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Bistum Trier
Dienstag, 30. Januar 2018

Interview zum Ethikkodex der pastoralen Berufsgruppen

Professor Michael Rosenberger, Pastoralreferent Reiner Klein und Gemeindereferentin Marion Bexten

Er ist ein Pilotprojekt und einmalig im deutschsprachigen Raum: Der Ethikkodex, den sich die vier pastoralen Berufsgruppen im Bistum Trier gemeinsam gegeben haben. Eine Gruppe aus Gemeindereferenten, Pastoralreferenten, Diakone und Priester hat drei Jahre lang die gemeinsamen Grundhaltungen und Werte des Kodex erarbeitet und die Entwürfe mehrfach zur Diskussion gestellt. Jetzt ist der Ethikkodex fertiggestellt und wird am 6. Februar Bischof Dr. Stephan Ackermann während eines Studientages übergeben. Was ihn von Ethikkodizes anderer Berufe unterscheidet und wieso neben dem Evangelium überhaupt ein Kodex für Seelsorger sinnvoll ist, darüber haben wir mit zwei Mitgliedern der Steuerungsgruppe und mit Professor Michael Rosenberger aus Linz gesprochen, der den Prozess begleitet hat.

Herr Rosenberger, Sie sind Professor für Moraltheologie an der katholischen Privatuniversität Linz in Österreich und haben mit einigen Kollegen den Entwurf eines Ethikkodex für Seelsorgerinnen und Seelsorger veröffentlicht. Im Bistum Linz ist dieser Kodex fast eins zu eins von der Berufsgruppe der Priester übernommen worden. Warum ist aus Ihrer Sicht ein solcher Ethikkodexes für Seelsorger notwendig?

Rosenberger: Wir haben bei einem Treffen mit mehreren Moraltheologen gemerkt: Wir diskutieren mit Medizinern über Medizinethik, mit Managern über Wirtschaftsethik, aber was machen wir denn mit unseren eigenen pastoralen Berufsgruppen? – Da gibt es noch nichts. Zwar existieren Kodizes und Leitfäden mit Fokus auf die praktische Arbeit, aber nicht auf das Berufsethos. Unser Gedanke war, wir geben euch einen Vorschlag – schaut ihn euch an und überlegt, ob das für euch passt und was ihr daraus machen wollt. Wir hatten uns in unserem Vorschlag gewünscht, dass alle Berufsgruppen sich solch einen gemeinsamen Kodex geben. Der Trierer Kodex ist so gesehen unser „Wunschfall“. Wenn nicht alle Berufsgruppen sich beteiligen, entsteht sonst rasch eine Asymmetrie. Es ist gut, wenn man tatsächlich alle in einem Boot hat, dann wird das viel plausibler.

Sie haben dann auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Bistum Trier bei der Erstellung ihres Kodex begleitet. Wie kam es dazu?

Rosenberger: Den Kodex hatten wir in den „Stimmen der Zeit“ 2009 publiziert – also noch vor dem Skandal um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Natürlich haben diese Erfahrungen die Sensibilität für die berufsethischen Fragen in der Seelsorge geschärft und eine Offenheit dafür erzeugt. 2014 wurde ich dann zum Studientag aller pastoralen Berufsgruppen im Bistum Trier eingeladen und bin hier in ein offenes und interessiertes Klima gekommen. Ich habe dann von den guten Erfahrungen mit dem Kodex in Linz berichtet. Das hat dazu geführt, dass man leichten Herzens gesagt hat, wir wollen einen Prozess initiieren und weiterdenken.

 

Ist das Evangelium nicht genug Grundlage für die Seelsorgearbeit, Herr Rosenberger?  

Rosenberger: Bei den Medizinern gibt es ja beispielsweise auch den hippokratischen Eid, aber die Mediziner haben ihn heute durch das „Genfer Gelöbnis“ weitergeführt, weil auch der Beruf sich weiterentwickelt und verändert hat. Damit treten neue Herausforderungen, neue Fragestellungen ins Bewusstsein, die man im Ursprungstext noch nicht absehen konnte. Ähnliches haben wir auch mit Blick auf das Evangelium. Zu der Zeit neutestamentlicher Autoren hat es den Seelsorgeberuf, wie wir ihn kennen, noch gar nicht gegeben. Das Evangelium ist immer die Grundlage, aber es wird natürlich erheblich konkreter für die Herausforderung unserer Berufsgruppe in der heutigen Zeit. Die großen Spannungsfelder, denen der Seelsorgsberuf ausgesetzt ist, werden angeschaut und für jedes dieser Felder werden bestimmte Leitlinien festgestellt, die dort wichtig sind.

Was ist das Spezifische beispielsweise im Vergleich zum Medizinerkodex:

Rosenberger: Wenn man es mit Ärzten vergleicht, haben wir eine Ähnlichkeit: Wir haben oft eine Zweierbeziehung, in der der eine vom anderen abhängig ist. Der Patient macht sich in bestimmter Weise vom Arzt abhängig, der Gläubige macht sich ein Stück weit vom Seelsorger abhängig. Wir haben ein Machtgefälle. Sie werden in den Ethikkodizes Trier und Linz Ähnlichkeiten zu Medizin-Ethikkodizes finden. Da es um seelsorgerliche Probleme und nicht um körperliche Probleme geht, legt der Mensch beim Seelsorger noch wesentlich mehr von seinem Privatleben offen. Das macht ihn natürlich noch verletzlicher und die Frage nach Diskretion, Respekts, Geheimhaltung noch viel dringlicher. Ein wichtiger Bereich ist auch, dass viele Seelsorger im Team arbeiten – ein Pfarrer leitet beispielsweise ein Team von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Aus dieser Leitungssituation ergeben sich gewisse Konstellationen, aus denen Konflikte hervorgehen können, wo man vermitteln muss zwischen verschiedenen Positionen, wo man als Leitender auch mal zuhören und Vorschläge annehmen muss.

Drei Jahre lang hat eine Arbeits- und daraus hervorgehend eines Steuerungsgruppe an dem Kodex gearbeitet. Herr Klein, Sie sind Projektleiter der Redaktion des Ethikkodexes und sind Pastoralreferent. Frau Bexten, Sie sind als Gemeindereferentin ebenfalls Teil der Steuerungsgruppe. Was bedeutete die gemeinsame Arbeit mit den Kollegen an dem Kodex?

Klein: Für die Teilnehmer des Studientags 2014 mit Professor Rosenberger war am Ende des Tages klar, dass wir hier im Bistum Trier als pastorale Berufsgruppen von Anfang an versuchen wollten, gemeinsam an einem Ethikkodex zu arbeiten. Diese Art der Zusammenarbeit aller vier Berufsgruppen war eine sehr positive und neue Erfahrung. Wir haben das in der Arbeitsgruppe und in der Steuerungsgruppe gespürt, ein besonderes gegenseitiges Wohlwollen und Ringen für die gemeinsame Sache.

Uns war klar, wenn wir das machen, muss es etwas sein, das von unten her kommt, nicht ein Verhaltenskodex von oben verordnet. Sondern eine freiwillige Vereinbarung auf ethischer Basis.

Bexten: Es wurde natürlich auch nochmal ein ganz wesentlicher dringlicher Punkt nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle. Es ging auch nochmal darum, unsere Professionalität aufzuzeigen, dass wir so aufgestellt sind wie andere Berufsgruppen, etwa Psychologen.

 

Wenn der Kodex „nur“ eine Selbstverpflichtung ist – welche Bedeutung kommt ihm zu?

Bexten: Der Ethikkodex soll eine grundsätzliche Haltung aufzeigen, die an unserem christlichen Auftrag orientiert ist, letztlich am Evangelium und am 2. Vatikanischen Konzil, an den Grundsätzen der Synode. Jemand der sich als Seelsorger versteht, kann diesem Kodex grundsätzlich zustimmen. Wir hatten auch im Entstehungsprozess zwei Resonanzphasen – alle konnten sich beteiligen und Rückmeldung geben.

Klein: Der Kodex ist ein Qualitätsmerkmal – das ist moralisch, ethisch zu sehen Wer als Seelsorger im Bistum Trier arbeitet, sollte diese Punkte verinnerlicht haben. Wir haben eine Übereinkunft getroffen, dass wir uns grundsätzlich hinter diese Punkte stellen, die ein kleinster gemeinsamer Nenner sind.

Wie kann ich als Gläubiger oder als Mitarbeiter die im Ethikkodex beschriebenen Haltungen einfordern?

Bexten: Der Kodex soll keinesfalls mit einem Verhaltenskodex verwechselt werden, der vom Arbeitgeber gesetzt wird. Dadurch sind Maßregelungen durch die Arbeitgeberseite auch nicht möglich. Arbeitsrechtliche Dinge regeln ja sowieso die MAV und andere Stellen.

Klein: Das wird eine wichtige Frage für den Studientag am 6. Februar, an dem der Kodex auch dem Bischof übergeben wird. Es sind verschiedene Vorschläge möglich – denkbar wäre etwa ein Ethikausschuss, der eine Beratungsfunktion einnehmen könnte und an den sich Leute wenden können. Der Kodex ist außerdem nicht „abgeschlossen“, sondern offen für Themen, die zukünftig relevant sein werden – wie digitale Ethik.

Rosenberger: Beispielsweise könnte der Kodex als wichtige Grundlage dienen, wenn es in Pfarreien zu Konflikten kommt und eine Mediation eingesetzt wird. In Linz ist das bei Mediationsverfahren auch schon mehrfach geschehen. Die Stärke des Kodexes ist, dass sich alle Gruppen darauf verständigt haben, dass er nichts ist, was von außen über einen hereingebrochen ist. Dadurch gewinnt er eine zusätzliche Stärke und Autorität.

(sb)

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