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Bistum Trier
Freitag, 2. Oktober 2020

„Menschenrechte kennen keine Grenzen“

Kirchen, Ehrenamtliche und Wohlfahrtsverbände informieren über Flüchtlings-Situation

Trier – Brennende Zelte, schreiende Menschen und riesige Rauchschwaden, die in den griechischen Nachthimmel empor steigen: Am 9. September ist das Thema „Geflüchtete“ durch den verheerenden Brand des überfüllten Flüchtlingslagers Moria auf der Insel Lesbos wieder präsent in den Medien. Nach fünf Jahren schienen die Erinnerungen an die Flüchtlingskrise schon recht verblasst, Angela Merkels inzwischen berühmter Satz „Wir schaffen das“, der motivieren sollte, jedoch auch polarisierte, schon fast verhallt. Dass das Thema aber keineswegs an Aktualität eingebüßt hat, darauf will der „Tag des Flüchtlings“ am 2. Oktober im Rahmen der Interkulturellen Woche aufmerksam machen – so auch in Trier.

Hier stehen auf dem Hauptmarkt 17 leere Stühle – so viele Flüchtlinge kämen nach Trier, wenn Deutschland alle derzeit auf Lesbos ausharrenden Flüchtlinge aufnehmen würde. Gegenüber am Informationsstand berichten Pastoralreferent Thomas Kupczik und seine Mitstreiter vom Flüchtlingsforum Trier über ihre Arbeit mit und für Geflüchtete. Unter dem gemeinsamen Dach des Flüchtlingsforums engagieren sich die Arbeitsgemeinschaft Frieden, die Ökumenische Beratungsstelle für Flüchtlinge, der Caritasverband, der Sozialdienst Katholischer Frauen, die Refugee Law Clinic, das Dekanat Trier, der Evangelische Kirchenkreis und der Migrationsfachdienst Diakonisches Werk Trier für Flüchtlingsrechte. „Wir möchten angesichts asylfeindlicher Entwicklungen an die Bedeutung der Menschenrechte erinnern. Und verdeutlichen, warum es einen europäischen Rettungsplan für Flüchtlinge und die Aufnahme in Deutschland und anderen europäischen Staaten braucht“, betont Kupczik das gemeinsame Anliegen.

„Seenotrettung ist eine Verpflichtung“

In seinem Statement zur Eröffnung der Veranstaltung steigt Kupczik dann auch gleich mit dem kontrovers diskutierten Thema „Seenotrettung“ ein. Es gebe in dieser Frage keinerlei Zweifel: „Die Rettung von Menschenleben im Mittelmeer ist für uns Christen eine absolute Verpflichtung. Denn die Flüchtlinge gehören heute zu den Ärmsten, um die wir uns – so sagt es immer wieder Papst Franszikus – vorrangig kümmern müssen.“ Dass die EU-Staaten eine Seenotrettung ablehnten und sogar die privaten Schiffe immer wieder behinderten, sei ein „beschämender Skandal“. So werde derzeit das von der Evangelischen Kirche unterstützte Schiff Seawatch 4 im Hafen von Palermo unter fadenscheinigen Gründen festgehalten. Und die griechische Küstenwache zerstöre die Motoren von Flüchtlingsbooten und schleppe sie dann völkerrechtswidrig in türkische Gewässer. „Christliche Nächstenliebe scheint in der EU Flüchtlingspolitik total in Vergessenheit geraten zu sein“, moniert Kupczik.

Fünf Jahre „Wir schaffen das“

Wie das Bistum Trier auf die Krise 2015 reagierte, erfahren die interessierten Passanten von Christoph Horteux, der die Arbeit des „willkommens.netzes“ vorstellt – einem von Bistum und Caritasverband getragenen Projekt, das Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe vernetzte und professionell begleitete. Papst Franziskus habe es einmal so ausgedrückt, dass für Christen Geflüchtete und Migranten keine Figuren auf dem Schachbrett der Menschheit seien, kein „Problem“, das bewältigt werden müsse, sondern „ein Bruder und eine Schwester, die aufgenommen, geachtet und geliebt werden“ müssten. „Wir haben mit dem Willkommens-netz versucht, dazu beizutragen und haben Asylverfahrensberatung und Traumatherapien gefördert, durch unsere Hauptamtlichen die vielen Ehrenamtlichen in ihrem Engagement unterstützt und mit einem Flüchtlingsfonds mit einer Million Euro zum Beispiel Sprachkurse, Familienzusammenführung und Begegnungsprojekte gefördert“, berichtet Horteux. Das Projekt Willkommens-netz ende zwar in diesem Jahr, das Engagement gehe aber in anderer Form weiter, wie Bischof Stephan Ackermann beim Forum „Willkommen sei Dank“ am 7. November verkünden werde.

„Kaum einer verlässt freiwillig sein Land“

Mit von der Partie am Info-Stand ist auch die 35-jährige Psychologin Simone Ebner vom Psychosozialen Zentrum Trier. Seit 25 Jahren gibt es das ökumenisch getragene Zentrum, das Geflüchtete berät und Therapieangebote macht. Was sich in ihrer Arbeit seit 2015 vor allem verändert hat? „Damals kamen einfach viel mehr Menschen an; es galt, schnell zu reagieren.“ Seit weniger Geflüchtete nach Deutschland kommen, hätten sie und ihre Kollegen mehr Raum, tiefer auf individuelle Fälle einzugehen. Die traumatischen Erfahrungen der schutzsuchenden Menschen resultierten aus den Kriegs- oder Gewalterfahrungen im Heimatland, die ja die Flucht erst verursachten und den Erlebnissen während der Flucht. „Aber durch die Ereignisse in Moria ist uns im Team auch nochmal deutlicher bewusst geworden: Es sind auch die unsäglichen elenden Zustände in den Lagern, die vielfach zu einer Zweittraumatisierung nach der eigentlichen Flucht führen.“ Ebner kann mit Blick auf die zahlreichen Fälle, die sie betreut hat, sagen: „Ein winzig kleiner Bruchteil würde vielleicht auf Biegen und Brechen das Heimatland verlassen, aber der Großteil dieser Menschen wäre definitiv zu Hause geblieben und die meisten wollen zurück.“ Nur weil die EU die Flüchtlingsfrage an ihre Grenzen und in Länder wie die Türkei verlagert habe, sei sie nicht geklärt. „Wir entziehen uns damit nur der Verantwortung. Aber die Nächstenliebe verpflichtet uns dazu, uns um diese Menschen zu kümmern.“ 

In ihrem gemeinsamen Wort zur Interkulturellen Woche stellten das auch die Vertreter der großen Kirchen in Deutschland klar. Es sei nicht hinnehmbar, dass der Flüchtlingsschutz in Europa ausgehöhlt werde und „Schutzsuchende auf europäischem Boden monatelang in Elend gehalten werden“. Erst vor wenigen Monaten habe die EU den Friedensnobelpreis erhalten, für ihren Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung. Heute umgebe sie sich mit neuen Mauern und Zäunen und richte Lager an ihren Außengrenzen ein. „Die dortigen Zustände sind mit der Achtung der Menschenwürde nicht vereinbar. Menschenrechte kennen keine Grenzen! Sie gelten auch für Flüchtlinge und Schutzsuchende in Europa, an dessen Rändern und vor den Toren unseres Kontinents“, so Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Prof. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, und Metropolit Dr. h.c. Augoustinos von Deutschland, Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland.

Mehr Informationen gibt es unter: www.willkommens-netz.de und unter:  www.interkulturellewoche.de

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