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Bistum Trier
Montag, 15. März 2021

Wegwerfmode beutet Textilarbeiterinnen in Bangladesch aus

kfd und FEMNET e.V. kooperieren bei Spendenprojekt für menschenwürdige Arbeitsbedingungen

Trier/Dhaka – Das sonnige Frühlingswetter steigert die Kauflust der Deutschen. Nachdem der Einzelhandel monatelang coronabedingt geschlossen war, drängen Shopping-Begeisterte wieder in die Innenstädte. Ganz oben auf der Liste steht neue Kleidung. Doch wie werden T-Shirts, Jeans und Jacken produziert, die hierzulande zu günstigen Preisen angeboten werden? Das gemeinsame Projekt „Starke Frauen. Faire Arbeit in Bangladesch. kfd für Menschenrechte in der Modeindustrie“ des kfd-Diözesanverbandes Trier und der Frauenrechtsorganisation FEMNET e.V. setzt den Fokus auf die Herkunft und Produktionsbedingungen sogenannter „Fast Fashion“ („Wegwerf-Mode“). Mit einer virtuellen Ausstellung und einem auf drei Jahre angelegten Spendenprojekt informieren sie über die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen von Textilarbeiterinnen in Bangladesch – und regen an, das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen.

„Man sollte sich bewusst machen: Wir haben viel zu viel Kleidung auf dem Markt. In den Jahren von 2000 bis 2015 hat sich die Kleidungsproduktion insgesamt weltweit verdoppelt – die Preise hingegen sind gefallen“, erklärt die FEMNET-Vorstandsvorsitzende Dr. Gisela Burckhardt. Dies hat massive Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der rund 4 Millionen Textilarbeitenden in dem südasiatischen Staat, darunter 70 bis 80 Prozent Frauen. Ein Beispiel: Damit Jeanshosen schon im Geschäft einen modisch ausgewaschen Look haben, braucht es gesundheitsgefährdende Chemikalien. Schutzkleidung und Atemschutzmasken sind jedoch Mangelware in den Produktionsstätten. Zumeist seien die Arbeiterinnen den giftigen Substanzen ungeschützt ausgeliefert, berichtet die kfd-Diözesanvorsitzende Petra Erbrath. Informationen aus erster Hand über die Zustände in den Fabriken erhält sie von FEMNET; der Verein steht in regem Kontakt zu den Arbeiterinnen sowie zu Nicht-Regierungsorganisationen vor Ort wie dem Bangladesh Center for Workers Solidarity. Außerdem reisen Mitarbeiterinnen des Vereins regelmäßig selbst zu den Produktionsstätten. Auch in Deutschland zeigt sich der Effekt von Fast Fashion: Da die günstige Kleidung oft von minderwertiger Qualität ist, landet sie schneller im Abfalleimer – der Müllberg aus Kunstfasern wächst stetig an. Für die Arbeit und Themensetzung der kfd seien beide Aspekte, der soziale wie der ökologische, in Verbindung mit der Thematik „Gewalt an Frauen“ von großem Interesse, erläutert Erbrath die Kooperation mit FEMNET. 

Bedrohung und Gewalt gehören zum Arbeitsalltag

„Die Textilindustrie bildet eigentlich eine Chance für Frauen, Geld zu verdienen“, erklärt Burckhardt. Das Problem dabei: „Der Mindestlohn entspricht nicht dem, was man zum Leben bräuchte. Die Frauen müssen massiv Überstunden machen, damit sie überleben können. Hinzu kommt, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer (Gender Pay Gap) und auch Gewalt erfahren.“ Das reiche von Beleidigungen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Es geschehe nicht selten, dass Frauen bedroht oder von ihren Vorarbeitern an den Haaren gezogen würden, wenn sie nicht schnell genug arbeiteten oder sich gegen Repressionen auflehnten. Wer versuche, sich gewerkschaftlich zu organisieren, lande schnell auf der Straße. Selbst Schwangere hätten oft nicht einmal die Möglichkeit, sich bei der Arbeit hinzusetzen, berichtet Burckhardt. „Frauen werden dort nicht genügend geachtet.“ Mit dem Kooperationsprojekt wolle man vor allem Bewusstsein dafür schaffen, dass ein Großteil der Mode in den Regalen unter prekären Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Ganz gezielt helfe das Projekt gegen geschlechtsspezifische Gewalt am Arbeitsplatz: „Mit unseren Projektpartnern vor Ort klären wir die Frauen über ihre Rechte auf und helfen ihnen dabei, sich zu organisieren. Denn nur wenn sich die Frauen gemeinsam wehren, können sie etwas erreichen“, so Burckhardt.

Corona habe die ohnehin schon schwierige Situation weiter verschärft, betont Erbrath: „Viele Fabriken mussten schießen, weil die Ware nicht mehr abgenommen wurde. Hinzu kommen Corona-Erkrankungen. Dramatisch ist vor allem, dass tausende Frauen ihr Einkommen, und damit auch ihre Unterkunft verloren haben. Anders als in Deutschland gibt es dort keine Arbeitslosenversicherung oder Kurzarbeitergeld.“ Darüber hinaus stagniere derzeit die Bildungs- und Gewerkschaftsarbeit: „Die Menschen haben derzeit andere Sorgen“, – womit die kfd-Diözesanvorsitzende die pure Überlebenssicherung meint und die Brisanz der Lage verdeutlicht. Schnelle und konkrete Hilfe leistet der von FEMNET initiierte Corona-Hilfefonds, dank dem vor Ort Nahrungs- oder Hygienemittelspenden verteilt werden können.

Bewusstseinswandel auch in der Politik gefordert

Um die Lebensumstände der Textilarbeiterinnen in Bangladesch nachhaltig zu verbessern, braucht es jedoch weit mehr – da sind sich Burckhardt und Erbrath einig. Nötig sei ein Bewusstseinswandel: im Kaufverhalten wie auf politischer Ebene. Wer beim Einkauf unsicher sei, ob die angebotene Ware unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt wurde, könne sich im Geschäft erkundigen, schlägt Erbrath vor. Auch Fair-Trade-Siegel seien ein guter Anhaltspunkt. Dass die Verantwortung jedoch nicht allein den Konsumentinnen obliegt, zeigt sich mit Blick auf das kürzlich von der Bundesregierung verabschiedete Lieferkettengesetz. Die Politik müsse dafür sorgen, dass Unternehmen menschenrechtliche Standards von Anfang bis Ende der Lieferkette einhielten, erklären die Vorsitzende des katholischen Frauenverbands und die Gründerin der Frauenrechtsorganisation – und fordern Nachbesserungen. „Wir haben uns sehr für ein Lieferkettengesetz eingesetzt und waren froh, dass es auf die Agenda kam“, so Erbrath. Von der finalen Ausarbeitung sei man allerdings enttäuscht: „Das Gesetz tritt erst 2023 in Kraft und berücksichtigt zunächst nur Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden.“ Doch: „Man kann Menschenrechte nicht von der Größe eines Unternehmens abhängig machen“, gibt Burckhardt zu Bedenken. Das größte Problem erkennen beide darin, dass Textilarbeiterinnen und NGOs keine Chance hätten, sich gegen Unternehmen zu wehren, weil die zivilrechtliche Haftung, also die Möglichkeit, vor deutschen Gerichten zu klagen, komplett gestrichen worden sei. Erbrath: „Wir müssen weiter dranbleiben!“

Am 22. März findet von 14 bis 17 Uhr ein digitaler Studiennachmittag mit Dr. Gisela Burckhardt als Referentin statt, weitere Bestandteile der Veranstaltung sind ein virtueller Besuch der Ausstellung und Gruppenarbeit. Weitere Informationen und die Anmeldung gibt es auf www.kfd-trier.de/projekte/bangladesch; weitere Informationen zur Arbeit von FEMNET e.V. unter www.femnet.de.

(ih)

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