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Bistum Trier
Dienstag, 17. Juli 2018

Spinnen, 100 Jahre Staub und wahre Schätze

Bistumsarchivarinnen beim Finden und Bewahren von Akten und Identität

Trier/Langenfeld – „Ich befürchte immer, dass ich mal eine Truhe öffne und eine Leiche liegt drin.“ Das sei ihr schon einmal fast passiert, sagt Marita Kohl, damals kam ihr zum Glück nur eine Hand aus Wachs entgegen. Jetzt steht sie auf dem Dachboden des Pfarrhauses in Langenfeld, um sie herum alte Holzmöbel, mit Spinnweben überzogene graue Büroordner, Umzugskartons und ein Nachttopf. Kohl und ihre Kollegin Judith Boswell spähen in eine dunkle Nebenkammer. Auch hier liegt eine verschlossene Holzkiste unter abgebröckeltem Putz. Man müsse eben überall hineinschauen, das gehöre zum Job, sagt Boswell und greift nach der Taschenlampe. Schließlich müssen sie alles finden und überprüfen, ob es „würdig“ ist – würdig für das Bistumsarchiv. Denn „die Überlieferung, die Geschichte der Pfarrei hat nicht nur verwaltungstechnischen, sondern einen historischen Wert. Sie ist Identität.“ Boswell und Kohl helfen dabei, sie zu bewahren.
 

Außeneinsatz auf dem Dachboden

Die beiden Trierer Archivarinnen sind oft im Bistum unterwegs und bewerten und protokollieren die Bestände der Pfarrarchive, meist in Kellern oder auf Dachböden. Angst vor Spinnen dürfe man dabei nicht haben. „Aber es ist befreiend zu schauen, was an Papiermüll ‚kassiert‘, also entsorgt, werden kann“, sagt Boswell. Etwa 40 Prozent des Materials werden zur Vernichtung freigegeben. Das seien Druckwerke, Massenschriftgut oder Unterlagen, die andere Stellen bereits lagern. Zu den wichtigen Dokumenten gehören dagegen Chroniken, Lagerbücher, Papiere über Bauprojekte oder rechtsverbindliche Schriften wie Grundstücksdokumente. In den Pfarreien an der Mosel gebe es zum Beispiel viele Akten zu den Weinbergen in Kirchenbesitz, erklärt Kohl. „Bei einigen Dingen dachten wir immer ‚Warum heben wir das eigentlich noch auf?‘ und plötzlich wird es wieder wichtig, weil Rechtstitel zu klären sind,“ fügt Boswell hinzu.

Die beiden Frauen sind ein eingespieltes Team. Mit geübtem Blick sehen sie Schränke, Ordner, Kartons und Mappen durch und sortieren aus. Dabei stoßen sie nicht nur auf Akten, sondern auch auf alte liturgische Gegenstände und schöne bunte Messgewänder, die nicht mehr genutzt werden. Die Historikerinnen wissen, wie viel Herzblut, Handarbeit und Geld die Leute früher in solche Dinge für ihre Pfarrei steckten. Doch solche „gegenständlichen Quellen“ gehören nicht zu ihrer Zuständigkeit. „Da kommen einem alte Kassenzettel im Vergleich dazu langweilig vor“, meint Boswell. Zur historischen Dokumentation sei das Schriftliche eben wichtiger, auch wenn das andere emotionaler verbunden sei. „Man ist so nah dran an Menschen, wie sonst kaum wo“, sagt Boswell über ihre abwechslungsreiche Arbeit. Kohl erzählt, dass es sie auch schon zu Tränen gerührt hat, in einer Pfarrei ein Gefallenenverzeichnis mit Bildern zu finden oder über Kindbetttode zu lesen: „Ich glaube, uns ist nichts mehr fremd.“ Über manchen mentalen Verhaltenswandel über die Zeit müssten sie aber auch immer wieder lachen. „Es ist wie eine Wunderkiste, man weiß nie, was einen erwartet – das macht das ganze so spannend“, sagt Boswell über die externen Pfarrarchiv-Sichtungen. In 20 Jahren beim Bistumsarchiv sei ihr noch keinen Tag langweilig geworden. Erleichtert Auflachen heißt es auch beim Öffnen der Kiste in der dunklen Kammer: nur ein riesiger Dia-Projektor. In Langenfeld können die wichtigen Akten vorerst weiter gelagert werden. Wenn Pfarreien sie nicht mehr sachgerecht aufbewahren können, kommen sie in die Magazine des Bistumsarchives, die seit der Synode immer voller werden.
 

Dort im Archiv, direkt neben dem Priesterseminar in Trier, geht es vor allem darum, die Dokumente zu ordnen, zu bewahren und für Forschende nutzbar zu machen. Am gefragtesten sind die Amts- und Kirchenbücher, in denen Familienregister, Taufen, Hochzeiten und Todesfälle, aber auch kirchliche Verwaltungsabläufe aufgezeichnet sind. „Sie sind das Zentrum der Überlieferung“, erklärt Judith Boswell. Amtsbücher seien am einfachsten für das Archiv zu katalogisieren. „Bei den Akten muss man dagegen viele einzelne Blätter in die Hand nehmen und überlegen, wohin man sie in das Klassifikationsschemas des Bistumsarchivs einordnet.“ Oft muss die schräge schwungvolle alte Handschrift erst entziffert werden. Zudem wurde bis in die 1960er Jahre viel in Latein verfasst. Diese Sprache sei für die Archivarbeit unabdingbar. Die Katalogisierung oder wie es im Archiv heißt die „Verzeichnung“ erfolgt dann mit einem speziellen Computerprogramm. Das Dokument bekommt einen Stempel, die vom Computer zugewiesene Archivnummer, wird in säurefreie Mappen gelegt, dann in einen Karton. Ist der ganze Bestand eines Pfarrarchives katalogisiert, wird ein Findbuch gedruckt, nach ihrer Klassifikation gelistet sind. Jetzt können die Daten bestellt und eingesehen werden.

Digitalisierung und gefährdete Schriften

Dabei hilft Marita Kohl, die an der Rezeptionstheke zum Lesesaal sitzt. Hinter ihr in dem lichtdurchfluteten Raum steht ein großes Regal mit Findbüchern, über ihren PC-Bildschirm kann sie durch eine Glasscheibe die Besucher beobachten. Sie hilft bei Übersetzungen, Nachfragen oder nimmt Bestellungen auf, meistens weitere Kirchenbücher. Die stehen in einem Magazin direkt ein paar Türen weiter. Kühles elektrisches Licht erhellt den Raum, in grauen Metallregalen stehen säuberlich aufgereiht die gebundenen Kirchen- und Familienverzeichnisse. Die ältesten stammen aus Boppard und Gransdorf aus den Jahren 1569 und 1564. Einige Bücher tragen ein rotes X und werden nur noch als Kopie herausgegeben. Etwa weil sie Brandschäden haben, nicht mehr gebunden werden können, das Papier durch eisenhaltige Tinte zersetzt wird oder unter Pilz- und Schimmelbefall leidet. Letztere sind in braunes Papier verpackt. Bei manchen ist der Zustand so schlecht, dass eine Restaurierung nicht mehr möglich ist. „Da kann es dann sein, dass beim nächsten Auspacken nicht mehr viel von dem Buch da ist.“

Seit dem letzten Jahr digitalisiert das Bistumsarchiv daher alle Kirchenbücher, vor allem die maroden und gefährdeten. Manche ganz alten Pergamentstücke hätten teilweise nur überlebt, weil sie als Umschlag für ein neueres Buch verwendet worden waren. Solche Fragmente und kostbare mittelalterliche Handschriften lagert das Archiv ebenfalls, aber gesondert. „Solche Bücher sind einfach so interessant, weil man  immer wieder was Neues entdecken kann“, schwärmt Kohl. Auch wenn in den Beständen immer wieder das gleiche auftaucht, so habe doch jede Pfarrei etwas Besonderes. „Deswegen finde ich es schön, wenn ich den Leuten helfen kann. Da verstehe ich mich auch als Repräsentantin der Menschlichkeit und Christlichkeit.“ „Es ist einfach mein Traumberuf“, sagt Boswell, die weiter dabei helfen will, identitätsstiftende Geschichte zu erhalten. „Und das Beste ist: man wird einfach nie arbeitslos, weil immer was nachkommt.“

Hier gibt es weitere Informationen zumBistumsarchiv. Dort sind auch bisher erstellte Findbücher und eine Bestandsliste der Kirchenbücher zu finden.

(dk)