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Bistum Trier
Dienstag, 27. November 2018

„Gottes Wort in neuem Klang“

Interview mit Dr. Marius Linnenborn zur Einführung des neuen Lektionars

Trier – Ab dem ersten Advent 2018 wird im deutschen Sprachraum ein neues „Lektionar“ eingeführt, das die neue Einheitsübersetzung der Bibel von 2016 verwendet. Der erste überarbeitete Band wird der für das dann beginnende Lesejahr C der Sonn- und Festtagslesungen in den Gottesdiensten sein. Aber mal ehrlich: Lektionar? Lesejahr? Für viele Menschen steht hinter diesen Begriffen erst einmal ein Fragezeichen. Deshalb haben wir bei Pfarrer Dr. Marius Linnenborn, dem Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts (DLI) mit Sitz in Trier, nachgefragt, was es damit überhaupt auf sich hat. 

Was ist überhaupt ein Lektionar und was ist zum Beispiel der Unterschied zu einem Evangeliar?

Das Lektionar ist das Buch, das die Texte aus der Heiligen Schrift enthält, die für die Liturgie in der Messe oder in der Wort-Gottes-Feier gebraucht werden. Das Lektionar enthält die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament, die Antwortpsalmen, die Rufe vor dem Evangelium und das Evangelium selbst. Das Evangeliar enthält nur die Evangelien, ist häufig ein größeres und reicher geschmücktes Buch.

(Anm. d. Red.): Früher las man direkt aus der Bibel, ab dem 5. Jahrhundert sammelte man dann die so genannten „Perikopen“, also die Abschnitte aus der Bibel, die für die Lesungen gedacht sind und ordnete sie dem Kirchenjahr zu.

Was hat es mit den Lesejahren A, B und C auf sich?

Bei der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren sind diese Lesejahre eingeführt worden, um eine größere Bandbreite des Wort Gottes zu Gehör zu bringen. Vorher wurden einfach viel weniger Anteile der Bibel vorgelesen. A, B und C ist an den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas ausgerichtet und das Johannesevangelium wird an einigen Sonntagen zusätzlich eingefügt. Die übrigen fünf Bände des Lektionars enthalten die biblischen Texte für die sogenannten geprägten Zeiten (Weihnachts- und Osterfestkreis), für die gewöhnlichen Wochentage und die Heiligenfeste, für die Feier der Sakramente, Sakramentalien sowie von Begräbnissen und schließlich für die verschiedenen Votivmessen. Das liturgische Jahr der katholischen Kirche beginnt jeweils am ersten Adventssonntag und endet mit dem Christkönigssonntag.

Es geht also darum, mehr Texte aus der Bibel zu hören?

Ja, genau. Außerdem ist es auch eine schöne Vorstellung: Diese Leseordnung verbindet uns mit allen Katholiken weltweit. Egal wo wir einen Gottesdienst mitfeiern, wissen wir, was uns erwartet. Das neue Lektionar kann für uns auch Anlass sein, über die in Deutschland vielerorts geübte Praxis nachzudenken, nur eine Lesung statt der zwei vorgesehenen Lesungen auszuwählen: Das wird so nur im deutschsprachigen Raum praktiziert. Zwei Lesungen vorzutragen bietet aber einen größeren Reichtum. Man meint oft, es ist zu viel, was den Menschen zugemutet wird. Aber wer will entscheiden, welches Wort der Heiligen Schrift weggelassen werden kann?

Das Lektionar hat auch äußerlich ein neues Erscheinungsbild: Wie wurde es gestaltet?

Der Einband wurde durch einen Textilkünstler aus Wien, Christof Cremer, gestaltet. Das Buch schimmert goldfarben und drückt damit eine Wertigkeit aus, darauf sind rote geschwungene Linien zu erkennen. Alles deutet auf Bewegung und Dynamik hin: Da kommt etwas ins Schwingen, das Wort drängt hinaus, könnte man sagen. Mein Gedanke war: Das Wort Gottes, das hinausgesandt wird und wieder zurückkehrt auf verschiedenen Wegen. Neu ist auch, dass der Buchschnitt nun farbig ist, rot bei den Bänden für die Sonn- und Festtage. Format und Schriftart der vorzutragenden Texte haben sich übrigens nicht geändert. Aber dennoch ist der Gesamteindruck frischer geworden.

Aber nun zum Inhalt: Warum gab es überhaupt eine neue Einheitsübersetzung der Bibel und was hat sich mit ihr geändert?

Sprache verändert sich, es gibt neue Erkenntnisse in der Bibelwissenschaft. Man wollte näher heran an die Ursprungssprachen Hebräisch für das Alte Testament und Griechisch für das Neue Testament. Das ist übrigens bei der neuen evangelischen Lutherübersetzung auch der Fall. Wenn man sich stärker am Ursprungstext orientiert, ergeben sich für das Verkündigen, Vortragen und das Hören Herausforderungen, weil Formulierungen auftreten, die erst einmal ungewohnt sind und zum Nachfragen reizen. Es gibt manche Formulierungen, die für heutige Ohren etwas altertümlich klingen mögen. Im Lukasevangelium heißt es zum Beispiel häufig „Und es geschah, dass Jesus ...“ oder „Siehe…“ So spricht man heute nicht mehr, und in der letzten Einheitsübersetzung war dies eliminiert, weil man es nicht für zeitgemäß hielt. Damit ist nun manches wiederentdeckt worden, was den Text näher an das Eigentümliche der biblischen Sprache heranbringt und auch bildreicher werden lässt.

Bildreich – können Sie dafür ein Beispiel geben?

Es heißt zum Beispiel nicht mehr „Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer“, sondern „an die Gemeinde in Rom“ – weil Paulus sich ja nicht an alle Bewohner von Rom gewandt hat, sondern an die christliche Gemeinde in Rom. Vor dem geistigen Auge kann das Bild entstehen, wie eine Schar von Christen in einem Haus zusammensitzt, dann die Schriftrolle enthüllt wird und der Brief des Apostels vorgetragen wird.

Welche Veränderung wird den Gläubigen noch auffallen?

Der Gottesname „Jahwe“ kommt als solcher nicht mehr vor. Die Juden haben diesen Namen nicht ausgesprochen, dementsprechend heißt es heute auch bei uns „HERR“ oder „GOTT“ – jeweils in Kapitälchen geschrieben. Die Herausforderung für die Vortragenden ist natürlich nun, dass sie dieses aus dem Schriftbild hervorstechende Wort nicht besonders betonen. Ein Kritikpunkt, der dazu geäußert wird, ist allerdings, dass damit auch das männliche Gottesbild betont wird. Dem gegenüber hat man an anderer Stelle versucht, gleichberechtigter zu formulieren: Die Anrede „Liebe Brüder“ ist durch „Liebe Schwestern und Brüder“ oder „Liebe Brüder und Schwestern“ ersetzt worden. Und als „Service“ für die Vorlesenden könnte man vielleicht bezeichnen, dass nun immer die Schlussakklamation „Wort des lebendigen Gottes“ nach der Lesung steht, was vorher nicht der Fall war.

Wie lange wird es dauern, bis alle acht Bände erschienen sein werden?

Es wird voraussichtlich vier Jahre dauern, bis alle erschienen sind. Man fragt sich vielleicht: Die Bibel ist doch fertig – was dauert daran so lange? Aber jeder Abschnitt (Perikope) muss einzeln angeschaut und angepasst werden. Die Einleitungen müssen individuell eingeleitet formuliert werden: Wenn es zum Beispiel in der Bibel aus dem Zusammenhang gerissen heißt: „Und danach ging er“, heißt es im Lektionar: „In jener Zeit ging Jesus ...“, damit man weiß, von wem gesprochen wird. In unserem Institut sind fünf Mitarbeiter in unterschiedlichem Umfang mit dem neuen Lektionar befasst. Der letzte Band soll 2022 erscheinen.

Und was passiert nun mit den alten Bänden des Lektionars?

Wir empfehlen, das Buch erstmal in der Sakristei, dem Archiv oder der Bibliothek zu lassen. Es ist ein Buch, das lange in Benutzung war, vielleicht will man da nochmal hineinschauen, vielleicht braucht man es auch einmal für einen bestimmten Anlass. Es ist keinesfalls wertlos oder ungültig.

Was würden Sie Lektoren und Gemeinden empfehlen, wie das neue Lektionar eingeführt werden kann?

Für die Einführung haben wir Empfehlungen bzw. Vorschläge auf unserer Website www.liturgie.de eingestellt: Für eine Eucharistiefeier, eine Wort-Gottes-Feier oder diözesane Übergabefeiern. Das neue Lektionar lädt ein, sich neu mit den Texten der Bibel zu beschäftigen, noch einmal genauer hinzuschauen und hinzuhören. Wir sind gespannt, wie der neue Klang des Wortes Gottes aufgenommen wird.

 

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