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Bistum Trier
Freitag, 23. Juli 2021

„Ich finde dafür keine Worte“

Pfarrer Mario Kaufmann unterwegs im Hochwasser-geschädigten Kordel

Kordel – Pfarrer Mario Kaufmann fährt auf der kleinen Landstraße Richtung Kordel, es geht durch schattigen Laubwald, immer entlang der Kyll. Der kleine Nebenfluss der Mosel, der in Belgien entspringt und durch die Eifel fließt, plätschert harmlos vor sich hin. Eine Woche zuvor haben seine Wassermassen das Dorf Kordel und den Trierer Stadtteil Ehrang überrollt, Autos weggedrückt, Mauern eingerissen, Keller und Häuser geflutet – Existenzen zerstört. „Geblieben ist der nach Heizöl stinkende Schlamm, ganz viel Zerstörung und auch Fassungslosigkeit“, sagt Kaufmann. Als die Kyll nie gekannte Höchstpegelstände im zu seiner Pfarreiengemeinschaft gehörenden Kordel erreicht, ist Kaufmann gerade zu Besuch bei seinen Eltern in der Nordeifel. „Dort haben wir schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt, weil der kleine Dorfbach stark anstieg“, erinnert sich Kaufmann. Spät abends erreichen den Pfarrer die ersten Nachrichten seiner Mitarbeiterinnen aus Kordel: „Da gingen die Sorgen los, ich konnte mir anhand der ersten Bilder im Fernsehen ausmalen, wo das Wasser steht, dass es in unserer Kita und im Pfarrhaus ist, dass der ganze Ortskern überflutet ist.“ In Kordel habe es immer mal wieder Hochwasser gegeben, vor allem durch den Welschbilliger Bach, der durch den Ort zur Kyll fließt, aber „in diesem Ausmaß – das hat es noch nie gegeben“. Kaufmann fährt am nächsten Tag zurück nach Kordel und versucht, Bekannte und Mitarbeitende zu erreichen. „Das war nicht so einfach, da niemand Strom hatte und über Handy zunächst keiner erreichbar war. Es war wirklich eine Katastrophen-Situation. Ich wusste auch nicht, wo unsere Leute aus dem Seniorenheim geblieben waren.“ Nach Kordel hineinfahren sei nicht möglich gewesen, Zufahrtsstraßen seien wegen mehrerer kleiner Erdrutsche gesperrt gewesen – Kordel in seiner engen Talmulde war von der Außenwelt abgeschnitten.

„Es sah aus wie nach einem Krieg“

Vor Kaufmann taucht just in diesem Moment auf der Landstraße ein großer Bagger auf, der die Reste eines solchen Erdrutsches – lose rote Brocken von Buntsandstein – zur Seite schiebt. Er passiert das Ortseingangsschild von Kordel; die ersten Räumungs- und Müllfahrzeuge kommen ihm entgegen. „Kordel ist sehr familiär und nachbarschaftlich organisiert, das habe ich auch sonntags am Telefon schon von vielen gehört, als wieder mehr Kontakt möglich war“, erzählt Kaufmann. Ein Heer von Rettungskräften packte mit an, sogar aus Baden-Württemberg oder der Pfalz. In den ersten Tagen hätten viele Betroffene nicht einmal daran denken können, ihre Keller auszupumpen, da das Wasser noch zu hoch stand, erst sukzessive sei das Straße um Straße geschehen. „Und dann sah es aus wie nach einem Krieg – überall standen meterhoch die Sperrmüllberge mit Dingen, die den Menschen vorher lieb und teuer waren.“ Als Kaufmann jetzt die Ortsmitte kreuzt, sieht man davon nicht mehr viel. „Es ist Wahnsinn, wie viel schon abtransportiert wurde. Natürlich kommen immer wieder neue Müllhaufen hinzu, wenn Leute jetzt anfangen, Verkleidungen oder Wände abzuklopfen.“ Der Pfarrer parkt vor der katholischen Kindertagesstätte Sankt Amandus, die an das Pfarrhaus grenzt, in dem eine syrische Familie wohnt. Sie haben keinen Strom und kein warmes Wasser, da der Heizöltank im Keller beschädigt wurde. Kaufmann trifft sich mit einem Elektriker und einem Experten für Ölheizungen. Anschließend wirft er einen Blick in die komplett leer geräumte Kita, die fleißige Helfer schon von Wasser und Müll befreit haben. Im Garten der Kita eine betonharte Schlammkruste, der Spielturm hängt schief in den Angeln; andere Geräte und Spielzeug schwemmte das Wasser einfach weg. „Man kann sich nicht vorstellen, welche Kraft das Wasser gehabt haben muss, aber hier hat es sogar eine stabile Mauer eingerissen.“ Kaufmann deutet auf einen Geröllhaufen, aus dem noch die Nest-Schaukel der Kinder herausragt, ein paar Tomaten aus einem benachbarten Gemüsegarten haben sich im Netz verfangen. Er könne sich nicht ausmalen, was die Behebung all dieser Schäden kosten wird, sagt Kaufmann kopfschüttelnd. Bei den strengen Auflagen für Kitas müsse der komplette mit Heizöl kontaminierte Boden ausgebaggert und ersetzt werden, ganz zu schweigen von den Schäden im Gebäude.

Schnelle und unbürokratische Hilfe durch die Pfarrei

Weiter geht es durch die Straßen von Kordel. Ab und zu trifft Kaufmann Menschen bei den Aufräumarbeiten, bleibt kurz stehen, fragt nach und hört einfach zu. Genau so macht es seit Montag auch seine Kollegin, Gemeindereferentin Dagmar Meyer. Auch im benachbarten und ebenfalls schwer getroffenen Ehrang, wo Kaufmann Pfarrverwalter ist, war Gemeindereferentin Gertrud Rosenzweig zusammen mit ihrer evangelischen Kollegin unermüdlich unterwegs in den Straßen. Viele scheinen das zu brauchen: jemanden, dem sie ihr Herz ausschütten können in all der Fassungslosigkeit über diese Jahrhundert-Katastrophe. So wie Maria Birkel-Jacob, deren Haus bis weit ins Erdgeschoss überflutet wurde und deren zehnjähriger Sohn irgendwann unter Tränen zu ihr sagte „Mama, ich will nicht alles verlieren“. Das Gesellenstück ihres Mannes, der eine Schreinerei betreibt, sei irgendwann einfach umhergeschwommen, andere Erinnerungsstücke für immer verloren. Doch irgendwie müsse es weitergehen, sagt sie. Kaufmann und sein Team entschieden sich rasch dazu, schnell und unbürokratisch Hilfe vom Caritas-Konto der Pfarrei zu leisten. „Wir haben nachgehört, was die Menschen konkret brauchen, wo die Pfarrei unterstützen kann. Nun koordinieren wir die Ehrenamtlichen, die nach Trier fahren und zum Beispiel Kochplatten, Kabeltrommeln oder Lampen besorgen. So haben wir die letzten Tage verbracht – Dinge organisiert, mit den Leuten geredet, geweint, auch mal gelacht.“ Trotz allen Leids sei auch Aufbaustimmung zu spüren. „Die Kordeler lassen den Kopf nicht hängen.“

Großes Engagement der Ehrenamtlichen

Das wird deutlich, als Kaufmann das Bürgerhaus erreicht, wo die freiwillige Feuerwehr Kordel und unterstützende Feuerwehren aus umliegenden Gemeinden ihre Anlaufstelle haben. Auf der Treppe sitzt der 24-jährige Feuerwehrmann Matthias Schneider und raucht eine Zigarette: eine der wenigen Pausen in den letzten Tagen. Er sei völlig platt, sagt er. „Ich bin seit sechs Tagen im Einsatz, habe diese Woche vielleicht 20 Stunden geschlafen, mir tun nur noch die Knochen weh. Und es herrscht immer noch Chaos, Menschen, die Sachen suchen, die Hilfe brauchen.“ Als der Einsatz ihn und seine 36 Kollegen und Kolleginnen erreichte, hätten sie noch Hochwasserschutzmauern aufgebaut, Sandsäcke gefüllt, dann aber bald nur noch Menschen evakuiert. „Wir konnten zusehen, wie minütlich das Wasser stieg.“ Später half er beim Auspumpen und Ausräumen von Kellern. Die meisten Leute seien dankbar, manchen ginge es aber auch nicht schnell genug. „Wir sind auch nur Menschen, teils selbst betroffen. Unsere Feuerwehr ist auch abgesoffen.“ Zu ihm gesellt sich die 18-jährige Svenja Berg, die ebenfalls seit sechs Tagen ehrenamtlich mithilft. Als es losging, verabredete sie sich mit einer Freundin, die im Seniorenheim an der Kyll arbeitet. „Wir sind dorthin und haben zunächst noch versucht, eine Art Damm vor dem Eingang zu bauen. Es wurde aber schnell klar, dass wir die alten Leute evakuieren müssen. Zuerst die, die noch in Rollstühlen in Autos transportiert werden konnten, aber dann ging das irgendwann auch nicht mehr.“ Bis spät in die Nacht packte sie mit an, schleppte Matratzen und Krankenbetten hoch, suchte noch trockene Medikamente zusammen. „Wir waren eingeschlossen in dem Gebäude, bis uns morgens die Bundeswehr evakuiert hat.“ Als sie mit dem Unimog wieder im Ortszentrum ankam, konnte sie den Anblick nicht fassen. „Mir fehlen immer noch die Worte.“ Die 18-Jährige und ihre Familie sind selbst betroffen, die Kellerwohnung der Familie ist kaputt. Doch Berg hat vor allem Worte des Dankes für alle anderen Helfenden übrig. Den Senioren gehe es gut, bestätigt Pfarrer Kaufmann – sie wurden nach Bitburg gebracht. Am Tag zuvor hat er sie besucht. „Es war ein Wiedersehen mit Tränen in den Augen. Viele der alten Menschen hatten im Altersheim ja sowieso nur wenige Habseligkeiten, und die konnten auch nicht alle gerettet werden, weil es so schnell gehen musste.“ Auf manchen Nachttischen habe er Fotos gesehen, an denen noch der getrocknete Schlamm klebte. „Ich habe jedem eine Tafel Schokolade mitgebracht, als Nervennahrung. Es war einfach schön, uns zu sehen und zu sprechen.“

Am Ende der Tour durch das verwüstete Kordel steht Kaufmann im Garten vor der Pfarrkirche, deren Keller ebenfalls volllief. Ein Kreuz steht zum Trocknen auf der Wiese, ein Fuß der Jesus-Statue ist abgebrochen. Symbolischer geht es kaum – die Wunden dieser Hochwasser-Katastrophe werden wohl für viele Menschen noch lange nicht verheilen. Für Kaufmann ist klar: „Es ging jetzt erstmal ums Anpacken, um tatkräftige Hilfe. Wenn die Menschen nicht mehr abgelenkt sind und vielleicht in ihrem leeren Haus sitzen, werden wir seelsorgerisch mit Gesprächen und Trost für sie da sein.“

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