Mystagogische Kirchenführung:Mehr als Stein und Architektur


Oberthal – Eine Kirche ist weit mehr als ein Gebäude: „Sie ist Ort der Gottesbegegnung“, sagt Gemeindereferent Peter Holz. Um Kirchen als Ort von Glauben und Spiritualität auch jenseits eines Gottesdienstes erfahrbar zu machen, haben der Pastorale Raum St. Wendel und die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) Saarbrücken am Sonntag, 20. September, zur „Mystagogischen Kirchenführung“ in die Kirche St. Stephanus in Oberthal eingeladen. Anders als bei klassischen Führungen geht es dabei nicht um historisches oder architektonisches Fachwissen, sondern um das Erleben und Erfahren der Liturgie und ihrer Zeichen wie Weihwasser, Weihrauch, Licht und Musik.
„Im Wort ,mystagogisch‘ stecken die griechischen Wörter ,Geheimnis‘ und ,führen‘. Diese Kirchenführung will also in das Geheimnis der katholischen Liturgie einführen“, erläutert Holz den 25 Teilnehmenden. Er orientiert sich dabei am Konzept des Theologen Werner Kleine aus Wuppertal. „Es geht um das Staunen, das Fremdartige, das Besondere des Heiligen Raumes.“ Bekannte ohne Bezug zur Kirche berichteten ihm regelmäßig begeistert, welche Kirchen sie auf Urlaubsreisen besichtigt haben. „Die Kirchengebäude strahlen einen Reiz aus.“ Im Rahmen der Kommunionvorbereitung mache er mit den Kindern der Pfarrei und ihren Eltern eine Kirchenrallye. „Dabei höre ich oft von den Erwachsenen, dass sie selbst dabei noch etwas gelernt haben.“ Daher habe er sich zu der besonderen Kirchenführung entschlossen, in der das Geheimnis des Glaubens im Zentrum steht.
Zu Beginn steht die Außenperspektive auf die Kirche. Bei einem Rundgang um St. Stephanus betrachten die Teilnehmenden deren Ausrichtung. „Kirchen sind – soweit dies möglich ist – nach Osten zur aufgehenden Sonne ausgerichtet. Die Sonne steht für uns Christen für Christus als Licht der Welt.“ Auch im Innern sei die Blickrichtung auf das Kreuz hin angelegt: „Gott kommt uns entgegen.“ St. Stephanus sei eine klassische Wegekirche, deren Architektur und Raumordnung auf einen Zielpunkt, den Altar, ausgerichtet seien. „Das Motiv der Wege findet sich überall in der Kirche: in den Fensterbildern, im Hochaltar. Die Kunst in der Kirche erzählt von Wegen, meistens denen von Jesus und Maria“, so Holz.
An verschiedenen Stationen wie Weihwasserbecken, Ambo, Altar, Tabernakel und Osterkerze macht die Gruppe Halt. Holz liest passende Stellen aus dem Alten und Neuen Testament vor. Den Abschluss jeder Station bildet ein gemeinsamer Gesang. Die Lieder haben der leitende Kantor des Pastoralen Raums, Stefan Klemm, und Peter Holz ausgewählt. Chorsängerinnen und Chorsänger unterstützen die Gemeinde.
Am Ambo, dem Lesepult, sind die Teilnehmenden eingeladen, eigene Gedanken oder für sie bedeutsame Bibelstellen einzubringen. „Das war für viele ungewohnt, hat aber gut geklappt“, sagt Holz. Am Tabernakel, in dem die geweihten Hostien aufbewahrt werden, dürfen sie Weihrauch auf glühende Kohle legen. Dabei stimmt die Gruppe den Psalm "Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf" an. „Viele haben das zum ersten Mal und mit großer Ehrfurcht gemacht“, berichtet der Gemeindereferent.
Weitere mystagogischen Kirchenführungen geplant

Am Altar singen die Teilnehmenden gemeinsam das „Sanctus“ („Heilig“). „Wir haben in der Heiligen Messe bereits Anteil am Thron Gottes“, erläutert Holz. An der Osterkerze entzünden sie eigene Kerzen und geben das Licht weiter. Nach dem Evangeliumswort „Ihr seid das Licht der Welt“ aus dem Matthäusevangelium singt die Gruppe „Meine Hoffnung und meine Freude“. „Es ist unser Auftrag, Christus in der Welt leuchten zu lassen. Es reicht nicht, in der Kirche zu leuchten“, sagt Holz. Beim Auszug aus der Kirche, der symbolischen Rückkehr in die profane Welt, stimmen die Teilnehmenden schließlich „Laudate dominum“ an.
Besonders bewegt zeigt sich der Gemeindereferent von den Reaktionen der Besucherinnen und Besucher. „Viele leben ihr gesamtes Leben in Oberthal und besuchen hier die Gottesdienste. Manche haben gesagt: ,So nah am Altar war ich noch nie.‘“ Die mystagogische Kirchenführung lebe auch von dem, was die Teilnehmenden selbst einbringen. Holz möchte in Zukunft weitere mystagogische Kirchenführungen anbieten, Interessenten können auf ihn zukommen: „Es eignet sich grundsätzlich jede katholische Kirche dafür.“