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Bistum Trier
Donnerstag, 3. September 2020

Wenn die fremde Kultur plötzlich aufhört fremd zu sein

Paula Regenhardt musste ihr FSJ in Indien wegen Corona vorzeitig abbrechen

Alangayam/Trier – Am Morgen des 16. März schließen die indischen Behörden das Kinderdorf „Friendly Home“ in Alangayam, ein 2.000-Seelen-Ort im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Grund ist das Corona-Virus, das sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf mehreren Kontinenten verbreitet hat. Zunächst soll das Heim nur für zwei Wochen schließen, so die Ansage. Die 42 Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 18 Jahren werden vorrübergehend bei Verwandten untergebracht. Doch schon am Abend desselben Tages erfährt Paula Regenhardt (19), die dort einen Auslandsfreiwilligendienst absolviert, dass sie zügig ausreisen muss – knapp fünf Monate vor dem geplanten Rückflugtermin. Bereits wenige Tage darauf sitzt sie in einem der letzten Linienflüge, die Reisende ins knapp siebeneinhalb Tausend Kilometer entfernte Deutschland bringen. Zurück in ihrer Heimatstadt Trier zieht sie erst mal wieder in ihr altes Kinderzimmer. Und ist ziemlich zerknirscht, weil sie ihren Auslandsaufenthalt so Hals über Kopf abbrechen musste und sich noch nicht einmal von allen Kindern in dem Heim für Halb- und Vollwaisen verabschieden konnte.

SoFiA ist der richtige Partner für Paulas Pläne

Heute, fünfeinhalb Monate später, steht Paula noch immer in regem Kontakt zu ihren ehemaligen Kolleginnen, den Hausmüttern im Friendly Home, und blickt auf ihren Freiwilligendienst mit SoFiA (Soziale Friedensdienste im Ausland e.V.) zurück. Trotz des abrupten Endes hat sie in Indien wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie nicht mehr missen möchte. Schon etliche Monate vor ihrer Reise nach Südasien, im Herbst 2018, hatte die Abiturientin an einem SoFiA-Orientierungswochenende teilgenommen – der Wunsch, nach dem Abitur am Trierer Humboldt-Gymnasium ins Ausland zu gehen, reifte schon lange in ihr. Nach dem Austausch mit anderen Interessierten und dem Team von SoFiA war Paula überzeugt, dass der Verein der richtige Partner für ihre Pläne ist. Einige Monate und mehrere Vorbereitungstreffen später, in denen sie genau über Land und Projekt informiert wurde, bezieht sie im August 2019 ein eigenes Zimmer im Friendly Home. Ihre Aufgaben dort sind vielfältig: Deutschunterricht, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Yoga am frühen Morgen, Betreuung bei Spiel und Sport am Nachmittag und Bürotätigkeiten, etwa zur Unterstützung des Fördervereins.

Das Heimweh verfliegt

Die ersten Tage in Indien sind anstrengend, die Flut an neuen Eindrücken überwältigend, das Essen ungewohnt scharf und auch das Klima bereitet Paula anfangs Probleme. Kein Wunder, denn die Durchschnittstemperatur am Tage fällt im südlichen Indien nie unter 30 Grad Celsius. Ohnehin funktioniert dort vieles völlig anders als in Deutschland, merkt Paula rasch. Zum Beispiel der Straßenverkehr: Dort teilen sich Menschen, Kühe, Ziegen, Fahrräder und Roller die Straße, flitzen hin- und her. „Da braucht man schon seine Zeit und auch ein wenig Ruhe, um alle Eindrücke zu verarbeiten“, gesteht die künftige Sozialwissenschaftsstudentin. „Eigentlich kann man sich gar nicht 100-prozentig darauf vorbereiten, was einen dort erwartet. Man bekommt so viele neue Impulse, lernt so viel Neues kennen.“

Bei der Eingewöhnung geholfen haben der jungen Deutschen vor allem die Kinder und deren Hausmütter, die Paula liebevoll „Sisters“ nennt. „Im ersten Monat hatte ich immer mal wieder ein wenig Heimweh, aber das verfliegt, wenn man engere Beziehungen zu den Menschen vor Ort knüpft, Freundschaften aufbaut und die Sitten verinnerlicht, sie besser versteht. Dann wird man entspannter und das Heimweh verfliegt. Zu den Kindern hatte ich eine fast geschwisterliche Beziehung. Wir haben gekuschelt, geschmust, auch mal Quatsch gemacht, und sie haben mir genauso Liebe gegeben wie ich ihnen.“ Schnell findet sich Paula in die fremde Kultur ein, die sie selbst wesentlich traditionsgeprägter wahrnimmt als die europäische. Die Mahlzeiten isst sie gemeinsam mit den Kindern, und zwar ohne Besteck. Das gemeinsame Essen hat in Indien generell einen hohen Stellenwert, was zum Beispiel daran deutlich wird, wie man sich begrüßt, erklärt Paula: „Man sagt nicht: geht’s Dir gut, sondern: hast Du schon gegessen? Denn wenn man gegessen hat, geht es dem Körper und der Seele gut.“

Jeans und T-Shirt tauscht sie gegen „Chuddidas“, die bequeme Alltagskleidung indischer Frauen. Zu Festtagen wie dem Children’s Day, an dem das Betreuungspersonal im „Friendly Home“ einmal im Jahr ein buntes Unterhaltungsprogramm aus Tänzen und Spielen für die Waisen und Halbwaisen zusammenstellt, tanzt Paula mit ihren Sisters im Sari, eine Art Wickelrock mit Schulterüberwurf, den es in den unterschiedlichsten Farben und Mustern gibt. Dazu trägt sie Ohrringe, Ketten und Armbänder. „Indische Frauen sind in der Öffentlichkeit darauf bedacht, chic auszusehen, flechten ihre Haar kunstvoll und tragen Schmuck.“ Für Paula, die ihre blonden Locken gern einfach mal zum Pferdeschwanz bindet, sei es zunächst seltsam gewesen, auf ihr Äußeres angesprochen zu werden. „Man hat halt nicht jeden Tag den Nerv, sich herauszuputzen“, lächelt sie, gesteht aber, dass sie die traditionellen Gewändern und die aufwendigen Frisuren beeindruckend fand: „Mit all den wunderschönen Frauen gemeinsam zu tanzen, war schon echt was Besonderes.“

Abstand ist ein Privileg

Wenn Paula Regenhardt heute von Indien erzählt, strahlen ihre Augen: „Es ist die krasseste Erfahrung, die ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe. Man erfährt so viel über sich selbst, über das Land, in dem man lebt, über Traditionen und Rituale.“ Sobald es wieder möglich ist, werde sie zurück nach Alangayam fliegen, um ihre neu gewonnenen indischen Freunde zu besuchen, auch weil sie sich sorgt: „Ich hoffe, dass die Kinder bald wieder ins Friendly Home zurückkehren und den Unterricht besuchen können. Auch die generelle Lage in Indien beunruhigt mich.“ Es sei nahezu unmöglich, Abstand zu halten, wenn viele Menschen auf engstem Raum miteinander leben, zusammen auf Matten schlafen oder dichtgedrängt zum Lebensmittelkauf auf den Markt gehen müssen. „Dass wir hier in Deutschland überhaupt die Möglichkeit haben, Abstand zu halten, ist ein Privileg, dessen man sich bewusst sein sollte“, sagt Paula. Was sie den zukünftigen SoFiA-Freiwilligen raten würde? „Geduldig sein – mit sich selbst und Anderen.“ Denn oft glaube man zu wissen, was das Richtige sei, ohne den Blickwinkel des Gegenübers miteinbezogen zu haben. Da helfe es, erst mal zu beobachten, „bevor man irgendein Muster im Kopf durchrattert.“

SoFiA e.V. in Trier realisiert seit 1992 internationale Freiwilligendienste und bringt so junge Menschen aus vier Kontinenten miteinander in Kontakt – und das auf Augenhöhe. Die Bewerbung auf www.sofia-trier.de steht jeder und jedem Interessierten offen, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit. Die Dienste von SoFiA sind kirchlich und staatlich gefördert, sodass für die Freiwilligen keinerlei Kosten anfallen. Die nächsten Begegnungstreffen zum Reinschnuppern und Kennenlernen sind vom 13. bis 15. November 2020 in Vallendar und vom 29. bis 31. Januar 2021 auf der Marienburg.

(ih)

 

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