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Bistum Trier
Mittwoch, 10. April 2019

Für Transparenz und Prävention einsetzen

Seelsorger tauschen sich mit Bischof und Betroffenen über MHG-Studie aus

Trier – Größtmögliche Transparenz schaffen und Missbrauchsfälle aufarbeiten; alle Möglichkeiten ausschöpfen, präventiv Kinder und Jugendliche zu schützen, und so dafür kämpfen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht weiter verloren geht: Diese Forderungen und Botschaften haben rund 130 Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten bei einer Informationsveranstaltung am 9. April zur sogenannten MHG-Studie formuliert. Im Trierer Robert-Schuman-Haus tauschten sie sich mit Bischof Dr. Stephan Ackermann sowie Betroffenen über die Ergebnisse der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (kurz „MHG-Studie“) aus. Bischof Ackermann hatte nach dem Erscheinen der Studie betont, es sei ihm ein Anliegen, dass die Ergebnisse sowohl Gremien, Räten als auch den Seelsorgerinnen und Seelsorgern im Bistum bekannt gemacht und diskutiert werden.

Bei der Tagung kamen auch mehrere Vertreter der Opfer-Initiative MissBit und der Trierer Tenor Thomas Kiessling zu Wort, der als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Pater wurde. Thomas Schnitzler von MissBit forderte eine stärkere Beteiligung von Opferverbänden bei der Aufarbeitung, die Einrichtung einer unabhängigen Beratungsstelle, an die sich Missbrauchsopfer wenden können, und eine fallbezogene Aufarbeitung auch in den Gemeinden. Kiessling, der seine Geschichte erst kürzlich öffentlich gemacht hatte, lobte die MHG-Studie, die aber nur die „Spitze des Eisbergs“ zu Tage gefördert habe. Er kritisierte die Aussage des Papstes, „der Satan sei über die Täter“ gekommen. Vielmehr hätten Menschen bewusst gehandelt: Die Aussage von Papst Franziskus rücke das in ein falsches Licht.

Bischof Ackermann betonte im Austausch mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern sowie den Betroffenen: „Ich fühle mich diesem Thema nicht nur durch meine Funktion als Beauftragter der Bischofskonferenz verpflichtet, sondern es ist mir auch ganz persönlich wichtig. Ich werde mich weiter mit großer Kraft dafür einsetzen, die Aufklärung weiter voranzutreiben, aber auch die Prävention weiter zu stärken.“

Wie nötig das ist, beleuchtete der Vortrag von Professor Dr. Jörg Michael Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm und wissenschaftlicher Beirat der MHG-Studie. Er ging auf die Zahlen der Studie und auf die mögliche Dunkelziffer ein. Demnach wurden zwischen 1946 und 2014 mindestens 3.677 mehrheitlich männliche Minderjährige von 1.670 katholischen Priestern und Diakonen missbraucht. Die Dunkelziffer liege nach erneuten Forschungen mit Stichproben aber wohl viel höher; vermutlich jeder achte in Deutschland sei in seiner Kindheit oder Jugend Opfer von sexueller Gewalt geworden. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, wie Fegert betonte: Die meisten Fälle geschehen in der Familie, gefolgt von Institutionen wie Schulen und Sportvereinen.                                                                                                                               

Bei der Kirche sehe er ein besonderes Problem darin, wie in der Vergangenheit mit Verdachtsfällen umgegangen wurde: Nur in etwa einem Drittel der Fälle sei es zu kirchenrechtlichen Verfahren gekommen; in 37 Prozent zu Strafanzeigen; Schuldige seien häufig versetzt worden. Fegert widerlegte den häufig geäußerten Vorwurf, der Zölibat oder Homosexualität der Täter seien Ursache für sexuellen Missbrauch: Die Studie belege das nicht. Auch Fegert plädierte für das Einrichten einer unabhängigen Beratungsstelle.

Dr. Andreas Zimmer, Leiter der Abteilung Beratung und Prävention im Bischöflichen Generalvikariat Trier, machte indessen deutlich, dass es im Bistum Trier bereits zwei unabhängige Ansprechpartner gebe. Zudem sei in den letzten Jahren sehr viel beim Thema Prävention bewegt worden. „Wir haben seit 2010 sehr viele Türen aufgestoßen, und wir werden auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger für diese Art von Gesprächen noch besser rüsten.“ Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass es regelmäßig Foren zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche wie diesen Informationstag geben solle. Professor Fegert sagte zusammenfassend: „Die katholische und evangelische Kirche in Deutschland haben eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Dadurch, dass sie in diesem Thema Glaubwürdigkeit einbüßen und eine Doppelmoral sichtbar wird, verlieren sie immer mehr ihre Stimme – und das wäre nicht wünschenswert.“

Die unabhängigen Ansprechpersonen im Bistum sind der Psychologe Peter Rütten, E-Mail: peter.ruetten(at)bistum-trier.de, und Anwältin Ursula Trappe, E-Mail: ursula.trappe(at)bistum-trier.de.

Weitere Informationen zur MHG-Studie finden sich unter: www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-Endbericht-Zusammenfassung.pdf).

(sb)