Jahrestagung der Görres-Gesellschaft in Koblenz beendet/Gottesdienst mit Bischof:Glaube weitet das Denken

Koblenz – Unter dem Thema „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ ist am 27. September die Jahrestagung der Görres-Gesellschaft zu Ende gegangen. Drei Tage lang waren fast 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Einladung der Universität Koblenz zu Gast am Rhein. Mit rund 80 Vorträgen in 16 wissenschaftlichen Sektionen war die Jahrestagung an den Geburtsort ihres Namensgebers, Joseph Görres, zurückgekehrt.
Angesichts aktueller Debatten stellte der Wissenschaftsjournalist Prof. Dr. Harald Lesch (Universität München) seine Rede beim Festakt unter das Thema „Sind wir dabei den Verstand zu verlieren? Vom Kampf an der Front gegen Unsinn, Irrsinn, Wahnsinn und andere Erscheinungen der Diktatur des Digitalen“. Wir sind dabei, so Lesch, die Grundlage des Vernünftigen, durch Begründungen und Erkenntnissen motiviertes Handeln zu verlassen. „Unser Verstandesorgan schrumpft bei Nichtbenutzung auf die Größe einer Pflaume, wie MRT-Aufnahmen zeigen. Wenn Du es nicht benutzt, dann geht es Dir verloren. Das erleben wir gerade im KI-Hype. Dass wir dabei mit einigen Hundert oder sogar Tausenden zusätzlicher, weil für die KI notwendigen, Rechenzentren unseren Energie- und vor allem Wasserverbrauch ins Irrsinnige steigern, auch wenn alle Klimaszenarien dagegensprechen, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass wir dabei sind, den ‚Verstand zu verlieren‘.“
In Koblenz, wo Joseph Görres vor 250 Jahren geboren wurde und wo sich vor 150 Jahren die Görres-Gesellschaft gründete, würdigte der Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Gordon Schnieder, das Wirken von Joseph Görres: „Seitdem verbindet die Görres-Gesellschaft wissenschaftliche Arbeit, gesellschaftlichen Dialog und ehrenamtliches Engagement. Gerade heute ist dieser Austausch wichtiger denn je. Das Thema der diesjährigen Tagung trifft einen wichtigen Punkt. Denn gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns Orientierung geben, umso essenzieller“, so Ministerpräsident Schnieder.
Zum Wohl aller
Dem Festakt vorausgegangen war ein Gottesdienst in der Koblenzer Liebfrauenkirche mit dem Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann. In seiner Predigt erinnerte er an Joseph Görres, von dem es erstaunlich gewesen sei, dass er – ein Mann, der keinen Universitätsabschluss hatte – Namensgeber für eine der größten und ältesten Wissenschaftsgesellschaften in Deutschland geworden sei. „Das liegt zum einen wohl an der unglaublichen Breite seiner geistigen Interessen. Zum anderen verbindet sich in Joseph Görres auf faszinierende Weise die Freiheit des Geistes mit Überzeugungsstärke.“ Bischof Ackermann fügte hinzu: „Das Beispiel von Joseph Görres zeigt, dass der christliche Glaube nicht das Denken verdirbt, sondern die Kraft hat, das Denken zu weiten, wenn der Glaube zugleich bereit ist, vor dem Forum der Vernunft Rechenschaft abzulegen über das, was ihn bewegt.“ Görres stehe für eine Wissenschaft, „die sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern die gesellschaftliche Auseinandersetzung sucht, um dem Wohl aller zu dienen.“
Bereits zum Auftakt der Jahrestagung hatte der Präsident der Görres-Gesellschaft, Prof. Dr. Bernd Engler, hervorgehoben, „mit dem Thema ‚Wissenschaft und Öffentlichkeit‘ stellt sich die Görres-Gesellschaft in die Tradition ihres Namenspatrons, der mit seiner Person für die Begeisterung an der Wissenschaft steht und in seiner Zeit wesentliche Impulse in vielen Disziplinen gesetzt hat, von den Geisteswissenschaften bis hin zu Naturwissenschaft und Medizin. Gleichzeitig war Görres ein engagierter Katholik, dessen Erbe wir verpflichtet sind, wenn wir uns als ‚Impulsgeber für gesellschaftliche Debatten in christlichem Wertehorizont´ begreifen.“ Mit Blick auf die heutigen Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft betonte Engler: „In unserer Zeit ist es notwendig, Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Gesellschaft zu tragen. Den gewaltigen Herausforderungen, vor die wir gestellt sind, werden wir nur im Zusammenspiel von Wissenschaft und Öffentlichkeit begegnen können. Ich hoffe, dass unsere Tagung dazu einen Beitrag leisten konnte.“