seit diesem Jahr in einer professionellen Küche mit Spülstraße zu kochen, sagt Birgit Simon. Zuvor hätten ihre Hauswirtschafterinnen in einer normalen Haushaltsküche gearbeitet, mit einer Industriespülmaschine auf dem Boden. „Sie können sich nicht vorstellen, was für eine harte Arbeit das ist, fünf Stunden zu stehen und ständig die schweren Körbe zu heben. Die waren teilweise fix und fertig.“ Wenn dann eine Kraft ausfalle, so wie derzeit für neun Wochen, sei es großes Glück, eine Vertretungskraft zu finden. „Wir haben auch schon selbst gekocht, aber dann bleibt eben mit Kochen, Spülen, Essenverteilen wieder weniger Zeit für die Kinder.“ Deshalb findet sie es besonders wichtig, die Kitas erst einmal alle für den zu erwartenden Mehrbedarf auszustatten – sowohl personell als auch mit adäquaten Räumlichkeiten. „Ich frage mich einfach, ob das Pferd nicht falschherum aufgezäumt ist. Wir haben jetzt einen Fachkräftemangel. Den beseitige ich doch erst mal, bevor ich Kitaplätze aufstocke und dann keine Menschen habe, die in den Einrichtungen arbeiten.“

Auf die Frage, wie man den Beruf attraktiver machen könne, erwidert Birgit Simon: „Wenn Sie meine Mitarbeiter hier befragen, würden sie ihnen antworten, dass es nicht die Bezahlung ist, sondern dass sie sich bessere Arbeitsbedingungen wünschen. Viele hier üben nicht nur einen Beruf aus, sondern fühlen sich „berufen“, wollen Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten. Und das bleibt auf der Strecke, weil sie keine Zeit haben, sich dem einzelnen Kind zuzuwenden. Der Personalschlüssel ist schlicht und ergreifend zu niedrig.“ Simon sieht aber nicht nur die Politik in der Pflicht, sondern die ganze Gesellschaft: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss sich noch mehr verbessern, gerade für Frauen. Da müssen alle umdenken, etwa bei Betreuungszeiten in der Grundschule. Es wird irgendetwas beschlossen und wir sind meist die ersten, die sich auf den Weg machen und es umsetzen.“ Weitere Informationen zum neuen Kita-Gesetz gibt es auf: https://kita.rlp.de/de/themen/kita-zukunftsgesetz und die Stellungnahme der freien Wohlfahrtsverbände dazu auf: https://www.liga-rlp.de/aktuelles.

(sb)

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