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Dokumente der deutschen Bischöfe - Montag, 1. Juli 2019 - Jahrgang: 163 - Artikel: 101

Gemeinsames Wort zur Woche der ausländischen Mitbürger/Interkulturelle Woche 2019

„ Zusammen leben, zusammen wachsen.“

In Deutschland ist es zu einer breit akzeptierten Gewissheit geworden: Wir leben in einem Einwanderungsland. Unsere Gesellschaft hat sich an ein interkulturell vielfältiges Zusammenleben gewöhnt. Ohne Zuwanderung hätte Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nicht den heutigen Wohlstand erreicht, Generationen von Migrantinnen und Migranten haben entscheidend dazu beigetragen. Auch in Zukunft werden wir weiter Zuwanderung erleben. In beachtlicher Weise wurde die Aufnahme von mehr als einer Million Menschen in den Jahren 2015 und 2016 bewältigt. Viele haben inzwischen Wohnung, Arbeit und eine Perspektive gefunden und haben sich in Schule und Ausbildung integriert.

Die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre, vor allem aber die große Zahl von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten haben dazu geführt, dass in Deutschland Menschen vieler unterschiedlicher Muttersprachen, Kulturen und Religionen zusammen leben. Wir wissen: Dies ist kein deutsches Sonderphänomen, sondern eine weltweite Entwicklung, die mit der Globalisierung einhergeht. Wir begrüßen es deshalb sehr, dass sich im Dezember 2018 die große Mehrheit der Vereinten Nationen sowohl auf einen „Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration“ als auch auf einen „Globalen Pakt für Flüchtlinge“ geeinigt hat.

Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft war immer schon mit großen Herausforderungen verbunden – und zwar für alle Beteiligten. In der Bibel können wir nachlesen, wie Gott sein Volk Israel an die eigene Fremdheitserfahrung erinnert und ihm die moralische Pflicht ins Stammbuch schreibt, Fremde zu schützen: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Ex 23,9). Gott fordert ein zugewandtes Verhalten gegenüber Fremden, das sich von dem gegenüber Einheimischen nicht unterscheidet: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst …“ (Lev 19,33f). In dieser Tradition stehen viele Kirchengemeinden und christliche Initiativen, aber auch Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und andere zivilgesellschaftliche Organisationen Migrantinnen und Migranten zur Seite.

Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche macht auf eine Dimension im Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft aufmerksam, die über das moralische Gebot der Freundlichkeit, der Fürsorge und Unterstützung – kurz: der „Gastfreundschaft“ – hinausgeht, nämlich „Zusammen leben, zusammen wachsen.“

Zunächst einmal wachsen wir, indem wir uns von unserem „fremden“ Gegenüber eine Welt eröffnen lassen, die uns bislang unbekannt war. Das Erlernen einer anderen Sprache erschließt uns eine andere Mentalität und lässt uns eine andere Kultur lebendig werden. Der Dialog mit Angehörigen anderer Kulturen und Religionen erweitert unseren Horizont. Da bei geht es keineswegs um Beliebigkeit oder um die Relativierung des eigenen Standpunkts, sondern um ein wertschätzendes, interessiertes Wahrnehmen des Anderen, das unser Denken bereichert.

Als Persönlichkeiten zu wachsen bedeutet für uns Christen letztlich immer, in der Liebe zu wachsen. Der Apostel Paulus mahnt uns im Brief an die Philipper: „In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der Anderen“ (Phil 2,3f). Andere in ihrem Anders-Sein wahrzunehmen, sie sogar „in Demut höher einzuschätzen als sich selbst“ und ihnen dabei echtes Wohlwollen entgegen zubringen, das ist menschliche Größe, die uns das Evangelium vor Augen führt.

Unsere kulturell vielfältige Gesellschaft fordert jede und jeden von uns heraus. Wir treffen permanent auf Menschen, die uns in irgendeiner Weise fremd sind, sei es, weil sie eine andere Sprache sprechen, sei es, weil sie von einer anderen Kultur geprägt sind oder einer anderen Religion angehören, oder sei es, weil sie eine politische Position vertreten, die unserer eigenen Überzeugung zuwiderläuft. Jedem einzelnen mit Aufmerksamkeit und Respekt zu begegnen, trägt dazu bei, dass in unserer Gesellschaft Gräben der Ignoranz, Mauern der Abschottung und Fronten des Hasses überwunden werden. Weltweit rücken die Menschen im Zuge der Globalisierung, erhöhter Mobilität und nahezu uneingeschränkter Kommunikationsmöglichkeiten immer näher zusammen. Unsere Aufgabe ist es, mit aller Kraft daran zu arbeiten, dass dies zu einem Wachstumsschritt in Richtung eines friedlichen Miteinanders über alle Unterschiedlichkeiten hinweg führt.

Die Interkulturelle Woche leistet dazu einen Beitrag. Schon seit Jahrzehnten setzt sie erfolgreich auf die direkte Begegnung von Menschen. Das hilft, Vorurteile abzubauen und Ängsten zu begegnen. Lassen wir uns nicht anstecken von einer Kultur der Angst, der Angst vor den „Anderen“ und der Angst vor der Zukunft! Geben wir stattdessen Zeugnis von unserer Hoffnung, gestalten wir unsere Gesellschaft mit Mut und Zuversicht! „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7).

Lassen Sie uns im Vorfeld der in diesem Jahr stattfindenden Wahlen aktiv für ein friedliches und vielfältiges Miteinander werben. Suchen wir das Gespräch mit Politikerinnen und Politikern, mit Vertreterinnen und Vertretern der zur Wahl stehenden Parteien. Es gibt zahlreiche Themen, die im Blick auf das Zusammenleben in der Gesellschaft wichtig sind; Integration, weltweite Migration, und das Eintreten für Menschenwürde und Menschenrechte gehören dazu.

Unser Grundgesetz, das vor 70 Jahren den Neuanfang unseres Landes markierte, ist die Richtschnur.

Der Erhalt von Grundrechten und Demokratie geschieht aber nicht von selbst. Wir sind als Bürgerinnen und Bürger immer wieder neu gefordert, uns dafür einzusetzen, in der Politik, in der Nachbarschaft, in der Kirche, in der Arbeitswelt, in der Freizeit.

Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, müssen unabhängig davon, wie lange sie sich bei uns aufhalten, sehr schnell die Möglichkeit erhalten, Anschluss und Orientierung zu finden, die Sprache zu erlernen und Kontakte zu knüpfen.

Kindern und Jugendlichen muss der Weg zu Bildung und freier Entwicklung ihrer Persönlichkeit offenstehen. Menschen, die bereits in Ausbildung beziehungsweise in Lohn und Brot stehen, brauchen das Gefühl der Sicherheit und dürfen nicht in Angst vor einer drohenden Abschiebung leben. Wer verfolgt ist, braucht Schutz. Es darf nicht bei jeder Gruppe von ankommenden oder sich in Seenot befindenden Menschen gefeilscht werden, wer sie rettet oder aufnimmt. Als Christinnen und Christen stehen wir für eine bedingungslose Wertschätzung gegenüber jedem Menschen. Sie beweist sich in besonderer Weise im Umgang mit denen, die keine Lobby haben: mit Kindern und Armen, Geflüchteten, Geduldeten und Obdachlosen, Kranken und Menschen mit Behinderungen. Das gilt genauso im Umgang mit Menschen, die andere Positionen und Überzeugungen vertreten. Wertschätzung muss zudem erkennbar sein in der Art, wie wir miteinander streiten.

Die Interkulturelle Woche mit ihren zahlreichen Veranstaltungen in weit über 500 Städten und Gemeinden ist ein lebendiges Zeichen dafür, wie es gelingen kann, zusammen zu leben und zusammen zu wachsen.

Sie schenkt Freude am Miteinander und macht Mut, unser gesellschaftliches Zusammenleben zu gestalten. Wir danken allen, die sich vor Ort für die Anliegen der Interkulturellen Woche einsetzen und wünschen ihnen gute Erfahrungen und Gottes Segen für ihr Engagement.

 

Reinhard Kardinal Marx

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

 

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in

Deutschland (EKD)

 

Metropolit Dr. h.c. Augoustinos

Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in

Deutschland

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