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Bistum Trier
Dienstag, 22. März 2022

„Unsere Gebetsbrücke kann keine Bombe zerstören!“

Wie Katholiken in Schwalbach Kontakt zur Partnergemeinde im ukrainischen Kherson halten

Schwalbach/Kherson – „Die Situation ist jetzt sehr ernst. Der Krieg ist in der Stadt. Ich bin im Gebet. (…) Wir halten die Verteidigung“ – fünf Tage nach Kriegsausbruch in der Ukraine tippt der Kaplan Artiom aus dem umkämpften Kherson diese Nachricht am 1. März an den Schwalbacher Pastor Hans-Georg Müller. Seit Kriegsausbruch stehen die beiden Priester nahezu täglich in Kontakt – per Nachrichtendienst WhatsApp auf Englisch. Auf diese Weise hält der Ukrainer die Partner-Pfarrei in Deutschland über die Zustände in der Hafenstadt nahe der Krim auf dem Laufenden.

Der Krieg beginnt in Kherson früh: Bereits am 25. Februar rollen russische Panzer mit starkem Beschuss auf die Stadt zu. Anwohner und Obdachlose, die sich im Park hinter der Kirche aufhalten, flüchten aus Angst in die Herz-Jesu-Kirche und suchen dort Schutz. Kaplan Artiom betet drei Stunden mit ihnen und versorgt sie mit Wasser und Lebensmitteln – so schildert Müller die Lage zu Beginn. Inzwischen haben russische Kräfte die Stadt eingenommen und isoliert, es drohen Versorgungsengpässe. Russland möchte aus der Region Kherson eine „unabhängige Volksrepublik“ machen.

„Ich bewundere den Mut, die Tapferkeit und die Glaubensstärke der Menschen in Kherson“, sagt Pastor Müller, der die Nachrichten übersetzt und auf die Webseite seiner Pfarrei Heilig Kreuz stellt. Trotz der gefährlichen Lage klingen die Mitteilungen nicht verzweifelt: „Unsere Leute verlieren nicht ihren Optimismus. In der Nacht haben einige die ukrainische Flagge an die russische Bank in der Nähe der Kirche aufgehängt“, schreibt Artiom am 28. Februar. Zwischendurch schickt er kurze Videos von Demonstranten mit Ukraine-Flaggen, die den russischen Soldaten zurufen: „Kherson gehört zur Ukraine! Geht nach Hause!“ Doch die Nachrichten werden mit dem Kriegsverlauf verhaltener – wohl auch aus Furcht, dass mitgelesen wird, vermutet Müller. Kaplan Artiom halte inzwischen alleine die Stellung in der Pfarrei. Der zweite Geistliche, Pfarrer Maxym, komme nicht mehr in die abgeriegelte Stadt hinein, nachdem er seine Mutter und seinen schwerbehinderten Bruder nach Polen in Sicherheit gebracht habe. Die Abschottung verschlechtere auch die Versorgungslage, schreibt der ukrainische Kaplan am 10. März: „Es gibt noch genug Essen, das aber nur an bestimmten Orten ausgegeben wird. Wir haben immer noch die Möglichkeit mit den Armen, die zu uns kommen, zu teilen.“

Seit Mitte der 1990er – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – gibt es Kontakte zwischen der Pfarrei Heilig Kreuz in Schwalbach und der Pfarrei Herz Jesu in Kherson, anfangs über ein Projekt zum Wiederaufbau durch Renovabis. In der multikulturellen Hafenstadt haben viele Menschen deutsche und polnische Vorfahren. „Bis in die 1930er-Jahre gab es in Kherson eine starke deutsche Kultur durch Aussiedler, es sprachen viele Menschen noch Deutsch. Doch Stalin hat die Deutschen nach Kasachstan deportiert“, sagt Müller. Gemeinsam schlossen sich die deutsch- und polnischstämmigen Katholiken zu einer Gemeinde zusammen.

Mit Spenden aus Schwalbach entstanden in Kherson eine Armenküche mit Mittagessen für Straßenkinder, eine Obdachlosenhilfe, eine Betreuung von Waisenkindern, eine Behinderteneinrichtung sowie eine Hausaufgabenbetreuung, die durch den Orden der Nazareth-Schwestern geleitet wird. Größtes Projekt war der Wiederaufbau der Kirche, die in Sowjetzeiten als Kino genutzt wurde und inzwischen einsturzgefährdet war. 2007 wurde die neu errichtete Herz-Jesu-Kirche eingeweiht und inzwischen um ein Exerzitienhaus für die ganze Region erweitert.

„Die katholische Kirche hatte auch in den Post-Sowjetzeiten einen schweren Stand, sie wurde als Eindringling des Westens gesehen“, sagt Hans-Georg Müller, der selbst bereits drei Mal in Kherson war. Mit zwei Priestern – Pfarrer Darek und Pfarrer Artur – die viele Jahre in Kherson waren und nun in Warschau eine Gemeinde leiten, steht er nach wie vor in engem Kontakt. Mit dem Weltjugendtag in Köln 2005 begannen die Gemeinden mit ihrem internationalen Jugendaustausch. „Es kamen Jugendliche aus Polen, der Ukraine und Deutschland bei uns zusammen“, sagt Müller. Daran erinnert bis heute ein Kreuz vor der Kirche St. Josef in Elm, in dessen Inschrift das Motto des Weltjugendtages in drei Sprachen verewigt ist. Es folgten Treffen in Polen, Deutschland und in der Slowakei. 2011 fand die Jugendfreizeit erstmals in Jaremcze bei Kolomea in der West-Ukraine statt. 2012 kam ein Bus aus Kherson extra zur Heilig-Rock-Wallfahrt – die Ukrainer waren in deutschen Gastfamilien untergebracht. Im gleichen Jahr fuhr Müller mit Jugendlichen nach Kherson – die Reise startete in Kiew und führte auch auf die Krim. „Für 2014 hatten wir eine weitere Fahrt geplant, doch dann kam die Annexion der Krim und die Panzer standen nicht weit vor der Kherson“, erinnert sich Müller. Doch der Austausch mit Polen blieb bestehen, bis Corona auch hier Treffen vorerst unmöglich machte. „Doch der Kontakt nach Polen und in die Ukraine ist nie abgerissen“, betont er, „wir haben unsere Partnerschaft von Anfang an als Gebetspartnerschaft verstanden. Jeden Samstag beten wir zeitgleich in unseren Kirchen und bleiben so im Gebet verbunden. Unsere Gebetsbrücke kann keine Bombe zerstören!“

Doch man helfe nicht nur mit Gebeten, beteuert Müller: Spenden, die die Pfarrei Heilig Kreuz derzeit erhält, leitet sie zum Teil an Caritas International und Renovabis weiter, ein anderer Teil fließt direkt an die Partnergemeinde in Kherson sowie an die Pfarrei der Pfarrer Artur und Darek in Warschau, die sich um aus der Ukraine geflüchtete Menschen kümmert. Geflüchtete, die in Schwalbach ankommen, sowie alle sonstigen Bedürftigen, versorgt die Pfarrei Heilig Kreuz mit ihrer Tafel „Tischlein deck dich“. „Kinder in der Pfarrei sind eingeladen, Bilder zu malen und für den Frieden in der Ukraine und unsere Freunde in Kherson zu beten“, sagt Müller. Er leitet die Bilder an Kaplan Artiom weiter. „Sie sollen Zeichen der Verbundenheit und der Ermutigung sein.“ Pfarrer Müller hofft, dass der Kontakt zu Kaplan Artiom und den Menschen in Kherson noch lange bestehen bleibt. „Wir hoffen, dass nicht WhatsApp und die anderen Nachrichtendienste abgeschaltet werden.“ Die Menschen seiner Gemeinde seien dankbar für die Hilfe aus Deutschland, beteuert Kaplan Artiom: „Danke für alles! Eure Unterstützung und Eure Solidarität sind für uns sehr wichtig!“

Info: Die Nachrichten von Kaplan Artiom sowie die Bilder der Schwalbacher Kinder stehen auf der Homepage der Pfarrei Heilig Kreuz. Pfarrer Müller aktualisiert die Seite täglich: https://www.pfarrei-heilig-kreuz.de/index.php/aktuelles/ukraine

(uk)

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