Vor der Stichwahl in Bolivien: Stiftungsdirektor ordnet politische Situation ein :Hoffnung für das Partnerland?

Trier/Sucre/La Paz – Die politische Situation im Partnerland Bolivien ist im Bistum Trier immer wieder im Blick: Nach 20 Jahren an der Macht hat die sozialistische MAS-Partei es bei den Präsidentschaftswahlen im August nicht mehr an die Spitze geschafft. Am kommenden Sonntag (19. Oktober) stehen sich der rechtskonservative Jorge Quiroga Ramírez von der Partei LIBRE – Libertad y Democracia (Freiheit und Demokratie) und der Überraschungskandidat Rodrigo Paz von der PDC (Partido Demócrata Cristiano/Demokratische Christliche Partei) in einer Stichwahl gegenüber. Juan Carlos Núñez, Direktor der „Fundacíon Jubileo“, einer Nicht-Regierungsorganisation mit Sitz in La Paz, ordnete bei seinem jüngsten Besuch im Bistum Trier im Oktober die Situation ein.
Eine „pragmatische Stimmabgabe“ sei es im August gewesen, sagt Núñez. Die Menschen, die für Paz gestimmt hätten, seien in der Mehrheit diejenigen, die vorher für die MAS gestimmt hätten. „Dieses Phänomen hat seinen Grund im Mangel an Vertrauen und im Kollaps der MAS aufgrund ihrer eigenen internen Probleme als politische Organisation und aufgrund der komplizierten Situation, die die Regierung – erst unter Evo Morales und dann unter Luis Arce – hinterlassen hat.“ Zwanzig Jahre lang sei einem nicht nachhaltigen Wirtschaftsmodell gefolgt worden, aufgrund dessen das Land heute einer strukturellen Krise – wirtschaftlich, sozial, institutionell, im Bereich Energie, Umwelt und Regierung – gegenüberstehe. „Die Menschen erhoffen sich, dass ihre Probleme gelöst werden oder dass zumindest die Auswirkungen der Krise abgemildert werden.“
Ziel: Die Stabilität wiederherstellen
Núñez hat Hoffnung für das Partnerland des Bistums: „Wenn eine Gesellschaft einer Krise gegenübersteht, ist das der Moment, in dem die Bevölkerung ethnische, soziale und regionale Unterschiede überwindet; versucht, die schwierige Situation gemeinsam zu lösen und aufpasst, dass die Auswirkungen der Krise nicht zu hart für die Verletzlichsten unserer Gesellschaft werden.“ Die bolivianische Bevölkerung sei daran gewöhnt worden, dass sich Volksgruppen, Regionen, Stadt und Land konfrontativ gegenüberstehen. „Das müssen wir zum Wohle aller überwinden. Das ist mein Wunsch, damit in unserem Land sich Bolivianer und Bolivianerinnen wieder begegnen. Wir müssen das soziale Netz wiederherstellen, das wird grundlegend sein für eine geschwisterliche und solidarische Gemeinschaft.“ Zwar sehe er für mindestens drei Jahre schwierige Zeiten mit einer Wirtschaftskrise. „Es wird schwer werden, die Stabilität wiederherzustellen. Aber anschließend erwartet uns eine vielversprechende Zukunft für uns alle in Bolivien.“
Dann komme es darauf an, dass alle miteinander sprechen, „um ein Modell politischer Institutionen zu entwickeln – ein Modell nachhaltiger Entwicklung, das es uns erlaubt, die Lebensbedingungen vor allem der jungen Menschen zu verbessern, die heute die Mehrheit der Bevölkerung stellen und die Arbeit, ein würdiges Leben und Chancen fordern“.
Annäherung von Kirche und Staat möglich
Nach wie vor genieße die katholische Kirche Vertrauen in Bolivien, sagt der Direktor der Stiftung: „Diese Vertrauensposition in der Bevölkerung macht die Kirche zu einer Einheit, die dazu beitragen muss, Brücken des Dialogs und der Vereinbarungen zwischen den verschiedenen sozialen und politischen Akteuren zu bauen.“ Diese Rolle nehme sie schon lange wahr und sei ein wertvoller Baustein in der Stärkung des demokratischen Prozesses in Bolivien: „An einer Kultur des Friedens und des Dialogs mitzubauen, ist ein wichtiges Handlungsfeld, um die demokratischen Institutionen zu stärken.“
Núñez schätzt beide Kandidaten in Bezug auf ihr Verhältnis zur katholischen Kirche positiv ein: Er hält eine Annäherung von Kirche und Staat für möglich, die die Beziehung verbessere und gegenseitige Kooperation ermögliche. „Das ist besonders wichtig, da wir einer wirtschaftlichen und sozialen Krise gegenüberstehen, die starke Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft hat und soziales Konfliktpotenzial birgt.“ Egal, welcher der beiden Männer zum Präsidenten gewählt wird: „Das ist ein positives Szenario nach zwanzig Jahren Herrschaft von oben herab, mit dauernden Angriffen auf die Kirche und ihre Rolle in der Gesellschaft, nach Fällen von Menschenrechtsverletzungen, Verletzungen der Rechte indigener Völker vor allem im Tiefland, und der Verfolgung politischer Gegner.“