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Bistum Trier
Donnerstag, 8. Oktober 2020

Kaufhof-Mitarbeiter leiden unter Jobverlust und respektloser Kundschaft

KAB macht bei Aktionstag auf die Lage der Kaufhof-Mitarbeiter in Neunkirchen aufmerksam

Neunkirchen– Rabatte wohin das Auge schaut: 50 Prozent, 60 Prozent, 70 Prozent. Die Tage der Filiale von Galeria Kaufhof in Neunkirchen sind gezählt. Am 17. Oktober öffnet das Warenhaus in der Kreisstadt ein letztes Mal. Rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bereits ihre Kündigungen erhalten. Die Hoffnung, in letzter Minute doch noch gerettet zu werden, haben sie verloren. Was bleibt, ist der Schock. 

Angst, Trauer, Wut, Verzweiflung – alle Gefühle angesichts der ungewissen beruflichen Zukunft haben am 7. Oktober ihren Raum im öffentlichen Gottesdienst vor dem Kirchenladen „Momentum“ an der Bliespromenade inmitten der Neunkircher Innenstadt. Passend zum Welttag für menschenwürdige Arbeit hat die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) im Bistum Trier die Kaufhof-Mitarbeiter zur Andacht zum Thema „menschenwürdig arbeiten – Solidarität leben“ eingeladen.

Bereits am Nachmittag hatte die KAB einen Infostand eingerichtet, um mit Passanten über die Situation der Kaufhof-Mitarbeiter und ihre allgemeinen Forderungen nach einem höheren Mindestlohn ins Gespräch zu kommen.  Im „Momentum“ hängen seit dieser Woche bis Monatsende unter dem Titel „WERT:voll* - *60% auf Alles, aber nicht auf mich!“ Porträts von zehn Kaufhof-Mitarbeiterinnen. Fotografiert hat sie Franz Mees, der bis zu seinem Ruhestand in der Kaufhof-Filiale gearbeitet hat. Die Porträts geben einer abstrakten Zahl ein Gesicht. Eine der Porträtierten ist Concetta La Rizza, die mit ihren 41 Jahren bereits auf 26 Jahre bei Kaufhof kommt. „Wir sind hier mehr als Kollegen. Wir sind hier erwachsen geworden. Wir sind eine Familie, die jetzt zerbricht“, sagt La Rizza, die auch Betriebsratsvorsitzende ist. Viele ihrer Kollegen arbeiteten seit vielen Jahrzehnten in dem Warenhaus in der Hüttenstadt – manche sogar zwischen 30 und 40 Jahren. Die wenigsten hätten bereits eine neue Beschäftigung in Aussicht. Manche hofften auf den neuen Globus-Markt, doch dieser öffne frühestens Ende 2021.  Sie selbst wisse auch noch nicht, wie es bei ihr beruflich weitergeht. Nur wenige Kollegen hätten das Angebot, in die Transfergesellschaft zu wechseln angenommen, da dies den Verlust der Abfindung bedeutet hätte.

Nachdem Mitte Juni die Kaufhauskette angekündigt hat, dass von den drei Standorten im Saarland die Filialen in Saarbrücken erhalten bleiben, aber Neunkirchen schließt, hat der Betriebsrat den KAB-Diözesanseelsorger Markus Krastl mit ins Boot geholt. Der 45-Jährige ist seit vier Jahren Pfarrer der Neunkircher Ortsteile Wiebelskirchen, Hangard und Münchwies.  Rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien zu den bislang vier Gesprächsrunden gekommen, sagt der Geistliche. „Am Anfang waren es nur etwa zehn“, erinnert sich Krastl. Manche seien skeptisch gewesen: „Katholische Kirche? Will der jetzt mit uns beten?“, nennt er anfängliche Vorbehalte der Belegschaft. Doch mittlerweile sei eine Vertrauensbasis entstanden. „Trost kann man nicht auf Knopfdruck spenden. Aber Trost geht auch durch zuhören und einfach da sein“, sagt Krastl. Das bestätigt Concetta La Rizza: „Es tut uns unglaublich gut, dass er für uns da ist und uns zuhört. Er hat uns klar gemacht, dass wir uns in einem Trauerprozess befinden vergleichbar mit einem sterbenden Angehörigen. Wir versuchen, abzuschließen, aber das braucht Zeit“ Auf Wunsch bietet der Seelsorger auch Einzelgespräche an. Es sei wichtig, dass die Angestellten ihre Geschichte und ihr Leid einem Außenstehenden erzählen können. „Es nimmt jemand Anteil an ihrem Schicksal“, sagt Krastl, „ich bin gefühlt ein Trauerbegleiter, der auch Hoffnung geben will.“

In die Trauer um den Verlust ihres Arbeitsplatzes und finanzielle Sorgen mischt sich auch das Gefühl, von der Bevölkerung, selbst in Neunkirchen, nicht wahrgenommen zu werden. „Die Schließung des Warenhauses hat nicht den Skandal-Geruch der Schlecker-Frauen, die öffentlich stark wahrgenommen wurden. 50 gekündigte Mitarbeiter haben auch öffentlich nicht den Stellenwert wie 1000 Betroffene bei der Halberg Guss“, sagt Markus Krastl.

In den Gesprächen gehe es nicht nur um den Verlust des Arbeitsplatzes und Zukunftssorgen, sondern auch um das respektlose Verhalten der Kundschaft, das ihnen schwer zu schaffen mache. „Tagtäglich werden sie beleidigt, angepöbelt, beschimpft, verletzt – quasi mit der ganzen Filiale ,geschlachtet‘“, weiß Pfarrer Krastl. So werde Ware vom Ständer gerissen und dann achtlos fallengelassen. Er zeigt Fotos von Wäschebergen in den Umkleidekabinen. Kartons würden absichtlich aufgerissen und anschließend an der Kasse noch ein zusätzlicher Rabatt auf die bereits reduzierte Ware verlangt. Für die Beratung der Kundschaft sei kein Personal mehr vorhanden. „Daraufhin müssen sich die Mitarbeiter anhören, dass es ja kein Wunder sei, dass der Laden geschlossen werde. Das tut den Betroffenen unglaublich weh“, sagt Krastl. „Bei der Katholischen Arbeitsnehmerbewegung sprechen wir oft darüber, wie die Wirtschaft den Menschen als Kapital, als Ware betrachtet, aber wir müssen uns auch fragen, wie die Kundschaft mit den Menschen im Dienstleistungssektor umgeht.“  Manche Mitarbeiterinnen hielten diese Belastung nicht aus

La Rizza und ihre Kollegen haben sich versprochen, auch künftig den Kontakt untereinander halten zu wollen. „Aber es wird nicht mehr so sein wie vorher“, sagt die 41-Jährige.

(uk)

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