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Leo Karrer, einer der Väter des Berufs, zum Jubiläum "40 Jahre PastoralreferentInnen im Bistum"

In der Weite des Lebens die Tiefe wagen

Leo Karrer ist sicher einer der Väter des Berufs Pastoralreferentin / Pastoralreferent - jedenfalls hat er schon als Mentor der Theologiestudenten in Münster in den späten 68er Jahren kräftig dabei mitgeholfen, diesen neuen Beruf aus der Taufe und in die Kirche zu heben.

Beim Jubiläum der Berufsgruppe im Bistum Trier schaute er weit zurück - und nach vorn; zuversichtlich und mutig zu sein, wünscht er den Kolleginnen und Kollegen von heute und morgen...

Weg zum Anliegen

Wir feiern das 40. Geburtsjahr der Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten im Bistum Trier. Ich danke Ihnen, dass ich eingeladen worden bin und bei diesem Jubiläum mitgenommen werde. Jubiläen sind auch Chancen fürs Danken. Dabei kommen mir viele Begegnungen in Trier und mit Leuten aus Ihrem Kreis in den Sinn, mit Menschen, die zu kennen mich bereichert und einfach dankbar macht. Nennen möchte ich u. a. Berthold Zimmer und Georg Köhl. Was ich heute zu stottern versuche, ist auch in der Beziehung mit ihnen gewachsen und auch von ihnen inspiriert.

Dabei denke ich heute an das, was ich gerne die "Trierer Schule" nenne (dazu: L. Karrer, Christenmut lernen als eine zentrale Aufgabe der Praktischen Theologie, in G. Köhl/G. Lames, Hrsg., Abenteuer Hoffnung, Lebenszeugnisse und Glaubenszeugen, Berlin 2012, 814),die das Leben selber elementar zum Ort des Lernens bzw. des gemeinsamen Lehrens macht. Lernen bleibt so gesehen ein lebenslanger Prozess, der konkrete Erfahrungen zum Ort für nachdenkliche Rechenschaft, für die pastorale Konzeptgewinnung und für das Handeln der Christen und Christinnen werden lässt. Es wird zur emanzipatorischen Eigenverantwortung ermutigt d.h. für die eigene Biographie und für die der anderen sensibilisiert. Leben und Glauben (bzw. Christsein) werden verbunden. Und man gewinnt Energie sowie Glut und Mut, gelassen und kämpferisch Optionen zu entwickeln und einzubringen — auch wenn der Erfolg uns keinen Treueeid geschworen hat. — Alles in allem, ein großes Plädoyer für die Subjektwerdung im Christsein.

Zur näheren Bestimmung der heutigen Thematik ist im Vorfeld dieses Tages gesagt worden, es ginge um "die PR früher  und heute". Vermutlich denkt man bei mir eher an "früher". Wenn man so in die Jahre kommt, wird man plötzlich, ohne eigens ernannt zu werden, "Zeitzeuge".

Aber unser Thema beinhaltet Anliegen der Gegenwart in der Dynamik zwischen Vergangenheit und Zukunft. In diesem Sinn sind Jubiläen nicht einfach eine glorifizierende Rückschau, sondern eine Erinnerung, die zur Ermächtigung in der Gegenwart führt. Dann schenkt sich Orientierung für die Zukunft, damit diese nicht einfach blindlings über uns hereinbricht oder sich unserem Blick entzieht. Ohne Blick auf die Vergangenheit könnten wir blind werden für die Gegenwart und ihre Herausforderungen. So können aufgeschobene Reformschritte z.B. und manche Bestände einer ehrwürdig gewordenen Tradition noch in der Gegenwart wehtun und Kräfte verschleudern. Anderseits zeigt es sich auf die Dauer, was in der Vergangenheit als ein Meisterstreich des Heiligen Geistes verstanden werden darf oder was in einer Sackgasse landete. Sind wir (sog. Laien-)Theologen/-innen ein vorübergehender Notbehelf für die Kirche oder Herzschrittmacher für eine glaubwürdige Kirche unter gesellschaftlichen Lebensbedingungen?

In einem ersten Schritt möchte ich eher den Werdegang des neuen personellen Seelsorgepersonals, also das "Früher", thematisieren, um die Ermächtigung zum weiteren Handeln zu spüren. In einem zweiten Schritt möchte ich wenigstens fragen, wie die neuen Kategorien von Seelsorgern/innen in einem weiteren Kontext zu orten sind. Sind sie ein Teil einer umfassenderen Entwicklung? Mein Anliegen wäre: den langen Atem zu wagen auf dem Langstreckenlauf des Lebens bzw. Christseins als Mut zu wahrer Menschlichkeit... Den langen Lauf zu wagen und anzunehmen und in diesem Rahmen unsere Berufung zu verstehen — gegen die Gefahren der Subjekterschöpfung auch in der Kirche.

Erinnerungen für die Zukunft: Das Phänomen "Laientheologen/innen"

  • 1. Ein Potential erwacht: Laien pochen an die Kirchentüre

    Das Phänomen der sog. "Laientheologen/-innen" im pastoralen Dienst wird jetzt in etwa 45 Jahre alt. Über den genauen Geburtstag gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Es dürfte auch mehrere Väter geben und nicht zu vergessen auch "Mütter". Vor 1970 nannte man die ersten Schrittmacher "Gemeindeassistenten". Der Begriff "PR" wurde in den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kreiert (in Österreich und in der Schweiz eher Pastoralassistent/in, Laienseelsorger/in bzw. Pfarreihelfer/in oder auch "Pfarrer/in").

    An der Würzburger Synode (1972-75), deren Mitglied ich in der Kommission VII "Dienste/Ämter/Charismen" gewesen bin, ist noch die Rede von "Pastoralassistenten" gewesen. Aber um es gleich zu deponieren: Die Synoden in den deutschsprachigen Ländern unterstützten und "demokratisierten" gleichsam die Bewusstseinsprozesse um die neuen pastoralen Dienste. Individualpsychologisch ist man mit 45 Jahren in den besten Jahren. Stimmt dies auch für den Weg der neuen pastoralen Dienstträger/innen? Die sog. Pionierzeit in den 70er und 80er Jahren ist unter dem Druck der Verhältnisse in eine Konsolidierungsphase gemündet, wobei sich noch viele Reibungspunkte im Blick auf pastorale Modelle und auf die institutionellen Rahmenbedingungen ergeben. Wir kennen und erleben sie.

    Dieses "Gewordensein" ruft Erinnerungen über die Entstehungsgeschichte wach. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass auch dieses Phänomen in einer umfassenderen Bewegung von vorausgehenden gesellschaftlichen und kirchlichen Prozessen zu sehen ist. Auch hier kann die Weitung über den engen Rahmen unseres Themas hinaus höchst aufschlussreich sein.

    Wenn wir auch heute an die "PR" im Bistum Trier erinnern, so ist doch wichtig, darum zu wissen, dass es dabei um ein wichtiges Segment im Differenzierungsprozess einer umfassenderen Entwicklung geht. Ich möchte dies kurz darstellen.

  • 2. Inkubationszeit: Pionierinnen

    Mit historischen Prozessen ist es ähnlich wie mit Organismen: sie brauchen Latenzphasen bis zum wahrnehmbaren Erscheinen der nachhaltigen Symptome.

    Über die ersten Anfänge tappen alle Interessierten im Dunkeln. Allem Anschein nach vollzogen sich in Münster 1919 die ersten Schritte in Richtung eines Theologiestudiums durch Laien: Frauen waren die Pionierinnen (vgl. L. Karrer, Von Beruf Laientheologe?, Wien 1970, 21-30). Die Studien- und Prüfungsordnungen müssen noch recht charismatisch gehandhabt worden sein. Etwa gegen 1927 wurden die Anforderungen differenzierter. Auch die Missio ist kirchlicherseits geregelt worden, bis dann während des Zweiten Weltkrieges die Fakultas für das Fach Religion nicht erworben werden konnte. Übereinstimmend wurde der Mangel verspürt, "von Seiten der Kirche keinerlei Betreuung zu haben" (Th. Zumkley, Die Geschichte des theologischen Studiums der Laien in der Diözese Münster. Prüfungsarbeit an der PH Münster I, 1963, Manuskript, 38ff.). Dies kam durch die Privatinitiative einzelner Professoren zustande. — Wenn also in einigen Jahren das halbe Jahrhundert der "PR" gefeiert wird, dann ist es schon das 100-jährige Jubiläum des neuzeitlichen Phänomens.

    Aber der Bogen ist noch weiter zu spannen. In dieser Zeit, als vermutlich etwa 10 Frauen Theologie studierten, begann auch die "Seelsorge" durch Laien, auch wenn dies noch nicht so verstanden wurde, denn die eigentliche Pastoral oblag ausschließlich den Priestern. Es waren wiederum Frauen: Seelsorge-Helferinnen, die vor allem in der Diaspora unter formal und menschlich oft schwierigen Bedingungen ein wachsendes Engagement an den Tag gelegt hatten.

    In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sind über den universitären Bereich und über die Pädagogischen Hochschulen hinaus neue Wege der theologischen Ausbildung von Laien beschritten worden: Die Theologie- und Glaubenskurse in Würzburg, Zürich und Wien. Nicht zuletzt sind analoge Entwicklungen in den Missionsländern (Katechisten) und durch Orden zu beachten. In den USA hörte ich anfangs der 60er Jahre zum ersten Mal das Wort "Lay-Theologians"(damals eher Ordensleute.) Dadurch ist das Phänomen "Laientheologe/in" in eine umfassendere Bewegung eingebettet gewesen. Es zeigte sich schon, dass diese neuen Potentiale insgesamt nicht das Ergebnis einer weitsichtig planenden Kirchenleitung waren, sondern sich gleichsam von unten her entwickelt haben. Nach dieser Inkubationszeit begann mit den 50er Jahren die erste Phase im Schuldienst. Es war die Zeit der Religionsphilologen/-innen.

  • 3. Erste Phase nach dem Zweiten Weltkrieg: Religionsphilologen

    Die "eigentliche" Entwicklung setzte erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein, vorerst ausschließlich in Deutschland. Als Professor Michael Schmaus (mein Doktorvater) 1946 von Münster nach München wechselte, sollte seiner Meinung nach auch in Bayern den Laien die Möglichkeit zum Staatsexamen in Theologie (in Verbindung mit einem weiteren Studienfach) eröffnet werden. Seit Beginn der 50er Jahre boten immer mehr katholische Fakultäten die Möglichkeit zum Studium der Theologie denen an, die kein geistliches Amt anstreben wollten noch konnten. — Die Frage der Promotion beanspruchte eine längere Zeit. Aber schon 1969 waren von den 154 wissenschaftlichen Assistenten/innen 72 Laien. Ausgesprochen zähflüssig verlief bis etwa in die Mitte der 70er Jahre die Frage der Habilitation.

    Schon die erste Phase zeigte, dass das neue Potential die offizielle Kirche überrascht hat. So wurde z.B. die Missio canonica zuerst nur für die Unterstufen erteilt und erst später — bei zunehmendem Priestermangel — auch für die Oberstufen. Bezeichnend für die damalige Stimmung sind die Beschlüsse der bayerischen Bischöfe vom März 1952: "An jeder Schule soll ein geistlicher Religionslehrer hauptamtlich für die Erteilung des lehrplanmässigen Religionsunterrichts angestellt werden... Der Bedarf an Laienlehrern für die höhere Schule ist durch 72 Kandidaten... vorläufig gedeckt. Darum muss die Wahl der Theologie eingestellt werden... Die Konferenz rät den Laien dringend von privatem Voll- und Berufsstudium der Theologie ab..." — Wie froh müssen die Bischöfe schon wenige Jahre später gewesen sein, dass man ihnen nicht gehorcht hatte.

    Mentorate

    Die spirituelle Begleitung der studierenden LaientheologInnen verlief sehr unterschiedlich. Wiederum war dies von engagierten Professoren und Studentenpfarrern abhängig. Dabei ist vor allem Pfr. Hans Werners in Münster Pionier gewesen, der auch die Tradition der Theologenkreise in den Studentengemeinden geprägt hat. Daraus entstanden im Verlaufe der 60er und vor allem der 70er Jahre die sog. Mentorate, so auch in Trier, wenn ich mich richtig erinnere.

    "Didaskaloi"

    In diesem Rahmen begann auch früh die theologische Nachdenklichkeit über diese Entwicklung. Man sah die "Laientheologen/innen" u. a. in der Tradition der neutestamentlichen "didaskaloi". Zudem wandelte sich vor allem durch das Konzilsgeschehen das Bild vom passiven Laien zum aktiven Mitglied des Volkes Gottes. Es begann sich das Kirchenbild zu ändern und zu vervielfältigen. Der Monolith begann sich intern zu atomisieren. Die sog. Laientheologen/innen waren so etwas wie Folge oder Ergebnis dieses Prozesses und aber auch aktive Symptomträger/innen bzw. Subjekte der Entwicklung.

    Es war eine Pionier- und Aufbruchsstimmung. Für einige waren wir auch so etwas wie eine charismatische Naturkatastrophe, die es — wie andere Krisen auch — zu überwintern galt.

  • 4. Zweite Phase: Kirchliche bzw. pastorale Berufe

    Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts änderte sich das Bild fast explosionsartig (vgl. L. Karrer, Laientheologen in pastoralen Berufen. Chance in der Kirche? — Chance für die Kirche?, Mainz 1974; ders. Schubkraft für die Zukunft der Kirche? Rückblick als Weisung für die Zukunft, in: A. Schulze/P. Stockmann bzw. Bundesverband der PastoralreferentInnen Deutschlands e.V., Hrsg., Begegnungen, St. Peter-Ording 2011, 11-23; vor allem G. Köhl, Der Beruf des Pastoralreferenten, Fribourg 1987).

    Gab es bis in die späten 60er Jahre hinein ausser an der Schule und an der Universität sowie an Akademien und Bibliotheken, in Gewerkschaften,  Verbänden und bei den Medien nur vereinzelte Berufschancen, so "explodierte" um etwa 1970 diese auf Aufgabenfelder und Berufe im kirchlichen, pastoralen und auch fachtheologischen Bereich. In den ersten Jahren war es sowohl in der Bundesrepublik wie in Österreich schwierig, für die offenen Stellen sogar genügend Interessenten/innen für die Stellen in den Pfarreien und in der sog. Kategorialseelsorge zu finden.

    Diese zweite Berufsphase differenzierte somit die damals vorhandenen beruflichen Möglichkeiten und weist weit über die Bundesrepublik Deutschland und über den deutschsprachigen Raum hinaus. Zunächst handelte es sich recht pragmatisch um eine kurz- und mittelfristige pastorale Ortssuche. Gleich zu Beginn spürte man, dass dieser pragmatischen Ortssuche eine mittel- und langfristige institutionelle Ortsdefinition durch die Kirche erfolgen müsste.

    Es genügte nicht, den neuen Kategorien von Seelsorger/innen zu sagen, was sie tun dürften. Es musste auch geklärt werden, wer sie sind  — auch im geschichtlich gewachsenen System der Kirche. Dafür gaben uns damals Soziologen und Psychologinnen Hilfen und zwar ausgehend von der Rollennormtheorie: Subjekt der Rolle – Ort/Situation – Institution. (Von der Geschichte der Seelsorgehelferinnen lernte ich damals auch, was alles bei den neuen pastoralen Berufen anders und unbedingt besser geschehen und verlaufen sollte.)

    Man spürte die Dringlichkeit eines Konzepts. Die Berufsmodelle wurden in den einzelnen Diözesen und in einzelnen vor allem deutschsprachigen Ländern recht unterschiedlich entwickelt, obwohl allenthalben galt, diese berufssoziologisch zuverlässig, psychologisch zumutbar, theologisch vertretbar und pastoral fruchtbar zu gestalten. Auf der praktischen Handlungsebene ist man seit 1970 einen relativ weiten und differenzierten Lernweg gegangen. Man hat verschiedene pastorale Modelle und Sozialformen erprobt. Akute Irritationen ergeben sich aber aus den Pfarreienzusammenlegungen. —

    Bezüglich der institutionellen Ortsdefinition innerhalb des Systems der katholischen Kirche haben sich bis jetzt die Naherwartungen der damaligen Pionierzeit auf schnelle Lösungen und Reformschritte hin (wie z.B. Viri probati, Weihe der Frauen, Partizipation...) verzögert. Aber ohne die neuen Kategorien von Gemeinde- und PastoralreferentInnen ist das pastorale Handeln der Kirche in unseren Ländern undenkbar geworden. Sie nehmen Ämter als Dienste in unseren Teilkirchen wahr, auch wenn sie noch nicht als Ämter der Gesamtkirche anerkannt werden.— Der Blick auf die "PR" soll indes über dieses Segment hinaus ausgeweitet werden.

Unterschiedliche Segmente

Leicht wird schon bei diesem Prozess zwischen pastoraler Ortssuche und institutioneller Ortsdefinition – mit all seinen Spannungen — übersehen, dass diese neuen Potentiale in der praktischen Seelsorge (pfarreilich und kategorial) und in der persönlichen Motivation ihre Orte schon vielfach ausgemacht haben, auch wenn ihnen das System zum Teil den strukturellen Ort noch nicht so zuweist, wie es theologisch möglich und pastoral nötig wäre. Aber der Blick auf die PastoralreferentInnen darf nicht das umfassendere Phänomen vergessen lassen. M.E. sind drei Segmente klar zu unterscheiden, auch wenn alle drei zusammen das sog. Phänomen "Laien mit theologischer, religionspädagogischer und pastoraler Kompetenz" definieren.

Das erste umfassendste Segment sind all jene Frauen und Männer, die eine theologische Qualifikation (meist mit Zusatzstudien) erworben haben, aber nicht in einer kirchlichen oder theologiegebundenen Aufgabe beruflich tätig sind. Dieses könnte man das begabungsorientierte charismatische Segment nennen.

Ein zweites Segment sind jene, die auf der Basis einer theologischen und zusätzlichen Ausbildung in einem kirchlichen, religionspädagogischen oder pastoralen Beruf stehen. Man könnte von fach-theologischem, katechetischem oder / und pastoralem Segment sprechen.

Ein Teil des seelsorglichen Wirkens im pastoralen Segment hat sich aber in Richtung Gemeindeleitung und zu manchen bisher an Priestern vorbehaltenen Aufgaben entwickelt. Diesen (dritten) Bereich könnte man als presbyterales Segment umschreiben. Personalfragen greifen tief in das "Innenleben" einer Institution. In diesem fokussieren sich die systembedingten Probleme offenkundig am stärksten (ohne nun ins Detail gehen zu können). Aber: auch wenn das pastorale Handeln Freude und Genugtuung bedeutet, kann man sich an den beengten Bedingungen des Systems reiben. Anderseits gibt es viele Berufswechsel von einem Segment in das andere.

Könnte es nicht sein, dass mit diesem Potential mit all seinen Segmenten ein Element geschenkt ist, das die sichtbare Kirche mit dem rasanten Wandel ihrer Sozialgestalt in unseren Breitengraden erst überlebensfähig macht? Diese Frage kann nur angedeutet werden. Es geht einerseits um den Binnenraum der Kirche und andererseits um dessen aktive Öffnung als gesellschaftliche Präsenz der Kirche.

Ein Problem aus der volkskirchlichen Vergangenheit der Kirche ist ihre Stress-Dichte nach innen und die realitätsferne Abdichtung gegen aussen. Sind die verschiedenen Segmente des sog. Phänomens "Laientheologe/in" nicht ein Potential für innerkirchliche Vielfalt und Öffnung für eine charismatisch-orientierte und pastorale Chaos-Theorie als Suchprozess im Kontext der pluralistischen Zivil-Gesellschaft?

Es geht um lebendiges Christ-Sein

Es geht nicht primär um halb- oder vollberufliche Seelsorgerprofile, so nötig sie sind, sondern um lebendiges Christsein möglichst vieler Menschen, die aus dem Glauben an Jesus Christus für ihr persönliches und gesellschaftliches Leben Hoffnung und gestalterische Kraft schöpfen, auch wenn der Erfolg unserer Anliegen nicht von uns zu garantieren ist. Diesem Glauben dient alles, was die kirchlichen Strukturen und den pastoralen Dienst ausmacht. Nicht der pastorale Profi ist zuerst gesucht, auch nicht zuerst der kirchliche Aktivist, sondern der Christ und die Christin, die im ganz gewöhnlichen Alltag etwas vom Licht und Feuer des Glaubens empfangen haben und weitergeben. Die eigentliche Personalfrage der Kirche sind somit die Menschen, zu denen Kirche gesandt ist.

Herzschrittmacher/Innen für eine glaubwürdige Kirche in der Weite des Lebens

Welche Chancen, Konsequenzen und Berufungen dies für die Aufgaben der Kirche heute und in Zukunft bedeuten könnte, gerät immer noch zu wenig in den Blick und reizt oft nur schwerlich unsere Phantasie. Es ist zu überlegen, welche Bedeutung all den neuen Kategorien von Seelsorgern und Seelsorgerinnen beim Prozess der Differenzierung der Seelsorge und des kirchlichen Amtes zukommen könnte.

Und als weitere Frage: Inwiefern werden auch sie mit ihren Berufsrollen zu Impulsträgern für eine pluralistische Kirche und zur Vertiefung des Christseins bei den Gläubigen an der Basis beitragen?  —In solchen Fragehorizonten wären ihre charismatische Deutung und ihre pastorale Bedeutung in größere Zusammenhänge eingeordnet und maßgeblich vom Anliegen bzw. von Visionen und Optionen her bestimmt und nicht ausschließlich von der reinen Pragmatik von Nothelfern beim Priestermangel und den Mächten der aktuellen Kirchen-Stunde.

  • Die Gefahr besteht immer wieder, dass das Potential der Laientheologen und Theologinnen, der Gemeindereferenten und –Referentinnen sowie der Katecheten und Katechetinnen allzu leicht als personelle Notlösung in einer priesterarmen Zeit und als "Lückenbüßer" und damit unter dem funktionalen Aspekt der pragmatischen Nützlichkeit betrachtet werden.

    Ist nicht vielmehr nach der prophetischen Kraft zu fragen: Welche Langzeitwirkung für den praktischen Christen-Mut und für eine glaubwürdige Kirche bis in ihre Strukturen hinein können daraus erwachsen, wenn immer mehr Frauen und Männer mit theologischer, pastoraler und religionspädagogischer Qualifikation das charismatische Selbstbewusstsein der Laien stärken und sich in den Dienst des Volkes Gottes stellen, damit dieses sich selbst für die Kirche artikuliert und zum Subjekt glaubwürdigen Christseins wird?

    Dabei wird davon ausgegangen, dass die Präsenz solcher Frauen und Männer sich auswirkt auf die Kirche und die Gesellschaft — vielleicht nicht unähnlich wie vor 150 Jahren, als sich die Bildung des volkskirchlichen Milieu-Katholizismus als Brücke zwischen Gesellschaft und Kirche erwies. Damalige Probleme wurden durch Vereine, Medien, Schulen, Kongregationen und Verbände usw. angegangen, mit denen die offizielle Kirche übrigens auch lange große Mühe bekundete (z.B. Gewerkschaftsstreik; Kath. Aktion...).

  • Dieses neue Potential wird sich auswirken auf die Religionspädagogik, auf die Theologie bzw. das reflektierte Selbstbewusstsein der Kirche, auf die Ökumene und die Vielfalt der pastoralen Dienstkategorien. Es wird Folgen und Auswirkungen zeitigen für ein neues Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche sowie für die Kommunikationskultur und Kooperationsstruktur in der Kirche, für das Gespräch zwischen der Theologie und den sogenannten modernen Wissenschaften, für die Ethik, für die Ehe- und Familienpastoral, für Erziehung, Sakramentenpraxis, für die "Welterfahrung" der Kirche.

    Ebenso ist zu denken an den Brückenschlag zur Kultur und zur Kunst, zur Welt der Politik, des Geldes, zur Wirtschaft etc. Es ist doch zu fragen, was es bedeuten kann und fruchten wird, wenn im Unterschied zum früher klerikalen Kirchenbild immer mehr Frauen und Männer mit verschiedenen theologischen Abschlüssen und Zusatzqualifikationen in anderen Bereichen bzw. in den Humanwissenschaften, wenn Frauen und Männer mit teils sehr unterschiedlichen Lebensformen, Partnerschaftsmodellen und Lebensstilen, Spiritualitäten und biographischen Modellen, mit widersprüchlichen gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen die corparate identity der Kirche und die kirchliche öffentliche Meinung gestalten, artikulieren und repräsentieren.

  • Zudem: Es wird sich auswirken, wenn theologisch qualifizierte Frauen und Männer sich verletzt, verdrossen oder distanziert der Kirche entfremden oder ihr sogar den Rücken kehren. Und beginnt eventuell theologische und ethische Nachdenklichkeit sozusagen auch "ausserhalb" der institutionellen Kirchen und der wissenschaftlichen Theologie in säkularen Bereichen durch dieses Potential an Boden zu gewinnen( z.B. Ritualberater/innen)?

    Vielleicht kommt durch diese Frauen und Männer die Kirche zur Welt und zwar in politischen, wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, künstlerischen sowie therapeutischen und nicht zuletzt in pastoralen Lebensbereichen. Sie erntete in dieser Weite Basisgewinn und dadurch Realitätssinn und so etwas wie intergenerationelle Vielfalt.

    So stellt sich an das quantitativ neue kirchliche Personal die Frage, ob es auch zu einer qualitativen Chance für eine glaubwürdige Kirche wird. Wird das neue personelle Potential zu einer Chance für die Subjektwerdung der Christen/innen in und mit der Kirche.

Mut zum Langstreckenlauf des Lebens

Um in diesem Kontext auf das presbyterale Segment zurückzukommen, fragen wir: was heißt dies für uns in der Spannung zwischen dem klerikalen System der Vergangenheit und den offeneren Wegen in die Zukunft. Es handelt sich dabei um die bekannten heißen Eisen in unserer Kirche, die uns konkret betreffen, auch wenn wir sie im Alltag nicht immer thematisieren oder "hätscheln" wollen. Aber das berufliche Handeln der neuen Kategorien von Seelsorgern/innen pocht an die traditionellen Kirchentore. Und das Potential der Pastoralreferenten/innen könnte  als eine der mittragenden Kräfte in diesem Prozess verstanden werden.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Laien — wie schon erwähnt — im Vereinskatholizismus mit seinen medialen, bildungspolitischen, karitativen und politischen Instrumenten Subjekte der Kirche im gesellschaftlichen Kontext. Sie wurden für ihre Kirche aktiv: Volkskirche mit ihren Milieus und Organisationen (erster Modernisierungsschub laut Karl Gabriel). Man gehörte dazu.

Laien früher: faktisch aktiv in der Kirche, rechtlich bedeutungslos

In der Volkskirche des 19. und 20. Jahrhunderts wurden die Laien nach außen hin für die Kirche und ihre gesellschaftliche Rolle tätig. Innerkirchlich indessen blieben sie unter der Führung des Klerus die passive Herde. Und dies hat sich m. E. etwa seit den Aufbrüchen durch das letzte Konzil im Bewusstsein der Menschen und im pastoralen und katechetischen Handeln der Kirche zu ändern begonnen. Die Laien als Glieder des Volkes Gottes wurden auch im bisherigen Handlungsfeld des Klerus — also kirchenintern — professionell aktiv und handlungsbereit, aber nicht im Recht des geschichtlich gewachsenen Systems der Kirche. Das patriarchale und zentralistisch übersteuerte System wehrt sich bis heute gegen partizipatorische Mitverantwortung und gegen die Diskussion der sog. heißen Eisen und gegen das Ringen um theologisch mögliche und pastoral notwendige Reformschritte. Dabei haben viele Probleme oft wenig mit Theologie zu tun, sondern mit Psychologie (Ängste, Rollen mit Macht...).

Kirche als System erhob sich zum Glaubenssatz

Das Hauptproblem, das es spirituell und institutionell zu meistern gilt, liegt darin, dass sich die Kirche als geschichtlich gewachsene Institution selber sakralisiert hat. Die Strukturen und Ämter wurden als göttliches Recht interpretiert (De jure divino...). Damit war jede Infragestellung obsolet und sozusagen Glaubensabfall. Und die Kirche als sichtbare Gemeinschaft hat sich damit selber zum Glaubenssatz erhoben.

Darin einen Wandel zu erreichen, ohne das Wesentliche zu riskieren, braucht viel länger, als ich in meiner Jugend dachte. Und diese Verweigerung mit ihren Denkverboten und die Tabuisierung der Debatte über die heißen Themen (wie z.B. Frauenordination) vergiften das innerkirchliche Klima, nicht die praktische Hilflosigkeit, wie die Reformschritte in die Wege geleitet und durchgeführt werden können.

Das ist eine eigene Frage, die unsere Aufmerksamkeit verdiente. Zumal sich die Gefahr einschleicht, angestrengt um die Restaurierung der Kirche zu kreisen und dabei die Sensibilität für die Freuden und Leiden der Menschen aus dem Auge zu verlieren. Die Frauen und Männer im pastoralen und vor allem im presbyteralen Segment sind sicher nicht die "Heiligen der letzten Tage", aber Durchlauferhitzer für eine Kirche, die sich auf der Basis einer glaubwürdigen Praxis auch institutionell ändern und reformieren muss und wird.

Hin zu einer Pastoral des Säens

Auch in einem reformbedürftigen System gibt es eine gute weiterführende Praxis. Von der Pastoral des volkskirchlichen Erntens müssen wir dabei Abschied nehmen und eine Pastoral des Säens wagen. Und für diese Praxis sind wir alle zuerst selber verantwortlich ob nun die sichtbare Kirche unseren Vorstellungen entspricht oder nicht. Im konkreten glaubwürdigen Handeln ist das Rettende schon da.

Es wächst dann auch der Mut, gelegen oder ungelegen die notwendigen Reformen anzumahnen und mit charismatischer Dreistigkeit in die Wege zu leiten. Gehen muss man dabei selber, aber nicht allein. Wenn immer es im Leben um Entscheidendes geht, bezahlt man mit sich selber. Einen billigeren Weg in die Zukunft  auch unserer Kirchenoptionen sehe ich nicht. Wir selber müssen die Subjekte unserer Kirchenvisionen werden, auch wenn das System z. T. blockiert.

Es geht um das Wagnis der eigenen Treue. Gehen muss man dabei selber, aber nicht alleine, sondern zusammen mit andern. Gegen ein System, das sich gegen pastoral notwendige und theologisch mögliche Reformschritte stemmt, gibt es nur ein Medikament: das Wagnis der eigenen Treue — mit anderen zusammen. Dann entdecken wir auch die vielen Freiräume in der Kirche.

Gott zu klein gedacht - und Kirche zu groß

Je älter ich werde, umso bewusster wird mir — und ich kann das Anliegen nur deponieren —, dass all unsere Erwägungen mit radikaleren Aspekten zusammenhängen. Es geht letztlich um das Kirchenbild und noch fundamentaler um das Menschenbild und um das Gottesbild. Zum Beispiel: wenn mit Berufung auf die Einheit der Kirche bzw. auf den Willen Gottes die Weihe den Frauen verweigert wird, wird Gott zu klein gedacht und Kirche zu groß.

Auf wen setzen wir also unser Vertrauen: in die Institution Kirche oder auf die Treue Gottes? Karl Rahner würde hier vermutlich die Einheit von Menschen- und Gottesliebe betonen. Dabei dient die Kirche einer Liebe, die sie nicht selber erfüllt. Sie ist ein menschliches Provisorium Gottes, Provisorium nur, aber immerhin. Aber sie verkündet eine Botschaft, in der es um die Menschen geht. Das spezifisch oder unterscheidend Christliche meint doch das entscheidend Menschliche. Dabei ist Gott immer größer. Gott sei Dank! So ist Kirche vor sich selber nur zu schützen, wenn sie auf Jesus Christus verwiesen wird und ihn verkündet.

Unsere Kirchensorgen können uns aber nicht nur von den Menschen mit ihren Sorgen und Fragen ablenken, sondern auch von Gott. Kirche ist aber berufen, ein Frühwarnsystem für die Sorgen und Nöte der Menschen zu sein, aber auch ein Leuchtturm, der Licht spendet für die Navigation auf dem Meer des Lebens. Selbst wenn der Leuchtturm renovationsbedürftig ist, ist unsere erste Sorge, dass das Licht leuchtet.

So träume ich von einer Kirche, die mit all ihren menschlichen Wunden und menschlichen Wundern Mut und Hoffnung schenkt auf dem Langstreckenlauf des Lebens. Und es gibt sie, diese Kirche mit der großartigen Botschaft und mit vielen Menschen, die zu kennen mich dankbar macht und mit denen ich in gemeinsamen Anliegen unterwegs sein darf. Darum bleibe ich sozusagen "unheilbar" katholisch — wohl wissend, dass man nie allein und gegen andere katholisch sein kann.

So müssen wir uns immer wieder treffen und Jubiläen feiern, damit wir einander nicht auf dem gemeinsamen Weg alleine lassen, sondern einander Mut, Phantasie, Kraft, Freude und Humor schenken beim tapferen Versuch, Christsein als Mut zu wahrer Menschlichkeit zu wagen.

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